Wie man eine schwebende Stadt nicht verliert

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Summary

In einer Stadt, die nur nachts wirklich existiert, schwebt Mondstadt hoch über den Wolkenmeeren – Türme aus Mondstein, Brücken aus gefrorenem Licht, Straßen aus klimpernden Perlen. Lunlinge weben Träume und Illusionen, Tiefenvolk schmieden unzerbrechlichen Stahl in den Wurzeln des Plateaus, und Glücksdrachen spinnen Fäden aus purem Zufall – mal rettend, mal katastrophal. Lirion Mondschatten, halb Lunling, halb Mensch, trägt ein leuchtendes Mal auf der Hand und liefert nur Träume aus. Bis ein Kuchenstand einfach verschwindet. Kein Krümel, kein Duft, nur ein kreisrunder Fleck Nichts. Plötzlich pulsiert das Mal. Die Brücken flackern. Farben verblassen. Geräusche werden dumpf. Etwas frisst die Stadt – langsam, lautlos, unbeschreibbar. Mit einer zitternden Fee, einem griesgrämigen Schmied und einem wankelmütigen Drachen macht sich Lirion auf zum Herzen der Mondquellen. Denn das Böse kann man nicht bekämpfen. Man kann es nur auffüllen. Mit Hoffnung. Mit Fäden. Mit einem Funken, der noch nicht erloschen ist.

Status
Ongoing
Chapters
13
Rating
n/a
Age Rating
13+

Chapter 1

Das Leuchten der schwebenden Stadt


Prolog: Das Leuchten der schwebenden Stadt


In einer Welt, die sich nicht entscheiden konnte, ob sie Traum oder Wirklichkeit sein wollte, hing Mondstadt wie ein riesiger, silberner Pfannkuchen hoch über den endlosen Wolkenmeeren. Das Plateau, auf dem sie ruhte, wurde durch uralte Gravitationszauber in der Luft gehalten – gewirkt von Händen, die seit Jahrtausenden zu Staub geworden waren, und dennoch so lebendig wie je. Ein ewiger Seufzer der Sterne, der nie aufhörte. Tagsüber wirkte alles halb durchsichtig, fast geisterhaft: Die Türme aus Mondstein schienen aus Milchglas gegossen, die Brücken aus gefrorenem Licht dünn wie Spinnweben, die Straßen aus Millionen Perlen matt und still. Die Stadt schämte sich dann ein wenig, als wollte sie sich vor der Sonne verstecken.


„Zwischen den Welten existieren", sagten die Weisen mit einem leisen Seufzen. „Oder wir haben einfach nur faule Magie", murmelten die Jungen und kicherten dabei.


Sobald jedoch das erste reine Mondlicht die Kristallseen berührte – riesige, schimmernde Becken tief im Herzen des Plateaus –, erwachte alles zu seinem wahren Glanz. Die Türme leuchteten von innen heraus, weiß-silbern und perlmuttfarben, als atmeten sie. Brücken spannten sich über Abgründe, die kein Grund je berührt hatte, und schwangen leicht wie Sehnen im Wind. Hängende Gärten quollen über die Ränder hinaus, Ranken aus Nachtsilber und Mondrosen, deren Blüten sich nur öffneten, wenn niemand hinsah. Der Duft war schwer und süß: nach vergessenen Versprechen, nach warmem Sternenstaub, der sich auf der Zunge wie Honig auflöste. Die Perlen unter den Füßen klimperten bei jedem Schritt ein leises, ungeduldiges Lied: „Komm weiter, komm weiter, verweile nicht zu lang."


Die Bewohner dieser schwebenden Stadt waren so wunderbar verschieden wie die Farben des Mondlichts. Da waren zuerst die Lunlinge – feenartige Wesen, zart und launisch, meist zwischen sechzig und hundertvierzig Zentimetern groß. Ihre Flügel bestanden aus halbdurchsichtigem Mondlicht, zerbrechlich wie Tau auf einer Spinnwebe, und regenerierten nur bei Vollmond. Ihre Magie hing eng an den Gefühlen: Je glücklicher, verliebter oder trauriger sie waren, desto stärker wirkten sie – Illusionen, die so echt waren, dass Bienen darauf landeten, Heilgesänge, die gebrochene Knochen flickten, oder Träume, die man am nächsten Morgen noch schmeckte. Doch wehe, sie berührten Eisen – schon die Nähe kaltgeschmiedeten Metalls ließ ihre Flügel taumeln und verblassen. Sie sprachen Lunarisch, eine Sprache voller Vokale und Seufzer: „Aeluuuun, shimmara elyrii!" hieß so viel wie „Hallo, mein Lieber, lass uns die Nacht umarmen!"


Tiefer im Inneren des Plateaus, in den Wurzelhöhlen und Kristallminen, lebten die Tiefenvolk. Stämmig, haarig in Silberweiß oder tiefem Nachtblau, mit Händen, die aussahen, als wären sie aus dem gleichen harten Stein gemeißelt wie die Stadt selbst. Sie waren Meisterschmiede von Mondstahl und Sternenmetall – Legierungen, die leichter waren als eine Feder und härter als Diamant. Durch ihr handwerkliches Geschick kanalisieren sie die uralten Gravitationszauber, die das Plateau schwebend hielten: Hammer und Amboss als Dirigentenstab einer Physik, die niemand wirklich verstand. Sie liebten Rätsel, uralte Lieder über gefallene Sterne und das Klirren von Hammer auf Amboss mehr als alles andere. Ihre Sprache war Zwergisch – knurrig, voller Konsonanten: „Grummbarrak, steinhold!" bedeutete „Klappe zu, Hammer raus!" Sie sangen tief und rau, und wenn sie lachten, klang es wie ein kleiner Erdrutsch.


Und dann gab es die Glücksdrachen – schlank, schlangenartig, von der Größe eines Ponys bis zu der eines Elefantenbullen. Ihre Schuppen schillerten in den Farben des Glücks: Gold für Triumph, Rosa für zärtliche Liebe, Grün für unerwartete Geschenke des Zufalls, Grau, wenn alles schiefging. Sie spannen unsichtbare Fäden aus purer Wahrscheinlichkeit, die das Schicksal verdrehten – mal retteten sie jemanden vor dem Fall, mal ließen sie ihn stolpern, weil sie sich gerade langweilten. Verspielt und wankelmütig, paarten sie sich nur bei doppeltem Vollmond. Ihre Eier waren Nationalschatz, bewacht wie die Kronjuwelen einer unsichtbaren Königin. Sie sprachen Drakonisch – zischend, farbenfroh: „Sssshimmerglück, fadenspin!" hieß „Komm, weben wir Glück – oder Pech, ist ja egal!"


In dieser Stadt floss die Zeit anders. Mondsplitter dienten als Währung – kleine, leuchtende Kristallscherben, die verblassten, wenn man sie zu lange hortete. Die Mondquellen speicherten das Licht der Kristallseen wie Batterien, die niemand je aufgeladen hatte und die dennoch nie leer wurden. Alles war leicht, verspielt, ein bisschen traurig – und doch vollkommen.


Bis zu jenem Abend, an dem ein junger Bote namens Lirion Mondschatten mit seinem Korb voller Träume den Perlenpfad entlangging und spürte, wie etwas in der Luft sich veränderte.