Elodie [1]
Diese leuchtenden Buchstaben, die aus den Neonröhren geformt sind, brennen sich in meine Augen ein. Völlig gebannt starre ich auf den knallroten Namen – L’Emprise. Etwas an diesem Namen fasziniert mich enorm. Die Bedeutung ist speziell für einen Club wie diesen. Das ist absolut ersichtlich. Doch warum ich mich so von dem Namen beeindrucken lasse, kann ich nicht sagen. Nicht wirklich. Es muss mehr hinter dem Club stecken, als es auf den ersten Blick ersichtlich ist.
Aber will ich das wirklich wissen?
„Hör auf, auf den Namen zu starren. Lass uns endlich hineingehen, Elodie.“
Meine beste Freundin Zoe hat mich hierher gebracht. Hätte ich gewusst, dass sie mich in so einen Club mitnehmen will, hätte ich mich noch mehr gegen ihre Versuche gewehrt, heute mit mir eine unvergessliche Nacht zu erleben. Ich bin nicht so der Partytyp. Bisher hat mich das New Yorker Nachtleben in keinster Weise interessiert.
Zoe wiederum kann es kaum erwarten, durch die opulenten Glastüren zu gehen, die sich vor uns in rotem Rahmen auftun.
So sehr mich der Name fasziniert und mich aufgrund dessen die Neugier packt, genauso sehr plagen mich die Bedenken. „Glaubst du wirklich, dieser Club ist der richtige Ort zum Feiern?“, frage ich Zoe sichtlich unruhig.
„Es ist nicht nur der richtige Ort, sondern auch der beste Ort“, antwortet sie mir und schlägt dabei ihre wasserstoffblonde Mähne über ihre Schulter. „Im L’Emprise kannst du dich komplett gehen lassen. Du kannst dich nirgendwo anders so verausgaben wie hier.“
Meine Augenbrauen schieben sich gleichzeitig zusammen und in die Höhe: „Zoe, das ist ein Stripclub. Du willst doch nur einen Mann aufreißen, mit dem du die Nacht verbringen kannst.“
Zoes Mund verzieht sich. Sie sucht nach einer passenden Antwort, scheint aber keine zu finden und antwortet schließlich in der typischen Zoe-Art: „Dagegen ist nichts einzuwenden. Immerhin gibt es in dem Schuppen eine Menge Männer, die mich sicherlich nicht alleine nach Hause gehen lassen würden.“
„Gott, Zoe“, lache ich laut auf, „und wie soll ich dann nach Hause kommen? So ganz allein?“
Die Blondine legt einen Finger auf ihre Lippen und gibt vor nachzudenken: „Da finden wir schon eine Lösung. Vielleicht wird sogar einer der Beaumonts auf dich aufmerksam.“
Fragend sehe ich Zoe an, denn ich habe keine Ahnung, wer die Beaumonts sein sollen. Den Namen gibt es zwar öfter in New York, aber Zoe hat den Namen noch nie in den Mund genommen, um etwas anzudeuten. „Wer sind die Beaumonts bitte?“, frage ich neugierig.
Kaum spreche ich die Frage aus, schlägt sich Zoe gegen die Stirn. „Ach herrjemine, Elodie. Die ganze Zeit hast du auf das Namensschild des Clubs gestarrt. Ist dir dabei nicht etwas aufgefallen? Guck mal ganz genau hin. Ein Stück unter den Neonröhren!“
Augenblicklich wende ich den Blick zurück auf das Namensschild. Etwas weiter unten steht ein kleiner Zusatz, der von den seitlichen Scheinwerfern angeleuchtet wird: Besitzer: Étienne Beaumont, Lucien Beaumont und Adrien Beaumont.
In dem Moment wird es mir klar: „Ah, okay, die Beaumonts sind also die Besitzer des Clubs. Aber warum sollte ich ihnen auffallen?“, drehe ich mich Zoe wieder zu. „Wie schon gesagt: Das L’Emprise ist ein Stripclub. Diese Männer sind von Frauen nur so umringt. Die höchstwahrscheinlich allesamt älter und somit reifer sind als ich. Gegen diese aufreizenden Frauen werde ich mit Sicherheit keine Chance haben. Warum sollte ich den Besitzern auch auffallen? Sie sind bestimmt selbst viel älter als ich. Was soll ich mit einem älteren Mann? Ich bin noch nicht einmal 20 Jahre alt. Ich will einen Mann in meinem Alter.“ Zoes erheiternde Stimmung strahlt mich weiterhin an. Meine Gedanken malen sich bereits ein weiteres Szenario aus. „Außerdem will ich garantiert nicht als Striptease-Tänzerin enden. Das wäre absolut nichts für mich. So verzweifelt bin ich noch lange nicht, dass ich auf das Geld als Tänzerin angewiesen bin.“
„Wäre das so schlimm?“, grinst mich die Blondine weiterhin an.
„Hallo? Ich bin noch nicht so erfahren. Zumindest in solchen Dingen. Soll ich da die Männerherzen etwa höherschlagen lassen? Nee, meinen Körper werde ich nicht verkaufen, nur damit die Männer was zum Angaffen haben“, stelle ich klar.
Ich bin nicht wie Zoe. Sie ist viel aufgeschlossener als ich. Jedes Wochenende macht sie die Clubs und Bars Manhattans unsicher, meistens um sich einen One-Night-Stand zu angeln. Wie sie das schafft, ist mir ein Rätsel. In vielen der Bars dürfte sie noch gar nicht hinein gelangen. Sie ist, genau wie ich, noch keine 21 Jahre alt.
Ich hingegen bin das absolute Gegenteil. Ich habe kaum Ahnung vom Nachtleben und noch weniger Ahnung, was die Männer betrifft. Von Zoes Lifestyle als Party-Queen halte ich mich so gut es geht fern.
Heute jedoch bestand sie darauf, dass ich mit ihr losziehe. Unter keinen Umständen hätte sie es zugelassen, meinen achtzehnten Geburtstag nicht zu feiern.
„Jetzt komm endlich, Elodie. Langsam aber sicher verliere ich die Geduld“, drängelt sie.
Zoe setzt sich bereits in Bewegung, noch während sie zu mir spricht. Ein letztes Mal blicke ich auf den Namen des Clubs, dann folge ich meiner besten Freundin.
Wir kommen ohne Probleme durch den Eingang. Das verwundert mich ein wenig. Passiert das etwa jedes Mal bei Zoe? Lassen sie alle Sicherheitsleute am Eingang einfach durch? Der Türsteher würdigt uns nicht einmal eines Blickes. Stattdessen drückt er einen Knopf an seinem Ohr. Die Worte, die er spricht, kann ich nicht ausmachen, da die Musik vom Innenbereich bereits in meine Ohren dröhnt. In dem Augenblick überfällt mich allerdings ein ungutes Gefühl, das mich fast zum Umdrehen bringt, um geradewegs den Club wieder zu verlassen.
Doch ich kann den Gedanken nicht in die Tat umsetzen, da mir Zoe entgegenspricht: „Na, das hat ja ohne Probleme funktioniert.“
Mit belegter Stimme antworte ich ihr: „Ja, viel zu einfach.“ Überzeugung klingt auf jeden Fall anders.
Zoe lässt sich davon aber nicht aus ihrer Vorfreude bringen. „Was soll’s, besser für uns!“
Sie schnappt sich mein Handgelenk und führt mich durch den rot gehaltenen Flur des Eingangsbereichs. Irgendetwas scheint aber nicht zu stimmen. Warum sollte Zoe so erpicht darauf sein, mich hineinzuführen? Auch wenn ich nicht gerade begeistert bin, in einen Stripclub zu gehen, indem Zoe so oder so nur einen Mann, oder eventuell auch mehrere Männer, aufreißen will, würde sie mir trotzdem die Wahl lassen hineinzugehen. Ihr Griff um mein Handgelenk deutet allerdings auf das Gegenteil hin. Sie wird es nicht zulassen, dass ich verschwinde. So kenne ich meine Freundin nicht. Etwas daran ist suspekt.
Als wir den Innenbereich betreten, bleibe ich augenblicklich wie angewurzelt stehen. Mit einem Mal bin ich wie gebannt. Das hätte ich nicht erwartet. Nicht, dass ich so etwas noch nie gesehen hätte – das habe ich des Öfteren in einigen Filmen –, aber diese Atmosphäre mit meinen eigenen Augen zu erblicken, ist eine völlig andere Hausnummer. Unzählige entblößte Körper, die sich vor meinen Augen entfalten. Frauen sowie Männer. Allesamt haben sie einen entsprechend anziehenden Körper. Nicht eine dieser Tänzerinnen und Tänzer wirkt hier fehl am Platz. Die Emotionen, die in meinem Körper überhandnehmen, kann ich kaum in Worte fassen. „Das habe ich in keinster Weise erwartet“, enthülle ich Zoe, „Das ist …“
„Überwältigend?“, fragt sie verheißungsvoll nach meinem nicht beendeten Satz.
Mein Blick wandert inzwischen auf einen der Tänzer. „Ganz schön überwältigend“, gebe ich zu.
„Oh ja, der sieht wirklich heiß aus. Gutes Auge, Elodie. Komm, lass ihn uns aus der Nähe betrachten.“ Damit zieht Zoe mich zu dem dunklen Tisch, auf dem der braungebrannte Mann tanzt, und zeigt auf die in hellem Rotleder bezogene Sitzbank, die im Halbkreis um den Tisch aufgebaut ist. Ein klares Zeichen, mich zu setzen. Zögerlich setze ich mich auf die Sitzbank.
Kaum sitzen wir beide, kann ich nicht anders, als den Blick direkt auf den muskulösen Mann vor mir zu richten. Durch seine Bewegungen, die er unmittelbar vor meinen Augen ausführt, steigt unumgänglich die Erregung in mir an. Selbst Zoe kann sich davon nicht freisprechen. Ihr Gesichtsausdruck zeigt es genauso deutlich: Sie muss sich im Zaum halten, dem Mann nicht gleich an die Wäsche zu gehen.
Rund zwei Sekunden später richte ich meinen Blick wieder auf den Tänzer. Das entgeht ihm keineswegs, denn ruckartig richtet er sein Gesicht auf mich, als wenn er eine Anweisung bekam, mich anzusehen. Nicht einmal eine Sekunde vergeht und er beugt sich zu mir herab, zieht seine Krawatte von seinem Hals und legt sie mit einem verführerischen Lächeln um meinen Nacken. Die Wärme in mir verstärkt sich durch die Geste. Er hält die Krawatte fest, dabei steigt er vom Tisch herab und stellt sich vor mir hin. Gleich darauf schwingt er die Hüften in einem verführerischen Tempo, sodass es nicht lange dauern wird, bis ich den Verstand verlieren werde.
„Oh mein Gott“, dringt es aus meinem Mund.
Zoe gibt ein erstauntes „Wow“ von sich.
Dieser Tänzer, der nichts weiter als einen Stringtanga über seinen Hüften trägt, lässt mich kaum noch einen klaren Gedanken fassen. Beim nächsten gekonnten Hüftschwung zieht er mich ein kleines Stück näher. So nahe wie er mir jetzt ist, berühren meine Lippen sein Sixpack um Haaresbreite. Dadurch rutsche ich nervös auf der Sitzfläche hin und her. Noch nie habe ich es so weit kommen lassen. Noch nie war mir ein Mann so nahe gekommen.
Noch während ich dabei bin, mich mit dem Geschehen abzufinden, beiße ich mir unwillkürlich auf die Unterlippe. Seine raunende Stimme erklingt neben meinem Ohr: „Dir gebe ich eine Show der besonderen Art. Nach dem Tanz entführe ich dich, Kleines.“ Ruckartig übernimmt mein Instinkt, und ich nicke ihm zu. Zufrieden grinsend setzt er seinen Tanz fort. Dabei fühle ich immer wieder seinen gezielten Atem auf meiner Haut, und mit jedem Mal wird mir regelrecht heißer. Die Erregung muss sichtlich in meinen Gesichtszügen erkennbar sein. Das kann ich doch nicht weiter zulassen. Zoe soll mich so gar nicht sehen. Wenn ich sexuell erregt bin, sollte es niemand mitbekommen. Das ist eine reine Privatangelegenheit.
In diesem Zustand wage ich es dennoch, Zoe anzusehen. Deutlich kann ich ihren neidischen Blick ausmachen. Es ist offensichtlich: Sie will an meiner Stelle sein. Sie will den Körper spüren. Und normalerweise sollte auch Zoe in den Genuss des Stripteasetänzers kommen. Nicht ich. Sie ist schließlich diejenige, die sich an die Männer ranschmeißt, als wären sie ihr Lebenselixier. „Du hast so ein Glück, Elodie“, kommentiert Zoe direkt, als der Tänzer meine Hände auf sein Gesäß platziert.
Meine Lippen formen sich überrascht zu einem „O“. Dementsprechend weiten sich auch meine Augen. Sein Hintern fühlt sich noch fantastischer an, als er aussieht. Seine Hand platziert er auf mein Knie. Ich denke, das soll ein Zeichen sein, dass ich fester zupacken soll.
Jetzt erst überkommen mich die Zweifel. Ohne auf seine Aufforderung einzugehen, ziehe ich meine Hände weg. Ich kann dem nicht nachkommen. Das entspricht überhaupt nicht meiner Natur. So bin ich nicht. Weiter durchgehen lassen kann ich das Ganze nicht. Ich muss mich wieder zusammenreißen. Ich muss die Erregung loswerden. Das sollte doch kein Problem darstellen. Immerhin habe ich mich von den Männern nie so erregen lassen.
Sein Gesicht ist mir zugewandt. Er blickt mich über seine Schulter an. Ich will mich gerade rechtfertigen, doch da fällt mir hinter ihm eine Fensterfront auf. Vier Fenster, die aneinandergereiht sind. Ich kann zwei Männer erkennen, doch ihre Gesichter bleiben mir verborgen. Aus irgendeinem Grund glaube ich, sie starren mich an. Beobachten sie mich? Oder eher uns, Zoe und mich? Die Erregung flacht ab und wird nun durch etwas anderes ersetzt – durch Unbehagen.
Die Blondine neben mir greift sich meine Hände und platziert sie wieder auf den prallen Pobacken des Mannes.
„Hab keine Angst. Du kannst da nichts falsch machen“, ertönt die Stimme des Schönlings vor mir.
Wenn das jetzt noch meine Hauptsorge wäre. Auch wenn ich einen Mann noch nie zuvor so angepackt habe, weil ich in so etwas völlig unerfahren bin, rühren sich meine Finger kein Stück. Dass ich beobachtet werde, überschattet mich regelrecht.
In dem Moment, als Zoe das registriert, ergreift sie das Wort: „Elodie, meinst du das ernst? Weißt du nicht einmal, wie du einen Männerhintern richtig anpackst?“ Sie rückt näher, legt ihre Hände auf meine und presst sie regelrecht in sein Fleisch. Die Hitze steigt drastisch in mir an. Ohne dass ich es selbst mitbekomme, packen meine Hände fester zu. „Na also, geht doch“, kommentiert Zoe. „Er will genau das sehen. Er will sehen, wie sehr er dich erregt.“
Er will meine Erregung sehen?
Ruckartig ziehe ich die Hände zurück. Der trainierte junge Mann klettert zurück auf den Tisch und beginnt wieder zu tanzen. Er merkt wohl, dass seine Vorgehensweise nichts bringt.
Zoe verdreht die Augen: „Was soll das, Elle? Hör endlich auf, so prüde zu sein. Lass dich doch einfach gehen. Zumindest für eine Nacht. Wer weiß, wann es das nächste Mal passiert. Es gibt nichts Schöneres als das sexuelle Vergnügen. Im L’Emprise wird dir das vor die Füße gelegt. Sieh dich doch nur einmal um. Es trotzt hier nur so vor Intimität.“
Ich kann Zoes Worte gar nicht begreifen. Wie kann sie mir so etwas nur an den Kopf werfen? Sie will mich dazu bringen, genauso zu werden wie sie selbst. Das kann sie vergessen. Ich werde mich nicht verändern. Immerhin will ich etwas aus meinem Leben machen. Studieren, einen Job finden, irgendwann eine Familie gründen. Garantiert will ich keine Frau werden, die nur ihren sexuellen Bedürfnissen nachjagt.
Mit schmalen Augen gebe ich ihr zu verstehen: „Ich komme aus mir raus, wann ich das möchte. Bist du deshalb mit mir in diesen Club gegangen? Hast du gehofft, ein Stripclub würde dazu beitragen, mich ohne weiteres der hemmungslosen Lust hinzugeben?“
Ein Zucken ihrer Mundwinkel gibt mir genügend Antworten.
„Zoe, du weißt, dass ich mich nicht irgendeinem Mann hingeben will. Dafür ist mir meine Jungfräulichkeit zu schade. Ich bin nicht so wie du, die sich jedem x-beliebigen Mann an den Hals wirft.“
Damit stehe ich auf. Zoe allerdings lässt mich nicht einfach aus der Sitzecke verschwinden und stellt sich mir in den Weg. „So habe ich das nicht gemeint“, gibt sie mir zu verstehen. Allerdings blickt sie mich dabei nicht an. Ihr Augenmerk liegt ganz woanders.
„Ach nein?“, frage ich sie entrüstet. „Wie hast du es denn gemeint?“
Zoe öffnet ihren Mund erneut, doch es entweicht ihr kein Ton.
„Ich dachte, du wärst meine Freundin.“ Ich schubse sie beiseite und gehe aufgebracht in Richtung des Ausgangs.
Doch gerade als ich den Eingangsbereich betrete, werde ich von der Seite angesprochen: „Du willst schon gehen? Bist du nicht gerade erst gekommen?“
Erschrocken drehe ich mich zu dem Mann um, der lässig mit überkreuzten Füßen an der Wand lehnt. Er ist definitiv älter als ich. Ende zwanzig, eher Anfang dreißig. „Was kümmert es dich, wer hier wann den Club verlässt?“, frage ich ihn.
Ich versuche, mir sein Aussehen einzuprägen. In meinem aufgebrachten Zustand, der jetzt noch deutlicher von dem vorherigen Unbehagen unterstrichen wird, ist es allerdings nicht wirklich möglich. Ich nehme gerade so einen dunklen dreiteiligen Anzug und seine braunen Haare wahr.
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