Camille
„Camille Durant?“
Fast hätte sie ihren eigenen Namen nicht erkannt, so anders klang er Englisch ausgesprochen. So falsch.
„Durant? Camille?“, wiederholte die Frau mit dem Klemmbrett genervt und sah sich suchend im Flur um.
„Hier, ich!“, hastig erhob sich Camille vom Boden. Sofort begannen ihre Beine widerlich zu kribbeln, zu lange hatte sie schon im Schneidersitz auf diesen kalten Fliesen ausgeharrt. Sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen und ging mit möglichst festen Schritten auf die Frau zu.
„Man spricht es Durant aus, französisch…“, erklärte sie verlegen, verstummte jedoch sofort als der ausdruckslose, gelangweilte Blick der Frau sie streifte.
„Hier lang“, drehte sich die Klemmbrettfrau um und ging voraus durch die schmale weiße Holztür, durch die in den letzten Stunden ein Mädchen nach dem anderen verschwunden war. Camille schluckte trocken und wischte sich fahrig die schwitzigen Hände an ihrer Leggins ab, dann folgte sie der Frau durch die Tür.
Ein Tribunal, das war das erste was sie dachte als sie durch die Tür trat. Ein Tribunal, das und nichts anderes war es, was sie hier gerade erwartete. Vier Menschen saßen an einem langen Tisch nebeneinander und sahen sie so kritisch an wie sie noch nie in ihrem Leben angesehen worden war. Die Mitte des merkwürdigen Quartetts bildeten ein Mann in einem Anzug mit akkurat zurückgegelten Haaren und eine ältere Frau in einem kreischend bunten Oberteil, das sich farblich fürchterlich mit ihrer knallgrünen Hornbrille und ihren orangenen Plastikohrringen biss. Der Mann im Anzug versuchte so etwas wie ein freundliches Lächeln aufzusetzen, was jedoch eher nach einer merkwürdigen Grimasse aussah. Irgendwer klickte unaufhörlich mit einem Kugelschreiber und das war auch das einzige Geräusch, das durch den imposanten, herrschaftlichen Saal dieses viktorianischen Stadthauses hallte. Das, und Camilles Schritte auf dem perfekt glänzenden Parkett, von dem sie schon beim ersten Anblick erkannt hatte wie unverschämt teuer es gewesen sein musste.
„Camille…?“
Fragend las die bunte Frau ihren Namen von der Mappe ab, die Camille nun zögerlich vor ihr auf dem Tisch ablegte.
„Durant“, erwiderte diese und setzte das freundlichste Lächeln auf, das sie in ihrer Nervosität zustande brachte. „Das ist Französisch.“
„Du bist aus Frankreich?“
Sie nickte und die Frau machte sich eine Notiz. Ob das gut war oder nicht, wusste Camille nicht. Sie traute sich aber auch nicht zu fragen.
„Wie alt bist du, Camille?“
„18“, log sie. Eigentlich war es noch fast zwei Jahre hin bis sie endlich die lang ersehnte Volljährigkeit erreichen würde, aber eigentlich konnte das ja auch egal sein. Immerhin war sie quasi erwachsen. Sie wusste genau, warum die Frage kam. Mit ihrer Stupsnase, den großen blauen Augen und den Sommersprossen hatte sie schon immer jünger gewirkt als sie es tatsächlich war. In einem hilflosen Versuch sich irgendwie älter wirken zu lassen hatte sie sich ihre hellblonden Locken vor ein paar Tagen selbst in Höhe ihres Kinns abgeschnitten, damit aber nur das genaue Gegenteil erreicht und sah jetzt erst recht aus wie ein Kleinkind. Schöne Scheiße. Aber es half ja alles nichts, die Haare würde sie wieder wachsen lassen müssen. So lange würde sie eben mit Makeup nachhelfen müssen, um wenigstens ein bisschen älter zu wirken.
„Hm“, machte der Anzugträger und blätterte demonstrativ in den Papieren, die vor ihm auf dem Tisch lagen. Was auch immer da drin stand, über sie sicher nichts.
„Wie groß bist du?“
„1,78.“
„Gewicht?“
„54 Kilo.“
Zischend sog die bunte Frau die Luft durch die Zähne ein. Camille presste fest die Lippen aufeinander und versuchte sich ihre Unsicherheit nicht anmerken zu lassen. „Zieh‘ dein Oberteil aus“, forderte die Frau sie auf und blickte sie prüfend über den Rand ihrer Brille hinweg an. Zögernd kam Camille ihrer Aufforderung nach. Blöde Kuh, dachte sie dabei. Immerhin war die Alte selber alles andere als schlank. Es war kalt im Raum und eine leichte Gänsehaut überzog ihre helle Haut, kaum dass sie ihr T-Shirt ausgezogen hatte. Darunter trug sie nur ein dünnes Bustier, gab ja ohnehin nicht wirklich viel, was das hätte halten können. Der Anzugträger nickte unverbindlich und machte sich ein paar Notizen. Camille gefiel der Blick nicht, mit dem er ihren Körper regelrecht abtastete.
„Danke, wir haben genug gesehen“, erklärte die Bunte und wedelte mit der Hand in Richtung einer Tür in der Rückwand des Raumes als würde sie eine lästige Fliege vertreiben wollen. „Wir melden uns.“
Camille nickte nur, presste die Lippen aufeinander, klaubte ihr T-Shirt vom Boden auf und nahm ihre Mappe wieder an sich, die die Frau ihr hinhielt. Ein Lächeln bekam sie nicht über die Lippen, auch wenn sie es gerne versucht hätte. Hastig verabschiedete sie sich und schlüpfte im Gehen zurück in ihr Oberteil. Erst draußen fiel ihr auf, dass niemand ihre Mappe mit den Fotos überhaupt auch nur aufgeschlagen hatte.
Enttäuscht ging sie zur nächsten U-Bahn-Station. Sie kletterte über die Drehkreuze am Einlass und nahm die nächstbeste Bahn in Richtung Norden. An der Station Camden Town angekommen verließ sie die U-Bahn und ging das letzte Stück zu Fuß. Ein Busticket konnte und wollte sie sich nicht leisten und im Bus schwarz zu fahren traute sie sich dann doch irgendwie nicht. Nach einer Weile kam sie schließlich bei dem kleinen, etwas heruntergekommenen Backsteinhaus an, in dem sie seit ein paar Tagen wohnte und war unendlich froh als die hellgrüne Haustür quietschend hinter ihr ins Schloss fiel. Langsam stieg sie die schmale Treppe hinauf ins Dachgeschoss und lauschte, doch außer gedämpfter Musik aus einem der Zimmer im Erdgeschoss war nichts zu hören. Ein unangenehmer Geruch nach asiatischem Essen hing in der Luft. Nicht nach diesem an den europäischen Geschmack angepassten Essen wie man es bei den Imbissen an jeder Straßenecke bekam, sondern eher nach zerkochten Hühnerfüßen und komischen Gewürzen. Camille versuchte so flach wie möglich zu atmen und betrat schließlich am Ende der Treppe ihr winziges Zimmer mit der Dachschräge, in das gerade so das schmale Bett und eine Kommode passte. Das Zimmer hatte sie von einer freundlichen älteren Dame gemietet, der das Haus gehörte. Das Bad und die Küche musste sie sich mit ihren sechs Mitbewohnern teilen, von denen sie bisher erst zwei kannte aber so wirklich erpicht darauf die anderen kennenzulernen war sie irgendwie auch nicht. Ein wenig hatte sie sich geärgert, nur in dieser durchaus etwas merkwürdigen Gegend etwas gefunden zu haben, doch näher am hippen Westend hätte sie sich die Miete schlichtweg nicht leisten können. Immerhin lag das kleine Backsteinhaus in einer eher ruhigen Seitenstraße und damit ein klein wenig abseits vom Trubel, der in diesem Teil der Stadt nochmal anders zu sein schien als im restlichen London. Hier war alles irgendwie ein bisschen schmutziger, ein bisschen derber, ein bisschen rauer. Gleichzeitig hatte Camille allerdings auch noch nie so viel Buntes gesehen wie hier. Bunte Häuser, bunte Menschen, gestern hatte sie sogar einen Hund mit gefärbtem Fell und Nietenweste gesehen und war ganz offenbar die Einzige gewesen, die das irgendwie komisch gefunden hatte. Generell schienen die Leute hier so überhaupt nichts komisch zu finden und genau das übte eine nicht zu leugnende Faszination auf Camille aus. Hier schien sich niemand groß an etwas zu stören und jeder schien einfach irgendwie sein Ding zu machen. Nicht wie zu Hause in Frankreich, wo die wertenden Augen der anderen, genau wie deren Neugierde überall lauerten und wo sie in den letzten Jahren immer mehr zur Außenseiterin geworden war.
Camille ließ sich auf dem Bett nieder und schloss für einen Moment die Augen. Wie auch immer sie sich ihr erstes Vorsprechen bei einer Modelagentur vorgestellt hatte, so jedenfalls nicht. Verdammt, dachte sie missmutig. Dabei brachte sie doch alles mit, was die verlangten. Oft genug hatte sie sich heimlich an Laurents Computer geschlichen und nachgelesen, wenn der gerade nicht zu Hause war. Zudem hatte sie so ziemlich jede Modezeitschrift, die sie in die Finger bekam akribisch studiert. Sie hatte die geforderte Körpergröße, war schmal gebaut und auch ihr Gesicht war eigentlich nicht das, was man gerade als hässlich bezeichnen würde. Stundenlang hatte sie vor dem Spiegel geübt, hatte versucht die Fotos in den Zeitschriften nachzustellen und ihren Körper so zu bewegen wie die Models im Fernsehen. Natürlich konnte sie sich nicht in den schicken und teuren Marken kleiden wie die Damen auf den Fotos, aber nähen, das konnte sie. Das hatte sie sich selbst beigebracht, an dieser kleinen Kindernähmaschine, die sie irgendwann mal zu Weihnachten bekommen hatte. Vor drei Jahren hatte sie dann eine große Nähmaschine bekommen und seitdem war sie regelrecht abgetaucht in diese Welt aus Schnitten, Stoffen und was diese mit einem Körper machten. Und genau darum hatte sie mittlerweile ein untrügliches Gespür dafür entwickelt, was gut an ihr aussah und wie sie sich zu kleiden hatte, um zumindest so auszusehen wie die Frauen in den Magazinen. Eigentlich, so fand sie, müsste sie doch ziemlich gut rüberkommen. Mit ihren eher zarten Gesichtszügen wirkte sie zwar noch immer ziemlich kindlich, aber genau damit schien sie bei den meisten Männern irgendwie zu punkten. Und wenn sie dann den Kopf in einem bestimmten Winkel neigte und diesen gewissen Blick aufsetzte, fraßen sie ihr eigentlich alle aus der Hand. Kokett, nannte Maman das immer.
Maman. Bei dem Gedanken an ihre Eltern kam Camille sich kurz ein wenig schäbig vor. Hatte sie ihnen doch ganz schön schamlos etwas vorgelogen. Eine Sprachreise, hatte sie ihnen erzählt, in England, über die Sommerferien. Als Vorbereitung für ein Studium, später mal. Überraschend leicht war es ihr über die Lippen gekommen und überraschend bereitwillig hatten ihre Eltern ihr einfach so einen Haufen Geld dafür in die Hand gedrückt. Wahrscheinlich waren sie einfach nur froh gewesen, dass sich zumindest Camille ein paar Gedanken über ihre berufliche Zukunft machte, nach dem ganzen Theater mit Laurent Anfang des Jahres. Ein bisschen waren die Eltern aber auch selber schuld, dachte Camille. Würden sie vielleicht mal nicht den ganzen Tag mit sich selbst beschäftigt sein, sondern sich auch mal nur im Ansatz mit ihren Kindern auseinandersetzen, wäre es vermutlich nie so weit gekommen. Dann hätte Laurent seine Lehre nicht geschmissen weil er gar nicht erst in der gleichen Werft angefangen hätte, in der Papa auch schon arbeitete, nur um die Eltern zufriedenzustellen. Und Camille hätte gar nicht erst das Bedürfnis gehabt auszubrechen aus diesem langweiligen Nest an der nordfranzösischen Atlantikküste. Das Geld, das sich jedenfalls vor anderthalb Wochen noch als so unendlich viel angefühlt hatte, hatte sich schlussendlich als lächerlich wenig herausgestellt. Viel mehr als gedacht war schon für die Zugfahrt nach Calais und die Fähre nach England draufgegangen. Nach London war sie dann getrampt, um wenigstens dabei ein bisschen Geld zu sparen. Dann die unfassbar hohe Miete für dieses winzige Zimmer, damit hatte sie auch nicht gerechnet. Für zwei Monate hatte sie das Zimmer im Voraus bezahlen können, so lange würde es auch noch für Essen reichen, wenn sie sparsam blieb. Wie es danach weitergehen sollte, wusste sie nicht. Bis dahin hatte sie aber hoffentlich schon die ersten Modeljobs an Land gezogen und verdiente zumindest genug, um sich eine eigene Wohnung leisten zu können. Und dann würde sie nie wieder zurückkehren müssen in dieses langweilige Kaff. Das war zumindest der Plan.
Ihr knurrender Magen riss Camille aus ihren Gedanken. Kurz überlegte sie, in den kleinen Kiosk um die Ecke zu gehen und sich eine Packung Toast zu kaufen, aber dann hätte sie die schmale Treppe wieder runtergemusst. Und vor allem wieder hoch. Und außerdem ging ihr das Gesicht der Alten nicht mehr aus dem Kopf als sie ihr Gewicht genannt hatte. Also setzte sie sich auf, zog ihre Beine in den Schneidersitz und kramte in ihrer Nachttischschublade nach dem Tabak und den Blättchen. Das Drehen hatte ihr ihre Mitbewohnerin vor drei Tagen gezeigt, an dem Abend, an dem sie eingezogen war. Das war deutlich billiger als fertige Kippen zu kaufen. Und wer rauchte hatte weniger Hunger, so viel wusste Camille. Ungeschickt bröselte sie den Tabak auf das kleine weiße Blatt und rollte es vorsichtig zu einer ziemlich krummen Zigarette zusammen. Sie steckte die Kippe an und inhalierte den Rauch. Sofort musste sie husten. Nicht, dass sie noch nie vorher geraucht hatte. Oft genug hatte sie sich mit Louise und Francine in den Pausen hinter die Turnhalle der Schule geschlichen und heimlich diese dünnen Zigaretten gepafft, die Louise ihrer großen Schwester geklaut hatte. Nuttenstängel nannte Laurent die immer. Aber die hatten immerhin Filter gehabt und nicht halb so widerlich geschmeckt wie diese selbstgedrehten Teile.
Unten auf dem Flur klingelte das Wandtelefon. Schritte polterten den schmalen Gang entlang, dann war eine männliche Stimme zu vernehmen.
„Camille!“, brüllte diese durch das Haus. „Telefon für eine Camille!“
Konnte das etwa schon die Agentur sein? Hektisch drückte sie die Kippe direkt auf dem Pressspan des Nachttisches aus und sprintete so schnell sie konnte die Treppe herunter in den Flur. Das Telefon baumelte am Kabel an der Wand. Wer auch immer abgenommen hatte, hatte sich schon wieder in sein Zimmer verzogen.
„Ja?“, keuchte sie als sie sich den Hörer ans Ohr presste.
„Camille Durant? Collins hier, Paul Collins.“
Der Anzugträger von der Agentur. Sofort schoss ihr Puls in die Höhe.
„Ja?“, brachte sie nur krächzend hervor.
„Camille, schön dass ich dich erreiche. Ich freue mich dir mitteilen zu dürfen, dass wir in Erwägung ziehen, dich als eines unserer Models in unsere Kartei mit aufzunehmen“, die Stimme des Mannes war freundlich, auch wenn irgendetwas darin lag, das sich ihren Magen merkwürdig unangenehm zusammenziehen ließ. Aber das musste sie jetzt einfach ignorieren. Sie hatte hier vielleicht gerade das wichtigste Gespräch ihres Lebens!
„Wie wäre es, wenn wir die Einzelheiten morgen bei einem gemeinsamen Abendessen besprechen?“, fragte Collins gerade und klang dabei so fröhlich, dass es schon wieder falsch klang.
„Äh… gern!“, stotterte Camille und umklammerte den Telefonhörer mit ihrer schwitzigen Hand. „Sehr gerne sogar.“
Sie ärgerte sich maßlos darüber, wie piepsig und unbeholfen ihre Stimme dabei plötzlich klang, doch Collins schien es überhaupt nicht zu bemerkten.
„Das freut mich“, sagte er lediglich in einem jovialen Tonfall. „Ich schicke dir ein Taxi, das dich morgen um 19 Uhr abholt.“