~1. Zwischen Kisten und Neubeginn~
~Bella~
Ich sitze auf meinem Bett und starre die Umzugskartons an, als hätten sie mich persönlich beleidigt.
Sie stehen überall. Neben dem Schrank. Vor der Kommode. Zwei direkt vor der Tür, sodass ich sie jedes Mal umrunden muss, wenn ich ins Bad will. Als wollten sie mich daran erinnern, dass ich hier noch nicht angekommen bin. Dass nichts wirklich meins ist. Noch nicht.
Vielleicht packe ich sie deshalb so ungern aus.
Solange alles in Kisten steckt, fühlt sich dieses Leben hier noch nicht endgültig an. Noch nicht entschieden.
Vor einer Woche sind wir aus Chicago nach New York gezogen. Na ja, nicht direkt New York. Eine Vorstadt. Gepflegte Straßen, kleine Parks, Häuser mit Vorgärten und Zäunen, die so aussehen, als hätte sie jemand extra für ein Werbefoto aufgestellt. Die Sorte Gegend, in der alles ordentlich wirkt, selbst wenn man genauer hinsieht.
Der Grund für den Umzug war schnell erklärt gewesen. Ein besserer Job für meinen Vater. Antonio De Santis. Mehr Verantwortung, mehr Geld, mehr Zukunft. So hatte er es genannt.
Als wäre Zukunft etwas, das man einfach irgendwo neu anfangen kann.
Für meine Mom, Jill, änderte sich kaum etwas. Sie konnte von überall arbeiten, solange ihr Laptop funktionierte und ihre Videokonferenzen stabil liefen. Ihre Firma hatte Zweigstellen in halb Amerika. Für sie war New York nur ein anderer Hintergrund auf dem Bildschirm.
Für mich war es alles.
In einer Woche beginnt die Schule.
Der Gedanke legt sich schwer auf meine Brust. Ich lasse mich rücklings aufs Bett fallen und starre an die Decke. Sie ist weiß. Zu weiß. Glatt und leer, ohne Risse, ohne Geschichte. Noch nichts davon gehört mir.
Vielleicht stört mich genau das. Dass dieser Raum noch nichts über mich weiß.
„Okay“, murmele ich leise. „Reiß dich zusammen, Bella.“
Ich greife nach der Fernbedienung und schalte den Fernseher ein. MTV. Musik flutet den Raum, drängt die Stille in die Ecken. Nicht zu laut, aber laut genug, um meine Gedanken zumindest für einen Moment zu übertönen.
Musik war schon immer gut darin gewesen, Dinge zu überdecken.
Ich stehe auf und reiße den ersten Karton auf. CDs. Viele davon. Ich hole sie einzeln heraus, streiche kurz über die Hüllen, bevor ich sie ins Regal stelle. Einige kenne ich auswendig. Songs, die mich durch schlechte Tage getragen haben. Durch Langeweile. Durch Nächte, in denen ich nicht wusste, wohin mit mir.
Der nächste Karton ist schwerer. Bücher. Ich staple sie auf dem Boden, sortiere sie grob nach Größe. Einige sind zerlesen, andere fast neu. Geschichten, in die man fliehen kann, wenn alles andere zu laut wird.
Vielleicht brauche ich sie hier mehr als je zuvor.
Ein flacher Karton kommt zum Vorschein.
Poster.
Ich breite sie auf dem Bett aus. Rockbands. Schwarz-weiße Motive. Bühnenlichter, verschwommene Silhouetten, Gitarrenhälse. Dinge, die nach Freiheit aussehen. Ich nehme ein Stück Tape, stelle mich auf die Zehenspitzen und klebe sie an die Wand. Schief. Unperfekt.
Genau richtig.
Die weiße Wand verschwindet langsam. Und mit ihr dieses sterile Gefühl, das mich seit Tagen begleitet.
Ich hole die Lichterkette aus dem Karton, entwirre sie mühsam und hänge sie über das Kopfende des Bettes. Sie fällt locker über die Poster, wirft weiche Schatten. Als ich den Stecker einstecke, wird der Raum sofort wärmer.
Nicht perfekt. Aber näher.
Ein weiterer Karton. Bilder.
Chicago. Meine Freunde. Arme umeinandergelegt, Lachen, das man fast hören kann. Ich halte ein Foto länger fest als die anderen. Schlucke.
Ich stelle zwei davon auf den Nachttisch. Der Rest wandert in die Schublade. Ich kann sie jetzt nicht alle ansehen. Noch nicht.
Dann ist da meine Gitarre.
Vorsichtig öffne ich den Koffer und nehme sie heraus. Das Gewicht ist vertraut. Der Geruch nach Holz und Metall auch. Ich fahre mit den Fingern über die Saiten, lasse sie leise klingen.
Solange ich spiele, erwartet niemand etwas von mir.
Die Musik fragt nicht, ob ich dazugehöre.
Ich stelle die Gitarre neben mein Bett. So, dass ich sie jederzeit greifen kann.
Kleidung ist der letzte Karton. Jeans, Bandshirts, Hoodies. Ich hänge einiges in den Schrank, werfe anderes achtlos auf den Stuhl. Nach und nach verändert sich der Raum. Er wird voller. Wärmer. Persönlicher.
Er wird mein Rückzugsort.
Als ich fertig bin, klappe ich die leeren Kartons zusammen und stelle sie auf den Flur. Das Haus ist still.
Zu still.
Aber das bin ich gewohnt.
Meine Eltern sind selten früh zu Hause. Meist arbeiten sie länger, telefonieren, besprechen Dinge, die wichtiger sind als ein fünfzehnjähriges Mädchen, das versucht, irgendwo anzukommen. Sie sind keine schlechten Eltern.
Sie sind nur… beschäftigt.
Ich setze mich wieder aufs Bett, ziehe die Gitarre zu mir heran und spiele ein paar Akkorde. Nichts Konkretes. Nur etwas, das meine Finger beruhigt und meinen Kopf ein wenig leerer macht. Die Musik trägt mich weg von den Fragen, die ich mir sonst nicht stellen will.
Ein Klopfen an der Tür.
„Bella?“
Die Stimme meines Vaters.
„Ja?“
Er steckt den Kopf herein und lächelt. „Buona sera, principessa.“
„Buona sera, Papà.“
Sein Blick wandert durch den Raum. Die Poster. Die Lichterkette. Die Gitarre. „Jetzt sieht es nach dir aus.“
Der Satz bleibt hängen.
Nach dir.
Von unten ruft meine Mutter: „Antonio! Sag ihr, sie soll schlafen gehen, es ist spät!“
Mein Vater seufzt leise, beugt sich zu mir und küsst mir die Stirn. „Buona notte, Bella.“
„Notte.“
Als er geht, wird es wieder ruhig.
Ich stelle die Gitarre beiseite, schalte die Lichterkette aus und lege mich aufs Bett. Durch das Fenster fällt das Licht der Straßenlaterne. Es ist fremd. Aber nicht unangenehm.
Neue Stadt.
Neue Leute.
Neue Schule.
Ich hasse dieses Gefühl. Dieses Warten auf etwas, das man nicht kontrollieren kann.
Ich würde es niemals laut sagen, aber ich bin nervös. Nicht ein bisschen. Richtig.
Was, wenn ich keinen Anschluss finde?
Was, wenn ich hier einfach unsichtbar werde?
Ich ziehe die Decke höher und atme tief ein.
Noch eine Woche.
Nur noch eine Woche, bis alles neu beginnt.
Oder alles schiefgeht.