Der Anfang vom Ende
Kapitel 1: Der Anfang vom Ende
Man ist alt. Irgendwie ist man unsterblich und dann urplötzlich alt. Die Knochen versagen und der Verstand erträgt die Menschen nicht mehr. Intelligenz und Moral gehen irgendwann verloren. Die Dummheit und Bosheit machen Überstunden. Der Prozess ist schleichend. Aber irgendwann wachst du morgens auf und die Uhr ist abgelaufen. Klar, du hattest gute Zeiten. Aber auch die sind endlich. An die klammerst du dich und redest dir ein, ein gutes Leben gehabt zu haben. Zumindest zeitweise. Wie alles begann? Der erste Gedanke, an den ich mich erinnere, ist der Wunsch nach dem Tod. Nicht als Erwachsener, sondern als Kind. Weil du es nicht erträgst, dass deine Mutter dich nur anschreit oder dir erklärt, dass du behindert bist. Nur weil du fragst, was es mittags zu essen gibt. Dein Vater hat dir selten geholfen. Er war auch selten da. Irgendwie musste das Geld für das Haus und den Urlaub ja herankommen. Aber genau das machte den Frust aus, den meine Mutter an dir ausgelassen hat. Die Voraussetzungen waren denkbar schlecht. Eine Mutter, die dich für ihre Eheprobleme verantwortlich macht. Du bist das ideale Objekt für ihren Frust. Also lernst du, dass du ein Stück Scheiße bist. Nicht gut genug. Das trichtert die dir netterweise ein. Gleichzeitig ein Vater, der nie da ist. Erst wenn man alt genug ist zum Mitarbeiten, wird man wahrgenommen. Man zählt allerdings auch nur, solange man mitarbeitet. Der Anblick von außen ist toll. Deswegen glaubt dir kein Mensch, wenn du erzählst, wie scheiße es wirklich ist. Weil du hast doch alles: deinen getunten Roller, ihr habt ein Haus und beide Eltern sind gesellschaftlich und jobmäßig etabliert. Dass du versuchst, dein Dasein in Alkohol, Drogen und Maloche zu versenken, versteht niemand. Aber hey, schreiben wir die Geschichte vom Antihelden. Mit diesen Voraussetzungen, irgendwann Anfang 2020, startet die Story. Überspringen wir die restliche Kindheit. Sie lief immer nach demselben Schema ab. Die Schulzeit war Mobbing und Co. Wenn dir deine Mutter die Opferrolle beibringt, nützt dir die Intelligenz für das Gymnasium auch nichts. Da hat es nur für zwei Jahre gereicht, bis zur siebten Klasse. Wenn du dir den Tod wünschst, ist Schule das Letzte, wofür du dir Mühe gibst. Aber der Abstieg auf die Gesamtschule bringt dir neue Freunde. Das erste Mal in deinem Leben. Naja, eigentlich eher die Schulasis. Aber bei denen lernst du: Gewalt beendet Mobbing. Wenn du das erste Mal zuschlägst, ist es egal, ob du auch kassierst. Du wehrst dich, und dein Vater hat dir ja beigebracht, dass du nur zählst, wenn du beim Arbeiten Leistung bringst. Schwäche und Versagen werden ausgesondert. Das übernimmst du eins zu eins für dein Leben. In dem Fall gut für mich, eher schlecht für ein paar andere Mitschüler. An der Schule selber normal: Dealen und Schlägereien waren eher Alltagsgeschäft. Und so ein Motorradhelm sortiert das Gesicht recht effektiv neu. Man fuhr ja eh Roller. Das Gruppenprinzip wurde auch gelebt. Heißt, wenn jemand auf Probleme aus war, ist man mit allen auf den draufgegangen. Weil das Risiko minimiert wurde, dass der sich vielleicht doch wehrt und einer aus unserer Gruppe verletzt wird. Aber auch alleine musstest du lernen klarzukommen. Morgens oder nachmittags war ich in der Regel alleine an der Bushaltestelle. Das war ein paarmal spannend. Nett ausgedrückt. Beim ersten Mal kam der ältere Bruder von einem, mit dem ich mich am Tag vorher geboxt hatte. Aber wie gesagt: Motorradhelm. Am Ende hast du keinen Schulabschluss, aber bist bereit, der Welt auf die Fresse zu hauen. Sofern du nüchtern genug bist. Gestartet bin ich dann ins Arbeitsleben. Acht bis zehn Stunden reguläre Schicht auf der Baustelle, und danach wurde für Vatern malocht, damit die Schwarzgeldkasse stimmte. Also vor allem die von meinem Vater. An dem Tag, als ich mal Nein gesagt habe zur Arbeit bei meinem Vater, hat er mich vor die Türe gesetzt. Bis dahin hatte ich in seinem Haus eine kleine Einliegerwohnung und war der Überzeugung, ich wäre der Kronprinz und würde alles erben. Hatte er zumindest versprochen. Was danach kam? Maloche und Drogen, untermalt von Alkohol. Unter der Woche 16–18 Stunden Baustelle. Ab Freitagnacht dann Party bis Montagmorgen. Sonntag schmeißt du dir zwei Ecstasy zum Runterkommen mit zwei Gramm Gras. Montagmorgen legst du mit einem Gramm Speed-Paste nach zum Wachwerden. Spätestens zur Frühstückspause das nächste Gramm. In der Mittagspause rauchst du dir einen Joint, damit du vor lauter Amphetamin und Übermüdung nicht die Nerven verlierst. Alles läuft wie im Film ab. Kappe tief ins Gesicht gezogen und zwischendurch ein Bier. Alkohol ist akzeptiert, und die Fahne erzählt die Lüge, dass du eben wegen des Alkohols komisch drauf bist. Und nicht wegen der Drogen.








