Customize readability
Aa

Keine Zeit für Pancakes Süße

All Rights Reserved ©

Summary

Ein goldener Morgen. Ein vergilbter Brief. Ein Mann im Mantel, der plötzlich überall steht. Heather rennt mit ihrer kleinen Schwester durch die Stadt, gejagt von einem Schatten, der nie den falschen Schritt macht. 07:45 ist ihre einzige Chance.

Genre
Adventure
Author
Mi
Status
Excerpt
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
13+

ICH HAB KEINEN HUNGER MEHR

Die Golden Hour lag wie ein weicher Schleier über der kleinen Wohnung, dieses tiefe, goldene Licht, das sich durch die halb geschlossenen Jalousien schob und die Staubkörner in der Luft wie winzige, schwebende Funken wirken ließ. Es war einer dieser Morgen, an denen die Welt für einen Moment stillzustehen schien. Und doch lag in dieser Stille etwas, das drängte.

Heather saß am Küchentisch, die Beine leicht angezogen, die Hände um eine Tasse Kaffee gelegt, welche längst kalt geworden war. Ihr Blick hing an der Tischkante, wanderte dann zum Fenster, und anschließend sofort wieder zurück. Sie dachte nach. In ihrer Jackentasche steckte der Brief, dessen vergilbtes Papier und die verwaschene Schrift darauf sie inzwischen auswendig kannte, jede Falte, jeden Schnörkel, jeden kleinen Klecks der dunkelblauen Tinte darauf.

„Heather? Hast du meine Haarspangen gesehen? Die mit den kleinen Sternen?“ Amy rannte barfuß durch den Flur, ihre hellblonden Haare fielen ihr wie ein unruhiger Wasserfall über die Schultern. Sie wirkte wie ein kleines Stück Sommer, das sich in dieser Wohnung verirrt hatte.

„Auf dem Couchtisch“, murmelte Heather, ohne aufzusehen.

„Da hab ich schon geguckt.“ „Dann im Bad.“ „Da hab ich auch geguckt.“ „Dann…“ Heather seufzte leise. „Dann trag einfach keine.“

Amy blieb stehen, die Hände in die Hüften gestemmt. „Ich will aber welche tragen.“

Ein winziges Lächeln huschte über Heathers Gesicht, sie sah ihrer kleinen Schwester kurz durch den Raum hinweg an. „Dann such weiter.“

Amy verschwand wieder, und für einen Moment war nur das leise Brummen des alten Ventilators zu hören, der sich langsam drehte und in kurzen Abständen die schwüle Luft im Zimmer mit einem Schwall frischem Wind ersetzte.

Heather zog den Brief aus der Tasche. Faltete ihn auf. Zum hundertsten Mal.

Das Foto. Zwei kleine Mädchen. Sie selbst, vor Jahren. Und hinter ihnen ein Bahnhof, der nicht mehr existierte. Nicht existieren durfte.

Auf der Rückseite die Worte ihrer Mutter.

Findet die Wahrheit, bevor sie euch findet

Ein Schatten glitt über die Jalousien. Nur für einen Wimpernschlag. Sie bemerkte ihn nur kurz aus dem Augenwinkel, sah erschrocken auf, stockte und hielt für einen Moment den Atem an.

Heather stand auf, ging zum Fenster, schob vorsichtig eine Lamelle zur Seite. Die Straße lag still da. Ein paar Autos. Ein Hund, der irgendwo bellte. Nichts Ungewöhnliches.

Und doch… Sie hatte ihn gestern gesehen. Den Mann im Mantel. Stehend. Wartend. Beobachtend.

„Ich hab sie!“ Amy kam wieder ins Zimmer, triumphierend, die Stern-Haarspangen in der Hand. „Sie waren unter meinem Kissen. Keine Ahnung, wie die da hingekommen sind.“

„Wunder.“ Heather zwang sich zu einem ruhigen Ton. „Zieh dich an. Wir müssen los.“

„Wohin denn überhaupt? Du sagst die ganze Zeit nur los. Sag mir doch endlich wohin und warum überhaupt Heath!“ „Zum Diner. Frühstück.“ „So früh?“ „Jaha.“

Amy musterte sie, die Stirn leicht gerunzelt. „Du bist komisch heute.“

„Ich bin nicht komisch.“ „Doch, bist du.“ Heather wandte sich um und verdrehte die Augen. „Zieh dich endlich an Mini.“

Amy grinste, als hätte sie gewonnen, und verschwand in ihr Zimmer. Heather blieb stehen, mitten im Wohnzimmer, zwischen dem senfgelben Sofa und dem Plattenspieler, mit den riesigen, in bunten Pappen verstauten Schallplatten. Sie sah zu den Jacken ihrer Eltern, die noch immer an der Garderobe hingen, so, als würden sie jeden Moment hereinkommen und fragen, warum die Mädchen so früh wach waren, da sie doch sonst immer noch so lang wie möglich im Bett blieben und gerade am Wochenende erst viel, viel später als sonst aufstanden. Niemals schon, bevor die Sonne überhaupt richtig aufgegangen war und erst recht nicht freiwillig.

Heather wartete. Aber niemand kam.

„Ich bin fertig!“ Amy stand im Flur, Rucksack auf dem Rücken, Haare in zwei Zöpfen, die Sternspangen glitzernd im Morgenlicht und hielten an den Seiten einige kürzere Strähnchen aus ihrem kleinen Gesicht. Sie grinste und vom ganzen Rumrennen und der Suche nach den beiden Spangen hatten ihre Wangen eine leicht rosige Verfärbung bekommen. „Können wir jetzt? Ich hab soooo einen Bärenhunger!“

Heather nickte, griff nach ihrer Jacke, nach dem Brief, nach ihrer Tasche auf einem kleinen Hocker neben der Wohnungstür. „Ja. Wir gehen.“

Sie öffnete die Tür zum Gang. Der Hausflur war still, nur das Summen der Neonröhre über ihnen klang von allen Seiten wieder. Amy hüpfte die ersten Stufen hinunter. Heather drehte sich noch einmal um, sah in die Wohnung zurück.

Für einen Moment stand sie einfach nur da, die Hand noch an der Türklinke, als würde sie versuchen, sich jedes Detail einzuprägen: das senfgelbe Sofa, auf dem Amy gestern Abend eingeschlafen war, der Plattenspieler, dessen Nadel noch immer auf der letzten Rille ruhte, die Jacken ihrer Eltern, die wie stumme Zeugen an der Garderobe hingen. Es war, als würde die Wohnung sie ansehen. Als würde sie etwas sagen wollen. Oder warnen.

Ein leises Ziehen in ihrer Brust. Ein Gedanke, der sich nicht abschütteln ließ

Wenn wir zurückkommen, wird nichts mehr so sein wie vorher.

„Heath? Kommst du?“ Amys Stimme hallte von unten zu ihr in den ersten Stock, hell und ungeduldig wie immer.

Heather zog die Tür ins Schloss. Klack.

Sie lief die Stufen hinunter, zwei auf einmal, ihre Tasche schlug ihr bei jedem Schritt gegen die Hüfte. Amy wartete unten, wippte auf den Zehenspitzen, als hätte sie Angst, sonst Wurzeln zu schlagen.

„Du brauchst echt mal neue Schuhe“, sagte Amy und deutete auf Heathers abgenutzte Stiefel.

„Die sind gut so.“ „Die sind alt.“ „Die gehören mir.“ „Und sie quietschen“, plapperte Amy weiter. „Tun sie garnicht.“ Heather hatte beleidigt die Hände in die Seiten gestemmt. „Mhm ist klar. Du hängst echt viel zu sehr an den alten Dingen von Dad“

Sie schnaubte über die besserwisserische Bemerkung ihrer kleinen Schwester, aber ein kleines Lächeln zuckte dennoch über ihr Gesicht. Amy grinste breit.

Draußen empfing sie die kühle Morgenluft, frisch und klar, mit einem Hauch von Benzin und nassem Asphalt. Die Sonne war noch nicht ganz über die Dächer gestiegen.

Amy hüpfte den Gehweg entlang, die Zöpfe wippten, die glitzernden Spangen funkelten immer wieder kurz auf. Heather folgte ihr, den Blick immer wieder über die Straße gleitend. Autos fuhren vorbei, ein Lieferwagen hielt kurz an, ein Mann trug Kisten in ein Geschäft. Alles wirkte normal.

„Heath?“, fragte Amy plötzlich und blieb stehen. „Hm?“ „Warum gehen wir eigentlich ins Diner? Wir haben doch Cornflakes.“

Heather blieb ebenfalls stehen. Ein Windstoß wehte ihr eine Haarsträhne ins Gesicht. Sie schob sie zurück, sah Amy an.

„Weil wir heute…“ Sie stockte. Wie viel konnte sie sagen? Wie viel sollte sie sagen?

„Weil wir heute früh losmüssen“, sagte sie schließlich. „Und weil du Pancakes liebst. Heute wird ein ganz besonderer Tag Süße. Komm schon, du darfst auch alles bestellen, was du willst. Okay?“

Amy strahlte. „Supiii!“

Sie gingen weiter. Heather hörte ihre eigenen Schritte, hörte Amys, hörte das entfernte Rattern eines Zuges, der irgendwo die Gleise entlangfuhr. Ein Geräusch, das sich in ihrem Kopf festsetzte.

Als sie die nächste Straßenecke erreichten, blieb Heather abrupt stehen.

Amy prallte fast gegen sie. „Hey! Was…“

Heather hob eine Hand, bedeutete ihr zu schweigen.

Auf der anderen Straßenseite stand ein Mann. Mantel. Hut. Reglos.

Er sah nicht zu ihnen. Und doch wirkte es, als würde er genau wissen, dass sie da waren.

Heather spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte. Der Brief in ihrer Jackentasche schien schwerer zu werden.

„Heath?“, flüsterte Amy. „Alles okay?“

Heather zwang sich zu einem Atemzug. Dann noch einer.

„Ja“, sagte sie. „Wir gehen weiter.“

Sie nahm Amys Hand. Fester als nötig. Und zog sie mit sich, weg von der Ecke, weg vom Mann, hinein in die nächste Straße, welche sie direkt zum Diner führte.

Amy sagte nichts mehr. Sie spürte, dass etwas nicht stimmte. Sie spürte, dass Heather sie schützte. Und sie spürte, dass heute kein gewöhnlicher Morgen war.

Heather sah nicht zurück. Nicht ein einziges Mal.

Sie hielt Amys Hand fest, fast zu fest, und erst als Amy leise „Autsch…“ murmelte, lockerte sie den Griff wieder ein wenig. Die Straße vor ihnen war noch leer, die Häuser warfen lange, schmale Schatten, und irgendwo klapperte ein Fensterladen im Wind. Es war ein Morgen, der eigentlich friedlich hätte sein sollen. Einer, an dem man langsam wach wird, sich streckt, den ersten Kaffee trinkt und sich überlegt, ob man heute überhaupt das Haus verlassen muss.

Aber ihre Realität hatte sich verschoben und von denen der Menschen in den umliegenden Häusern distanziert.

Heute fühlte sich alles an, als würde die Welt sie antreiben, schneller, weiter, weg.

„Heath?“, fragte Amy nach einer Weile, ihre Stimme klein, fast vorsichtig. „Kennst du den Mann?“

Heather schluckte. „Nein.“

„Aber du hast ihn schon mal gesehen, oder?“

Heather blieb stehen. Nur für einen Atemzug. Nur für einen Moment, in dem die Wahrheit schwer auf ihrer Zunge lag.

„Ja“, sagte sie schließlich. „Einmal.“

Amy nickte langsam, als würde sie diese Antwort akzeptieren, obwohl sie sie nicht wirklich verstand. Sie nahm Heathers Hand wieder, diesmal aus eigenem Antrieb, und gemeinsam gingen sie weiter.

Das Diner lag am Ende der Straße, das Neonlicht über dem Eingang flackerte in einem unregelmäßigen Rhythmus. Die rot-weißen Sitzbänke waren durch die großen Fenster zu sehen, und der Duft von Kaffee und frisch gebratenem Bacon hing schon draußen in der Luft.

„Da!“, rief Amy begeistert und rannte die letzten Meter voraus, die Zöpfe flogen hinter ihr her und wippten im Takt ihres Schritts.

Heather folgte langsamer, ihr Blick glitt über die Straße, über die Häuser, über die Schatten. Der Mann im Mantel war nicht mehr zu sehen. Aber das machte es nicht besser. Im Gegenteil.

Sie betrat das Diner, und sofort umfing sie die warme, vertraute Geräuschkulisse, das Klirren von Geschirr, das Zischen der Kaffeemaschine, das leise Summen eines Radios, das irgendwo im Hintergrund lief. Amy hatte sich bereits in eine der roten Booths fallen lassen und winkte wild.

„Heath! Hier! Schnell! Ich will die Pancakes mit den Blaubeeren! Einen XXL Banana Breakfast Shake mit extra Schokosplits! Und Hash Browns! Und…“

„Langsam, Mini“, sagte Heather und setzte sich ihr gegenüber. „Du kannst nicht das ganze Menü bestellen.“

„Warum nicht? Du hast gesagt, ich darf alles bestellen, was ich will.“

Heather öffnete den Mund, um zu widersprechen, aber die Kellnerin kam schon mit einem Notizblock an den Tisch. Sie war Mitte vierzig, mit hochgesteckten Haaren und einem Kaugummi, den sie unaufhörlich kaute.

„Morgen, ihr zwei“, sagte sie. „Ihr seid aber früh dran.“

„Wir haben Hunger“, erklärte Amy stolz.

„Das seh ich.“ Die Kellnerin grinste. „Also, was darf’s sein?“

Amy bestellte, und machte dabei wahrscheinlich den Anschein, als hätte sie seit Tagen nichts gegessen. Heather nahm nur einen Kaffee und Toast. Ihr Magen war zu angespannt für mehr.

Während die Kellnerin wegging, lehnte sich Amy vor. „Heath?“

„Hm?“

„Warum hast du eigentlich den Brief mitgenommen?“

Heather erstarrte. Nur eine Sekunde. Aber Amy fiel es augenblicklich auf.

„Einfach so“, sagte Heather schnell. „Nur… falls ich ihn brauche.“

„Wofür?“

Heather sah aus dem Fenster. Und ihr Herz rutschte ihr in die Knie.

Draußen, auf der anderen Straßenseite, stand der Mann im Mantel. Reglos. Wie ein Schatten, der vergessen hatte, sich zu bewegen.

Amy folgte ihrem Blick. Ihre Augen wurden groß.

„Heath…?“

Heather zwang sich zu einem Lächeln. „Iss erst mal. Okay?“

„Aber Hea…“

„Amy. Bitte.“

Amy verstummte. Sie zog die Beine an sich und drückte den Rücken durch.

Heather griff unter den Tisch, tastete nach ihrer Tasche, nach dem Brief, nach der einzigen Spur, die sie hatten. Ihr Herz schlug schneller, lauter, als würde es versuchen, sie zu warnen.

Der Mann im Mantel bewegte sich nicht. Nicht einen Millimeter.

Aber Heather wusste: Er wartete.

Und sie hatten nicht mehr viel Zeit.

Die Kellnerin stellte gerade zwei Gläser Wasser auf den Tisch, als die Tür des Diners aufschwang und ein kurzer Windstoß die Servietten aufwirbelte. Heather zuckte zusammen. Doch es war nur ein Mann in Arbeitskleidung, der sich an den Tresen setzte und sofort nach einem Kaffee verlangte. Trotzdem blieb ihr Herzschlag zu schnell, zu laut, als würde er gegen ihre Rippen trommeln.

Amy starrte weiterhin aus dem Fenster, die Knie an die Brust gezogen, die Finger darum gekrallt. „Heath… er ist immer noch da.“

„Ich weiß.“ Heather zwang sich, ruhig zu klingen. „Tu so, als würdest du ihn nicht sehen.“

„Ich kann ihn aber sehen.“

„Ich weiß.“

Amy schluckte. „Warum beobachtet der uns?“

Heather öffnete den Mund, und schloss ihn wieder. Sie hatte keine Antwort, die Amy nicht noch mehr verängstigen würde.

Stattdessen griff sie nach dem Brief in ihrer Tasche, spürte das raue Papier unter ihren Fingern. Der einzige Hinweis. Die einzige Spur. Die einzige Verbindung zu ihren Eltern, die sich nicht wie ein Traum anfühlte.

Die Kellnerin kam zurück, stellte Amys gigantischen, dampfenden Pancake Turm ab, welcher nach Blaubeeren duftete. „Da, Süße. Und für dich, Heather, Toast und Kaffee. Wenn ihr noch was braucht, ruft einfach.“

Heather nickte dankbar, doch ihr Blick blieb am Fenster hängen. Der Mann im Mantel stand noch immer dort. Unbeweglich. Wie ein Schatten, der beschlossen hatte, eine gespenstische, unheilvolle Form anzunehmen.

„Heath…“ Amy schob ihren Teller weg. „Ich hab keinen Hunger mehr.“

Das war neu. Amy hatte immer Hunger. Immer.

Heather legte ihre Hand auf Amys. „Es ist okay. Wir essen schnell und gehen dann.“

„Wohin?“

Heather sah sie an. Ihre kleine Schwester, die sie beschützen musste. Die sie nicht verlieren durfte. Die sie in diese Geschichte hineingezogen hatte, ohne es zu wollen.

„Zum Bahnhof“, sagte sie leise. „Wir müssen jemanden treffen.“

„Wen?“

„Jemanden, der uns helfen kann.“

Amy nickte langsam. Sie nahm eine Gabel voll Pancakes, kaute, aber ihr Blick blieb auf das Fenster geheftet.

Ihre große Schwester zwang sich, einen Schluck Kaffee zu trinken. Er schmeckte bitter, zu stark, aber er hielt sie wach. Wach genug, um zu bemerken, dass der Mann im Mantel sich plötzlich bewegte.

Nicht viel. Nur ein Schritt. Ein einziger Schritt nach vorn.

Heather erstarrte.

Und genau in diesem Moment setzte sich ein alter Mann am Nebentisch auf, drehte sich zu ihnen und sagte mit rauer Stimme:

„Dieses Foto…“

Heather fuhr herum. „Wie bitte?“

Der Mann deutete auf den Brief, der ein Stück aus Heathers Tasche ragte. Seine Augen waren hell, fast durchsichtig, und sie wirkten, als hätten sie zu viel gesehen.

„Der Bahnhof darauf“, sagte er. „Der wurde ’62 geschlossen. Und…“ Er beugte sich näher. „Dieses Bild hätte nie aufgenommen werden dürfen.“

Heather spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. Amy hielt den Atem an.

„Woher wissen Sie das?“, flüsterte Heather.

Der Mann sah sie lange an. Zu lange.

„Weil ich damals dort war.“

Heather öffnete den Mund, doch bevor sie etwas sagen konnte, ertönte draußen ein dumpfer Knall, als wäre eine Autotür zugefallen. Amy zuckte zusammen. Heather drehte sich reflexartig zum Fenster.

Der Mann im Mantel war verschwunden.

„Wir müssen gehen“, sagte Heather sofort, sprang auf, griff nach ihrer Tasche, nach Amys Hand und knallte einen 20$ Schein auf die Tischplatte. „Jetzt.“

„Aber…“, protestierte diese. „Amy. Jetzt!“

Der alte Mann am Nebentisch rief ihnen etwas hinterher, aber Heather hörte es nicht mehr. Sie zog Amy durch das Diner, vorbei an der Kellnerin, die verwirrt „Hey! Ihr habt doch noch…“ rief, und hinaus auf die Straße.

Die Luft draußen war kälter geworden. Oder es kam Heather nur so vor.

„Heath, wo ist er hin?“, flüsterte Amy.

„Egal. Wir müssen zum Bahnhof.“

„Aber der Zug…“

„Wir schaffen das.“

Sie liefen los.

Heather hörte ihre eigenen Schritte, welche immer länger zu werden schienen und Amy hinter sich herzogen. Sie hörte Amys Atem, hörte das Blut in ihren Ohren rauschen. Die Häuser zogen an ihnen vorbei, verschwammen zu Farben und Formen. Ein Hund bellte. Ein Auto hupte. Jemand rief ihnen etwas nach.

Aber Heather hörte nur eines: Das Rattern eines Zuges, der irgendwo in der Ferne anfuhr.

Ein Geräusch, das in ihrem Kopf den Klang eines Countdown annahm.

Sie bog mit Amy um die nächste Ecke, und sofort schlug ihnen der Wind entgegen, der vom offenen Bahngelände herüberwehte. Er roch nach Metall, nach Öl, nach etwas Kaltem, das Heather eine Gänsehaut über die Arme jagte. Amy stolperte kurz, fing sich aber wieder, ihre kleinen Schritte hastig, aber entschlossen.

„Heath… ich kann nicht so schnell…“, keuchte sie.

Heather bremste nicht. „Doch klar, kannst du. Nur noch ein Stück Amy.“

Sie überquerten eine Straße, Autos hupten, ein Fahrer schimpfte etwas aus dem Fenster, aber Heather hörte nichts davon. Ihr Blick war auf die Bahnhofsuhr gerichtet, die über den Dächern auftauchte, groß, rund, weiß, mit schwarzen Zeigern, die unbarmherzig weiterliefen.

07:38.

„Wir schaffen das“, murmelte Heather, mehr zu sich selbst als zu Amy.

Der Bürgersteig wurde voller, Menschen strömten in Richtung Bahnhof, manche mit Koffern, manche mit Aktentaschen, manche mit müden Gesichtern, die noch halb im Schlaf hingen. Heather drängte sich durch die Menge, zog Amy hinter sich her, welche sich an ihrer Hand festklammerte.

„Heath!“, rief Amy plötzlich, ihre Stimme panisch. „Da hinten!“

Heather drehte sich im Laufen um.

Und ihr Herz blieb stehen.

Der Mann im Mantel. Nur wenige Meter hinter ihnen. Nicht rennend. Nicht hastend. Aber zielgerichtet. Unaufhaltsam.

Heather riss Amy wieder nach vorn. „Nicht stehen bleiben. Nich umdrehen.“

„Heath, ich hab Angst…“

„Ich weiß. Lauf einfach.“

Sie erreichten die Treppe zum Bahnhofsvorplatz, und Heather spürte, wie ihre Beine brannten, wie ihr Atem flach wurde, aber sie zwang sich weiter. Amy stolperte erneut, diesmal härter, fiel fast, doch Heather fing sie gerade im letzten Moment auf.

„Alles gut, Mini. Komm.“

Der Bahnhof ragte vor ihnen auf, ein großes, altes Gebäude aus rotem Backstein, mit hohen Fenstern und einem Dach, das im Morgenlicht glitzerte. Menschen strömten hinein und hinaus, Stimmen hallten, Koffer rollten, Lautsprecher krächzten Durchsagen.

„Der Zug nach Northbridge, Abfahrt 07:45, Gleis 3.“

Heather spürte, wie ihr Herz einen Satz machte.

„Gleis 3“, sagte sie. „Wir müssen zu Gleis 3.“

Sie drängten sich durch die Eingangshalle, vorbei an einem Zeitungsstand, an dem die Schlagzeilen des Tages auslagen. Heather warf im Vorbeilaufen einen Blick darauf, und blieb fast stehen.

Unbekannter Mann in mehreren Bundesstaaten gesichtet

– Polizei warnt

Das Bild war unscharf. Aber die Silhouette geradezu eindeutig.

„Heath!“, rief Amy und zog an ihrem Arm. „Komm!“

Heather riss sich los von dem Anblick, von der Erkenntnis, die ihren Magen automatisch schrumpfen ließ. Sie hetzten weiter, durch die Halle, vorbei an Reisenden, die ihnen verwirrt nachsahen.

Dann erreichten sie die Treppe zu den Gleisen.

„Gleis 3“, keuchte Heather. „Nur noch hoch.“

Sie stürmten die Stufen hinauf, zwei, drei auf einmal. Heather hörte hinter sich Schritte, schnelle Schritte. Nicht die gemächlichen, kontrollierten Schritte von vorher. Nein. Diese waren anders.

Eilig. Entschlossen. Zu nah.

„Heath!“, rief Amy, ihre Stimme überschlug sich. „Er kommt!“

Heather wagte einen Blick über die Schulter.

Der Mann im Mantel war auf der Treppe. Und diesmal rannte er.

„Los!“, schrie Heather. „Amy, los!“

Sie erreichten den Bahnsteig. Der Zug stand schon da. Die Türen waren offen. Menschen stiegen ein, manche hastig, manche langsam, manche mit Koffern, die klapperten.

„Rein!“, schrie Heather ihrer kleinen Schwester panisch entgegen.

Amy sprang zuerst. Heather hinterher.

In dem Moment, in dem sie den Fuß über die Schwelle setzte, ertönte ein schriller Pfiff. Die Türen begannen sich zu schließen.

Heather drehte sich um.

Der Mann im Mantel war nur noch wenige Meter entfernt. Sein Blick traf ihren. Kalt. Leer. Unmissverständlich.

Heather riss die Tür mit beiden Händen zu sich, drückte dagegen, als würde ihr Leben davon abhängen.

Die Tür schloss sich.

Ein letzter Blick durch das Fenster. Der Mann stand direkt davor. Reglos. Atmete nicht einmal.

Dann setzte sich der Zug in Bewegung.

Heather sank auf die Knie, keuchend, zitternd. Amy warf sich ihr um den Hals.

„Heath… was passiert hier?“

Heather schloss die Augen.

„Ich weiß es nicht“, flüsterte sie. „Aber wir finden es heraus. Das versprech ich dir“ Auffordern hielt sie ihrer Schwester den kleinen Finger vor die Nase.

„Pinky-Promise?“

„Pinky-Promise!“

Let Mi know what you thought about this chapter!
Love this

0

Love this

Funny

0

Funny

Spicy

0

Spicy

Suspenseful

0

Suspenseful

Emotional

0

Emotional

Profound

0

Profound

Heartwarming

0

Heartwarming

Shocking

0

Shocking

Good Writing

0

Good Writing

Compelling Plot

0

Compelling Plot

Great Character

0

Great Character

Strong Dialog

0

Strong Dialog

Further Recommendations

Kaan - Jungfrau gesucht - Gefährtin gefunden

July77: ​Für mich ein absolutes Highlight, aber definitiv nichts für klassische Aschenputtel-Fans: Dieses Buch hat mich mit einer großartigen Storyline und einer unkonventionellen Mischung vollkommen überzeugt. Unglaublich spannende Momente voller prickelnder Erotik und exotischer Facetten treffen hier auf ...

Read Now
Fated to My Ex- Best Friend

Bassimatik: This has been one of my favourite stories to read so far on Inkitt. The one story part I was annoyed hadn't been included in the book ended up there at the end which gave me a sense of resolve for the whole story.

Read Now
Alpha’s Claim

Fiona Walker: A thoroughly enjoyable story with a slightly different take on werewolves. I loved his commitment to his mate and her open mindedness.

Read Now
Werewolf Hollow

Kalyan_Writes: The good;- Interesting characters with distinct personality.- Fluid writing that keeps you reading.- Very strong beginning that catches your attention immediately.- Predictable plot, which is perfect if you're looking for that cozy story you know you'll enjoy.- The mate bond doesn't become an "insta...

Read Now
Alpha Zach

Viviana Lorena: La trama de la novela, me encanta.

Read Now
Exile in Flames

Michaela: Super geschrieben, tolle Geschichte.Vielen lieben Dank dafür ❤️

Read Now
Chroniken der Werwölfe Band 1 Der Gefährte

Stefanie : Manchmal irritieren die Schreibfehler aber die Geschichte ist sehr spannend und ich freue mich das ich weiter lesen kann und es sogar noch weitere Bücher gibt... Bin gespannt wie es weiter geht..

Read Now
The Orc's Pet

Victoria: Hi,I analyzed your work, and I think it has a very unique and engaging storytelling style. The way you present your ideas and emotions really stands out. By the way are you currently working on any other stories or writing projects?

Read Now
Ruthless Lord

Victoria: Hi,I analyzed your work, and I think it has a very unique and engaging storytelling style. The way you present your ideas and emotions really stands out. By the way are you currently working on any other stories or writing projects?

Read Now