Stadt der Schatten - Dusk

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Summary

Kate glaubt, sie hätte den schlimmsten Teil überstanden. Doch in Valera ist „danach“ nur ein anderes Wort für „noch nicht vorbei“. Und dann ist da noch Alec... Alec Winter taucht auf, wenn Kate nicht mehr stehen kann, hält sie fest, bis der Atem wiederkommt, und zieht sich zurück, bevor sie begreift, was das mit ihr macht. Zwischen Misstrauen, Machtspielen und einem Feind, der näher ist, als alle glauben, muss Kate lernen, ihre Grenzen zu verteidigen, ohne sich selbst zu verlieren.

Status
Complete
Chapters
38
Rating
5.0 5 reviews
Age Rating
18+

Im Schatten der Stille

Ich hatte früh gelernt, dass Angst eine Emotion war, die man in gewissen Situationen runterschlucken musste.

Nicht, weil sie falsch war. Sondern weil sie tödlich sein konnte.

Angst roch. Sie hatte einen Geschmack.

Für Menschen kaum wahrnehmbar, aber für Vampire war sie wie ein Funken auf trockenem Laub.

Sie entfachte etwas. Einen Impuls. Einen Hunger. Ein uraltes Flackern hinter den Augen.

Den Jagdinstinkt.

Ich hatte gelernt, dass es überlebenswichtig war, die Angst zu verstecken.

Nicht auf die Instinkte zu hören, die sie auslöste – das Zittern, das Fliehen, das Atmen in kleinen, hektischen Stößen. Der zu schnelle Puls.

Denn genau das war es, was sie spürbar machte. Was sie verriet.

Ich hatte gelernt, ruhig zu bleiben. Auch wenn in mir alles schrie. Auch wenn meine Knie nachgaben und mein Magen sich zusammenzog.

Und trotzdem spürte ich sie. Immer. Sie war immer anwesend. Wie ein Schatten lag sie über mir, zerrte an mir, auch wenn ich versuchte sie zu ignorieren. Nicht zu zeigen, dass ich Angst hatte.

Jetzt saß ich hier. Eingesperrt. Allein.

Und die Angst kroch mir wie kalter Nebel unter die Haut.

Nicht, weil ich glaubte, dass jemand draußen auf mich wartete, um mich zu töten. Sondern weil ich wusste, dass jemand draußen war, den diese Angst rufen konnte.

Und ich wusste nicht, ob er Freund oder Feind war.

Ich wusste gar nichts mehr. Mein Kopf war wie ein leeres Vakuum. Überfordert mit der Situation. Überfordert mit dem gesamten Tag.

Ich hatte das Gefühl, nicht mal mehr klar denken zu können.

Alles war zu viel. Zu nah. Zu laut – selbst wenn es still war.

Und dann war da plötzlich ein Geräusch. Ganz leise. Wie das Klicken eines Absatzes auf Steinboden.

Einmal. Dann nochmal. Nicht hastig. Nicht panisch. Langsam und gezielt.

Ich spannte mich an. Alle Müdigkeit, jede Lähmung war wie weggeblasen. Ich hielt den Atem an. Lauschte.

Aber es war still. Viel zu still.

Ich hörte keine Stimmen. Keine hastigen Schritte. Keinen Alarm. Nur Stille. Bedrückende, angstmachende Stille.

Zögernd drückte ich mein Ohr gegen das kalte Metall der Tür. Lausche angestrengt, ob ich nicht doch etwas hören konnte.

Und ganz kurz schwebte meine Hand über der Türklinke. Meine Finger berührten den Schlüssel, aber dann zog ich sie zurück.

Ich hatte eine klare Anweisung. Alecs Worte waren unmissverständlich gewesen.

»Bleib hier drin und schließ ab! Du kommst erst raus, wenn Victor oder ich dich holen!«

Ich hatte keine Zeit gehabt für Fragen. Für Widerworte. Er hatte sie mir nicht gelassen.

Er hatte die Tür zugeknallt, noch bevor ich reagieren konnte. Und hatte mich allein gelassen. In dieser Stille.

Obwohl da gerade noch etwas zwischen uns passiert ist, was ich nicht ganz greifen konnte.

Noch immer hatte ich das Gefühl von seinen Lippen auf meinen. Fordernd. Hart. Das Gefühl von seinen Händen auf meiner Haut. Sein warmer Körper vor mir.

Auch jetzt kribbelte noch alles in mir. Mein Herz raste nicht nur vor Angst und Anspannung. Es raste wegen ihm. Hauptsächlich wegen ihm.

Wenn ich die Augen schloss, dann war ich wieder in diesem Moment. In der Küche. Dann spürte ich ihn deutlich. Seine Wärme. Sein Hände. Den Kuss.

Ein Geräusch ließ mich zusammenzucken. Die Wärme verschwand. Die Erinnerung verblasste. Dieses Mal hörte ich es deutlicher.

Schritte. Langsam. Ruhig. Zu ruhig. Und vor meiner Tür blieben sie stehen. Hielten inne.

Unter dem Türschlitz drang ein Streifen Licht hindurch, der unterbrochen wurde. Ein Schatten einer Person, die vor meiner Tür stehen geblieben war.

Die Türklinke wurde heruntergedrückt und ich wich zurück. Hielt mir die Hand vor den Mund und starrte voller Angst auf die Klinke.

Die Tür ließ sich nicht öffnen. Ein leises Seufzen war zu hören. Jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken.

Dann Stille. Nur kurz, denn dann hörte ich es wieder. Finger, die über das Metall strichen. Die Klinke wurde erneut runtergedrückt. Leicht gerüttelt.

Ich wich weiter zurück. Stieß gegen das schmale Bett und mein Blick fiel auf mein Telefon, das auf meinem Kissen lag.

Mein Körper reagierte, bevor mein Gehirn einen klaren Gedanken fasste. Meine Finger entsperrten das Display. Schwebten darüber. Suchten einen bestimmten Kontakt.

»Jemand ist vor meiner Tür!«

Die Nachricht ging raus. Dann wieder Stille. Das Zimmer wurde nur durch mein Handybildschirm beleuchtet. Schwach. Flackernd.

Das Rütteln an der Tür hatte aufgehört. Kein Laut war zu hören. Nur mein leiser Atem und das schnelle Pochen meines Herzens in meinen Ohren.

Die Stille war schwer. Bedrückend. Als würde die Luft selbst den Atem anhalten.

Und dann – Schritte. Eilige, schnelle Schritte, die näher kamen.

Schneller als vorher. Und jetzt wusste ich, dass sie nicht von der Person an der Tür stammten. Diese Schritte waren zu vertraut. Zu hart. Zu entschieden.

Victor.

Ich atmete aus. Das Gefühl von Sicherheit überkam mich und dann hörte ich sein Klopfen. Ruhig, aber bestimmt.

»Kate?«

Sofort war ich an der Tür und drehte den Schlüssel im Schloss. Dann ging die Tür auf und Victor stand vor mir.

»Da… war jemand an der Tür«, sagte ich atemlos und sah ihn an. Mein Körper zitterte vor Anspannung.

Victors Blick ruhte auf mir. Aufmerksam und mit einer Spur Besorgnis darin. Etwas, das man nur selten bei ihm sah.

»Du hast gut reagiert. Hast du vielleicht noch irgendwas gehört? Eine Stimme vielleicht?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein… nur die Schritte, die näher kamen und vor der Tür stehen geblieben sind. Aber… aber man hat versucht hier reinzukommen«, sagte ich und Victor nickte nachdenklich.

»Ich lasse den Bereich durchsuchen und gehe die Türprotokolle durch, wer als letztes in den Bereich gegangen ist, oder ihn verlassen hat. Bei dir ist soweit alles in Ordnung?«

Ich nickte, auch wenn gar nichts in Ordnung war. Ich war müde. Ich war durcheinander. Und ich wollte eigentlich nur noch schlafen, aber ich wusste, dass ich nicht zur Ruhe kommen würde.

Victor nickte und drehte sich um. Hielt aber kurz inne.

»Gut. Bleib hier und versuch, dich zu beruhigen. Ich werde den Rest klären.«

Ich hörte, wie er den Flur entlang ging, seine Schritte drangen schwach durch die Tür. Aber auch als der Raum wieder ruhig war, war die Unruhe in mir geblieben.

Ich konnte meine Gedanken nicht ordnen. Die Ereignisse des Tages waren zu einem zerrissenen Mosaik geworden.

Der Mord heute Morgen, den ich beobachtet hatte. Der Mordverdacht auf Alec, im Bezug zu Julie Harris, der nur aufgekommen war, weil meine Mutter verrückt und traumatisiert ist.

Meine Beichte an Victor, bezüglich meiner wahren Natur und die Tatsache, dass im Hintergrund jetzt an meiner Lüge gearbeitet wurde, die plausibel erklären würde, wieso ich erst mit fast 24 Jahren selbst erfahren habe, dass ich eine Halbvampirin bin. Nur, damit ich keine Konsequenzen deswegen bekam.

Dann Cassian, der plötzlich in meinem Haus auftauchte und mich als Informantin anwerben wollte. Mein vorrübergehender Einzug in den S.O.G-Trakt bei der AGS.

Der Streit mit Alec in der Küche. Der Kuss. Der Alarm…

In nur knapp 18 Stunden war mehr in meinem Leben passiert, als in meinem gesamten Leben insgesamt. Für diese Woche hatte ich genug. Und es war erst Montag.

Ich atmete durch. Fuhr mir müde durchs Gesicht und durchs Haar und ließ mich auf das Bett sinken. Mein Körper fühlte sich schwer an. Ich fand nicht einmal mehr die Kraft, irgendwas zu tun.

Ich wusste, dass ich mich umziehen sollte. Dass ich rüber in den Waschraum gehen- und mir die Zähne putzen musste.

Aber ich konnte nicht. Ich konnte nur dasitzen. Mein Gehirn gab die Befehle – aufzustehen und etwas zu tun – nicht an den Rest meines Körpers weiter.

Ich saß einfach nur da. Müde. Erschöpft. Starr. Nicht einmal hinlegen konnte ich mich. Ich war wie paralysiert.

Ich konnte nur sitzen und atmen. Und nicht einmal das Atmen wollte so einfach funktionieren.

Meine Atemzüge waren zu kurz. Zu flach. Meine Brust schmerzte und mein ganzer Körper war bis zum Zerreißen gespannt.

Ein Schatten tauchte in der Tür auf. Groß. Dunkel. Ich hob den Blick. Unsere Blicke trafen sich.

Und für einen Moment passierte nichts. Gar nichts. Kein Wort. Kein Schritt. Kein Atemzug zu viel.

Nur seine Augen. Bernsteinfarben. Wachsam. Irritiert.

Ich wollte etwas sagen. Ich wusste nicht was. Oder wie. Aber irgendwas wollte ich sagen. Diese Stille durchbrechen.

Aber die Worte blieben mir im Hals stecken. Meine Zunge fühlte sich schwer an. Die Luft, die ich einatmete, war dick und drückend.

Und trotzdem – da war er. Einfach nur da. Groß und fest, der Schatten, der mich nicht losließ.

Und plötzlich war er viel zu nahe. Ich saß nicht mehr auf dem Bett. Ich stand vor ihm. Ohne zu wissen, wann ich aufgestanden war. Wann ich mich auf ihm zubewegt hatte.

Und Alec blieb.

Er sah mich an. In seinem Gesicht konnte ich nichts lesen. Keine Emotion. Keine Regung. Er stand einfach nur da. Musterte mich. Als sei ich ein Rätsel, das er lösen wollte.

Ich atmete zitternd ein und bevor mein Kopf etwas anderes sagen konnte, griff ich nach ihm. Griff nach seinem Shirt und ließ mich gegen ihn sinken.

Mein Kopf ruhte an seiner Brust, während meine Finger sich in sein T-Shirt krallten, als wäre es das letzte, was mich mit der Realität verknüpfte.

Die Welt um uns verschwamm. Die Stille war schwer und drückte auf meine Brust, doch der Moment, der uns umgab, fühlte sich fast surreal an.

Alec stand still, und für einen Augenblick dachte ich, er würde sich zurückziehen, mich abwehren, aber er tat nichts. Gar nichts.

Nur das leise Geräusch seines Atems und die Wärme, die von ihm ausging, drangen durch die Fassade, die ich mir mühsam aufgebaut hatte.

Meine Finger verkrampften sich in seinem Shirt, zogen es ein Stück weiter, als wollte ich mich noch mehr an ihm festhalten, als würde er der einzige Anker in diesem Chaos sein.

Mein Kopf drückte sich fester an seine Brust, als wollte ich mich in dieser Nähe verlieren, alles andere ausblenden.

Ich konnte den Herzschlag unter meinen Ohren hören, wie er ruhig und konstant pochte.

Ich fühlte, wie sich die Anspannung in mir löste – nicht alles, aber genug.

Der Schock, die Unsicherheit, die ständige Angst, sie verblassten mit jedem Moment, den ich länger in seiner Nähe verbrachte.

Ich konnte es nicht erklären. Ich wollte keine Erklärungen. Ich wusste nur, dass ich in diesem Augenblick nicht mehr weiter konnte.

Und Alec… er ließ mich nicht los. Langsam, fast zögerlich, legte er die Arme um mich.

Es war eine Geste, so vorsichtig, als wäre er sich nicht sicher, ob er mich auf diese Weise verletzen würde. Aber er hielt mich. Und das war alles, was ich brauchte.

Ich spürte seine Wärme, wie sie sich durch den Stoff unseres Shirts hindurch vermischte.

Ich konnte mich nicht erinnern, wann es begonnen hatte, so ruhig zu sein – wann der Sturm in meinem Inneren endlich zur Ruhe gekommen war.

Aber es fühlte sich an, als könnte ich bleiben. So lange, wie ich wollte.

Alec bewegte sich nicht sofort. Ich spürte nur, wie sein Atem an meiner Stirn vorbeizog, langsam und tief.

Dann spürte ich es – eine kaum merkliche Bewegung, ein leichtes Neigen seines Oberkörpers.

Seine Arme umschlossen mich fester, und mit einer fast scheuen Selbstverständlichkeit drehte er sich mit mir. Langsam, bedacht, ohne Eile. Kein Ziehen, kein Drängen. Nur Führung.

Meine Beine folgten seinem Schritt, obwohl mein Kopf kaum noch registrierte, was passierte.

Wir bewegten uns im Einklang. Zwei Schatten in einem Raum, der stiller war als die Nacht.

Die Matratze gab unter seinem Gewicht leicht nach, als er sich setzte. Erst da löste sich sein Griff. Aber nur ein Stück.

Seine Hand blieb an meinem Arm, flach aufgelegt, als wäre selbst dieser minimale Kontakt zu viel, um ihn loszulassen.

Ich stand kurz vor ihm, atmete durch. Dann ließ ich mich einfach fallen. Nicht hart. Nicht ruckartig. Ich glitt nur hinab. Neben ihn. Ein Atemzug entfernt.

Er legte sich zurück, streckte einen Arm aus und ich folgte der Bewegung, als hätte ich nie etwas anderes gekannt.

Kein Wort. Kein Blick. Nur das gleichmäßige Heben und Senken seiner Brust neben mir. Die Wärme, die sich über die wenigen Zentimeter hinweg ausbreitete.

Mein Kopf fand wieder den Weg zu seiner Schulter. Seine Hand zu meinem Rücken. Flach und ruhig. Und sicher.

Und plötzlich war es, als würde alles stillstehen. Die Gedanken. Der Schmerz. Der Tag. Nur dieser eine Moment zählte.

Ich wusste nicht, wie viel Zeit verging. Ob es Minuten waren oder die halbe Nacht. Aber es spielte keine Rolle.

Die Welt draußen war weit weg. Die Geräusche, die Fragen, das Chaos – alles schien in Watte gepackt.

Seine Hand bewegte sich kein Stück. Sie blieb an meinem Rücken, still und warm, wie ein Versprechen, das keiner von uns laut aussprach.

Ich atmete flacher. Tiefer. Gleichmäßiger. Und irgendwann begann mein Körper zu kapitulieren. Nicht aus Schwäche, sondern weil ich es endlich durfte.

Ich wusste nicht, ob Alec noch wach war. Ob er mit offenen Augen an die Decke starrte oder die Augen geschlossen hielt.

Aber ich spürte ihn. Und das reichte.