RÜCKBLICK - 22. DEZEMBER 1968
Der Regen hatte an diesem Abend eine seltsame Art, zu fallen. In dünnen, schrägen Linien, so als würde jemand mit einem stumpfen Bleistift über den Himmel kritzeln. András zog die Schultern hoch, während er die Haustür aufschloss. Der Schlüssel klemmte wie immer, und Mal wieder fragte er sich, warum niemand sich je die Mühe machte und das Schloss endlich wechselte.
Im Flur roch es nach nassem Holz und dem Brot, das seine Mutter am Mittag gebacken hatte. Ein vertrauter Geruch, der sonst beruhigte, heute aber nur die Stille betonte, die im Haus hing.
Das Radio lief. Laut. Zu laut.
András blieb stehen, noch mit einer Hand an der Tür. Aus dem Wohnzimmer drang das monotone Murmeln des Moderators. Er konnte die Worte noch nicht verstehen, nur den Tonfall, sachlich, merkwürdig.
Er trat einen Schritt vor. Der Boden knarrte. Seine Eltern drehten sich nicht um. Das einzige Zeichen, welches bewies, dass sie noch atmeten, war der feine Rauch, welcher in regelmäßigen Abständen aus der kleinen Zigarette seines Apas qualmte. Sonst nichts.
Sie standen dicht vor dem Radio, als wäre es ein Fenster, durch das sie in eine andere Welt blickten. Eine Welt, die gerade dabei war, ihre eigene zu zerstören.
András öffnete den Mund, um etwas zu sagen, irgendetwas, doch in diesem Moment wurde die Stimme des Moderators klarer, schärfer, endgültiger:
„…der Zug nach Tápiósüly ist heute Abend entgleist. Es gibt mehrere Verletzte und Tote. Einsatzkräfte aus dem erweiterten Umkreis sind vor Ort. Die Identifizierung der Opfer läuft noch.“
Der Satz fiel wie ein Stein in einen tiefen Brunnen. András hörte das Echo nicht, nur das Fallen und spürte, wie der Raum erstarrte.
Seine Anya sah regungslos auf den kleinen Monitor. Apa ließ die Hand, mit der Zigarette darin sinken.
András wusste nicht, ob er atmete. Ihm wurde nur klar, dass er fror. Und dass er den Namen, der jetzt unausgesprochen im Raum hing, nicht aussprechen konnte.
Jóska.
Ihm war nicht klar, wie lange er dort stand, im Türrahmen, halb im Flur, halb im Wohnzimmer, er weigerte sich, ganz in diese neue Realität zu treten. Der Regen trommelte gegen die Fenster, und irgendwo im Haus knackte ein Heizungsrohr.
Anya bewegte sich zuerst. Nicht viel, nur ein Zucken in den Schultern, ein kaum hörbares Einatmen, das wie ein Schluchzen klang, aber keines sein durfte. Sein Apa legte ihr eine Hand auf den Rücken, unsicher, überfordert mit der Situation.
András trat langsam näher. Er sah die Zahlen auf dem Radiodisplay. Er sah die feinen Staubkörner, die im Licht tanzten. Er sah die Hände seiner Mutter, welche vor Anspannung ihre Farbe verloren hatten und nun leichenblass wirkten.
Und dann sah er das Foto.
Es stand auf der Anrichte, halb hinter einer Vase mit verwelkten Chrysanthemen. Ein Bild von Jóska, aufgenommen im Sommer davor. Er lachte darauf, dieses offene, unbeschwerte Lachen, das András immer etwas neidisch gemacht hatte. Die Sonne fiel ihm ins Gesicht, und seine Haare waren heller als sonst, fast goldbraun.
András griff nach dem Rahmen, ohne darüber nachzudenken. Seine Finger waren kalt, der Rahmen warm.
„Er… er hätte vielleicht…“ Seine Stimme brach ab. Er wusste nicht einmal, was er hatte sagen wollen.
Sein Apa schüttelte kaum merklich den Kopf. Nicht als Antwort, sondern als Geste der Hilflosigkeit.
Die Radiostimme sprach weiter, sachlich, ungerührt, als ginge es um das Wetter oder die Börse. András hörte nur Fetzen:
„…Bergungsarbeiten…“ „…schwierige Bedingungen…“ „…Identifizierung…“ „…noch unklar…“
Unklar. Das Wort blieb hängen.
Ein winziger, lächerlicher Funken Hoffnung. So klein, dass er fast wehtat.
András drückte das Foto an sich, als könnte er Jóska dadurch festhalten. Er spürte die Kante des Rahmens in seiner Handfläche. Er spürte sein eigenes Herz schlagen, schnell, unregelmäßig.
Er spürte, dass etwas in ihm zerbrach. Leise. Unaufhaltsam.
So stand er da, wusste nicht, wie lange er das Foto festhielt. Vielleicht eine Minute. Vielleicht eine Stunde. Zeit war in diesem Raum ohnehin bedeutungslos geworden.
Er hörte das Radio weiterreden, hörte die emotionslose Stimme, die Worte wie Steine in den Raum warf, aber nichts davon erreichte ihn wirklich. Alles klang gedämpft, als würde er unter Wasser stehen. Nur das Bild in seinen Händen war klar, scharf, fast schmerzhaft lebendig.
Vor ihm sank seine Anya in sich zusammen, sein Apa blieb danebenstehen, die Hand noch immer auf ihrer Schulter, aber sein Blick war leer, weit weg, irgendwo zwischen Vergangenheit und dem, was jetzt unausweichlich vor ihnen lag.
András stellte das Foto vorsichtig zurück.
„Vielleicht…“, begann er, doch seine Stimme versagte wieder. Vielleicht lebt er noch. Vielleicht war er nicht im Zug. Vielleicht ist alles ein Irrtum.
Vielleicht.
Das Wort war zu groß, zu schwer, zu gefährlich.
Er trat einen Schritt zurück. Dann noch einen. Der Flur schien länger als sonst, dunkler. Unbewusst griff er nach seiner Jacke. Seine Finger zitterten leicht.
Er musste raus. Nur für einen Moment. Nur Luft holen. Nur atmen.
Die Haustür fiel hinter ihm ins Schloss, und der Regen empfing ihn kalt und überwältigend. Auf der Schwelle blieb er stehen, die Hände in den Taschen vergraben, und sah in die nasse Dunkelheit hinaus.
Die Straße glänzte im Licht der Laternen. Wasser lief in kleinen Rinnsalen den Bordstein hinunter. Ein Hund bellte irgendwo in der Ferne. Ein Auto fuhr vorbei, langsam, als würde es die Stille nicht stören wollen.
András schloss die Augen. Er hörte den Regen. Er hörte seinen eigenen Atem. Er hörte sein Herz, wie es raste.
Und dann hörte er etwas anderes. Etwas, das nicht von draußen kam. Etwas, das nicht vom Radio kam.
Etwas, das aus ihm selbst drang.
Ein Gedanke. Ein Impuls.
Er öffnete die Augen. Der Regen fiel weiter, unbeeindruckt von allem, was in ihm zerbrach.
Ein ohrenbetäubender Schrei, brannte sich aus seinem Bauch heraus, schnitt sich seine Kehle rauf und zerriss die Nacht.
András zog die Jacke enger um sich, atmete tief ein und machte den ersten Schritt.
Den ersten Schritt in eine Wahrheit, die 44 Jahre auf ihn warten würde.
Er stand im Regen, die Hände tief in den Taschen, und spürte, wie die Kälte langsam durch den Stoff kroch. Das war alles zu viel, die Worte, die in seinem Kopf, die wie ein Echo nachhallten.
Der Zug nach Tápiósüly. Entgleist. Verletzte. Tote.
Er sah Jóska vor sich, wie er am Morgen seine Tasche vom Dachboden geholt, seine Sachen für die nächsten Tage aus dem Schrank gezogen und als Haufen in die Mitte ihres gemeinsamen Zimmers geworfen hatte. Dabei grinste er seinen kleinen Bruder einfach nur an und sagte: „Ich bin spätestens in acht Tagen zurück.“ Mehr war da nicht. Er war bloß wieder einmal fort gegangen, mehr hatte er nicht zu ihm gesagt. Und das Einzige, was András dazu eingefallen war, war ihn anzuschreien, ihm Vorwürfe zu machen, weil er für die neue Arbeit in der Großstadt immer so lange wegbleiben musste und so gar keine Zeit mehr für ihn hatte. War das echt das letzte gewesen, was er zu ihm gesagt hatte?








