Hero of the Mirror World

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Summary

Als der sechzehnjährige Henry auf dem Dachboden seiner Großeltern einen alten Spiegel entdeckt, ahnt er nicht, dass ein einziger Moment sein ganzes Leben zerstören wird. Eine Berührung genügt und Henry wird in die Spiegelwelt gezogen. Bevor er begreifen kann, was mit ihm geschieht, ist er bereits auf der Flucht. Dunkle Mächte scheinen mehr über ihn zu wissen als er selbst. Zusammen mit den Geschwistern Clarice und Bruno beginnt Henry, die Wahrheit über die Spiegelwelt zu ergründen. Dabei erfährt er von seinem Schicksal: Er muss die Spiegelwelt und auch seine eigene Welt vor der Dunkelheit retten.

Status
Complete
Chapters
24
Rating
5.0 4 reviews
Age Rating
18+

Kapitel 1 - Der Spiegel

„Aber pass auf die Spinnenweben auf!“, ruft meine Großmutter von unten nach oben.

Ihre Stimme klingt gedämpft, fast so, als würde sie sich erst durch das ganze Haus kämpfen müssen, bevor sie bei mir ankommt. Ich stehe unter der Luke zum Dachboden und starre nach oben in die Dunkelheit, die sich dort sammelt wie ein stiller, wartender Schatten. Das ausgefranste Band hängt direkt vor mir und schwingt leicht hin und her, als hätte es ein Eigenleben.

„Ich pass auf!“, rufe ich zurück, auch wenn ich mir selbst nicht ganz glaube.

Ich greife nach dem Band und ziehe daran. Die Mechanik reagiert träge, als wäre sie schon lange nicht mehr benutzt worden. Ein tiefes, knarrendes Geräusch durchzieht das Holz über mir, während sich die Treppe langsam löst. Staub rieselt von oben herab und kitzelt meine Nase. Ich blinzle und halte kurz inne, bevor ich erneut ziehe. Diesmal gibt die Konstruktion nach, klappt Stück für Stück nach unten und rastet schließlich ein.

Zögernd setze ich den Fuß auf die erste Stufe.

Mit jedem Schritt nach oben wird die Luft schwerer. Der vertraute Geruch des Hauses verschwindet und wird durch etwas anderes ersetzt.

Früher war das anders gewesen.

Ich hatte es geliebt, hier oben zu spielen. Zwischen alten Kisten und Möbeln hatte ich mir meine eigenen Welten erschaffen, hatte Pirat gespielt, Abenteuer erlebt, mir vorgestellt, ich würde ferne Meere bereisen. Der Dachboden war mein Versteck gewesen, mein eigenes kleines Reich.

Bis meine Großeltern mich dabei erwischt hatten.

Ich erinnere mich noch genau daran. Ihre Reaktion war viel heftiger gewesen, als ich erwartet hatte. Es war nicht nur Ärger gewesen, sondern etwas Tieferes. Etwas, das ich damals nicht verstanden hatte und bis heute nicht ganz begreife. Seit diesem Tag war mir der Dachboden verboten worden.

Und jetzt stehe ich wieder hier.

Oben angekommen bleibe ich einen Moment stehen und lausche. Es ist still. Selbst das Knarren des Hauses scheint hier oben gedämpft zu sein. Ich taste nach dem Lichtschalter, doch als ich ihn betätige, passiert nichts.

Also hole ich meine Taschenlampe hervor und schalte sie ein.

Der Lichtkegel durchschneidet die Dunkelheit und legt nach und nach den Raum frei. Überall stehen alte Möbelstücke, Kisten und Truhen. Einige sind sorgfältig mit Decken verhüllt, andere liegen offen da, als hätte man sie einfach zurückgelassen. Eine dicke Staubschicht bedeckt alles und lässt die Dinge älter wirken, als sie vielleicht sind.

Ich gehe langsam weiter, vorsichtig, als hätte ich Angst, etwas zu stören. Der Boden knarrt unter meinen Schritten, jedes Geräusch wirkt lauter als es sein sollte. Mein Blick wandert suchend durch den Raum. Irgendwo hier muss der Koffer meines Großvaters sein.

Plötzlich spüre ich einen Luftzug an meinem Nacken.

Ich zucke zusammen und greife reflexartig nach hinten. Mein Herz macht einen Sprung. Für einen kurzen Moment halte ich die Luft an und drehe mich dann langsam um. Der Lichtkegel meiner Taschenlampe wandert über die schrägen Dachbalken. Zwischen ihnen entdecke ich eine dunkle Stelle.

Wahrscheinlich ist das Dach undicht, rede ich mir ein. Das würde zumindest den Luftzug erklären.

Ich zwinge mich, ruhig zu bleiben, und wende mich wieder meiner eigentlichen Aufgabe zu. Doch noch bevor ich den nächsten Schritt machen kann, höre ich es.

Ein Flüstern.

Zuerst ist es so leise, dass ich es kaum wahrnehme. Ein kaum hörbares Wispern, das sich nicht eindeutig zuordnen lässt. Ich bleibe stehen und halte den Atem an, als könnte ich es dadurch besser hören. Für einen Moment ist nichts.

Dann ist es wieder da.

Ein leises, anhaltendes Flüstern, das sich durch die Stille schiebt und mir eine Gänsehaut über den Rücken jagt. Ich versuche, die Worte zu verstehen, doch sie entziehen sich mir. Es ist, als würde jemand sprechen, aber in einer Sprache, die ich nicht kenne.

Und trotzdem habe ich das Gefühl, gemeint zu sein.

Langsam drehe ich mich um.

„Hallo?“, frage ich vorsichtig in die Dunkelheit hinein.

Meine Stimme klingt fremd in meinen eigenen Ohren. Keine Antwort folgt. Nur dieses Flüstern, das jetzt etwas deutlicher zu sein scheint. Es kommt aus der hintersten Ecke des Dachbodens.

Ich schlucke und gehe darauf zu.

Der Lichtkegel meiner Taschenlampe gleitet über die Gegenstände, lässt Schatten entstehen, die sich mit jeder Bewegung verändern. Alles wirkt plötzlich größer und verzerrter. Das Flüstern wird lauter, je näher ich komme.

Ich bleibe vor einem Haufen alter Möbel stehen, die mit Decken bedeckt sind. Mit zittrigen Händen greife ich nach dem Stoff und ziehe ihn herunter. Staub wirbelt auf, ich muss husten und blinzle gegen die feinen Partikel an.

Das Flüstern verstummt.

Dann ertönt es wieder.

Ich wirble herum, mein Puls hämmert in meinen Schläfen. Das ergibt keinen Sinn. Ich habe doch eben noch dort gestanden. Das Geräusch kann sich nicht einfach verlagern.

Langsam gehe ich auf die andere Ecke zu, Schritt für Schritt, als würde ich durch etwas Unsichtbares waten. Meine Hand greift nach einer weiteren Decke. Ich zögere einen Moment, dann ziehe ich sie mit einem Ruck herunter.

Darunter kommt ein großer Spiegel zum Vorschein.

Oval geformt, mit einem goldenen Rahmen, der reich verziert ist. Selbst im schwachen Licht wirkt er alt und wertvoll, als würde er nicht hierher gehören. In dem Moment, in dem der Spiegel vollständig freigelegt ist, wird das Flüstern schlagartig lauter.

Mein Blick bleibt an dem Spiegel hängen. Etwas daran zieht mich an. Ohne darüber nachzudenken, trete ich näher heran. Der Lichtkegel meiner Taschenlampe trifft auf die Oberfläche und reflektiert zurück.

Mein Spiegelbild erscheint. Doch es stimmt etwas nicht.

Die Konturen sind verschwommen. Mein Gesicht wirkt verzerrt, als würde das Glas nicht richtig funktionieren. Ich runzle die Stirn und gehe noch einen Schritt näher heran.

Das Bild verändert sich.

Langsam lösen sich die klaren Linien auf und weichen einem grauen Schleier. Es sieht aus wie Nebel, der sich innerhalb des Spiegels bewegt. Wie Wolken, die sich träge ineinander schieben.

Ein Spiegel sollte so etwas nicht tun.

In meiner Hand beginnt es zu kribbeln. Ein seltsames Gefühl, das sich langsam ausbreitet. Es ist kein Schmerz, eher ein Ziehen, ein sanfter Druck, der mich nach vorne drängt. Mein Arm hebt sich, ohne dass ich bewusst entscheide, ihn zu bewegen.

„Was… mache ich da?“, murmele ich leise.

Doch meine Hand bewegt sich weiter.

Langsam, als würde sie von einer unsichtbaren Kraft geführt, nähert sie sich der Oberfläche des Spiegels. Mein Herz schlägt schneller, mein Atem geht flacher. Ein Teil von mir will zurückweichen, will diesen Moment abbrechen.

Aber ich kann nicht.

Es ist, als würde etwas mich festhalten.

Als meine Fingerspitzen den Spiegel berühren, erwarte ich kaltes Glas.

Doch stattdessen gleiten sie hindurch.

Ich reiße die Augen auf. Meine Hand verschwindet im Spiegel, als wäre er aus Wasser oder Nebel. Ich spüre die Luft auf der anderen Seite.

Ein Schauer durchläuft meinen Körper.

Panik steigt in mir auf. Ich versuche, meine Hand zurückzuziehen, doch sie bewegt sich nicht. Etwas hält sie fest. Der Sog wird stärker, greift nach meinem Arm, zieht daran.

„Nein…“

Ich stemme mich dagegen, versuche, mich loszureißen, doch meine Füße verlieren den Halt. Der Boden unter mir gibt nach, oder vielleicht bin ich es, der nachgibt. Mein Körper wird nach vorne gezogen.

Der Spiegel verschluckt meinen Arm, dann meine Schulter.

Das Flüstern ist jetzt ohrenbetäubend laut.

Ich schreie, doch meine Stimme geht darin unter.

Und dann wird alles von einem einzigen Ruck verschlungen.

Kälte schlägt mir entgegen. Dunkelheit umgibt mich. Und im nächsten Moment ist da nur noch Wasser.

Ich bin unter Wasser.

Es trifft mich so plötzlich, dass ich sofort den Mund öffne und eine große Menge davon schlucke. Panik explodiert in mir. Ich reiße die Augen auf, doch es ist nichts zu sehen. Absolute Schwärze.

Ich rudere mit den Armen, versuche, mich zu orientieren. Der Druck auf meinen Ohren ist stark und unangenehm. Ich weiß nicht, wo oben ist. Ich weiß nicht, in welche Richtung ich schwimmen muss.

Ich weiß nur, dass ich keine Luft bekomme.

Meine Bewegungen werden hektisch. Ich strample, stoße mich ins Leere, versuche, irgendeine Richtung zu finden. Mein Brustkorb zieht sich schmerzhaft zusammen, meine Lunge brennt.

Ich schlucke noch mehr Wasser.

Der Gedanke trifft mich mit voller Wucht.

Ich ertrinke.

Mit letzter Kraft stoße ich mich nach oben, einfach in die Richtung, die sich richtig anfühlt. Meine Arme werden schwerer, meine Beine langsamer. Jeder Zug kostet mich mehr Kraft, als ich noch habe.

Dann sehe ich ein schwaches Licht.

Ein winziger Schimmer in der Dunkelheit.

Ich konzentriere mich darauf, zwinge meinen Körper weiter. Das Licht wird heller, größer. Ich schwimme schneller, so gut ich kann, obwohl meine Kräfte schwinden.

Für einen Moment habe ich das Gefühl, langsamer zu werden. Dass das Licht wieder verschwindet.

Doch ich gebe nicht auf.

Mit einem letzten, verzweifelten Stoß durchbreche ich die Oberfläche.

Ich reiße den Kopf aus dem Wasser und schnappe nach Luft. Ich huste, würge das Wasser aus meiner Lunge und versuche gleichzeitig, mich über Wasser zu halten.

Langsam kehrt mein Atem zurück. Mein Herz schlägt immer noch wie verrückt, doch das Schlimmste ist vorbei.

Erst jetzt beginne ich, meine Umgebung wahrzunehmen.

Ich drehe mich im Wasser, noch immer keuchend, und starre auf das, was mich umgibt.

Es waren überall Bäume.

Dichte, dunkle Baumkronen, die sich über mir zusammenziehen. Der Geruch von feuchter Erde und Laub liegt in der Luft. Das war kein Dachboden.

Ich bin in einem See, mitten in einem fremden Wald.

Und in diesem Moment wird mir klar, dass ich nicht mehr dort bin, wo ich eben noch war.