Prolog
Die Dunkelheit im Blackwood Forest war nie einfach nur die Abwesenheit von Licht. Sie war eine Präsenz. Sie legte sich wie ein schweres, feuchtes Tuch über das alte Haus am Waldrand und schluckte jedes Geräusch, bis auf das unheimliche Knacken der Äste, das viel zu rhythmisch klang, um vom Wind zu stammen.
Ich stand am Küchenfenster, die Finger so fest um meine Teetasse geklammert, dass meine Knöchel weiß hervortraten. In der Spiegelung der dunklen Scheibe wirkte mein Gesicht blass, die blau-türkisen Augen geweitet vor einer Angst, die ich mir selbst nicht eingestehen wollte.
Da war jemand.
Ich spürte es im Nacken. Dieses Kribbeln, das jedes Mal auftauchte, sobald die Sonne hinter den massiven Tannen verschwand. Es war kein flüchtiger Blick, es war ein Starren. Ein unnachgiebiges, schweres Gewicht, das aus dem tiefen Schwarz des Unterholzes auf mich drückte.
„Du wirst verrückt, Mavis”, flüsterte ich mir selbst zu, doch meine Stimme zitterte. „Es ist die Stille. Zu viele Geschichten, zu viele Krimis in deinem Laden. Du bildest dir das nur ein.”
Ich versuchte, rational zu bleiben. Ich liebte meine Bücher, ich glaubte an Logik und geschriebene Worte. In meinem Buchladen in der Stadt war die Welt überschaubar, sortiert nach Genres und Autoren. Aber hier, an der Grenze zum Wald, schienen die Regeln der Logik zu verschwimmen. Wie erklärte man sich das Gefühl, dass die Luft im Raum dünner wurde, sobald man allein war? Gestern Morgen hatte ich diese schweren Stiefelabdrücke im weichen Gartenboden gefunden, direkt unter meinem Schlafzimmerfenster. Sie waren zu groß für einen Wanderer und zu gezielt für einen Zufall.
Ich löschte das Licht in der Küche, um besser nach draußen sehen zu können. Sofort traten die Umrisse der Bäume schärfer hervor. Ich hielt den Atem an, bis meine Lungen brannten.
Und dann sah ich es wieder.
Nur eine Bewegung, eine massivere Dunkelheit als der Rest, die zwischen den Stämmen verschwand, bevor ich sie fixieren konnte. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen wie ein gefangener Vogel. Er war dort draußen. Er beobachtete mich. Er wusste, wann ich den Laden abschloss, wann ich nach Hause fuhr und wie ich meinen Tee trank. Er war wie ein Geist, ein Stalker, der keine Spuren hinterließ, außer der nackten Panik in meinem Kopf.
„Wer bist du?“, hauchte ich gegen die Scheibe, während mein Atem einen feinen Nebel auf dem Glas hinterließ.
Draußen rührte sich nichts. Der Wald schwieg, als würde er den Atem anhalten. Doch tief in mir wusste ich: Das hier war keine Einbildung. Irgendjemand da draußen hatte mich zu seinem Ziel gemacht.
Ich ahnte nicht, dass der Mann im Wald – James – selbst ein Gefangener seines Selbst war. Ein Schatten, der mich nicht jagte, um mich zu verletzen, sondern um über das einzige Licht zu wachen, das er in seiner Dunkelheit noch finden konnte.