23:47
Adrian Harrow hasste klingelnde Telefone.
Es war eine irrationale Abneigung, entstanden aus Jahren abrupt unterbrochener Nächte und Nachrichten, die selten etwas Gutes bedeuteten.
Das schrille Vibrieren seines Handys durchschnitt die Stille seiner Wohnung wie ein Messer durch dünnes Papier und riss ihn aus einem Halbschlaf, den er ohnehin nicht lange gehalten hätte.
Einen Moment lang lag er reglos auf dem Sofa und starrte an die Decke.
Draußen trommelte Regen gegen die hohen Fenster.
Das fahle Licht der Straßenlaterne vor dem Haus warf verzerrte Schatten an die Wände, die sich bei jedem Windstoß bewegten, als würde etwas dahinter entlangstreifen.
Das Handy klingelte weiter.
Adrian fluchte leise, tastete nach dem Gerät auf dem Couchtisch und blinzelte gegen das Displaylicht.
Ophelia.
Sein Magen zog sich zusammen.
Seine Schwester rief nie an.
Nicht nachts.
Nicht nach allem, was zwischen ihnen stand.
Nicht nach den letzten sieben Monaten voll absichtlich unbeantworteter Nachrichten und halbherziger Feiertagsgrüße, die mehr aus Gewohnheit als aus Zuneigung geschrieben worden waren.
Das Klingeln verstummte.
Für zwei Sekunden herrschte absolute Stille.
Dann begann es erneut.
Adrian nahm ab.
„Ophelia?“
Nichts.
Nur ein leises, unregelmäßiges Atmen.
Er richtete sich auf.
„Ophelia.“
Wieder dieses Atmen.
Flach.
Gehetzt.
Dann ihre Stimme.
So leise, dass er sie beinahe nicht verstand.
„Sie sind wieder da.“
Seine Finger schlossen sich fester um das Telefon.
Für einen Moment glaubte er, sich verhört zu haben.
Fünfzehn Jahre lang hatte er versucht, diese Worte aus seinem Kopf zu verbannen.
Vergeblich.
„Wovon redest du?“
Ein zittriges Einatmen.
Dann, kaum mehr als ein Flüstern:
„Die Scheinwerfer.“
Adrian stand abrupt auf.
„Ophelia, hör auf damit.“
„Diesmal sind sie nicht stehen geblieben.“
Etwas knackte in der Leitung.
Nicht elektronisch.
Eher wie altes Holz, das unter Gewicht nachgab.
Ophelias Atem stockte.
Adrian hörte das entfernte, langsame Knarren einer Tür.
Ein Geräusch, das irgendwo tief in seinem Gedächtnis sofort etwas Kaltes aufriss.
„Ophelia?“
Keine Antwort.
Nur dieses Knarren.
Langsam.
Bedächtig.
Als würde jemand eine Tür öffnen, ohne jede Eile.
Dann ein ersticktes Geräusch.
Ein Keuchen.
Und die Verbindung brach ab.
Die Fahrt dauerte neunundvierzig Minuten.
Adrian wusste das, weil er jede einzelne davon zählte.
Die Landstraße wand sich durch dichten Wald, schwarz und regennass.
Das Licht seiner Scheinwerfer fraß sich nur wenige Meter weit in die Dunkelheit, bevor der Regen alles wieder verschluckte.
Je weiter er fuhr, desto vertrauter wurde die Strecke.
Und desto schwerer lag dieses alte Gefühl in seiner Brust.
Ashcroft Manor hatte nie wie ein Zuhause gewirkt.
Nicht einmal als Kind.
Schon damals war da etwas falsch gewesen.
Nicht greifbar falsch.
Nur dieses leise, ständige Gefühl, dass das Haus ihn beobachtete.
Der Wald lichtete sich.
Das eiserne Tor tauchte vor ihm auf.
Es stand offen.
Adrian trat härter aufs Gas.
Die Auffahrt zog sich endlos durch das Dunkel.
Und dann sah er sie.
Zwei grelle, reglose Lichtkegel.
Mitten auf dem Kies.
Zu hell.
Zu weiß.
Wie Scheinwerfer.
Aber ohne Wagen.
Ohne Form.
Nur Licht.
Adrian riss den Wagen herum und bremste so abrupt, dass die Reifen aufschrien.
Die Lichtkegel verschwanden.
Einfach so.
Keine Bewegung.
Kein Flackern.
Nur Dunkelheit.
Sein Atem ging flach.
Langsam hob er den Blick.
Das Herrenhaus ragte vor ihm auf, schwarz gegen den grauen Himmel.
Kein einziges Fenster war erleuchtet.
Bis auf eines.
Oben.
Ganz links.
Ophelias Zimmer.
Dort stand eine Gestalt.
Reglos.
Schmal.
Langes Haar.
Sie hob langsam eine Hand und legte den Zeigefinger an die Lippen.
Adrian erstarrte.
Ein Blitz zerriss den Himmel.
Für den Bruchteil einer Sekunde war das Fenster leer.
Als die Dunkelheit zurückkehrte, war die Gestalt fort.
Sein Handy vibrierte.
Fast hätte er es fallen lassen.
Neue Nachricht.
Von Ophelia.
Er öffnete sie.
Komm nicht ins Haus.
Im selben Moment schwang die Haustür knarrend auf.
Und aus der Dunkelheit dahinter erklang ihre Stimme.
Direkt vor ihm.
„Adrian? Warum bist du schon wieder gegangen?“