Kapitel 1 - Kein Rückfahrticket
Kapitel 1- Kein Rückfahrticket
Der Zug bremste ruhig in den Bahnhof Bologna Centrale ein. Kein abruptes Ankommen, eher ein gleichmäßiges Ausrollen, das Chiara inzwischen kannte. Sie hatte diese Strecke im letzten Semester oft genug gefahren, jeden Montagmorgen, jeden Abend zurück. Immer mit dem gleichen Gefühl im Nacken, dass Bologna nur ein Zwischenstopp war.
Heute war es anders.
Sie blieb noch einen Moment sitzen, obwohl die Türen sich bereits geöffnet hatten. Menschen standen auf, griffen nach Taschen, sprachen durcheinander. Das vertraute Geräusch von rollenden Koffern auf dem Boden zog durch den Waggon. Früher hatte sie sich immer beeilt, um den Bus zu erwischen. Linie 36 Richtung Uni. Immer ein Blick auf die Uhr, immer dieses leise Rechnen im Kopf.
Heute nicht.
Heute nahm sie nur ihren Rucksack vom Sitz, strich den Stoff glatt und ging langsam nach draußen.
Die Luft war warm, ein bisschen schwerer als in den frühen Morgenstunden, die sie sonst gewohnt war. Sie roch nach Asphalt, nach Kaffee, nach diesem süßlichen Duft von Gebäck, der aus den Bars rund um den Bahnhof drang. Stimmen, Motoren, das Zischen der Türen — alles wie immer. Und trotzdem fühlte es sich an, als würde die Stadt sie diesmal nicht nur durchlassen, sondern aufnehmen.
Vor dem Bahnhof blieb sie kurz stehen.
Normalerweise wäre sie jetzt zur Bushaltestelle gegangen, hätte sich zwischen andere Studierende gestellt, die alle denselben Weg hatten. Stattdessen zog sie die Schultergurte ihres Rucksacks fester und bog nach rechts ab, hinein in die Stadt.
Zu Fuß.
Nicht, weil sie musste. Sondern weil sie konnte.
Sie lief die Via Indipendenza entlang, vorbei an offenen Geschäften, obwohl es Sonntag war. Schaufenster voller Kleidung, kleine Läden mit handgemachten Dingen, Menschen, die langsam gingen, als hätte niemand es eilig. Ein Straßenmusiker spielte irgendwo weiter vorne, seine Stimme verlor sich zwischen den Fassaden. Chiara ging daran vorbei, ohne stehen zu bleiben, nahm den Klang trotzdem mit.
Die Arkaden begannen, und mit ihnen dieser leichte Temperaturwechsel, den sie mochte. Schatten, der sich wie ein Schutz über die Straße legte. Ihre Schritte wurden leiser, gleichmäßiger. Sie kannte diesen Weg inzwischen gut, aber heute sah sie genauer hin.
An der Ecke zur Via Rizzoli bog sie ab. Der Blick öffnete sich kurz, und da war sie, die weite Fläche der Piazza Maggiore, mit den Menschen, die sich darauf verteilten wie zufällig gesetzte Punkte. Jemand saß auf dem Boden und zeichnete, ein Paar diskutierte gestikulierend, Touristen hielten ihre Handys in die Luft.
Chiara ging weiter, ließ den Platz hinter sich und tauchte wieder unter die Arkaden, diesmal Richtung Via Zamboni.
Hier wurde es studentischer. Lauter, dichter, vertrauter. Gruppen von Studierenden standen vor Bars, redeten durcheinander, lachten, rauchten. Fahrräder lehnten an Wänden, halb vergessen. Jemand rief einen Namen, jemand anderes antwortete von weiter weg.
Das war ihr Teil der Stadt.
Nicht mehr nur der Ort, zu dem sie hinfuhr. Sondern der, in dem sie sich bewegte.
Als sie am Caffè Terzi vorbeikam, musste sie nicht überlegen, ob sie reingehen wollte.
Es war fast vier.
Drinnen war es wie immer: eng, warm, laut genug, dass man sich ein wenig näher beugen musste, um verstanden zu werden. Der Geruch von frisch gemahlenem Kaffee lag schwer in der Luft, vermischt mit etwas Süßem, das sofort vertraut wirkte.
Chiara trat an die Theke und stellte ihren Rucksack neben sich ab.
Sie musste nichts sagen.
„Cappuccino,“ rief Luca, der Barista, noch bevor sie den Mund öffnen konnte.
Sie sah auf und lächelte leicht. „Du erinnerst dich noch, was ich trinke?“
Luca zog eine Augenbraue hoch, während er die Tasse unter die Maschine stellte. „Du kommst seit Monaten fast jeden Morgen. Ich wäre ein ziemlich schlechter Barista, wenn ich dich über die Semesterferien vergessen würde.“
Die Milch schäumte auf, ein leises Zischen, dann schob er ihr die Tasse hin.
Daneben legte er ein kleines Amarettini.
Chiara sah es an, dann ihn. „Das machst du immer noch?“
„Nur bei dir,“ sagte er — und diesmal sah er sie dabei direkt an und zwinkerte mit seinen braunen Augen, die beinahe so dunkel wirkten, wie frisch gemahlener Kaffee.
Ein paar dunkelbraune Locken fielen ihm in die Stirn, während er sich wieder zur Maschine drehte. Das weiße Hemd trug er mit hochgekrempelten Ärmeln unter der schwarzen Schürze, als würde selbst Arbeit bei ihm mühelos aussehen.
Es war nur eine kleine Geste. Schnell vorbei. Aber genau lang genug, dass sie blieb.
Chiara senkte den Blick auf die Tasse, als hätte sie etwas darin entdeckt, das ihre Aufmerksamkeit brauchte.
Sie wusste nicht, ob er das ernst meinte.
Und sie fragte nicht nach.
Luca musterte sie kurz, dann legte er den Kopf leicht schief. „Was machst du hier an einem Sonntag? Das Semester fängt doch erst morgen wieder an.“
Chiara nahm einen Schluck, ließ sich einen Moment Zeit, bevor sie antwortete.
„Ich ziehe um.“
Er runzelte die Stirn, überrascht. „Um?“
„Auf den Campus. Ich hab endlich ein Zimmer im Wohnheim bekommen.“ Ein kleines Lächeln schlich sich in ihre Stimme. „Kein Pendeln mehr.“
Einen Moment sagte er nichts, dann breitete sich dieses echte, warme Lächeln auf seinem Gesicht aus, das nichts mit Routine zu tun hatte.
„Dann hat sich das Warten ja gelohnt.“
Sie nickte. „Definitiv.“
„Gut für dich, Cappuccina,“ sagte er leise. „Wirklich.“
Und diesmal klang es nicht wie ein Spruch.
Chiara spürte etwas in sich nachgeben. Etwas, das sie die letzten Monate einfach akzeptiert hatte. Züge, Zeiten, das ständige Kommen und Gehen.
Jetzt hörte es auf.
Draußen fuhr ein LKW langsam an den Straßenrand. Das tiefe Brummen zog ihre Aufmerksamkeit zum Fenster.
Sie trat näher, sah die Männer, die schon ausstiegen, die Ladefläche öffneten.
„Das ist meiner,“ sagte sie.
Sie stellte die Tasse fast zu schnell ab, als hätte sie sich selbst überrascht, dann griff sie nach ihrem Rucksack.
„Sorry— ich muss los,“ fügte sie hinzu, schon halb in Bewegung.
Luca drehte sich leicht zum Fenster, warf einen Blick nach draußen und nickte. „Sieht so aus.“
Chiara zog sich den Rucksack über die Schulter, blieb einen Sekundenbruchteil stehen, als würde ihr noch etwas einfallen, dann griff sie doch nach dem kleinen Amarettini.
„Danke,“ sagte sie, diesmal etwas schneller.
„Immer,“ antwortete er.
Sie war schon auf dem Weg zur Tür, als er ihr nachrief:
„Hey—“
Sie drehte sich kurz um.
Ein kleines Lächeln, fast schief. „Jetzt hast du keine Ausrede mehr, nicht öfter vorbeizukommen, Cappuccina.“
Für einen Moment blieb sie stehen.
Dann erwiderte sie das Lächeln, leise, fast flüchtig.
„Mal sehen.“
Und dann war sie draußen.

