1 | Elodie
Er ist riesig. Das hätte ich mir nicht einmal in meinen kühnsten Träumen vorgestellt. Ich wusste zwar, es ist definitiv keine normale Größenordnung, aber diese Ausmaße sind gigantisch – noch gewaltiger, als ich erwartet hätte. Die Exklusivität des Etablissements ist speziell für die oberste Elite konzipiert.
Die weiträumige Tanzfläche ragt deutlich hervor, in deren Mitte sich eine erhöhte Bühne befindet. Jeweils links und rechts davon sind vorne und ein Stück weiter nach hinten versetzt, einige Metallstangen angebracht, an denen Striptease-Tänzerinnen und -Tänzer die Gäste ordentlich einheizen. Hinter der Bühne an der dunklen Wand steht das DJ-Pult, das von einem Discjockey bedient wird. Die Wände in dem Nachtclub werden in dunkler, schwarzer Farbe gehalten. Verziert wird das ganze mit goldenen Erhebungen. Außerdem sind die Sitzlounges mit weinroten Ledersesseln ausgestattet.
Auch wenn ich schon oft mit meinen Freundinnen in einigen Clubs gewesen bin, in denen sich die High Society aufhält, ist das Obsession noch um einige Klassen höher. Es ist die absolute Elite Class. Das kristallisiert sich schon bei den Leuten heraus, die sich vor meinen Augen präsentieren. Ihr Schmuck sieht hochwertig aus. Ebenso sehen die Armbanduhren an den Handgelenken der Männer wertvoll aus. Die Anzüge, die sie tragen, sehen maßgeschneidert aus. Selbst die Frauen tragen Kleider, die wie die neueste Mode aus Fashion Magazinen wirken.
Ich fühle mich mit einem Mal sehr erniedrigt. Erniedrigt, weil mein silbernes Kleid nicht der neuesten Mode entspricht und im Ansatz nicht mit dem Wert der anderen Frauen mithalten kann. Ich konnte mich auch nicht genug vorbereiten. Meine Mutter hat mir erst vor wenigen Stunden mitgeteilt, dass sie mich heute mit in den Obsession-Club nimmt. Ich hatte also kaum Zeit, mir ein passendes Outfit zurechtzulegen.
Ich wusste bereits, dass sich hier die Elite Manhattans aufhält, aber nicht welche Ausmaße das annimmt. Das Obsession ist der bekannteste und exklusivste Nightclub in New York City. Meine Mutter arbeitet seit sieben Jahren als Eventmanagerin in diesem Club. Zu diesem Zeitpunkt sind wir auf die Upper East Side umgezogen.
„Elodie, ich muss noch etwas erledigen“, signalisiert mir meine Mutter. „Geh doch zur Bar, bestell dir einen Drink und setz dich in eine der Lounges. Ich beeile mich auch.“ Ich sehe Vivienne nach, bis sie hinter einer Tür verschwindet.
Seufzend setze ich mich in Bewegung, um zur nächstgelegenen Bar zu gelangen. Das ist gar nicht so einfach, da die Menschenmenge immer dichter wird. Nachdem ich endlich die Theke erreicht habe, bestelle ich mir einen Cosmopolitan. Mit dem Glas setze ich mich in eine der Sitzloungen auf ein Ledersofa.
Während ich mir einen Schluck des Cocktails genehmige, fährt mein Blick durch die Leute. Hin und wieder erkenne ich eine bekannte Persönlichkeit, die von anderen Club Besuchern belagert wird.
Ich stelle mein Glas auf dem dunklen Tisch ab.
„Guten Abend, Elodie Clement.“
Augenblicklich gefriert mir das Blut in den Adern. Diese Stimme. Ich wollte sie nie wieder hören. Meine Augen starren gebannt auf das Glas mit der rosafarbenen Flüssigkeit. Ich bin nicht fähig mich zu rühren, geschweige denn meinen Kopf anzuheben.
Hat er mich beobachtet? Wusste er, dass ich heute hier sein würde? Hat er etwa nur auf den perfekten Zeitpunkt gewartet, sich mir anzunähern? Hat er es abgepasst, damit er mich ohne meine Mutter erwischt?
Er kommt um den Tisch herum. Die Bewegungen seiner Beine, die in einer grauen Hose stecken, verraten es mir. Seine schwarzen Lederschuhe hallen kaum hörbar auf dem dunklen Marmorboden wieder. Nur wenige Zentimeter neben mir nimmt er Platz.
Das ungute Gefühl breitet sich innerhalb von Sekunden in mir aus. Es wird noch stärker, als er noch ein Stück näher rückt. Genau dann geschieht es – seine Hand legt sich unter mein Kinn und er dreht meinen Kopf in seine Richtung. Meine geweiteten Pupillen können nicht anders, als in seine hellbraunen Augen zu starren. Er hat immer noch denselben kalten Blick, der mich schon damals eingeschüchtert hat. Sein Gesicht kommt näher.
Nein, das wird er nicht in Erwägung ziehen. Das darf er nicht.
„Hast du mich gar nicht vermisst?“, ein tiefes Hauchen direkt vor meinem Mund. Ich bin immer noch unfähig mich zu bewegen. „Das wäre äußerst schade, denn ich habe dich vermisst. Du bist doch meine liebste Submissive.“
Bei dem Wort Submissive bebt mein bereits zitternder Körper noch stärker. Ich war nicht freiwillig bei ihm. Ich war leider zur falschen Zeit am falschen Ort. Dieser braunhaarige Mann hat mich zur Unterwürfigkeit gezwungen.
„Du hast sehr großes Glück, Elodie!“, seine Lippen streifen meine um Haaresbreite. „Ich bin gewillt dich zurückzunehmen.“ Damit liegen seine Lippen auf meinen. Er küsst mich. Sanft. Viel zu sanft. Mein Blut schießt daraufhin zu schnell durch meinen Körper. Seine Lippen zieht er nicht zurück. Es passiert bereits – Ich habe keine Chance mich zu wehren. Jegliches Zeitgefühl verliere ich. Wie lange der Kuss dauert, kann ich nicht sagen. Zwischen Sekunden und Minuten könnte es alles sein.
Schließlich zieht er sich zurück. Langsam. Zentimeter für Zentimeter.
Ich sollte Erlösung spüren. Doch ich empfinde nichts dergleichen. Augenblicklich werde ich in die Vergangenheit geschleudert. Diesem Mann bin ich niemals entkommen. Er war nie verschwunden. Ich konnte mich nicht von ihm befreien. Nicht körperlich und schon gar nicht seelisch. Dieser Mann hat mich niemals aus dem Sichtfeld gelassen. Adrien Beaumont wird mich wieder in die Hölle des L’Emprise und sich selbst zurückholen.
Plötzlich steht er auf. Mein Gesicht bewegt sich mit seiner Hand mit, die noch unter meinem Kinn verweilt. Sein grauer Anzug liegt ordentlich über seinem weißen Hemd. „Ich werde dich jetzt in einen Raum führen, indem wir ganz alleine sein werden“, sagt Adrien in dem Ton, der mir meine Nackenhaare aufstellt. „Du wirst mir eine vernünftige Erklärung geben, warum du vor mir geflüchtet bist. Du wirst mich am Ende um Verzeihung bitten, Elodie.“
Nein, das kann er nicht von mir verlangen. Ich bin ihm vor zwei Jahren entkommen. Also werde ich ihm auch dieses Mal entkommen. Wenn ich nur nicht so gelähmt wäre. Ich kann mich immer noch nicht bewegen. Nicht von alleine. Adrien bemerkt das sehr schnell. Er zieht mich an meiner Schulter hoch. Erneut sanft. Aber das war eigentlich immer seine Art. Zumindest mir gegenüber.
Er geht sicher, dass ich auch wirklich gerade stehe, dann erst legt er seine Hand auf meinen Rücken. Es wird zu meiner Stabilisation und gleichzeitig seiner Kontrolle sein um mich durch den Club führen zu können. So geht er mit mir am Rand der Menschenmenge vorbei. Nach wenigen Minuten erreichen wir eine Treppe, die in die obere Etage des Clubs führt. Es fällt auf, hier halten sich weitaus weniger Leute auf. Adrien führt mich ans Ende des Bereichs und öffnet eine Tür, hinter der sich ein Korridor befinden. Eine bordeaux rote Wand wird von kaum sichtbaren Lichtern erleuchtet.
Meine Beine geben immer mehr nach, meine Knie werden immer weicher. Ich weiß, hinter einer dieser wenigen Türen wird mich mein altes Leben wieder einholen. Zu dem Leben, in das mich Adrien geformt hat. In dieses Leben will ich unter keinen Umständen wieder zurückkehren.
Adrien öffnet einer der Türen und schiebt mich hindurch. Nachdem auch er eingetreten ist, schließt er die Tür hinter sich. Der Raum ist in gedämpftes Licht gehüllt. Es befindet sich ein großes Doppelbett mit roten Satinlaken an einer Wand. Ansonsten befinden sich, zwei Nachttische links und rechts neben dem Bett und eine Garderobe neben der Eingangstür. Ansonsten ist nichts weiter in diesem Raum. Mir wird sofort klar, was das für ein Raum ist. Es ist ein Raum, der zur Nachsorge gedacht ist, damit man sich nach einer Session erholen kann.
Adrien tritt ganz nah an meinen Rücken heran und nimmt ein Büschel meiner dunklen Haare in seine Hände. Für ein paar Sekunden lässt er sie in seinen Händen, bis er sie an seine Nase führt und meinen Duft inhaliert. Ein klarer Lavendelduft. „Du benutzt immer noch das gleiche Haarshampoo“, kommentiert er sanft.
Ein leichtes Nicken ist alles, was ich zu Stande bringe.
Er lässt meine Haare los, die dann zurück auf meinen Rücken fallen.
Daraufhin tritt er einen Schritt zurück. Genau jetzt nimmt seine Stimme einen bedrohlichen Ton an. Diese ruhige Stimme kenne ich nur zu gut. Mir wird sofort klar: Er duldet ab jetzt keinen Widerstand mehr. Er wird keinen einzigen Fehler mehr durchgehen lassen. Falls ich einen begehen sollte, folgt direkt darauf die Konsequenz für mein Vergehen.
„Ich sagte dir bereits, ich erwarte eine Erklärung von dir, Elodie.“ Er tritt einen Schritt vor. Jedoch bleibt noch genug Distanz zwischen seinem und meinem Körper. „Du wirst dich jetzt hinknien. Exakt so, wie du es immer in meiner Gegenwart getan hast.“
Bevor ich auf die Knie falle, schließe ich meine Augen und atme tief durch. Warum musste er mich auch wieder finden? Er wird mich immer finden, wird mir klar.
Langsam sinke ich auf meine Knie und neige meinen Kopf auf den roten Teppich unter mir.
Auch Adrien bewegt sich. Er setzt langsam, fast wie in Zeitlupe, einen Fuß vor den anderen. In dieser Zeit beschleunigt sich mein Herzschlag. Ich bin alarmiert, denn ich weiß nicht, ob er mich an den Haaren ziehen oder ob er mir schlimmeres antun wird.
Vor mir kommt er zum Stehen. Seine Lederschuhe sind absichtlich vor meinen Knien platziert. „Sieh mich an, Elodie“, gibt Adrien mir klar und deutlich einen Befehl.
Innerlich will sich alles wehren, doch wenn ich Widerstand leiste, wird die Konsequenz nur schlimmer werden. Dann ist der mildeste Schmerz, der Schmerz, den mir Adrien auf meiner Kopfhaut zufügt.
Ich erhebe meinen Kopf, sein makelloser Anzug ragt von unten nach oben vor mir auf. Ich muss meinen Kopf in den Nacken legen. Mein Hals entblößt komplett.
„Sehr gut, Elodie“, sagt er, wobei seine Mundwinkel den Hauch eines Lächelns andeuten. „Ich verlange eine Erklärung von dir. Warum hast du mich verlassen?“
Mein Gesicht senkt sich von alleine. Ich wusste, Adrien wird mir diese Frage stellen. Er hat es bereits angedeutet. Er will ganz genau wissen, warum ich vor ihm geflüchtet bin.








