CONTINUUM - Everything is fine…

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Summary

Samantha liegt im Koma. Die Ärzte sagen, es gibt keine Hoffnung. Doch sie bewegt sich trotzdem. Und sie ist nicht mehr dieselbe. Als Elias beginnt, Fragen zu stellen, stößt er auf etwas, das niemals an die Öffentlichkeit gelangen sollte. Eine Wahrheit, die ihn zweifeln lässt. Everything is fine… oder?

Genre
Scifi/Thriller
Author
Jonex
Status
Ongoing
Chapters
4
Rating
5.0 1 review
Age Rating
16+

Schuld

Es ging alles so schnell. Zu schnell.

Ich erinnere mich nicht einmal mehr richtig daran wie es passiert ist. Nur an einzelne Bilder. Bruchstücke. Als hätte jemand diesen Tag genommen, in der Hälfte zerrissen und diese dann in einen Schredder geworfen. Dieses Puzzle ist alles was noch bleibt.

Nun sitze ich hier. Seit drei Tagen. Aber was spielt das jetzt noch für eine Rolle? Ich habe aufgehört auf die Uhr zu schauen, auch wenn sie über der Tür des Zimmers leise tickt. Mein Leben ist sowieso hinüber. Samantha bewegt sich nicht.

Sie liegt wie eine Puppe einfach reglos neben mir. In diesen Tagen hat sie nicht einmal gezuckt. Und trotzdem warte ich immer noch auf ein Wunder. Die Maschinen neben ihr piepen leise. Das Geräusch macht mich verrückt.. und erinnert mich gleichzeitig daran das sie noch lebt. Das sie noch bei mir ist.

Ich starre auf ihre Hand. Sie liegt einfach da, auf der weißen Krankenhausdecke, als würde sie jemand anderem gehören. Ich traue mich nicht sie zu berühren.

Mir fällt ihr Freundschaftsbändchen auf. Sie trägt es jeden Tag, seit ich es ihr zu unserem Jahrestag geschenkt habe. Nun erinnert es mich nur an unsere gemeinsame Zeit. Der Oberarzt wollte es schon abschneiden, aber ich redete auf ihn ein es nicht zu tun. Als würde das kaputte Bändchen die bittere Realität bestätigen. Die Ärzte sagen, dass sie sich wahrscheinlich nie wieder bewegen kann. Sie sagen das so ruhig, so sachlich. Als würden sie über einen kaputten Gegenstand sprechen. Nicht über sie. Über Samantha. Ich darf mich nicht über ihre Professionalität aufregen. Schließlich habe ich ihr das angetan.


Ich fahre mir benommen durch die Haare und merke jetzt erst, wie fettig sie sich anfühlen. Meine Eltern sagen, ich soll nach Hause kommen, mich ausruhen. Schlafen. Aber ich kann nicht. Ich kann sie nicht einfach hier lassen. Nicht nachdem was ich getan habe. Schlafen kann ich sowieso nicht. Wie Dämonen verfolgen mich meine eigenen Gedanken.

Warum musste ich auch schneller fahren um sie zu beeindrucken? Warum verlor ich den Halt? Hat Samantha von dem Sturz etwas mitbekommen? Was bin ich nur für ein Mensch.


Ich schließe kurz die Augen. Tief einatmen, ausatmen. Sofort sind die Bilder wieder da.


Wir wollten irgendwohin. Eine Party glaube ich. Gemeinsam saßen wir noch bei ihren Eltern am Tisch. Ihr Vater sah mich mit ernstem Blick an. Lange. „Fahr heute vorsichtig", sagte er schließlich, „die Straßen sind glatt."

Ich nickte nur. „Pass gut auf meine Tochter auf, hörst du?" Stille, wieder nickte ich. Halbherzig. Samantha verdrehte nur die Augen. Leise murmelt sie mir zu „Er übertreibt.."

Ich grinste.

Zehn Minuten später fuhr ich mindestens

40 Km/h zu schnell.

Regen. Ich erinnere mich nur noch an Regen. Die Straße selbst glänzt im Schein der Laternen. Durch mein Visier wirkt alles verschwommen, so surreal.

Ich sollte langsamer fahren.

Ich weiß das. Tue es aber nicht. „Du fährst aber heute sehr schnell..", sagte sie halbherzig daher. Ihre Stimme ist nah an meinem Ohr. So warm, so lebendig.

Ich lache und winke ab. „Schon gut, habe alles unter Kontrolle!" Dann wird sie still, ich spüre nur wie Samantha sich stärker um mich klammert.

Das Hinterrad der Suzuki meines Vaters rutscht etwas über den nassen Asphalt. Ich bemerke ein Quietschen, nur kurz, doch spürbar. Hier hätte ich abbremsen können. Aber ich fahre unbehelligt weiter. Der Regen wird immer heftiger, auf meinem Visier bilden sich starke Schlieren. Die Straße zieht sich vor mir auseinander, dunkel und Nass. Eigentlich kann ich mich nur noch auf mein Gehör verlassen. Die Autos rauschen an mir vorbei wie als wäre ich ein Rennfahrer. Ich spüre wie Adrenalin durch meinen Körper schießt, doch langsam merke ich auch das meine Freundin Angst bekommt. „Langsamer?" hake ich nach, während ich mich leicht nach hinten drehe. Ich höre ein verwinseltes Ja und schaue kurz in ihre blauen Augen.

Vielleicht war genau das die falsche Entscheidung. „Nico pass auf!" war das letzte was ich von Samantha höre. Als mich wieder umdrehe, schieße ich auf eine Kurve zu. Scheisse. Ich ziehe noch an der Bremse. Nichts. Oder vielleicht zu viel, ich kann es nicht sagen. Irgendetwas klickt, dann verliere ich die Kontrolle.

Dann Stille. Als ich meine Augen wieder öffnen kann liege ich auf dem glänzenden Asphalt. Mein Schädel dröhnt, ich höre meinen Puls laut pochen. Ich schaue mich nach Samantha um, doch kann sie nicht entdecken, alles ist so verschwommen. Wäre ich Idiot nur langsamer gefahren. Langsam nähern sich Sirenen.


Die Türklinke des Zimmers öffnet sich leise, und ich brauche mich nicht umzudrehen, um zu wissen wer Samantha besuchen kommt. Die Schritte sind vorsichtig, fast zögernd, als hätten sie Angst Samantha aus ihrem Schlaf zu wecken. „Liebling.." Die Stimme ihrer Mutter bricht sofort in Tausend Teile, mein Magen zieht sich in mir zusammen. Was habe ich ihr nur angetan. Ich starre weiter auf die gegenüberliegende Wand, unfähig mich zu bewegen. Sie geht an mir vorbei, nimmt mich dabei kaum wahr, setzt sich neben das Bett und greift vorsichtig nach ihrer Hand. Als könnte sie sie dadurch zurückholen. Ein leises Schluchzen erfüllt den Raum mit Schwere. Dann noch eines.

Ich höre ihren Vater im Türrahmen stehen. Ich spüre seinen Blick, auch ihn direkt ansehen zu müssen. Schwer, still, vorwurfsvoll.

Früher hat er mich immer so freundlich angelächelt, mich gefragt wie es läuft. Jetzt sagt er gar nichts mehr. Für ihn bin ich nur noch der, der das Leben seiner Tochter von nun an zur Hölle macht.

„Ich.. Ich kann das nicht, lass uns bitte gehen", flüsterte ihre Mutter irgendwann. Er legte ihr eine Hand auf die Schulter und gemeinsam verließen sie das Zimmer. Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fällt, bleibt nur noch das monotone Piepen der Geräte zurück. Und ich.

Als mein Blick wieder auf Samantha wandert, merke ich, dass ich hier rausmuss. Ich halte es einfach nicht mehr aus. Mir wird übel. Ich stehe auf, meine Beine sind schwer, trotzdem bewege ich mich langsam hinaus auf den Krankenhausflur. Das Licht hier draußen ist grell und unnatürlich, fast ironisch, als hätte hier nie jemand gelitten.

Ich laufe einfach los, mein ganzer Körper zittert. Ich laufe, ohne Ziel, bis ich nach einer Abzweigung vor einem Automaten stehen bleibe. Ich starre auf die Wasserflaschen. Auf ihnen ein Bild von einer wunderschönen, regnerischen Quelle.

Regen. Ich denke schon wieder an den gottverdammten Regen.


Plötzlich ertönen Stimmen hinter der Ecke des Ganges. Ich bin mir sicher, dass es sich bei einer der beiden Personen um den Oberarzt von Samantha handelt. Die Stimmen nehme ich nur verschwommen wahr, doch sie sind aufgeregt.

Vorsichtig neige ich meinen Kopf um die Ecke.

Ich erstarre. Sie stehen vor Samanthas Zimmer!

„...Das war nicht abgesprochen!". Mein Atem steht still. „Wir hatten keine Wahl", sagt die Stimme des Oberarztes ruhig. Fast schon zu ruhig. „Die Operation wurde bereits durchgeführt." Für einen Moment höre ich wieder nur meinen eigenen Puls. Operation? Samanthas Eltern hätten mir doch wenigstens darüber etwas gesagt. Ich dachte es gäbe keine Heilung?

„Ohne Zustimmung?", hakte eine nervöse Frauenstimme hektisch nach. Stille. „Das Protokoll erlaubt es in solch hoffnungslosen Fällen." Mir wird kalt „Und das Implantat?"

„Stabil. Wie lassen es wie eine Wunderheilung aussehen. Wie immer. Die Dokumente müssen sie dafür noch bearbeiten Fräulein."

Ich Schlucke. Implantat. Wie immer.


Erst jetzt merke ich, dass ich den Atem angehalten habe. Ich drehe mich um und versuche hastig zu verschwinden, schneller als es wahrscheinlich besser wäre. Aber ich muss weg. Ich habe etwas gehört das keiner hätte hören dürfen. Oder? Würden solche geheimen Sachen nicht eher in verschlossenen Büros besprochen? Vielleicht bin ich ja auch Paranoid.

Ich bleibe in der Tür stehen. Samantha liegt nach wie vor unverändert in ihrem Zimmer. Still.

Ich gehe langsam näher, mein Blick bleibt an ihr hängen. Dann sehe ich es. Einen kleinen Verband, so groß wie ein Pflaster. Er befindet sich seitlich an ihrem Nacken. Ich runzle verwundert die Stirn.

War der vorher schon da? Ich kann mich nicht erinnern. Ich setze mich wieder und strecke vorsichtig meine Hand nach ihr aus. „Sam...?"

Nichts.

Ich will sie gerade berühren, als sich ihre Finger bewegen. Nur ganz leicht. Trotzdem zucke ich zusammen. Es reicht. Sie kann sich bewegen. Mein Herz setzt aus. Ich frage erneut „Sam?"

Tatsächlich öffnen sich ihre Augen einen kleinen Spalt und für einen kurzen Moment habe ich das Gefühl, sie sieht mich an.

Ein kleines Grinsen überkommt mich. Doch dann merke ich es. Irgendetwas ist hier faul. Ihr Blick geht durch mich hindurch. So Leer, so befremdlich. Ich ziehe meine Hand zurück.

Das ist nicht sie.