Weder geschüttelt noch gerührt
Texas, was für ein Name, oder? Eigentlich heißt eine Stadt mit über neunundzwanzig Millionen Einwohnern so. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Neunundzwanzig Millionen Einwohner! In so einer Stadt könnte man untertauchen, ohne aufzufallen. In so einer Stadt scheint dir die Sonne aus dem Arsch. Heißt es nicht immer, dass die texanische Hitze einen beinahe verglüht?
Der sogenannte Hitzedom wird als überaus gefährlich bezeichnet. Beinahe so gefährlich wie der Mann, der hinter der Bar steht und sich mir als Texas vorgestellt hat. Kein Scheiß! Der denkt tatsächlich, dass er damit durchkommt, indem er mir einen falschen Namen sagt. Entzückend, gleichzeitig aber auch ein wenig lächerlich. Er ist groß, beängstigend muskulös und sein Lächeln ist ein wenig dümmlich. Trotzdem hat er etwas sehr Reizvolles an sich, was selbst der Zahnstocher, der wie ein Markenzeichen zu ihm gehört, nicht kaputtmachen kann. Nicht zu vergessen der weibliche Lidstrich unter seinen Augen. Er ist heiß und seine Hände würden sich gut auf meinem Körper machen.
Ich weiß nicht, wie genau Jax Suerra – der größte Mafiaboss der gesamten amerikanischen Hemisphäre – auf mich aufmerksam geworden ist, aber er ist es. Seinetwegen bin ich einer Haftstrafe von mindestens acht Jahren entkommen. Die Staatsanwaltschaft hat es sich nicht nehmen lassen und mich gleich wegen mehrerer Vergehen zu belangen. Ich habe schon viel in meinem Leben getan, was in einem Blutbad endete, aber die aufgeschnittene Kehle meines Stiefvaters war wohl mein größtes Werk, das ich vollbracht habe. Es gibt für alles einen Grund, aber unseren sogenannten Gesetzeshütern ist das egal. Sie bilden sich ihr Urteil über jemanden, bevor sie danach fragen, wie es dazu kam. So etwas wie Gerechtigkeit gibt es nicht und Strafmilderung in diesem Fall schon gar nicht. Mein Stiefvater war ein gesellschaftlich angesehener Mann. Man wäre niemals davon ausgegangen, dass er sich nachts zu seiner Stieftochter ins Zimmer schleicht und sie dazu zwingt, seinen Schwanz zu lutschen. Ich bin die Wahnsinnige, die Psychopathin, die dringend ihre Tabletten nehmen sollte, weil – und jetzt kommt’s – ich aufhören sollte, mir so einen Scheiß aus den Fingern zu saugen. Ich habe meine Klappe gehalten und es mit mir selbst ausgemacht. Irgendwann war meine Wut so groß, dass ich aus einem Impuls heraus jemanden im Supermarkt getötet habe. Unfälle passieren halt. Nennt sich: Nicht vorhandene Impulskontrolle. Jedenfalls wusste ich ab da ganz genau, dass ich mich auf niemanden als auf mich selbst verlassen kann. Was mich zu meiner Frage bringt, warum Jax Suerra mich aus der U‑Haft hat holen lassen. Ich bin sehr gespannt darauf, dies zu erfahren.
»Was möchtest du trinken?«, fragt Texas, während er mit einem Geschirrtuch über die Theke wischt.
Nachdem Kenneth – Jax’ rechte Hand und Besitzer des Etablissements, in dem wir uns befinden – mich aus dem Gefängnis abgeholt hat, hat er mich hergebracht. Er hat mich bei dem Barkeeper abgesetzt und gemeint: »Ich werde Jax Bescheid sagen, dass du da bist.« Das war vor ungefähr zehn Minuten. Geduld ist nicht gerade meine Stärke und irgendwo herumzusitzen auch nicht. Selbst wenn sich mir so eine gut aussehende Aussicht wie die vor mir bietet.
»Ich nehme einen Austin«, sage ich und zwinkere.
Die süßen Grübchen in seinen Wangen vertiefen sich. »Anscheinend warst du nicht nur in Physik und Chemie ein Ass, sondern auch in Geschichte.«
Da scheint aber jemand seine Hausaufgaben über mich gemacht zu haben, denn ja, es ist so, wie er sagt. Ich habe mich in der Schule sehr für diese beiden Fächer interessiert. Hauptsächlich, weil man dort gelernt hat, welche Chemikalien man zusammenmischen kann, um einen exklusiven Cocktail daraus zu mixen.
»Geschichte war mein schwächstes Fach«, gestehe ich.
Lässig wirft er sich das Tuch über die Schulter und schiebt den Zahnstocher in den anderen Mundwinkel. »Wenn du möchtest, kann ich dir gern ein wenig darüber beibringen.«
Ich überschlage meine Beine auf dem Hocker, auf dem ich sitze und präsentiere ihm ein kleines Lächeln.
»Versuch erst mal herauszufinden, welchen Drink ich möchte.«
Abschätzig wandern seine mandelförmigen, dunklen Augen über mich. »Du siehst aus wie eine Martinifrau.«
»Ich bin kein Bondgirl, mein Freund. Und mag es weder geschüttelt noch gerührt. Zweiter Versuch.«
Seine dunklen Augen gleiten über mich. »Weinschorle?«
»Sehe ich aus wie eine reiche Tussi, die mit Chanel und Prada hausieren geht?«
Texas’ massiger Körper, von dem ich absolut beeindruckt bin, lehnt sich über die Theke und sein orientalischer Duft steigt mir in die Nase. Ein Geruch, der mich schwach werden lässt, sodass ich meine Beine zusammenpresse.
»Du siehst aus wie ein kleiner Psycho.«
Ich mag Männer, die wissen, wie sie mit mir umgehen müssen, und Texas ist definitiv so ein Mann.
Ich drehe mein Gesicht, sodass meine Lippen beinahe seine Wange berühren. »Ich kann dir gern zeigen, was ich so alles mit meinem Messer anstellen kann.«
»Dann zeig mal. Ich räume danach den Dreck weg.«
Viel weiß ich bisher nicht von den Leuten, bei denen ich gerade bin, aber das muss ich auch nicht. Denn je tiefer ich grabe, desto mehr wollen sie wahrscheinlich über mich erfahren. Bisher kann ich jedenfalls sagen, dass ich es hier mit normalen Menschen, die dieselbe Sprache wie ich sprechen, zu tun habe. Und das ist so selten wie keinen Tripper nach einem One-Night-Stand zu bekommen.
»Geh mir aus dem Weg, Barkeeper.«
Leichtfüßig springe ich vom Hocker und gehe ein paar Schritte zurück. Die Meter, die ich Abstand zwischen der Bar und mir gebracht habe, zähle ich gedanklich ab. Elegant lasse ich meinen Körper herumwirbeln, sodass mein kurzes, schwarzes, glattes Haar ein wenig fliegt. Texas stellt sich seitlich und scheint jede meiner Bewegungen genau zu beobachten.
Lasziv stelle ich ein Bein vor, was meinen Oberschenkel freilegt. Das Seitenschlitzkleid, welches ich trage, erlaubt es, ein wenig Haut zu zeigen und offenbart das Halfter mit dem Messer, welches ich dort befestigt habe. Ruckartig ziehe ich es heraus und spüre das leichte Gewicht des Wurfmessers in meiner Hand.
Konzentriert suche ich einen Punkt, den ich anvisieren kann. Die Flasche Dalwhinnie 15 Highland Single Malt scheint mir geeignet für eine Demonstration zu sein. Ich fixiere sie, hebe meinen Arm und werfe locker, aber mit genügend Schwung, das Messer. Es fliegt durch die Luft und landet mitten in der Flasche. Das Glas springt, platzt auf und der gesamte Inhalt entleert sich zu Texas Füßen. Zufrieden stemme ich meine Hand in meine schmale Hüfte und zwinkere Texas zu.
Sein überaus charmantes Grinsen, dehnt sich aus. »Du bist eine Whiskyfrau.«
Er kann mich überhaupt nicht einschätzen, aber trotzdem würde ich mit ihm ficken.
»Wie ich sehe, habt ihr beide schon eure Gemeinsamkeiten entdeckt«, kommt es von rechts. Sehr langsam nehme ich meinen Blick von Texas und sehe Kenneth an. Seine zwei unterschiedlich farbigen Augen wechseln den Blick zwischen Texas und mir. Dann bleibt er bei Texas hängen. »Räum das weg und komm dann in den Besprechungsraum. Jax will mit uns reden.«
Kenneths Augen wandern zu mir. »Komm mit.«
Bevor ich ihm folge, mache ich einen Schlenker zu dem Barkeeper. »Gibst du mir mein Messer zurück?«
»Ich bringe es dir gleich mit. Zusammen mit dem Drink, den du am liebsten magst.«
»Ich kann deine Niederlage kaum erwarten«, sage ich und mache auf dem Absatz kehrt, um Kenneth zu folgen.