Zwischen den Fluren

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Summary

Clara wollte helfen. Stattdessen wurde sie Teil eines Spiels. In Ravenshall gehorcht das Personal. Der Chefarzt lächelt. Und jemand zieht im Verborgenen die Fäden. Die Frage ist nicht, wer hier krank ist. Sondern wer die Kontrolle besitzt.

Genre
Thriller
Author
Nova
Status
Ongoing
Chapters
4
Rating
5.0 2 reviews
Age Rating
18+

Kapitel 1

Prolog

Der Gestank des Desinfektionsmittels beißt an meinen Schleimhäuten während ich renne. Hinter mir flackert dieses verdammte Licht. Wie oft hat es geflackert, mich vielleicht vor dem gewarnt was kommt? Als schlechtes Omen, bei jedem Gang durch diesen Gott verdammten Flur. Meine Kehle brennt und warme, zähe Flüssigkeit läuft an meinem Bein herunter. Darauf kann ich nicht achten. Solange meine Beine funktionieren muss ich rennen, bevor das Grauen mich einholt. Die überdimensionalen Fenster, die den gesamten Gang zieren, haben nichts freies mehr an sich. Der Sturm pest gegen die Scheiben und es ist, als würde ich mitten durch das Gewitter sprinten. Ich muss anhalten, mein Puls bricht Rekorde und meine Lunge ist kurz davor zu platzen. Ich spüre wie mir mein Bewusstsein langsam entgleitet. Der Vollmond erhellt die mit altem Stein besetzten Wände, während schlangenförmigen Skulpturen, gruselige Schatten ins Nichts werfen. Für einen Moment ist alles still. Der Regen versiegt und der Wind hört auf durch die Ritzen der Fenster zu pfeifen. Eine ohrenbetäubende Ruhe legt sich über die gesamte Länge des Ganges. Selbst mein Atem stagniert. Die Zeit steht still, bis ein greller Blitz alles erhellt. Seine Statur erscheint in der Mitte des langen Ganges. Er steht nur da und verzieht seine Mundwinkel zu einer grausigen Fratze. Mein Herz beginnt zu rasen. Fuck. Ein schreiender Donner lässt die Wände beben und er sprintet los.


Die Ankunft

Es war letzte Woche, als ich den Anruf bekam. Ich stand gerade in der Küche mit meiner Tasse Kaffee, als es klingelte. „Serenity Staffing Group, Mr. Holloway am Apperat. Guten Morgen, Clara“ ertönte es tief am anderen Ende der Leitung. Der Wind strich durch das Fenster über der Spüle und hob leicht den hellen Vorhang, mit den kleinen Blumen in der unteren Ecken an. Mr. Holloway klang zu freundlich. Zu früh. „Guten Morgen“ antwortete ich und versuchte mein beginnendes Zittern zu unterdrücken. „Ich habe Neuigkeiten für Sie. Wir haben etwas gefunden und Sie können am Montag eine neue Position in einer privaten Einrichtung beginnen. Das Haus hat einen sehr guten Ruf, kleine Patientenzahl und großzügige Bezahlung!“ Er klang so begeistert, dass ich mich kurzzeitig frage, ob nicht er gerne die Stelle antreten würde. Jedoch trügt der Schein. Seine Aufgabe war es mich zu motivieren. Sicherzustellen, dass ich Leistung bringe. Nach meinem letzten Einsatz pausierte ich mein Arbeitsverhältnis und nahm mir unbezahlten Urlaub aus „persönlichen Gründen“. Warum ich den letzten Einsatz vorzeitig verlassen hatte, und was dort geschehen war, weiß er nicht. „Um was für eine Einrichtung handelt es sich?“,wagte ich zu fragen. Noch bevor er zu sprechen begann, machte sich eine Vorahnung in mir breit. Sie schlich sich meinen Ärmel hoch und überzog alles mit Gänsehaut, bis sich mir letztlich die Nackenhaare stellten. „Es ist eine private Psychiatrie.“ Ich antwortete nicht und er sprach trotzdem weiter, "…ganz tolles Haus! Altes Gebäude, sehr atmosphärisch. Sie können dort mit Patienten spazieren gehen, haben wirklich Zeit für die Menschen und jetzt das beste: Sie können dort wohnen!“ Sagte er wohnen? „Der Personaltrakt bietet Ihnen ein voll ausgestattetes Zimmer mit Bad und essen können Sie ebenfalls in der Klinik. Dort gibt es eine eigene Küche mit Koch, der für die Patienten Wunschgerichte zubereitet und ebenfalls für Personal mitkocht. Clara, wenn ich Ihnen sage.. damit haben sie ein tolles Los gezogen. Der Klinik wurde Ihr Profil geschickt und durch Ihre Qualifikationen und Erfahrungen im psychiatrischen Bereich, möchte die Einrichtung Sie für mindestens 3-6 Monate buchen.. mit Option auf Verlängerung!“ Mr. Holloway sprach bereits von Verlängerung, während ich noch an dem Wort „Psychiatrie“ festhing. Mein Wunsch war es immer in solchen Einrichtungen zu arbeiten. Ich liebte alles an diesem Bereich. Der enge Patientenkontakt, die stark individuellen Behandlungsmaßnahmen, die Tatsache, dass kein roter Faden existiert. Und auch das Mysterium des Gehirns. Besonders das. Die Weite, die sich auf kaum greifbare 1400 Gramm erstreckte. Die Vielfalt der Psyche. Doch all das änderte sich bei meinem letzten Einsatz. Die Erinnerungen kommen mit doppelter Wucht hoch, mit der ich sie an jenem Tag verdrängte. Mich diesen Ereignissen vollständig hinzugeben, hätte bedeutet mich in ein Loch fallen zu lassen, aus dem ich nicht mehr hätte heraus kriechen können. Ich würde gerne auflegen. Kündigen und das Land verlassen, nochmal 3 Monate Urlaub nehmen und nie wieder kommen. Doch diesen Luxus kann ich mir nicht leisten. Auch kann ich nicht äußern, warum ich diesen Einsatz lieber nicht annehmen wollte. Also war meine Antwort „Wie lautet die Adresse?“

Die Musik aus dem Radio erhellt nur leicht die gedrückte Stimmung, die sich in meinem Auto breit macht. Ein Teil von mir sieht die Landschaft, die sich vor meiner Windschutzscheibe ausbreitet und verspürt eine Art von…Ehrfurcht. Hügelige, mit grünem Gras besetzte Weiten. Schafe, die mich unbeeindruckt vom Straßenrand anblicken. Der düstere Himmel, obwohl es früher Nachmittag ist und als einziges Indiz für Zivilisation, die trotzdem runtergekommene Straße, auf der ich mich befinde. Nach dem Anruf von Mr. Holloway gab ich die von ihm genannte Adresse in der kleinen Suchmaschine meines Handys ein und verstand, wieso es keine Option ist diesen Weg täglich zu fahren. Zwischen dem Ravenshall Psychiatric Private Hospital und Plymouth befinden sich knapp anderthalb Stunden. Die Einrichtung befindet sich ziemlich tief im Dartmoor International Park. Meine Google Recherche ergab auch, dass diese Psychiatrie ein Jahrzehnt altes, riesiges Herrenhaus ist. Mitten zwischen Moorlandschaft und Nebel. Wird man dort wirklich gesund oder ist man einfach nur weit genug entfernt von der Realität?

Ich blicke auf das Navi und sehe zwischen mir und meinem neuen Job, befindet sich nur drei klägliche Minuten. Noch ist es nicht zu spät umzukehren. Aber wo führt mich das hin? Vielleicht muss ich positiv denken und dann wird alles gut. Vielleicht ist es der Schritt, der mich näher Richtung Heilung bringt. Vielleicht… aber auch nur vielleicht, wird wirklich wieder alles gut. Die Nacht, die mein Leben veränderte, wird nur eine weitere Erinnerung mit bitterem Beigeschmack im Karussell des Lebens. Die Reifen meines Wagens bewegen sich alles andere als rund, als ich die Auffahrt im Schritttempo befahre. Ich blicke auf das alte Herrenhaus, das aus der Ferne weniger wie ein Haus und mehr wie ein verwittertes Schloss wirkt. Die steinerne Fassade ist dunkel vom vorherigen Regen. Riesige Fensterfassaden, welche sich rechts und links des Eingangs über bestimmt 100 Meter ziehen, lassen nicht darauf schließen, was sich dahinter verbirgt. Stattdessen spiegeln sie ein verzerrtes Bild, von Dunkelheit und düsteren Bäumen. Die Eingangstür aus massivem Holz, schwer und alt. Als wäre die Tür seit Jahrzehnten verschlossen. Wow. Neben der Wucht des Anwesens, befindet sich ein kleineres Gebäude, rechts davon. Ein kleines Haus, unscheinbar und abgeschieden. Ich navigiere meinen Wagen in Richtung des großen Platzes vorm Eingang und komme zum stehen. Mein Blick trottet in Richtung Spiegel und entgegen blicken mir zwei müde, hellblaue Kulleraugen. Früher empfand ich meine Augen als schönstes Accessoire meines Gesichtes. Die schlaflosen Nächte haben jedoch ihren Tribut geleistet und wenn ich mich jetzt anblicke, sehe ich die Real-Life Version eines Tim Burton Charakters. Ich lächle mir entgegen. Laut Studien, hat auch ein gefälschtes lächeln einen Freude bringenden Effekt. Ohja, wie freudig ich mich doch fühle. Umso länger ich warte, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit sich meinem Fluchtinstinkt hinzugeben, also steige ich abrupt aus dem Wagen. Ein Windstoß bläst mir meine dunklen Haare ins Gesicht und lässt mich zittern. Schwarze Federn streifen fast unmerklich meinen Kopf, gefolgt von einem lauten Krähenschrei. Äußerst einladend hier. „Mrs. Clarkson richtig?“ein schlaksig aussehender Mann trottet lächelnd auf mich zu. Trotz seiner Größe, welche vermutlich um die 1,90 cm ist, wirkt er bubenhaft, fast schelmisch. „Hi, ja das bin ich.“ Ich schenke ihm ein kleines lächeln und daraufhin streckt er seine Hand in Richtung meiner. „Wir haben Sie bereits erwartet, darf ich mich vorstellen? Ich bin Mr. Anderson und gehöre praktisch zum Inventar.“ Der Mann sieht nicht älter als 35 aus. „Ich bin der zuständige Personalbeauftragte und möchte Ihnen einen reibungslosen Start in unserer Einrichtung gewährleisten.“ Wenn er vor bereits 10 Jahren hier gearbeitet hat, dann sicher in einer anderen Position. Seine Stimme ist angenehm und vermittelt trotz Freundlichkeit eine gewisse Autorität. „Freut mich Sie kennenzulernen Mr. Anderson.“ Kurz herrscht Stille. Er blickt mich neugierig an, als würde er auf etwas warten. Als würde er etwas sehen. Ich merke wie Feuchtigkeit an meinen Handflächen entsteht und drehe mich um. „Ich..hole schnell die Koffer aus meinem Wagen.. und..“, mein Autoschlüssel klimpert zu Boden und trägt nicht dazu bei meine Nerven zu beruhigen. „Hier, lassen Sie mich helfen.“ Mr. Anderson bückt sich geschickt von seiner mindestens zwei Köpfe höheren Position und greift nach meinem Schlüssel. Wunderlich, wie es trotz seiner Größe nicht seltsam aussieht. Im Gegensatz zu mir, die wie versteinert dasteht. Er öffnet mit einem Klick den Kofferraum und nimmt holt das Gepäck nacheinander heraus. Auch hierbei verblüfft mich, wie er ohne offensichtliche Muskelmasse, alles mit Leichtigkeit auslädt. „Danke für Ihre Hilfe, Mr. Anderson“ Meine Stimme klingt klein. „Sie dürfen mich gerne Theo nennen, wenn Sie das möchten. Unsere Einrichtung ist trotz aller Professionalität sehr familiär. Die meisten unseres Team, wohnen größtenteils hier und gehen oft nur fürs Wochenende nachhause oder zu Ihren Familien. Es spart die Fahrtkosten und seien wir mal ehrlich..“ Er macht eine alles umfassende Handbewegung und dreht sich leicht um seine eigene Achse, „wer würde hier nicht wohnen wollen?“ Mein Blick schweift ab und ich folge seiner Bewegung. Es ist…gruselig. Natürlich sage ich ihm das nicht. Ich lächle ein zweites Mal und nicke zustimmend, „Wirklich.. atmosphärisch hier.“ Das ist zumindest keine Lüge. „Clara richtig? Sie dürfen mir folgen, dann bringe ich Sie in Ihren Wohnbereich.“