Als ein Engel bei uns einzog

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Summary

Lysander hat sein Leben perfekt unter Kontrolle. Gefühle machen Menschen schwach. Nähe endet in Verlust. Und Kinder? Die passen ganz sicher nicht in sein durchgeplantes Leben aus Meetings und endlosen Arbeitstagen. Doch nach einem tragischen Unfall wird er dazu gezwungen, vier Geschwister bei sich aufzunehmen. Was als unfreiwillige Zweckgemeinschaft beginnt, wird schnell zu purem Chaos. Das sterile Haus füllt sich mit Kinderlachen, Streit, Streichen und Dingen, die Lysander längst vergessen hatte. Und mitten darin steht plötzlich Elara. Eine junge Frau ohne richtige Vergangenheit, mit einem Herzen, das sich viel zu schnell einen Platz zwischen ihnen allen sucht. Doch Elara verbirgt ein Geheimnis. Etwas, das unmöglich klingt. Denn manche Menschen werden nicht zufällig Teil eines Lebens, manche werden geschickt. Als ein Engel bei uns einzog ist eine emotionale Geschichte über Verlust, Heilung, Familie und die Frage, ob Liebe stark genug sein kann, selbst Himmel und Erde zu verändern.

Genre
Drama/Romance
Author
Sarah
Status
Complete
Chapters
41
Rating
5.0 3 reviews
Age Rating
16+

Der Unfall

Lysander

>Gegenwart<

Die Straße liegt fast leer vor ihm.

Nur vereinzelte Lichter ziehen an der Windschutzscheibe vorbei, verschwimmen kurz und verschwinden wieder im Dunkel. Der Regen hat vor einer Weile aufgehört, aber der Asphalt glänzt noch, als würde er das Licht festhalten wollen. Lysander sitzt gerade im Sitz, beide Hände am Lenkrad. Die Finger liegen fest darum, nicht verkrampft, einfach kontrolliert. Er spürt die feine Struktur des Leders unter seinen Kuppen.

Im Radio läuft irgendetwas Leises. Er hört nicht hin, es ist nur ein Hintergrundrauschen, das die Stille im Wagen füllt. Sein Blick bleibt auf der Straße, aber sein Kopf ist woanders. Zahlen, Termine, Entwürfe. Ein Projekt, das heute nicht so lief, wie es sollte. Ein Gespräch, das er morgen führen muss. Er geht die Sätze im Geist durch, wägt Argumente ab, verwirft sie wieder.

Er atmet langsam aus.

Die Lüftung rauscht leise und bläst einen steten Strom warmer Luft gegen seine Knöchel. Im Innenraum riecht es nach dem Leder der Sitze und einem Hauch seines Parfüms, kühl, sauber, nichts Aufdringliches. Es ist sein privater Raum, sicher und abgeschirmt von der Welt da draußen.

Alles ist ruhig. Zu ruhig.

Das Handy vibriert. Ein kurzer, dumpfer Ton, irgendwo rechts neben ihm. Sein Blick wandert für einen Sekundenbruchteil dorthin. Das Display leuchtet auf und wirft einen bläulichen Schein gegen die Beifahrertür. Ein Name erscheint. Er erkennt ihn nicht sofort, die Buchstaben sind zu klein auf die Distanz. Das Vibrieren hört nicht auf, es wandert surrend über die glatte Ablage.

Er drückt den Knopf am Lenkrad, um den Anruf anzunehmen. Nichts passiert. Ein zweites Mal, fester diesmal. Wieder nichts. Er spürt ein leichtes Stechen von Ungeduld in der Schläfe.

„Komm schon…“

Seine Stimme bleibt leise im Wagen hängen, trocken und belegt. Das Handy rutscht. Ein kleines Geräusch, Kunststoff auf Stoff, dann verschwindet es aus seinem Blickfeld. Es fällt nach unten, schlägt dumpf irgendwo im dunklen Fußraum auf. Das Vibrieren geht weiter, jetzt gedämpft durch den Teppichboden, aber immer noch fordernd.

Er spannt kurz den Kiefer an. Ein Atemzug. Er könnte es ignorieren. Er sollte es ignorieren. Sein Blick bleibt auf der Straße. Noch.

Dann senkt er ihn. Nur kurz.

Seine rechte Hand löst sich vom Lenkrad, tastet blind nach unten. Seine Finger streifen über den harten Rand der Mittelkonsole, suchen im Dunkeln, während er versucht, den Oberkörper ruhig zu halten. Er fühlt nur Leere. Das Vibrieren scheint zu wandern, als würde es ihm ausweichen. Er beugt sich ein Stück weiter vor, die Schulter drückt gegen den Sitz. Seine Fingerspitzen treffen endlich das kühle Metallgehäuse des Geräts. Glatte Oberfläche. Er greift danach.

Ein Hupen. Laut. Nah. Markerschütternd.

Sein Kopf schnellt hoch. Licht trifft ihn frontal, blendend weiß, viel zu hell. Die Ampel vor ihm leuchtet rot, ein einsames, blutiges Auge in der Nacht. Er sieht es in diesem Moment. Zu spät. Von rechts schießt ein dunkler Wagen in die Kreuzung. Er hat keine Zeit zu denken, keine Zeit für Angst. Seine Hände reißen das Lenkrad mit einer instinktiven Gewalt herum, die Reifen kreischen, aber sie finden keinen Halt auf dem restfeuchten Asphalt. Alles passiert gleichzeitig und trotzdem wie in Zeitlupe.

Ein dumpfer Aufprall erschüttert die Welt.

Metall, das sich kreischend verformt. Glas, das in tausend winzige Diamanten zerspringt und durch den Innenraum peitscht. Sein Körper wird mit einer unvorstellbaren Wucht nach vorne gerissen, dann schlägt der Airbag mit einem knallharten Stoß gegen sein Gesicht. Der Gurt schneidet ihm brennend in die Brust, hält ihn fest, während der Wagen herumgeschleudert wird. Etwas Hartes schlägt gegen seine Schulter, ein stechender Schmerz explodiert in seinem Kopf.

Die Welt kippt zur Seite. Ein Geräusch, das nicht aufhören will, das Knirschen von Stahl auf Stahl. Dann Stille.

Nicht wirklich still. Aber alles wirkt weit weg, als wäre er unter Wasser. Das erste, was er hört, ist das eigene Blut, das in seinen Ohren hämmert. Sein Kopf hängt schwer nach vorne, das Kinn fast auf der Brust. Er atmet flach, jeder Zug brennt in seiner Lunge. Er riecht es jetzt: den beißenden Staub des Airbags, heißes Metall und das scharfe Aroma von ausgelaufener Flüssigkeit.

Er blinzelt. Die Welt kommt nur stückweise zurück, verschwommen und in falschen Farben. Seine Hände bewegen sich auf seinem Schoß. Langsam. Zitternd. Er hebt den Kopf ein Stück, und ein Schwindel erfasst ihn, der ihn fast wieder wegtreten lässt. Er klammert sich mit den Fingern in den Stoff seiner Hose, um sich zu erden.

Vor ihm, das andere Auto. Seitlich getroffen, mitten in der Fahrertür. Die Karosserie ist tief eingedrückt, ein Wrack aus verbogenem Blech. Er sieht Bewegung. Oder glaubt es zumindest. Sein Blick versucht, sich mühsam auf die zertrümmerte Scheibe gegenüber zu fokussieren.

Da ist jemand. Ein Mann. Sein Kopf liegt seltsam verdreht auf dem zerknüllten Airbag. Lysander will rufen, aber seine Kehle ist wie zugeschnürt.

Beweg dich.

Sein Körper reagiert nur verzögert, als gehörten seine Glieder jemand anderem. Er versucht, den Gurt zu lösen, aber seine Finger sind taub. Er tastet nach der Schnalle, rutscht ab, schlägt mit der Handkante gegen die Verkleidung. Ein zweiter Versuch. Er drückt den roten Knopf mit dem Daumen nach unten, bis es metallisch klickt. Der Gurt schnellt zurück und reißt an seiner schmerzenden Schulter. Er beißt sich auf die Lippen, unterdrückt ein Aufkeuchen.

Die Tür.

Er drückt mit der Schulter dagegen, stemmt sich mit aller Kraft, die er noch finden kann, gegen das Metall. Sie klemmt, kreischt beim Bewegen. Noch einmal. Ein heftiger Ruck, ein hässliches Knacken des Scharniers, dann schlägt ihm die kalte, feuchte Nachtluft entgegen. Sie riecht nach nassem Asphalt und Freiheit, aber sie bringt keine Erleichterung.

Er stolpert hinaus auf die Straße. Seine Beine fühlen sich an wie aus Gummi, der Boden unter seinen Schuhen scheint zu schwanken, als wäre die ganze Stadt aus dem Gleichgewicht geraten. Er muss sich am Türrahmen abstützen, die Finger hinterlassen Abdrücke im Ruß.

„Hallo…“

Seine Stimme ist rau, ein heiseres Krächzen, das sofort im Wind verweht. Er geht einen Schritt auf das andere Auto zu. Dann noch einen, mühsam, als würde er durch tiefen Schlamm waten. Seine Lederschuhe knirschen bei jedem Schritt auf den unzähligen Glassplittern, die die Kreuzung wie Eis bedecken.

„Können Sie mich hören?“

Keine Antwort. Nur das ferne Tropfen von Flüssigkeit auf Metall. Das Licht eines umgeknickten Straßenschilds flackert rhythmisch, wirft lange, tanzende Schatten über das Wrack. Irgendwo im Motorraum des fremden Wagens zischt es.

Er kommt näher. Zu nah.

Jetzt sieht er es deutlich. Der Mann am Steuer bewegt sich nicht. Sein Gesicht ist fahl im fahlen Licht, eine dunkle Spur von Blut zieht sich langsam über seine Stirn und tropft auf sein Hemd. Lysander bleibt die Luft weg. Sein Blick wandert weiter, über die Mittelkonsole hinweg zur Beifahrerseite.

Eine Frau. Der Kopf ist in den Nacken gefallen, die Augen halb geschlossen. Sie wirkt fast, als würde sie schlafen, wäre da nicht die unnatürliche Stille, die von ihr ausgeht. Eine Stille, die lauter ist als das Zischen des Motors.

Seine Finger zucken. Er will hinfassen, den Puls fühlen, irgendetwas tun, aber er ist wie gelähmt. Er bleibt einfach stehen, mitten auf der dunklen Kreuzung, während der Wind durch seine dünne Jacke beißt.

Ein Geräusch hinter ihm. Stimmen, die aus der Dunkelheit auftauchen. Türen, die zugeschlagen werden. Irgendjemand ruft etwas, ein gellendes Schreien, das nach Hilfe verlangt. Er dreht sich nicht um. Er kann nicht. Sein Blick bleibt an dem Wagen hängen. An ihnen.

Sein Brustkorb hebt sich und senkt sich in einem rasenden, unkontrollierten Rhythmus. Das Dröhnen in seinen Ohren kehrt zurück, lauter diesmal, ein dunkler Bass, der alles andere verschlingt.

Nein. Sein Kopf schüttelt sich leicht, eine fast unmerkliche Bewegung der Verleugnung. Nein. Das darf nicht sein. Das ist nicht passiert.

Lichter nähern sich aus der Ferne, schneiden durch die Dunkelheit. Blau. Rot. Flackernd. Die Sirenen schneiden jetzt durch die Nachtluft, erst leise, dann anschwellend, bis sie alles überlagern.

Zu spät.

Jemand packt ihn von hinten an der Schulter, ein fester Griff, der ihn fast umreißt. Eine Stimme sagt etwas, aber die Worte ergeben keinen Sinn für ihn. Er wird zurückgezogen, weg von dem rauchenden Wrack. Er wehrt sich nicht. Er lässt sich führen wie ein Kind.

Seine Augen bleiben an dem Auto hängen, starr und weit aufgerissen, bis ein Krankenwagen die Sicht versperrt. Die Stimmen um ihn herum werden lauter, aggressiver. Fragen prasseln auf ihn ein, Befehle werden gerufen, Sanitäter rennen mit schweren Taschen an ihm vorbei. Er versteht nichts davon. Es ist nur Lärm.

In seinem Kopf existiert nur noch ein einziger Gedanke, der sich wie ein bleiernes Gewicht in seine Brust senkt. Ein Gewicht, das er nie wieder loswerden wird.

Zwei Menschen.

Sein Atem stockt. Seine Finger krallen sich so fest in den Stoff seiner Hose, dass seine Knöchel weiß hervortreten und schmerzen.

Zwei Menschen sind tot.

Und er steht noch.