Das Letzte Flumin

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Summary

Die Welt stirbt. Die Flumin, leuchtende Kugeln, die einst das Land nährten, verschwinden und hinterlassen nichts als eine herannahende Dunkelheit, die alles auf ihrem Weg verschlingt. Kalimo, ein junger Ssar’tis, weigert sich, das Unvermeidliche zu akzeptieren. Während Angst und Verzweiflung sein Volk ergreifen, sucht er Antworten bei seinem Mentor, seinen Freunden und im verklingenden Flüstern uralter Legenden.

Status
Complete
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
16+

Chapter 1

Kalimo betrachtete das Gewässer. Er war zu seinem Lieblingsplatz in ganz Varhain, seinem Zuhause, gegangen. Ganz allein – denn viele Gedanken plagten ihn, und es lag ihm fern, jemanden damit zu nerven, auch wenn ihm all die Fragen nur zu gerne alle auf einmal auf der Zunge lagen, als ob sie nach einer Stimme suchten, die sie aussprachen.

Der Lavanda-Teich lag bezaubernd wie eh und je vor ihm. Dies lag nicht zuletzt an seiner prächtigen violetten Farbe, sondern auch an den leuchtenden Flumin, die seit Kalimo sich erinnern konnte, vom Himmel glitten. Hell und still, wie zahlreiche kleine Sonnen, tanzten sie hinab, berührten den Boden und nährten ihn mit Energie und Wärme. Er liebte das leichte Kribbeln in der schwarzen kleinen Hand, wenn man sie berührte – hütete sich aber davor, zu viele auf einmal einzusammeln, denn die hübschen Kugeln konnten auch ziemlich zwicken, wenn man sie bei ihrer gewohnten Arbeit zu lange störte.

Jedenfalls fiel es ihm heute schwerer als sonst, den Anblick all der schönen Dinge, die ihn umgaben, zu genießen. Und dies war auch berechtigt. Varhain war in Gefahr.

„Hallo, Kalimo“, durchbrach eine etwas brüchige Stimme seinen Gedankenstrom. Brüchig, aber keinesfalls fremd. Es war Dantak, Kalimos Lieblings-Opa. Er war nicht wirklich sein Opa, verbrachte aber seit Kalimos Geburt viel Zeit mit ihm. Kalimo fand, Dantak sei von allen der Weiseste, und es gab keine einzige Situation, in der sich Kalimo nicht wohl in Dantaks Nähe fühlte.

„Darf ich mich setzen?“ fragte Dantak, während er seine Arme vor der blauen Robe auf Hüfthöhe verschränkte – seine Lieblingspose.

Kalimo nickte. Eigentlich wollte er ja allein sein, aber insgeheim war er froh über die Gesellschaft. Also nahm Dantak auf der mit ssar’tischen Runen verzierten Eibenholzbank Platz und blickte gemeinsam mit Kalimo zu den Flumin-Kugeln hoch.

„Ist es wahr? Werden die Flumin alle fortgehen?“ Dantak war auf diese Frage vorbereitet. Er hatte sich gewünscht, dass Kalimo mit ihm über die drohenden Ereignisse sprechen würde.

Der Alte suchte nach den passenden Worten. Sein sonst schon vor lauter Alterskerben übersäter Schädel wirkte nun, als hätte er noch 100 Jahre mehr auf dem Buckel. Kalimos hingegen glänzte beinahe im Licht der Flumin, und auch seine kleinen weißen Punktaugen, die aus den Augenhöhlen schienen, waren noch ohne die graue Trübnis, die alle Leidenden früher oder später befiel. Dantak strich über seinen langen, weißen Filzbart, der dort aus dem Schädel quoll, wo eigentlich der Unterkiefer war – aber die Ssar’tis kannten so etwas nicht.

Denn ihre Stimme setzte keine Mundbewegungen oder Stimmbänder voraus. Vielmehr entsprang sie direkt ihren Gedanken, wenn die Leute sie mitteilen wollten.

„Ja, Kalimo.. Ich glaube, dass sich die Zeit der Flumin nun dem Ende neigt.“

Es fiel ihm schwer, die Worte auszusprechen. Sollte man einem Kind die Realität vorenthalten – beschönigen, wo doch der leidvolle Lauf der Dinge dennoch eintreten würde? Man musste die Dinge beim Namen nennen. Schluss mit Träumereien und Halbwahrheiten. Kalimo legte die Hände auf seine kurzen Beinchen und ließ Dantaks Worte einsinken.

„Im schlichten Sein gibt es keine Fairness“, fuhr Dantak fort. „Denn im schlichten Sein gibt es niemanden, der das Sein in Frage stellt. Lass ab von der Geschichte, die das Leben dichtest, und sei in deiner Präsenz verankert. Ich möchte, dass du und ich gemeinsam die Stille einladen, auf dass auch sie uns willkommen heißt und uns nach Hause begleitet. Verstehst du das?“

Kalimo nickte etwas unbeholfen.

„Aber.. Ich habe solche Angst..“

„Dann habe Angst, Kalimo. Lass uns zusammen das Gefühl spüren und ihm den Raum geben, den es möchte – ich mein eigenes und du deines. Ohne uns das Gefühl, unangenehm wie es sein mag, in den Kopf steigen zu lassen. Bereit?“

Für eine Minute saßen sie ruhig nebeneinander. Sie lauschten den umliegenden Geräuschen: dem Rascheln des sanften Luftzugs in den Blättern, den Stimmen aus der Dunkelheit sowie dem Rauschen, das diese untermalte. Sie sahen die fallenden Flumin und kicherten über den Tivus, der sich am Kopf rieb. Und sie fühlten ihr Inneres, ohne es zu bewerten, und gaben den Dingen die Erlaubnis – gestanden den Dingen ihre Berechtigung zu, das Sein mit ihnen zu teilen.

Dantak wusste, dass es vielleicht etwas viel war, für einen Jungen all diese Dinge zu verstehen und auch umsetzen zu können. Der Kampf würde für Kalimo jetzt darin bestehen, den Kampf aufzugeben. Und Dantak wusste, wie er damit zu kämpfen hatte, als er jung war und versuchte, das Leben zu verstehen – scheiterte, wieder hochkam und wieder scheiterte. All die Zustände jenseits des Erträglichen. Diese Wut. Diese Angst. Die Suche nach einem Weg, aus diesem Alptraum zu entfliehen. Und die Kraft, seinen Widerstand im Keim zu ersticken, jedes Mal, wenn die innere Stimme – die Stimme im Kopf – mit Beschwerde um die Ecke kam und ihn wahnsinnig machte. Und nun die schwerste Hürde von allen: dem Tod – dem Ende – mit Neutralität zu begegnen. Seine Rolle als Gast der Existenz aufzugeben und zum Ursprung zurückzukehren, wo auch immer der war.

„Und wie fühlst du dich?“ fragte Dantak nach einer Weile.

„Unangenehm.. Ängstlich..“

„Bist du der Angst unterworfen?“

Kalimo zuckte mit den Schultern.

„Nein, ich glaube nicht.“

„Glaubst du es nicht zu sein, oder bist du es nicht, wenn du der Angst Raum gibst?“

„Ich bin es nicht.“, antwortete Kalimo nun etwas sicherer.

Dantak schmunzelte und strich dem Jungen über die Stirn.

„Gut, mein Junge. Du siehst: Die Realität ist sehr schlicht, das Komplizierte tun wir dazu. Wir müssen lernen, mehr anwesend zu sein, wenn unser Verstand Geschichten über das Leben, Beziehungen, Situationen, Leute und so weiter bastelt. Denn wenn diese Geschichte, die nicht der Wahrheit entspricht, eine blöde Geschichte ist, dann leiden wir.

Unser Körper kennt nur die Gegenwart. Wenn wir uns gedanklich ständig in eine nicht existente Vergangenheit oder Zukunft projizieren, reagiert er so, als wäre es bereits Realität. Diese Selbstgespräche als Geschichte zu erkennen, durch deren Filter wir unser Leben erfahren, ist der Schlüssel. Kein “mir wurde das angetan” oder “ich habe ihm das angetan”. Keine Angst, kein Grauen und schließlich.. kein Tod. Physisch vielleicht, doch wir als Bewusstsein – das den Körper wahrnimmt, das Sehen, Hören und Fühlen erfährt und sich seiner schlichten Präsenz bewusst ist – verbinden uns wieder zur Gänze mit dem Ursprung.

Kalimo schnaubte und ließ seinen verträumten Blick zu einem der nahegelegenen Dalrot-Bäume wandern, deren hübsche Blätter in Gelb- und Orangetönen leuchteten. Ein Sarut-Hörnchen flitzte, geschmeidig wie ein Akrobat, den schwarzen Stamm hinauf. Es steckte sein Köpfchen aus dem Laub, streckte ein Ärmchen aus und tastete angestrengt nach einer Akara – einer leckeren Nuss mit blutroter Schale.

Das Hörnchen brachte die Akara auf einen geeigneten Ast, öffnete geschickt die Schale und warf sie dann wie selbstverständlich rücklings über die Schulter. Kalimo beobachtete genau, wie Dantak die Flugbahn des Geschosses verdutzt verfolgte. Mit einem lauten Plopp landete ein Tivus – ein kleines Vogelwesen – getroffen und benommen im seichten Nass. Die beiden Zuschauer griffen sich synchron an die Stirn und schüttelten die Köpfe, belustigt und voller Mitgefühl für den verwirrten Tivus.

Nach einer kurzen Minute des Beileids wandte sich Kalimo wieder an Dantak.

„Ich möchte trotzdem noch eine Weile bleiben dürfen.“

Dantak nickte warmherzig.

„Das verstehe ich, mein Junge“, sagte er und legte Kalimo tröstend einen Arm um die Schultern. Er drückte ihn ein paar Mal leicht an sich, um ihm Trost zu spenden – ihm das Gefühl zu geben, dass er nicht allein war.

„Dann lass uns genau das tun - Noch eine Weile hier bleiben.“

Doch die Stunden, nachdem Kalimo den Alten verlassen hatte, waren nicht leicht. Immer wieder drang eine Stimme durch die Hintertür seines Bewusstseins: „Wir werden sterben! Mama und Papa werden sterben! Du wirst niemals wieder den Teich besuchen, niemals erwachsen werden. Es sollte anders sein. Wir müssen etwas unternehmen, es ist noch nicht zu spät!“ Kalimo tat sich schwer, dieser Stimme nicht zu glauben. Schließlich würde sein Leben irgendwann enden, und..

Nein, stopp! Wieder unterbrach er die Stimme und suchte erneut Akzeptanz und Frieden im Hier und Jetzt. Doch er wechselte ständig von einem Zustand der Angst zu einem des totalen Widerstands – wo Wut und Unverständnis, Sorge und Panik aufeinandertrafen.

Könnte es jetzt schon zu Ende sein?

Diese furchtbare Vorstellung, hilflos der Endlichkeit unterworfen zu sein, war zu viel für jedes Gemüt. Kalimo verscheuchte die unerträglichen Bilder und entschied sich stattdessen für einen anderen Gedanken. Sofort ploppte Mavis Gesicht vor seinem inneren Auge auf – diese hübschen, leicht bläulichen Augenpunkte, die schmale Form ihres zarten Schädels mit den hohen Wangenknochen.

Und ihre Stimme.. Die Worte, die sie gestern gesprochen hatte, keimten in seinem Kopf, getragen von ihrer leicht knisternden, ruhigen Stimme:

„Wenn du mich mal besuchen willst, denke ich, mein Papa hätte nichts dagegen. Schließlich bist du ja ganz süß – aber vergiss nicht, mir eine der Talmut-Blüten mitzubringen. Die duften besser, wenn man sie geschenkt bekommt.“

Die Blüte! Die blöde Blüte hatte er ganz vergessen. Also bog Kalimo vor dem Ashmar-Turm, dem Wachtturm der Miliz, nach rechts ab, statt nach links – wo es zum Machurtal ging. Dort, vor dem gewaltigen Tor, wuchsen die Talmut-Blüten. Das wusste er genau, obwohl er sich eigentlich gar nicht dort herumtreiben durfte.

Die Wachsoldaten – alle in silbern glänzenden Rüstungsplatten und mit magischen Roben bekleidet – beachteten ihn kaum. Sie waren viel zu beschäftigt, aufgeregt hin und her zu wuseln. Was die wohl wieder planen?, fragte sich Kalimo, als er an ihnen vorbeiging.

Doch selbst wenn sie etwas planten – was würde es schon ändern an der Tatsache, dass das Ende bereits in Sichtweite war?

Als er den Hang hinunterging, zum großen Tor, blickte er in die Ferne. Die Finsternis schien bereits ein Stück näher. Die Stimmen, begleitet von diesem unheimlichen Grollen, durchdrangen das ganze Tal.

Das Gelände, bestehend aus hellgelbem, flumingetränktem Gras, das wie eine leuchtende Oase aus der schwarzen Erde hervorstach, sowie aus zerfallenen Ruinen, Hügeln und Kluften, schien die drohenden Klänge in sich aufzusaugen.

Kalimo sputete sich. Er wollte so schnell wie möglich von diesem erschreckenden Anblick weg. Im Laufschritt griff er nach einer Talmut-Blüte, die aus der Mauer ragte, und suchte das Weite, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Wieder am Turm angekommen, nahm er diesmal den anderen Weg. Schon nach wenigen Minuten wurde Mavis Behausung sichtbar. Wie bei allen Ssar’Tis war es eine in den Boden gegrabene Höhle, ausgekleidet mit massiven Mauern.

Mavis Vater – ein großgewachsener Mann mit einem freundlichen Gesicht und einfacher, ländlicher Garderobe – bearbeitete gerade den Garten. Mit einer Spitzhacke grub er zwischen bläulichen Chascheas-Blumen, deren Oberfläche von feinen schwarzen Äderchen durchzogen war.

„Hey, Mr. Novun! Was machen Sie da?“ rief Kalimo.

Der Mann ließ von seiner Arbeit ab und grüßte Kalimo mit einem langgezogenen, hohen Ton, der Wohlwollen signalisierte.

„Tag, Kalimo, schön dich zu sehen. Ich ernte gerade den Chascheas. Siehst du, wie kräftig und prächtig die Pflanzen sind?“

„Ja, die sehen wirklich schmackhaft aus. Wird daraus nicht das Geshkj gewonnen? Aber warum ernten Sie sie mit einer Hacke?“

Novun lachte herzhaft auf. „Haha, ja, du hast recht. Daraus machen wir auch Geshkj – aber das ist nichts für kleine Jungen. Ohne das Machur-Ritual, wenn du reif bist, würde dich das Zeug glatt von den Stelzen hauen! Haha! Die Hacke brauche ich, weil diese Pflanzen so fest im Boden verankert sind. Siehst du?“ Er zog demonstrativ an einer der Blumen, die sich kaum bewegen ließ.

„Puh, ja, alles klar..“ murmelte Kalimo.

Novun musterte ihn. Die Ssar’Tis konnten zwar ihre Gesichtszüge nicht verändern, doch sie hatten ein feines Gespür für die Gefühlslage ihres Gegenübers.

„Wie geht es dir, Kalimo? Denkst du oft an das Grauen?“

Kalimo zuckte mit den Schultern. „Eher an die Flumin. Es macht mich traurig und wütend, dass ich nichts tun kann.“

Novun nickte nachdenklich. „Glaubst du, dass es wirklich zu Ende ist? Für immer? Alles?“ fragte Kalimo schließlich.

Beide ließen sich kurz von einem nahe herabfallenden Flumin ablenken, bevor Novun antwortete:

„Nein, Junge, das glaube ich nicht. Weißt du, wir alle sind Energie – das Leben selbst. Du wirfst irgendwas achtlos in die Luft, und plötzlich entstehen kleine Bakterien oder weiß der Machur was noch alles. Das Leben findet immer einen Weg, weil es gelebt werden will.“

„Sehen Sie das als den Sinn? Den Sinn des Lebens?“ fragte Kalimo neugierig.

Novun nickte. „Ja, ich denke, das ist der Sinn – sein Leben bewusst zu leben. Wenn man das in den Vordergrund stellt, erübrigt sich jede weitere Suche nach einem sekundären Sinn, verstehst du?“

Kalimo kicherte. „Sie sind fast so weise wie Dantak.“

Novun verbeugte sich leicht und grinste. „Vielen Dank. Aber jetzt hopp, hopp – du willst doch sicher zu Mavi hinunter. Sie bastelt gerade aus Flumin-Knetmasse einen Diroden-Schrat! Weißt du schon, diese seltsamen Baumwesen aus der Cad’Wait-Legende. Keine Ahnung, was Mavi an diesen Dingern so faszinierend findet! Haha!“

Kalimo lachte kurz und verabschiedete sich. Er begab sich in den Untergrund hinab, wo Mavis Behausung lag. Als er die Talmut-Blüte hervorholte und sich auf den Moment konzentrierte, sie Mavi zu schenken, veränderte sich die Blüte. Ihr braunes, verwelktes Aussehen wandelte sich in ein lebendiges Perlweiß, und ein sanfter, betörender Duft erfüllte die Behausung.

Der Gang, zu dem man abzweigen konnte, war beleuchtet durch jeweils eine Fackel vor den offenen Türen. Grünes Feuer loderte wie in Zeitlupe aus an der Wand befestigten Merudrit-Halterungen – ein nicht sehr wertvolles, aber gut zu verarbeitendes Metall von pechschwarzer Farbe. Die Flammen selbst waren Amnar-erzeugt – ein schwächlicher Zauber, den Kalimo womöglich sogar ohne das Ritual hätte hinkriegen können. Er fuhr beim Vorbeigehen mit einer Hand durch das Feuer, wodurch sich das grüne Licht kurz verwischte, dann aber gleich wieder in seine Ursprungsposition zurückschreckte.

„Schon 13 Jahre alt und noch immer kindisch am Rumalbern. Hast du in der Abtei noch nicht gelernt, dass man nicht mit Feuer spielt?“

Mavi stand plötzlich hinter ihm und erwischte ihn ertappt. Kalimo versuchte einen Konter:

„Ich.. ähhh.. habe nur die Qualität des Zaubers überprüft.“

Mavi stemmte die Arme in ihre zierliche Hüfte und legte den Kopf schräg. Es sah unheimlich aus, wie sich das Licht der Flammen auf ihrem Gesicht bewegte. Der Konter schlug fehl.

„Faule Ausreden. Mein Papa zaubert wie Haradras, der Knochenbändiger – ein Klacks, diese Flammen“, meinte Mavi trocken und fügte nach einer kleinen Schweigepause hinzu:

„Aber schön, dass du gekommen bist. Folge mir – ich zeige dir etwas Interessantes. Wirklich Interessantes.“

Kalimo zuckte ergeben mit den Schultern und folgte seiner Angebeteten, deren aschgraues Abendkleid über den braunen Novizen-Stiefeln flatterte. Mavi war bereits 15 und hatte das Ritual hinter sich, was sie dazu ermächtigte, die Amnar-Magie zu wirken. Nicht wie die Jungen, die als Prüfung tief ins Machurtal vordringen und verschiedene Hindernisse überwinden mussten, sondern lediglich durch einen theoretischen Eignungstest. Die Richtungen, in die eine Magierkarriere danach verlaufen konnte, waren zahlreich. Es hing nur davon ab, zu welcher Art des Amnar man sich hingezogen fühlte.

Bis das Sterben der Flumin allem einen Riegel vorschob und eine alles in sich hineinsaugende Dunkelheit gnadenlos Land für Land verschlang. Noch waren sie übrig – die letzten Ssar’tis im Lande Mualora.

Kalimo betrat das angenehm düstere Zimmer und sah sich um. Hier und da stand eine Lampe, in deren Innerem winzige Lichtfalter ihr prismatisch-blaues Licht ausstrahlten. Dieses beleuchtete einen Tisch in der linken Ecke des Raumes, auf dem das Baumviech stand – die Skulptur des Baumviechs, wie Novun es genannt hatte.

Ehrfürchtig trat Kalimo an den Tisch heran und betrachtete das Wesen. Unverkennbar ein Diroden-Schrat. Mavi hatte wirklich Talent. Die Figur war ungefähr 25 Zentimeter groß und bestand aus einem ineinandergreifenden Wurzelkörper. Die winzigen Knopfäuglein leuchteten in regelmäßigen Abständen hellgrün auf, während die vier dünnen Ärmchen vor dem Körper gehalten waren, als wolle es zeigen, wie furchteinflößend es sein konnte.

„Ich kenne mich mit der Legende nicht so gut aus, glaube aber, irgendwo gelesen zu haben, dass die Seelen der Schrate nach ihrem Tod zu neuen Baumarten auf fremden Planeten werden. Ist das wahr?“, fragte Kalimo und blickte zu Mavi, die sich auf ihr Bett unweit des Tisches gesetzt hatte.

„Naja.. ob es wahr ist, ist schwer zu sagen – schließlich ist es eine Legende. Aber um dir ein wenig auf die Sprünge zu helfen, hier die Legende der Cad ’Wait – die vier Weltenbäume.“

Mavi setzte sich aufrecht hin, als wolle sie gleich ein Referat halten. Kaliko kicherte, dann hörte er gehorsam zu nachdem Mavi seine Belustigung mit einem düsteren Blick quittierte.

„Am Anfang war der Planet von schwarzer Leere umgeben. Kein Leben, keine Pflanzen und keine Magie. Doch es war Hilfe unterwegs. Aus dem All schossen – woher genau, ist nicht bekannt – vier riesige Samen auf den Planeten zu und krachten auf ihn nieder. Ganz ohne Licht, Wasser oder irgendetwas anderes sprossen diese Samen trotzdem, denn sie waren gekommen, um zu helfen, und wussten um den schlechten Zustand von Utajus.

Der erste Baum, der spross, Flyr genannt, flutete nach Jahrtausenden des Heranwachsens die Welt mit seinen Lichtern, die wir heute als Flumin kennen. Jetzt, da es Licht gab, kam Kour ins Spiel und durchdrang den Erdboden mit seiner Macht. Und siehe da: Pflanzen, Wälder, Seen und vieles mehr entstanden.

Danach war Dessya an der Reihe. Sie war für die Lebewesen zuständig, von denen die Diroden-Schrate ihre ersten kleinen Helferlein waren. Diese sollten sich um Kour’s wunderschöne Flora kümmern. Indvur, der letzte Weltenbaum, erfüllte Utajus Atmosphäre schließlich mit dem Amnar – jener Magie, die uns zur Verfügung steht, um mit der Welt und den Elementen zu interagieren.

Naja, äh.. das war’s. Jedenfalls, falls du die Legende unseres Planeten noch nicht verschlafen hast“, fügte sie hinzu. Kalimo hob entschuldigend die Arme. "Okay, okay, du hast gewonnen!", fügte er lachend hinzu und gab sich geschlagen.

Sie lachten lange, und für einen Moment war alles in Ordnung, so wie es war. Doch wo Freude ist, ist die Trauer nicht fern, und plötzlich begann Mavi zu weinen. Kalimo setzte sich zu ihr aufs Bett und nahm sie in den Arm.

„Unsere schöne Welt..“, schluchzte Mavi, während gelblich schimmernde Tränen über ihre Wangenknochen rollten. „Ich fühle mich so schrecklich, wenn ich nur an meinen Papa denke – an Mrs. Gavar.. Die anderen in der Schule.. Dantak und.. und.. einfach alles. Kalimo, alles endet. Alles stirbt. Was sollen wir nur machen?“

Kalimo keuchte. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Es war unvorstellbar. Ihm erschienen die Tage immer so selbstverständlich, und jetzt sollte das alles einfach.. im Nichts verschwinden? Kein Herumsitzen auf Bänken an idyllischen Teichen. Keine Geschichten und Legenden mehr. Keine Nahrung, keine Gespräche, keine Kunst, kein Lieben, kein Hassen.. keine Flumin. Kein Leben. Oder?

„Glaubst du… glaubst du, dass wir wiederkommen? Anderswo? Irgendwann? Irgendwie?“, wollte Mavi wissen.

Kalimo überlegte lange, bevor er antwortete.

„Hm.. Dein Papa hat mir vorhin gesagt, das Leben fände einen Weg. Und ich glaube, dass das stimmt. Wir sollten auf das Leben vertrauen.“

Er hoffte, dass er Mavi damit ein wenig Kraft geben konnte. Sie drückte ihn an sich und flüsterte: „Ich bin froh, dass du hier bei mir bist. Wirst du bleiben, bis es vorüber ist?“

Natürlich würde er das, dachte er. Doch bevor er es aussprechen konnte, ertönte von draußen eine Stimme. Aufgebracht. Besorgt. Zornig.

„Nein, habe ich gesagt! Ich erlaube es nicht!“

Die beiden warfen sich erschrockene Blicke zu. Dann rannten sie nach oben, um zu sehen, was vor sich ging.

Vor ihnen stand Mavis Vater, breitbeinig, angespannt, und blickte drei vermummten Gestalten entgegen. Sie trugen schwarze Roben, die von Rissen und Schmutz übersät waren. Ihre Kapuzen hingen tief in die Gesichter, und Tücher verdeckten ihre nicht vorhandenen Münder. Nur die Augen waren zu sehen – und diese glommen voller Bosheit.

Doch Kalimo wusste trotzdem, wer die drei waren. Er erkannte sie sofort. Nicht an ihrer schmächtigen Statur oder den Roben, sondern an der kratzigen Stimme des Anführers in der Mitte.

Als Tyrn sprach, richtete er sich direkt an Mavi und Kalimo, die gerade in sein Blickfeld traten. „Oh, da haben wir sie ja – das Töchterchen.. und ihren Schwächling-Freund hat sie auch noch gleich mitgebracht. Wie süß.“

Kalimos Blick wanderte zur grollenden Schwärze, die sich erneut am Horizont zusammenbraute. Sie schien sich wie eine wortwörtliche Gutenacht-Decke über das Tal zu stülpen. Es war, als ob die Welt selbst die Augen schließen wollte, bereit, endgültig zu verschwinden.

Kalimo konnte es nicht fassen. Diese drei Schläger hatten ihm gerade noch gefehlt. In der Schule hatten sie keine Gelegenheit ausgelassen, ihn zu drangsalieren, zu demütigen oder hereinzulegen. Normalerweise ließ er das an sich abprallen – Kalimo war hart im Nehmen. Aber jetzt? Als ob die Gedanken an das drohende Unheil, die bohrenden Fragen über die Existenz und den Tod nicht schon genug wären, musste er sich auch noch mit diesen Idioten herumschlagen. Doch die Antwort auf die Situation war klar: Wenn das Schicksal an die Tür klopfte, hatte man keine Wahl, als sie zu öffnen.

„Was ist los, Kleine? Hast du sonst niemanden, der dich beschützt?“, provozierte Tyrn, der Anführer der Bande. Er war der größte Kotzbrocken von allen – nicht nur gefährlich, sondern auch klug. Das machte ihn unberechenbar. Seine beiden Mitläufer, Ascar und Jassurin, die mit langen Holzknüppeln in der Hand albern vor sich hinkicherten, waren dagegen bloß einfältige Dummköpfe, die sich im fragwürdigen Ansehen ihres Anführers sonnten.

Novun trat schützend vor Kalimo und Mavi. „Jungs, ich bitte euch! Haben wir es nicht schon schwer genug? Ihr habt doch auch Familien! Warum seid ihr nicht bei euren Liebsten, wo wir doch alle an der Schwelle des Abschieds stehen?“

Kalimo hatte in diesem Moment – wie so oft – einen unpassenden Gedanken: Genau genommen war Novun auch nicht bei Mavi gewesen, sondern draußen vor dem Haus, wo er Fusel-Pflanzen geerntet hatte. Doch die flüchtige Heiterkeit, die der Gedanke mit sich brachte, wurde schnell von der düsteren Atmosphäre erstickt.

„Die haben es schon hinter sich.“, erwiderte Tyrn kühl. Für einen Moment meinte Kalimo, einen Hauch von Bedauern in dessen Stimme zu hören.

„Warum?! Was ist passiert?“, fragte Novun mit ehrlicher Anteilnahme.

„Das geht dich einen Scheißdreck an, klar?!“ Tyrn fixierte Novun mit einem stechenden Blick. „Rück jetzt die Kleine da hinter dir raus! Mit der habe ich nämlich noch ein Hühnchen zu rupfen.“ Ein schiefes Grinsen huschte über sein Gesicht, das von einem kurzen Kichern begleitet wurde.

Kalimo wusste genau, worauf Tyrn anspielte. Vor knapp einem halben Jahr hatte Mavi sich für ihn eingesetzt, als er wieder einmal von Tyrn und seinen Kumpanen schikaniert worden war. Die Sache eskalierte, und bei einem anschließenden Gespräch mit der Schulleitung wurde Tyrn samt seiner Bande vorzeitig von der Schule verwiesen.

An sich wäre das nicht weiter tragisch gewesen – schließlich war das Sterben der Flumin damals bereits bekannt. Doch Tyrns Familie reagierte auf die Geschehnisse mit heftigen Streitigkeiten. Am Ende nahmen sich seine Eltern das Leben – ohne Tyrn eine Abschiedsnachricht zu hinterlassen.

Seitdem war Tyrn von Angst, Wut und Verzweiflung zerfressen. Mavi war für ihn zum Sündenbock geworden, ein Ventil für seine Schuldzuweisungen. Wie leicht war es doch, alle Verantwortung für sein eigenes Handeln und seinen Gemütszustand auf andere abzuschieben?

„Lass gut sein, Papa", sagte Mavi, stieß den schützenden Arm ihres Vaters beiseite und ging auf die Gruppe zu. „Was sollen diese Stänkerer schon anrichten? Das Grauen wird sowieso in wenigen Stunden tun, was es tun muss."

Panik schoss wie ein Blitz durch Kalimos Adern, als von Tyrn eine furchtbare, desruktive Welle von Energie auf ihn überschwappte.

„Mavi, komm zurück!", schrie er, während Novun einige unsichere Schritte auf seine Tochter zu machte. Ein kräftiger Schlag gegen ihre Schläfe schickte sie zu Boden. Tyrn lachte wie ein Irrer, was Kalimo erschaudern ließ. So ein Lachen hatte er noch nie gehört. „Aaaahahahaa!

Mir fallen da einige Dinge ein, die wir mit dir anstellen können, Mavi!", lachte er.

„Ihr.. Ihr verfluchten Bastarde - Wie könnt ihr es wagen?!", brüllte Novun, stieß seinen Arm nach vorne und entließ einen bläulich leuchtenden Energiestoß aus seiner Handfläche. Tyrn reagierte mit einem Schildzauber der die Kugel abwehrte. Doch diese raste nun direkt auf Jassurins Gesicht zu, welcher eine Niete in Sachen Magie war. Der Angriff zerfetzte seinen Schädel samt Kapuze und schickte ihn zuckend und bruzzelnd auf den Boden.

„Scheiße, er hat Jassu getötet, Tyrn! Novun hat Jassu umgebracht!", kommentierte Ascar das Offensichtliche.

Sein spitzer Finger wies anklagend auf Novun, der entsetzt den Kopf schüttelte. „Ich... Ich...", stotterte er, und Tyrn lachte und lachte.

„Jaaa hahaha! Jaaaaa, jetzt gehen wir alle drauf! Alles, ALLES hat ein Ende!" Für einen Moment übertönte sein Lachen sogar das Grollen der schwarzen Masse, die alles zu verschlingen drohte.

Dann loderten Tyrns Hände für einen kurzen Augenblick auf, bevor Novun vor Kalimos Augen Feuer fing - Einfach so, von der einen Sekunde auf die andere. Seine Hacke fiel in den Dreck. Sein Körper folgte und er schrie, als die Flammen um seinen Schädel züngelten und seine Brust, Arme und schließlich die Beine umhüllten. Kalimo hielt sich die Hände auf die Ohren, doch es half nur wenig. Novuns Sterbelaute bohrten sich in seine Gehörgänge wie glühende Nägel - nie, nie wieder würde er diese Schreie vergessen.

Mavi lag bewusstlos neben Tyrn, der vollkommen den Verstand verloren zu haben schien, während Ascar seinen Knüppel hob und auf den sich am Boden wälzenden Novun eindrosch - wuchtig. Immer wieder, völlig gebannt in seinem rasenden Zorn.

Kalimo konnte nicht glauben, was hier passierte. Das Letzte, das er mitbekam, war der irre Tyrn, der sich ihm plötzlich mit schnellen Schritten näher. Kalimo war starr vor Entsetzen. Die Dunkelheit kam über ihn, noch bevor das Grauen die Stadt verschlungen hatte.

Lange war da nichts mehr, doch nach und nach kehrte die Wahrnehmung zu ihm zurück - tröpfchenweise, bis sich alles wieder irgendwie zu einer Welt zusammenfügte. Er rappelte sich benommen auf und sah sich um. Ein trostloser Anblick - Der Rauch kräuselte sich noch über Novuns verkohltem Korper.

Nami, Tyrn und Ascar waren verschwunden. Was das Brummen in seinem Kopf anging, konnte er zuerst nicht sagen, ob es vom Schlag herrührte, der ihn ohnmächtig zurückgelassen hatte, oder ob das Grauen unmittelbar bevorstand.

Doch als seine Sicht klarer wurde und der Gehirnnebel sich etwas verzog, wusste er es.

Wahrscheinlich hatte die Stadt nur noch einen Durchmesser von knapp einem Kilometer. Lediglich ein paar Dutzend Flumin schützten sie vor der endgültigen Vernichtung – und auch diese flackerten müde und fahl. Sie spürten das Ende, genau wie Kalimo. Die Kälte der Einsamkeit griff mit eisiger Hand nach ihm, während er mit letzter Kraft auf das einzige Gebäude zutaumelte, das noch eine Art Sicherheit vermittelte: die Bastion der Magier.

„Mavi! Maavi, wo bist du?!“ Seine verzweifelten Rufe hallten durch die verlassene Szenerie, doch keine Antwort kam. Keine Chance.

Mavi war weg. Und auch sonst schien niemand mehr da zu sein. Wahrscheinlich waren sie alle dem Grauen in die Arme gelaufen – oder hatten ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt. Jedenfalls…

Ein mächtiger Energiestrahl durchbrach die Stille.

„Aaaaaaah!“

Kalimo schrie auf und hielt sich die Hände vor die Augen, als aus der Richtung des Wachtturms ein greller Strahl aus purem Licht dem Grauen entgegen donnerte. Er sah noch, wie der Strahl in der schwarzen Wand verschwand, bevor der Angriff abrupt abbrach.

Das war also das, woran die Magier in den letzten Monaten gearbeitet hatten: eine Waffe. Eine Waffe, um die Stadt vor dem Grauen zu retten.

Doch sie scheiterten kläglich. Alles, was der Versuch bewirkte, war, dass die zuvor fast lethargische Schwärze nun aufgeschreckt wurde. Die Magier hatten etwas geweckt – etwas, das zuvor still und unbeirrt seine zerstörerische Aufgabe verrichtet hatte.

Kalimo erkannte beim genaueren Hinsehen kleine Silhouetten vor der Finsternis. Die letzten Ssar’Tis kämpften verbittert gegen die unausweichliche Vernichtung. Sie schleuderten Feuerbälle, rannten mit Mistgabeln und Kampfstöcken auf den Feind zu – einige tobend, andere schluchzend, viele flehend.

Eine Welle überwältigender Gefühle packte Kalimo, wie es selbst die Situation an sich kaum vermocht hätte. Benommen und seines Lebens unfassbar überdrüssig, setzte er einen Fuß vor den anderen. Weiter und weiter. Die Dunkelheit kroch heran, ruckartig wie eine lauernde Bestie, und zerschmetterte mit ihren schattenhaften Klauen jeden Widerstand, der sich ihr noch entgegenstellte.

Und dann… war er allein.

Umringt vom Grauen. Resigniert. Nur noch im Hier und Jetzt. Ganz im Hier. Ganz im Jetzt.

Kalimo hob seinen Kopf, blickte in den Himmel und sah ein letztes Flumin – ein kleines, zartes Licht, das Wärme und Leben spendete. Sachte sank es auf ihn herab.

Das Grauen hielt inne. Es verharrte in einem kreisrunden Abstand von etwa zehn Metern um ihn herum. Beobachtend. Wartend. Kalimo griff nach dem Flumin, kniete sich nieder und drückte es fest an seine Brust.

Es pulsierte in einem stetigen Rhythmus. Seine Wärme erfüllte Kalimo und schien ihm zu versprechen, dass alles gut werden würde – wenn er nur auf dieses eine letzte Licht in der Dunkelheit vertraute.

„Bitte…“ Er krächzte so leise, dass das Grauen ihn nicht hören konnte. „Lass mich nicht allein im Dunkeln.“

Das Flumin, dieses kleine Wunder, entfaltete seinen letzten Impuls. Langsam zerfloss es in Kalimos Händen. Doch wider Erwarten blieb etwas zurück: ein sanfter Schein, der auf seinen Fingern ruhte. Wie ein magischer Balsam drang das Licht in seine Hände ein. Er spürte ein angenehmes Kribbeln, das ihn nach und nach erfüllte, bis es schließlich hell und lebendig aus seinen Augen strahlte.

Und da wusste Kalimo, dass er bereit war. Bereit, dem Grauen entgegenzutreten – nicht mehr in blinder Angst oder mit einer verzweifelten Abscheu. Sondern mit einer inneren Einwilligung, dass das, was war, nun enden durfte.

In Kalimo war eine tiefe Liebe für jede Form der Schöpfung erwacht – für alles, was ist. Egal, welche Gestalt der Moment auch annehmen mochte. Und das Grauen war nun keines mehr. Er sah klar. Es war die andere Seite derselben Medaille. Geburt und Tod, Wachstum und Verfall, oben und unten – das alles ist im Leben inbegriffen. Doch das Leben selbst? Das hat kein Gegenteil. Es ist die Leinwand, auf der sich all die Gegensätze abspielen.

Eine Hand drang aus der Dunkelheit vor ihm hervor, dann ein dünner Arm – knorrig und grazil wie ein Ast, der aus einem Baum spross. Das Grollen war verebbt. Totale Stille umgab ihn. Die Hand streckte sich ihm entgegen, als würde sie ihn auffordern, sie zu ergreifen. Nach einem letzten, tiefen und wohltuenden Atemzug… ergriff Kalimo sie.

Irgendwo… Irgendwie… 15 Milliarden Jahre später.

„Hallo, junger Mann. Ist hier noch frei?“

Karl sah zu dem hageren, alten Mann, der urplötzlich neben ihm aufgetaucht war. Er musterte ihn kurz und nickte dann. „Klar, ist ja nicht meine Bank.“

Der Mann – ein Greis mit scharfen Gesichtszügen – lächelte freundlich und setzte sich. Wenige Minuten verstrichen, in denen die beiden Fremden schweigend nebeneinander saßen, während sie die Ruhe des Parks genossen. Vor ihnen lag ein kleiner Teich, dessen Wasseroberfläche von einigen Seerosen bedeckt war.

Irgendwo quakte ein Frosch.

„Darf ich Sie etwas fragen?“ Der Greis wandte sich an Karl. Seine hellblauen Augen funkelten wach und neugierig hinter einer runden Brille.

Karl überlegte kurz, ob er etwas Schroffes sagen sollte wie: Das tun Sie ja bereits, entschied sich dann aber für eine höflichere Antwort. „Natürlich, schießen Sie los.“

„Hmm… Kennen Sie das? Sie sitzen neben jemandem und verspüren eine seltsame Unruhe – so, als würde der andere nach etwas suchen, als ob er Ihre Energie anzapfen wollte. Aber dann gibt es da noch die andere Sorte von Menschen.“ Der Alte lächelte weise. „Die, bei denen man sich sofort entspannt fühlt, fast so, als würde man einen alten Freund treffen.“

Karl grinste und nickte. „Ja, das kenne ich. Oft sogar. Aber ich habe das nie jemandem erzählt.“

„Nun,“ sagte der Alte schmunzelnd, „Sie gehören zur zweiten Sorte, mein Junge.“

Er lachte herzlich, und Karl konnte nicht anders, als mitzulachen. Die Freundlichkeit des Alten war so ansteckend, dass Karl sich plötzlich viel lockerer fühlte – als würde er tatsächlich in der Gegenwart eines guten Freundes sitzen.

„Kommen Sie oft hier in den Park?“ fragte Karl schließlich. „Irgendwie habe ich das Gefühl, Sie schon mal gesehen zu haben.“

Der Alte nickte langsam. „Ja, ich komme oft her. Die Atmosphäre hier, besonders um den Teich, ist einfach… heilsam. Es gibt einem etwas, das keine Medizin ersetzen kann.“

„Das stimmt,“ stimmte Karl zu. „Ich komme auch so oft es geht her. Irgendwas zieht mich zu diesem Ort. Ich weiß nicht genau, warum.“

„Manche Orte haben einfach diese Wirkung,“ sagte der Alte. „Einige glauben, es hat mit früheren Leben zu tun, in denen diese Orte für uns wichtig waren. Glauben Sie an so etwas?“

Karl zuckte mit den Schultern. „Nicht wirklich. Aber meine Freundin..“

„Nicht wirklich?“ unterbrach ihn eine weibliche Stimme. Es war Nadine, Karls Freundin, auf die er gewartet hatte. Sie kam mit einem Lächeln auf ihn zu.

„Ah, wenn man vom Teufel spricht,“ scherzte Karl verlegen.

Er wandte sich wieder Nadine zu und schüttelte das seltsame Gefühl ab. „Du hast dir Zeit gelassen.“ Sie verdrehte die Augen. „Verkehr. Irgendein Idiot hat seinen Wagen mitten auf der Straße abgewürgt.“ Karl grinste. „Vielleicht war es Schicksal, dass du mein tiefgründiges Gespräch mit diesem Herren nicht störst.“ „Ach bitte, nennen sie mich Derek.“, stellte sich der Alte vor. Nadine nickte, lachte und stupste Karl neckisch an. „Komm, lass uns was essen gehen. Ich bin total ausgehungert.“ Karl warf einen letzten Blick zurück auf Derek, der ihnen mit, vor der Hüfte verschränkten Armen, nachsah und ein anhaltendes Gefühl der Vertrautheit breitete sich in ihm aus. Er wurde das Gefühl nicht los, ihn gekannt zu haben.