Prolog
Der Bass wummerte hart in ihr Ohr, doch das war ihr egal. Sie musste sich ablenken, damit sie nicht doch noch zurück nach Hause joggte, um dieses leidige Thema endlich zu beenden.
Der Streit war dieses Mal heftig gewesen, aber sie sah es nicht ein, dass sie jedes Mal als die Schuldige dargestellt wurde.
Charlotte von Ahrens kannte nur Arbeit.
Ihre Eltern waren reich, hatten sie aber nie in dem Sinne verwöhnt, dass sie nichts hätte leisten müssen, um zu Geld zu kommen.
Fleiß wird belohnt.
Faulheit bestraft.
Das war schon immer das Motto der Familie von Ahrens.
Natürlich hätte sie nach ihrem erfolgreichen Studium sofort in das Familienunternehmen einsteigen können, doch Charlotte wollte es aus eigener Kraft schaffen. Und ihr Mut gab ihr Recht.
Sie war nun fünfundvierzig Jahre alt und erfolgreiche Unternehmerin.
Seit zehn Jahren war sie mit Marcel verheiratet, der alles hinnahm, wie sie es wollte. Die Verhältnisse waren bei ihnen umgekehrt, denn eigentlich sagte man, der Mann sei der dominante Part.
Nicht so bei Marcel und ihr.
Charlotte hatte beschlossen, keine Kinder zu bekommen, also hatte Marcel klein beigegeben. Er arbeitete zwar auch, war jedoch nur ein kleines Licht im Unternehmen ihres Vaters. Sie selbst wollte ihn nicht in ihrer direkten Nähe im Unternehmen haben, sie wusste, dass Marcel zu gutmütig und voller Selbstzweifel war. Das konnte sie nicht gebrauchen.
Dass er sich auch bei ihrem Vater zunehmend unbeliebt machte, bekam Charlotte in letzter Zeit häufiger zu spüren.
Heute war sie vor allem geflohen. Sie joggte durch den Wald, um in Ruhe nachdenken zu können, auch wenn viele die Musik dabei als störend empfunden hätten.
Ihr Schweiß lief vom Haaransatz über die Augen bis zu den Wangen und sie wischte ihn mit einer ungeduldigen Bewegung fort.
Die ersten vier Kilometer waren geschafft. Nun kam der steile Anstieg, der sie tiefer in den Wald führte, bis zu der Sitzbank, an der sie immer rastete.
Sie liebte diesen Ort, denn von dort hatte sie einen freien Blick auf die Schlossruine, die hoch über ihr lag. Dass es dort schroffe Felsen und einen nur schlecht gesicherten Abgrund gab, verlieh ihr zusätzlich einen gewissen Reiz.
Sie senkte einen Moment den Kopf, dann lief sie weiter, erhöhte sogar das Tempo, um schneller an ihrem Lieblingsplatz zu sein.
Die Sonne ging bereits unter und tauchte die Landschaft in warmes rotes Licht. Endlich sah sie die Bank und lächelte leicht, während sie das Tempo drosselte.
Noch im Laufen zog sie die Wasserflasche hervor und trank einen ersten Schluck. Dann ließ sie die Schultern kreisen und atmete erleichtert aus, als sie nur noch wenige Schritte entfernt war.
Doch sie setzte sich nicht. Noch nicht.
Stattdessen nahm sie die Kopfhörer ab und legte sie auf die Bank, bevor sie einen Schritt nach vorne machte.
Sie trat an den windschiefen Zaun und sah auf die Ruine, die im Abendrot noch majestätischer wirkte.
Als Kind war sie oft hier gewesen. Ihre Eltern hatten darauf bestanden, dass sie auch die Geschichte der Stadt kennenlernte. Doch es war keineswegs langweilig gewesen, es gab eine große Voliere mit Krähen und ein kleines Gehege mit Wildschweinen. Man erzählte sich sogar, dass hier früher Wölfe gehalten worden seien, doch die Landwirte der Region hätten sie so stark dezimiert, dass sie bald als ausgestorben galten.
Sie musste leise lachen. Nach jahrelanger Abstinenz gab es nun tatsächlich wieder Wölfe in der Gegend, auch wenn sie für die Menschen meist unsichtbar blieben. Wahrscheinlich würde man nicht einmal etwas von ihnen wissen, wenn nicht ab und zu ein gerissenes Schaf auftauchte.
Sie atmete tief ein und betrachtete die Landschaft vor sich.
Es war wunderschön hier.
Der Schwarzwald.
Baden-Baden.
Die Battertfelsen.
Alles wirkte herrlich, und Charlotte war froh, hier leben zu können.
Sie streckte sich, trank noch einmal und wollte sich gerade setzen, als sie hinter sich eine tiefe Stimme hörte, die nur ein einziges Wort sagte:
„Fass!“
Dann spürte sie den ersten Biss. Und kurz darauf den Nächsten.
Ein Rudel Hunde hatte sie umzingelt.
Wie hatte sie diese Meute vorher nicht bemerken können?
Zähne blitzten im letzten Licht. Dann schossen sie auf sie zu.
Charlotte riss die Arme hoch, stolperte zurück.
„Nein! Hilfe!“
Ihre Stimme zerschnitt die Stille und verschluckte sich sofort im Wald.
Niemand hörte sie hier. Der nächste Ort war zu weit weg. Es war zu spät und zu verlassen.
Sie stürzte zu Boden.
Für einen Sekundenbruchteil hielten die Tiere inne, kreisten sie nur, schwer atmend, lauernd.
Dann ertönte wieder diese Stimme.
Kalt. Fremd.
„Fass!“
Die Hunde brachen los.
Bisse trafen ihre Beine zuerst. Dann die Arme.
Schmerz explodierte, heiß und grell. Etwas riss an ihr, zerrte sie auseinander.
Ein Tier erwischte ihr Gesicht.
Sie schrie und der Schrei brach ab, als sie nach Luft schnappte.
Es war kein Kampf mehr. Es war Überleben im Chaos.
Zähne, Pfoten, Gewicht.
Geifer tropfte auf ihre Haut. Die Tiere rochen nach nassem Fell und Blut und etwas unreinem, das sich in ihren Kopf fraß.
Einer packte ihre Seite.
Sie krümmte sich, ein Schrei, der diesmal nur noch aus Schmerz bestand.
Etwas riss.
Riss wirklich.
Ihr Körper reagierte schneller als ihr Verstand. Sie schlug blind um sich, traf Fell, Luft, nichts, was sie retten konnte.
Der Boden unter ihr wurde warm. Klebrig.
Rot.
„Bitte… aufhören…“
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Dann ... Stille im Befehl.
Ein Moment.
Nur ihr eigener Atem, stoßweise, zerbrochen.
„Genug.“
Die Hunde ließen ab.
Nicht zögernd. Nicht widerwillig. Sofort.
Charlotte blieb liegen, unfähig aufzustehen. Ihre Hände tasteten den Boden, suchten Halt, fanden nur Erde und Blut.
Die Bank.
Dort.
Sie zwang, sich zu bewegen. Zentimeter für Zentimeter kroch sie darauf zu.
Ihre Bauchtasche war abgerissen, lag ein paar Meter entfernt.
Ihr Smartphone.
Rettung.
Sie streckte die Hand danach aus.
Die Hunde beobachteten sie ... taten nichts.
Ein Schatten fiel über sie.
Ein Fuß trat auf ihre Hand.
Der Schmerz ließ sie erneut aufschreien.
Sie hob den Blick.
Ein Mann.
Unbekannt.
Keine Eile. Kein Zögern. Keine Emotion.
„Warum?“, brachte sie hervor.
Keine Antwort.
Er beugte sich nicht einmal zu ihr herunter.
Stattdessen zog er sie hoch, als wäre sie leicht.
Schleppte sie zum Zaun.
Der Abgrund lag dahinter.
Schwarz zwischen den Felsen.
Charlotte begriff.
„Bitte…“
Mehr kam nicht.
Er ließ sie los.
Der Fall war kurz.
Stein, Fels, Aufschlag.
Einmal.
Dann noch einmal.
Ihr Körper prallte gegen die Wand aus Stein, wurde herumgeschleudert, gebrochen von jedem Aufprall.
Der letzte Schlag war ruhig.
Nur ein dumpfes Ende.
Und dann ... Stille.
