Der Märchenmörder - Episode 1

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Summary

Der Märchenmörder – Episode 1 einer Thriller-Serie Ott ist kein Held. Er ist das, was bleibt, wenn Moral leise wird. Er redet wenig. Er sieht alles. Und er trägt Narben, die niemand zählen kann. Mit Episode 1 beginnt eine Serie über einen Mann, der dem Bösen begegnet, ohne sich zu erklären. Ohne sich zu rechtfertigen. Ott handelt nicht nach Regeln. Er handelt nach Haltung. Kalt. Präzise. Menschlich bis zur Schmerzgrenze.

Status
Complete
Chapters
3
Rating
4.8 12 reviews
Age Rating
18+

Episode 1 - Der Märchenmörder -I

Kapitel 1

Es sind nur drei Worte. Mehr nicht.

Der Notruf erreicht die Zentrale kurz nach zwei Uhr nachts. Doch dies ist kein gewöhnlicher Anruf. Kein Hilferuf. Keine Panik. Kein Schluchzen, kein Zittern in der Stimme.

„Sie sind bereit.“

Die Leitung bleibt offen, als verharre der Sprecher noch am anderen Ende, doch es kommt nichts weiter.

Der Streifenwagen rollt langsam an die Adresse, an der das Telefon geortet wurde. Kein offensichtliches Anzeichen von Gefahr. Keine Hinweise auf ein Verbrechen.

Sie parken vor einem leerstehenden Mehrfamilienhaus. Risse ziehen sich durch die bröckelnde Fassade, die Fenster im Erdgeschoss sind blind vor Schmutz – einige zersplittert, andere mit Sperrholz vernagelt.

Doch im dritten Stock brennt Licht. Ein unruhiger, flackernder Schimmer, der sich in den geborstenen Fensterscheiben bricht.

Die beiden uniformierten Polizisten betreten das Gebäude mit routinierter Vorsicht. Der Flur liegt in Dunkelheit, stickig, erfüllt vom dumpfen Geruch nach Staub und altem Holz. Ihre Taschenlampen schneiden durch die Schwärze und enthüllen abgeblätterte Tapeten, lose Kabel, ein verlassen wirkendes Treppenhaus.

„Polizei!“, rufen sie.

Keine Antwort. Die Stille wirkt dicht, beinahe körperlich.

Langsam steigen sie die Treppe hinauf. Mit jedem Stockwerk wird die Luft schwerer. Im dritten Stock steht eine Wohnungstür offen. Dahinter ein kahler Raum, beleuchtet von einer nackten Deckenlampe.

Die Beamten tauschen einen Blick. Ein ungutes Gefühl schiebt sich zwischen Routine und Instinkt. Ein weiterer Raum. Die Luft ist anders hier.

Die erfahrene Streifenpolizistin, die als Erste eintritt, ahnt nicht, dass sie einen Albtraum betritt. Die Atmosphäre wirkt seltsam trocken. Die Temperatur unterscheidet sich kaum von der im Treppenhaus, und doch fühlt sich die Luft fremd an.

Dann trifft es sie.

In der Mitte des Raumes, direkt unter der grellen Lampe, steht ein abgenutztes schwarzes Ledersofa. Darauf sitzen nackt ein Junge und ein Mädchen.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, sie unterhalten sich. Ihre Körper wirken entspannt, die Köpfe sind leicht zueinander geneigt.

Doch etwas stimmt nicht. Ihre Lippen sind trocken. Ihre Haut ist spröde, rissig wie altes Pergament. Und ihre Augen: weit aufgerissen, als wären sie mitten in einem letzten, stummen Gedanken erstarrt.

Kein Blut. Keine Würgemale. Keine Schwellungen.

Über ihre Brustkörbe spannt sich jeweils ein verchromtes Stahlband, brutal fixiert mit drei rostigen Hufeisennägeln. Ein grotesker, absurder Kontrast. Das glänzende Metall – makellos und sauber. Die Nägel – alt, verrottet, als stammten sie aus einer anderen Zeit. Kein Tropfen Blut. Keine Spur. Dort, wo die Nägel tief ins Fleisch schneiden müssten, ist nichts.

Es wirkt, als habe das Leben ihre Körper nicht einfach verlassen, sondern sei ihnen systematisch entzogen worden. Die Szene gleicht einem verstörenden Fotostill. Zu perfekt. Zu still.

Die Polizistin hält abrupt inne – so plötzlich, dass ihr jüngerer Kollege gegen ihren Rücken prallt. Sie hebt die Hand und hält ihn zurück.

Nichts daran ist normal. Nichts daran ist menschlich.

Der Kollege wagt einen Blick – nur einen. Dann reißt er sich los, stolpert rückwärts ins Treppenhaus und übergibt sich heftig. Es sind seine ersten Toten. Und sie fühlen sich falsch an.

Seine Kollegin hat längst das Funkgerät gezückt. Ihre Stimme bleibt ruhig, doch es ist jene Art von Ruhe, die aus jahrelanger Erfahrung geboren ist – und aus purer Anspannung. Sie meldet den Fund und fordert Verstärkung an.

Kapitel 2

Ludwig Löw ist müde. Aber Müdigkeit ist seit drei Jahren sein ständiger Begleiter – ebenso wie der schale Nachgeschmack von billigem Kaffee und Zigarettenrauch.

Die Nachtschicht gehört ihm, ebenso wie die Einsamkeit.

Mit 52 Jahren hat er vieles verloren. Seine Frau hat ihn verlassen. Sein Sohn – inzwischen achtzehn – weigert sich, mit ihm zu sprechen. Seitdem lebt Löw in einer kleinen Vierzig-Quadratmeter-Wohnung, die nach kaltem Nikotin und Fertiggerichten riecht.

Er trinkt zu viel. Er raucht zu viel. Sein Gesicht ist eingefallen, die Haut grau, sein Magen rebelliert regelmäßig gegen das, was er ihm zumutet.

Beruflich sieht es kaum besser aus. Die Düsseldorfer Mordkommission hat vor einem Jahr einen neuen leitenden Hauptkommissar bekommen: Uwe Kempf, 31 Jahre alt, promovierter Jurist, ehrgeizig und fest entschlossen, die alten Ermittler loszuwerden. Die meisten haben längst aufgegeben.

Löw bleibt. Nicht, weil er nicht wüsste, wann es Zeit ist zu gehen. Sondern weil seine Aufklärungsquote bei 96 Prozent liegt und er hartnäckig ist. Und weil er, wenn man ihn in die Enge treibt, eigensinnig und gefährlich werden kann.

Kempf will die Mordkommission modern, effizient und exzellent machen. Löw hält nichts davon, bewährte Methoden über Bord zu werfen und erfahrene Ermittler wie austauschbaren Ballast zu behandeln. Er druckt weiterhin Fotos aus, pinnt sie an die Tafel und macht handschriftliche Notizen.

Für Kempf ist er ein Relikt. Ein Hindernis. Die Nachtschicht ist eine Strafe, ein Versuch, ihn zur Kündigung oder Versetzung zu bewegen. Für Löw ist sie eine Erlösung: wenig Kontakt zu Kempf, nur er selbst, sein Zigarettenrauch und die nächtliche Stille.

Dann klingelt das Telefon.

„Löw.“ Seine Stimme klingt rau und tief.

„Die Streifenpolizei meldet einen Tatort in einem leerstehenden Gebäude. Zwei Opfer. Ein Junge. Ein Mädchen. Eindeutig ein Tötungsdelikt.“

„Wo?“

„Roßstraße, Ecke Schwannstraße. Und …“ Die Stimme zögert. „Irgendetwas stimmt hier nicht, Herr Löw. Es fühlt sich falsch an.“

Löw kennt dieses Gefühl. Ein Instinkt, der ihn selten getäuscht hat.

„Keiner betritt den Tatort, bis ich da bin!“

„Alles klar.“

Er greift nach seiner abgewetzten Lederjacke. Doch bevor er losfährt, beginnt er zu koordinieren – wie er es seit über zwanzig Jahren tut. Gerichtsmedizin. Aktenführung. Spurensicherung. Routine als Schutzschild. Dann tritt er hinaus in die kalte Nacht.

Am Tatort angekommen, prägt er sich das Sofa genau ein. Die Leichen wirken entspannt, die Köpfe sind leicht zueinander geneigt. Ihre Haut ist rissig wie altes Pergament, die Münder trocken, die Augen weit aufgerissen.

Über ihre Brustkörbe spannen sich verchromte Stahlbänder, brutal fixiert mit rostigen Hufeisennägeln. Das glänzende Metall ist makellos, die Nägel alt und verrottet. Blut gibt es keines. Nichts.

Löw lässt den Raum auf sich wirken, und nichts von dem, was er wahrnimmt, gefällt ihm.

Boden. Wände. Leichen. Geruch. Stille.

Erst dann gibt er das Zeichen. Fotograf, Gerichtsmedizin und Spurensicherung treten ein. Währenddessen nimmt er sich die beiden Streifenpolizisten noch einmal vor. Er fragt erneut nach, diesmal tiefer, eindringlicher, detailgenauer. Präzise. Ohne Vorwurf. So lange, bis der jüngere Beamte sich beinahe wie ein Verdächtiger fühlt.

„Nimm es dir nicht so zu Herzen“, sagt die erfahrene Kollegin leise zu ihm. „Hauptkommissar Löw ist ein alter Fuchs. Er weiß, was er tut. Und er tut seine Arbeit verdammt gut.“

Kapitel 3

Jessica Neumann, die Aktenführerin, steht dicht bei Löw und notiert jedes Wort, jede Bewegung, alles, was am Tatort geschieht – wer kommt und wer geht. Sie ist akribisch, besessen von Genauigkeit, und eine treue Bewunderin Kempfs.

Als ihr bewusst wird, wie außergewöhnlich dieser Tatort ist, wie sorgfältig der Täter die Opfer in Szene gesetzt hat, weiß sie sofort: Das ist ein Fall für den Big Boss. Zu bedeutend, um in den Händen von Hauptkommissar Löw zu bleiben.

Dieser alte Sack, denkt sie. Das hier hat das Potenzial, medial Schlagzeilen zu machen, die Öffentlichkeit zu erschüttern.

Löw erteilt den Streifenpolizisten die letzten Anweisungen. Das Gebäude muss vollständig durchsucht und gesichert werden. Straßen sind zu sperren, mögliche Zeugen sofort zu identifizieren und zu befragen. Seine Stimme bleibt ruhig, bestimmt, routiniert. Doch tief in seinem Inneren nagt Unbehagen, ein Gefühl, das er nicht abschütteln kann, egal wie sehr er sich konzentriert.

Als der Fotograf seine Arbeit beendet hat und sich auf den Weg zurück ins Präsidium macht, tritt auch der Gerichtsmediziner zu Löw. Hinter ihm liegen die blutleeren Körper – erstarrt wie groteske Puppen.

„Die Todeszeit kann ich noch nicht bestimmen“, erklärt der Mediziner knapp. „Keine sichtbaren Verletzungen, abgesehen von den Nägeln. Keine Spuren äußerer Gewalt, soweit ich das derzeit beurteilen kann. Die genaue Todesursache klärt erst die Obduktion, aber …“

Er zögert und wählt seine Worte mit Bedacht.

„Eines kann ich Ihnen schon jetzt sagen: Der Täter hat es geschafft, sämtliche Körperflüssigkeiten vollständig auszutrocknen. Nicht nur das Blut.“

Löw runzelt die Stirn. „Sie sind ausgetrocknet worden?“

Der Mediziner nickt. „Ja. Und das innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit. Schneller als jede mir bekannte Form der Mumifizierung. Die Haut ist rissig, brüchig wie Pergament. Die Adern sind leer. Ich habe so etwas noch nie gesehen.“

Ein Schauder läuft Löw über den Rücken. Nicht, weil er zartbesaitet wäre – nach über zwanzig Jahren im Morddezernat schockiert ihn kaum noch etwas.

Aber das hier ist anders.

Er tritt einen Schritt zurück und lässt den Blick erneut durch den Raum wandern. Etwas entzieht sich hier seiner Logik, seiner Erfahrung, seinem inneren Archiv aus tausend Tatorten.

Hinter ihm räuspert sich jemand. Eine vertraute, beinahe überhebliche Art der Ankündigung. Löw schließt kurz die Augen und atmet tief durch. Der Allmächtige ist angekommen, denkt er trocken.

Er öffnet die Augen und sieht ihn: Dr. Uwe Kempf, leitender Hauptkommissar, Jurist, makellos gekleidet in einem maßgeschneiderten Anzug. Für Löw ist er nichts weiter als ein Junge, der nach oben klettern will, ohne Rücksicht auf Verluste.

„Was machst du hier? Ich dachte, Nachtschichten sind nicht dein Ding.“ Löw duzt ihn demonstrativ. Kempf hasst das. Er liebt Hierarchien, Distanz und Respekt. Löw hält nichts davon.

Kempf mustert ihn kühl. Sein Anzug wirkt fehl am Platz, als stünde er nicht an einem Tatort, sondern auf dem Weg zu einer Preisverleihung.

„Mir wurde gesagt, dies sei kein gewöhnlicher Mord“, sagt Kempf emotionslos.

Löw deutet knapp auf die Leichen. „Sieh dir das an. Das Sofa. Die unnatürliche Trockenheit. Und die Art, wie die Leichen inszeniert sind. Jemand will, dass wir etwas Bestimmtes sehen.“

Kempf verzieht das Gesicht. „Ist das jetzt Ihr berühmtes Bauchgefühl, Herr Hauptkommissar? Ich höre jedenfalls keine Leichen sprechen.“

Löw tritt einen Schritt näher. Sein Blick ist eisig. „Hör zu, Junge. Ich mag ein Relikt sein. Aber eines weiß ich genau: wie Mörder denken. Und dieser hier? Der lacht sich vermutlich gerade über uns ins Fäustchen.“

Für einen Sekundenbruchteil flackert Unsicherheit in Kempfs Augen auf. Dann setzt er seine arrogante Maske wieder auf.

„Ich übernehme jetzt“, sagt er betont lässig. „Am besten schreiben Sie zurück im Präsidium den Einsatzbericht, bevor Ihre Nachtschicht endet.“

Löw hält seinem Blick stand. Protestieren würde nichts bringen. Kempf ist der Boss – und er ist hier, um sich zu beweisen.

Löw dreht sich um und verlässt den Tatort, während Kempf bereits die ersten Anweisungen erteilt.

Doch tief in seinem Inneren weiß Löw: Das ist kein gewöhnlicher Fall. Der Täter ist anders. Und Kempf hat keine Ahnung, worauf er sich eingelassen hat.

Kapitel 4

Ludwig Löw hat endlich Feierabend. Er könnte nach Hause gehen, doch zuvor überträgt er sein Einsatzprotokoll routiniert in das System des BKA. Sachlich tippt er die wichtigsten Punkte ein, ergänzt nüchterne Beobachtungen und vermerkt Details, die für spätere Ermittlungen relevant sein könnten. Keine Spekulationen. Keine Emotionen. Nur Fakten.

Noch bevor er den Rechner herunterfährt, öffnet er eine neue E-Mail. Der Verteiler ist klein: einige alte Kollegen, Ermittler, denen er vertraut. Leute, die Mordmethoden gesehen haben, die weit über das Übliche hinausgehen. Löw formuliert nüchtern, fast beiläufig, und doch schwingt zwischen den Zeilen eine Frage mit, die ihn nicht loslässt: Hat irgendjemand so etwas schon einmal gesehen?

Eine makellose Inszenierung. Verstörend präzise. Er bezweifelt, dass es Vergleichbares gibt. Aber falls doch, wird er es erfahren.

Während Löw sich auf den Heimweg macht, kehrt Kempf mit seinem Team ins Präsidium zurück. Für sie beginnt die eigentliche Arbeit erst jetzt. Daten auswerten. Bewegungsprofile erstellen. Die Identität der Opfer klären. Zusammenhänge suchen – auch dort, wo vielleicht noch keine sind.

Die Presseabteilung erhält bereits eine E-Mail von Kempf. Klare Schwerpunkte. Beruhigende Worte. Kontrolle vermitteln. Dieser Fall ist ein Karrieremacher, und Kempf plant voraus. Er überlässt nichts dem Zufall.

Als die Leichen abtransportiert werden, lässt er das gesamte Gebäude abriegeln. Das alte Ledersofa jedoch bleibt zurück.

„Die Spurensicherung hat dort nichts gefunden“, sagt er knapp und schließt damit das Thema.

Wäre Löw noch vor Ort, würde er ihn für diese Worte verfluchen. Für ihn ist Uwe Kempf kein Ermittler. Er ist ein Verkäufer von Versprechen, die nicht halten.

Löw kann es sich lebhaft vorstellen, wie Kempf zwischen den Büros des Kriminaldirektors, der Staatsanwaltschaft und der Pressestelle pendelt. Netzwerke knüpft. Allianzen schmiedet. Seine Karriere in die richtige Richtung lenkt.

Doch Pläne laufen selten so, wie man sie entwirft.

Am späten Vormittag legt der Gerichtsmediziner seinen ersten Bericht vor. Kempfs Zuversicht bekommt erste Risse.

„Keine Todesursache feststellbar“, erklärt der Arzt sachlich. „Ich habe in all meinen Jahren noch nie etwas Vergleichbares gesehen.“

Kempf presst die Lippen aufeinander. „Es muss doch eine Erklärung geben.“

Der Mediziner sieht ihn ruhig an. „Aber es gibt keine.“ Er blättert durch seine Unterlagen, wirkt selbst irritiert. „Ich weiß nicht, was der Täter mit diesen Körpern gemacht hat. Und ich weiß nicht, wie er sie getötet hat.“

Er legt das Klemmbrett auf den Tisch und hält Kempfs Blick stand. „Der Zustand der Leichen ist unbegreiflich. Das hier ist kein gewöhnlicher Mordfall.“

Niemand im Raum sagt etwas. Selbst Kempf, der sonst für jede Situation einen kühlen Kommentar parat hat, wirkt für einen Moment orientierungslos.

Dann betritt Hauptkommissarin Anna Brunnenburg den Raum. Sie ist Kempfs rechte Hand. Effizient. Ehrgeizig. Kontrolliert.

„Wir konnten die Opfer noch nicht identifizieren“, sagt sie. „Da Todeszeitpunkt und Todesursache offen sind, prüfen wir sämtliche Vermisstenmeldungen der letzten sieben Tage – bislang ohne Ergebnis.“

Kempfs Zuversicht bekommt weitere Risse.

Löw sitzt zu diesem Zeitpunkt bereits zu Hause. Vor ihm stehen zwei leere Bierflaschen, eine dritte ist noch halb voll. Der Geschmack von Rauch liegt auf seiner Zunge. Auf dem Bildschirm läuft eine Nachrichtensendung. Die Düsseldorfer Mordkommission präsentiert sich geschlossen, professionell, entschlossen. Eine groß angelegte PR-Strategie, initiiert unter Kempfs Leitung. Beruhigen. Vertrauen schaffen. Kontrolle suggerieren.

Löw lächelt müde. Er zieht an seiner Zigarette, lässt den Rauch langsam ausatmen und drückt die Kippe im Aschenbecher aus. Dann sinkt er tiefer in die Couch. Noch zwei Nachtschichten. Dann vier Tage frei.

Vier Tage ohne Kempf.

Er schließt die Augen. Doch die Toten bleiben. Sie bleiben immer. Egal, wie viel Bier man trinkt. Egal, wie viele Zigaretten man raucht.

Im Präsidium durchsucht Anna Brunnenburg derweil erneut die Bundesdatenbank nach ähnlichen Fällen. Kein Treffer. Kein vergleichbarer Mord. Sie handelt proaktiv und schickt Anfragen an sämtliche relevanten Stellen in Düsseldorf. Jede neue Vermisstenanzeige soll sofort auf ihrem Schreibtisch landen.

Anna presst die Lippen zusammen und starrt auf den Bildschirm. Ihre Finger trommeln ungeduldig auf die Tischplatte. Ihr Blick wandert zur Uhr. Es ist noch früh. Die meisten Behörden werden ihre Mails erst in ein paar Stunden bearbeiten. Bis dahin kann sie nichts tun. Außer warten.

Und Warten liegt ihr nicht. Sie arbeitet am liebsten, wenn Dinge in Bewegung sind. Wenn sich ein Fall durch klare Analysen, durch logische Schritte lösen lässt.

Schließlich öffnet sie noch einmal Löws Bericht. Der alte Sack hat bestimmt längst eigene Theorien, denkt sie genervt. Hitzige Diskussionen kommen ihr in den Sinn. Immer dasselbe. Löw vertraut auf Erfahrung und Instinkt. Er betrachtet ihre datenbasierte Arbeit mit unverhohlenem Misstrauen.

Aber das ist ihr egal. Und Kempf ebenfalls. Sie ist überzeugt, dass die Zukunft nicht im Bauchgefühl liegt, sondern in Zahlen. Daten lügen nicht. Daten zweifeln nicht. Daten haben keine Angst.

Was Anna nicht weiß: Manchmal erzählen Daten nur einen Teil der Wahrheit.

Kapitel 5

Hauptkommissar Ludwig Löw sitzt wieder im Präsidium. Er ahnt nicht, dass eine einzige E-Mail alles verändern wird.

Löw weiß nicht, dass seine Nachricht nicht nur den eigentlichen Empfänger erreicht. Sie landet auch bei jemandem, den er nicht kennt. Jemandem, der normalerweise nicht kontaktiert wird. Ott.

Zu diesem Zeitpunkt steckt Ott mitten in einem diskreten Zwei-Mann-Einsatz. Der zweite Mann, der eigentliche Empfänger von Löws E-Mail, zögert keine Sekunde. Er liest, erkennt die Tragweite und leitet sie weiter. Denn wenn es jemanden gibt, der Zugang zu Informationen hat, die in keiner Akte des BKA oder der Landeskriminalämter existieren, dann ist es Ott.

Ott sitzt in einem abgedunkelten Raum. Irgendwo in einer abgelegenen Gegend Sachsens. Vor ihm liegt sein Telefon. Seine Miene bleibt unbewegt, doch in seinen tiefschwarzen Augen blitzt etwas auf.

Er liest die Nachricht ein zweites Mal. Dann greift er nach dem Telefon.

„Direktor?“

Eine kurze Pause.

„Wir haben ein Problem.“

Ott ist siebenundzwanzig Jahre alt. Er ist 1,89 Meter groß, auffallend schlank, fast hager. Sein blasses Gesicht wirkt durch das dunkle Haar noch markanter. Doch das Auffälligste sind seine Augen. Tiefschwarz. Ruhig. Wie zwei Punkte, die alles sehen und nichts preisgeben.

Mit einundzwanzig wird Ott direkt nach seinem Jurastudium vom Bundesnachrichtendienst rekrutiert. Nach einem Jahr intensivster Spezialausbildung erhält er seinen ersten Alleineinsatz.

Ein mutmaßlicher Terrorist. Rund-um-die-Uhr-Überwachung. Ein mobiler Einsatzwagen, diskret im Hintergrund. Verstärkung in Bereitschaft. Der Führungsoffizier wartet auf Abruf. Für den Fall, dass etwas schiefläuft.

An diesem Tag lernt Ott, was es bedeutet, Verantwortung allein zu tragen.

Sein Ziel betritt die Toiletten des Berliner Hauptbahnhofs. Dort trifft er einen zweiten Mann. Worte werden gewechselt. Dann wechselt eine Sprengstoffweste den Besitzer.

Ott spürt, wie sein Herzschlag schneller wird. Er ist jung. Unerfahren. Aber er weiß, dass jetzt keine Zeit für Zweifel ist.

Dann vibriert sein Handy. Die Strahlungsmess-App schlägt Alarm. Hohe radioaktive Werte im Raum.

Schmutzige Bomben.

Die Erkenntnis trifft ihn wie ein Schlag. Die beiden Männer steigen die Treppe zur Haupthalle hinauf. Tausende Menschen sind unterwegs – Pendler, Touristen, Familien.

Ott spricht ins Funkgerät. „Zwei Selbstmordattentäter. Schmutzige Bomben. Sofort eingreifen.“

Er wartet nicht auf eine Antwort.

Bloß keine Panik.

Ott setzt sich in Bewegung. Lautlos. Er kommt an den ersten Terroristen heran. Eine präzise Bewegung. Er greift den Kopf, zieht, dreht. Ein leises Knacken – der Mann ist tot, bevor er begreift, was geschieht.

Der zweite hat Zeit zu reagieren. Ott sieht, wie sich dessen Finger um den Zündmechanismus schließen. Ein Todesschalter. Lässt er los, explodiert die Bombe.

Ohne zu zögern packt Ott seine Hand. Presst sie zusammen, bis der Knochen bricht.

Die Verstärkung ist noch nicht da. Ott steht allein mit einem Mann, der bereit ist, zu sterben. Dann beißt der Terrorist zu. Ott spürt, wie Zähne in sein Gesicht schneiden. Fleisch reißt. Knorpel bricht. Ein Stück seiner Nase wird herausgerissen, die Wange zerfetzt.

Die Narben sind noch sichtbar, wenn man ihm sehr nahe kommt. Die Chirurgen leisten später hervorragende Arbeit.

Doch Ott lässt die Hand nicht los. Nicht jetzt. Nicht, solange die Bombe scharf ist. Die Welt verschwimmt langsam, aber unaufhaltsam. Blut läuft ihm über Gesicht und Brust. Seine Muskeln zittern. Aber er hält weiter fest.

Dann trifft endlich Verstärkung ein. Der Terrorist wird neutralisiert. Ott kann seine Hand nicht öffnen. Die Verkrampfung ist so stark, dass man ihn sedieren muss, bevor sich seine Finger lösen.

Seit diesem Tag untersteht Ott nur noch zwei Personen. Dem Direktor des BND. Und der Bundeskanzlerin.

Er ist der Mann für den äußersten Notfall. Er kommt, wenn alles auf der Kippe steht.

Er liefert.

Kurz nach dem Telefonat mit dem Direktor erhält er eine Nachricht mit höchster Priorität. Berlin hat entschieden. Er soll sofort nach Düsseldorf. Die Generalbundesanwaltschaft übernimmt die offizielle Leitung. Ott wird gemeinsam mit Bundesanwältin Dr. Hanka Marie die Ermittlungen führen.

Der Anruf, den Ott tätigt, versetzt Berlin in Bewegung. Was zuvor nur ein diffuser Verdacht war, verdichtet sich zu einer Realität. Zu viele Auffälligkeiten. Zu wenig Erklärungen.

Ott ist selbst kurz überrascht, dass so etwas in Düsseldorf auftaucht. Dann übernimmt die Erfahrung. Er denkt an all die Dinge, die man lange für unmöglich hielt, bis sie Realität wurden.

Das Böse kündigt sich an. Immer.

Und jetzt ist es in Düsseldorf.

Ott steht auf, greift nach seiner roten Lederjacke. Der Mann für den äußersten Notfall ist unterwegs.