Marmeladengläser
Ich schaue mir die Gläser auf dem Regal an. Es sind viele. Du hattest immer mindestens drei davon in deiner Tasche, immer. In deiner roten Tasche mit den gelben Blumen drauf. Sie war potthässlich, diese Tasche; potthässlich und uralt. Ich hatte sie dir damals nur geschenkt, weil ich sie nicht mehr haben wollte. Seitdem hattest du sie immer dabei. Und die Marmeladengläser in allen möglichen Formen. Klein und bauchig, groß und schlank, glatt, geriffelt oder mit kleinen Dellen drin.
Eigentlich essen wir gar nicht so viel Marmelade, fällt mir gerade auf. Woher hattest du diese ganzen Gläser?
Es müssen Hunderte sein, die da im Regal stehen, wenn nicht sogar mehr. Und auf jedem Deckel steht fein säuberlich, wann du sie befüllt hast.
Ich nehme ein Glas in die Hand und schaue mir den Inhalt an. Es ist Erde, keine schöne Erde. Nein, einfach stinknormale Erde und ein paar Blätter und Äste sind darin. Vertrocknet und staubig sind sie.
Ich sehe auf den Deckel: 10. August 2007
Der Tag am See, an dem Tom seinen Zahn verloren hat.
Ich schmunzle. An diesen Tag kann ich mich noch sehr gut erinnern. Wir waren mit Mama und Papa zum See gefahren und Tom hatte damals seinen ersten Wackelzahn. Er hing nur noch an einem kleinen Fetzen in seinem Mund und er spielte ständig daran herum und drehte und drehte und Mama wurde jedes mal schlecht, wenn sie das sah und sie schimpfte mit ihm, er solle damit aufhören und endlich diesen blöden Zahn raus ziehen.
Aber er hat es nicht gemacht.
Als wir am See waren, seid ihr in den Bäumen herumgeklettert und habt versucht, von einem Baum in den anderen zu springen. Du warst dabei wesentlich geschickter als er, du warst ja auch schon älter. Bei einem besonders großem Abstand konnte er dir dann nicht mehr hinterher springen und ist einfach auf den Boden gefallen. Es war nicht sonderlich hoch, schließlich waren es nur kleine Apfelbäume. Aber er ist auf dem Mund gelandet, der Tollpatsch. Und dann war der Zahn weg.
Tom hat fürchterlich geweint, weil er jetzt nichts von der Zahnfee bekommen würde, weil er ja keinen Zahn mehr hatte. Aber du hast ihn dann getröstet und gesagt, dass sie ihm bestimmt trotzdem was gibt, wenn er ihr sagt, dass der Zahn beim Klettern verloren gegangen ist. Dann habt ihr zusammen einen Brief an die Zahnfee geschrieben. Er war fast eine Seite lang und dort, wo noch Platz war, habt ihr die Apfelbaumwiese und den See hingemalt.
Ich stelle das Glas wieder zurück.
Der Müllsack in meiner Hand knistert.
Mama will, dass ich die Gläser wegbringe. Sie sagt, sie nehmen nur Platz weg und jetzt, wo du nicht mehr da bist, würde das Chaos nur noch stören.
Dabei ist es gar kein Chaos. Du hattest nur dein eigenes System, wie du die Gläser dort hinein geräumt hast. Du hast immer erst die hinterste Reihe der Regale voll gemacht; auf jedem Brett. Dann erst fing die zweite Reihe an. Und von oben nach unten hast du auch nicht gestellt, sondern immer erst auf die Bretter in der Mitte. Die, an die du am leichtesten ran gekommen bist. Und erst wenn die Bretter bis unten voll waren, hast du die Obereren gefüllt.
Ich nehme ein anderes Glas in die Hand. Es ist ein Schmetterling darin. Und Blütenblätter. Ein weißer Schmetterling und rote Blütenblätter. Auf dem Glas steht das Datum von vor drei Monaten. Das war kurz bevor du gegangen bist.
Der Tag, an dem Tante Krista geheiratet hat.
Das war damals ein schöner Tag. Eine Junihochzeit.
Ich stelle es wieder weg. Ich will die Gläser nicht wegwerfen. Es sind deine Erinnerungen. Sie waren so etwas wie dein Tagebuch; nur eben anders.
Entschlossen knülle ich den Sack zusammen.
Nein; so etwas sollte man nicht wegwerfen. Stattdessen nehme ich einen der leeren Kartons, die in deinem Zimmer stehen.
Mama will, dass ich dein Zimmer komplett ausräume. So, als hätte es dich nie gegeben. Ich will das nicht.
Vorsichtig packe ich die Gläser in den Karton. Und zähle. Es sind 538 Gläser. 538 Tagebucheinträge. 538 Geschichten, die du nicht vergessen wolltest.
Ich nehme die Kartons und trage sie hinunter zum Auto. Ganz vorsichtig fahre ich um die Kurven und hoffe innerlich, dass auch alle Gläser heil bleiben. Bei einem Supermarkt halte ich noch kurz an und kaufe Teelichter. Die bunten, die du so schön fandest. 6 Packungen.
Dann fahre ich weiter. Ich trage die Kisten vorsichtig zu dir und rufe Mama an.
Ich sage ihr, dass sie herkommen soll. Sie will nicht und versucht sich raus zureden. Ich sage ihr, dass, wenn sie will, dass ich dich für sie wegräume, sie sich wenigstens noch einmal von dir verabschieden muss. Sie schweigt. Ziemlich lange. Dann legt sie auf.
Und ich warte.
Es dauert fast zwei Stunden bis sie da ist. Sie sieht nicht gut aus. Sie ist dünner geworden, seit du sie das letzte Mal gesehen hast. Und blasser ist sie auch. Sie stellt sich neben mich und zusammen sehen wir uns dein Grab an. Es ist nicht hübsch. Es sind nirgendwo Blumen. Es ist einfach nur ein schwerer, großer Grabstein, der da ganz allein am Friedhofsrand liegt.
Ich nehme die erste Kiste und mache sie auf. Dann gebe ich Mama das erste Glas und die erste Kerze. Sie stellt es neben den Stein und das Teelicht oben drauf. Ziemlich schnell und ohne sich das Glas genau anzusehen.
Ich sage ihr, dass sie es richtig machen muss.
Mit einem Kloß im Hals liest sie vor, was auf dem Glas steht. Dann stellt sie es hin und zündet die Kerze an, die darauf steht. Das machen wir mit jedem einzelnen Glas so. Mit allen 538.
Wir stehen zusammen vor deinem Grab und sehen den Lichtern beim Brennen zu. Ich hole das letzte Marmeladenglas aus dem Karton.
5. Juli 2013
Das ist der Tag, an dem du weggegangen bist.
In dem Glas sind bunte Papierbälle, wahrscheinlich aus der Schule. Man kann aber nicht mehr lesen, was auf dem Deckel noch steht. Der Rest ist verschmiert. Von deinem Blut.
Ich gebe Mama das Glas. Als sie es sieht, fängt sie an zu zittern. Sie nimmt es mir aber trotzdem ab. Sie will es gerade zu den anderen stellen; dann stockt sie. “Da steht nicht mehr drauf was passiert ist.”
Ich sage ihr, dass wir da nichts drauf schreiben können, weil wir nicht wissen, warum du diese Papierbällchen eingesammelt hast. Aber Mama will etwas drauf schreiben.
Ich gebe nach und krame einen Kuli aus meiner Tasche. Mama schreibt. Dann stellt sie das Glas zu den anderen und zündet eine Kerze an.
Ich frage sie nicht, was sie geschrieben hat. Ich finde es falsch, dass sie etwas drauf geschrieben hat. Aber egal.
Wir stehen noch eine Weile da und schauen deine Erinnerungen an. Dann dreht sich Mama ganz langsam um und geht. Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass sie lächelt. Mit Tränen in den Augen. Ich bleibe noch lange stehen und denke nach. Über dich, über Mama, über Tom und Papa und darüber, dass alles anders hätte kommen können.
Irgendwann gehen die Lichter aus. Ganz langsam. Eines nach dem anderen. Als letztes geht das auf dem Glas aus, auf das Mama etwas drauf geschrieben hat. Ich frage mich, was sie geschrieben hat. Aber ich weiß nicht, ob ich nachsehen darf; oder ob das nur euch gehört. Nur Mama und dir.
Ich entschließe mich doch nachzusehen. Ich hoffe, du bist mir deswegen nicht böse. Vorsichtig hebe ich das leere Teelicht hoch und lese. Dann muss ich lächeln. Vielleicht war es doch nicht schlecht etwas drauf zuschreiben. Ich drehe mich auch um und gehe. Und lächle. Auch mit Tränen in den Augen.
Ich steige in mein Auto und fahre nach Hause. Doch, es war gut, dein letztes Glas noch zu beschriften.
5. Juli 2013
Der Tag, an dem meine Tochter mit dem Fahrrad in den Himmel gefahren ist und ihr Marmeladenglas vergessen hat.