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Flügel aus Sternenfeuer

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Summary

Lyriana ist die Letzte ihrer Art – eine Einhornfrau, deren Volk an einem uralten Fluch zugrunde geht. Als sie als Erste seit tausend Jahren die Grenze ihrer Heimat überschreitet, spürt sie etwas in sich erwachen, älter als ihr Volk: das ferne Versprechen, einmal mehr zu werden als ein Einhorn. Sie begegnet drei Männern, die einander nicht ausstehen können, doch keiner ohne die anderen besteht: Kael Draven, dessen Feuer erst erlischt, wenn er sich nicht mehr versteckt. Ronan Blackfang, dessen Instinkt nie lügt. Cassian Vale, still – bis uralte Vampirkräfte in ihm erwachen. Vertrauen lässt sich hier nicht erzwingen. Es entsteht erst, wenn alle vier nichts mehr zurückhalten – nicht im Denken, nicht im Fühlen, nicht im Körper. Erst wenn Wahrheit, Offenheit und vollständiges Verlangen eins werden, erwacht unter ihnen eine uralte Linie aus Magie – und bleibt nur durch sie am Leben. Doch in den Schatten erwacht etwas, das genau das verhindern will. Lassen die Vier sich nicht ganz – Geist, Herz und Körper – fallen, erlischt nicht nur Lyrianas Magie. Es erlischt eine ganze Welt.

Status
Ongoing
Chapters
10
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kapitel 1 – Das letzte Horn

Kapitel 1 – Das letzte Horn

Lyriana hatte gelernt, dass Stille nicht Frieden bedeutete.

Im Hain der letzten Einhörner war Stille ein Versprechen – und eine Lüge zugleich.

Zwischen silberblättrigen Bäumen, deren Rinde wie gefrorene Mondstrahlen schimmerte, lebten sie verborgen vor der Welt. Ein Ort außerhalb der Zeit, geschützt durch alte Magie, die älter war als Erinnerung und schwerer wog als Blut.

Doch diese Magie war nicht mehr heilend.

Sie war bindend.

Und sie war sterbend.

Lyriana stand am Rand des Lichtkreises, wo der Schutzzauber des Hains begann. Dort, wo die Luft immer ein wenig kühler war, als würde die Welt dahinter bereits vergessen haben, wie Wärme sich anfühlte.

Ihr Horn glomm schwach im Morgenlicht – nicht mehr strahlend wie bei den Ältesten, sondern unruhig, als würde es auf etwas reagieren, das sie selbst noch nicht verstand. Es war klein für ein Einhornhorn, zart geschwungen, fast wie ein unvollendeter Gedanke aus Licht.

Ihre Haare fielen in langen, endlosen Strängen über ihre Schultern, silbrig-weiß mit einem Schimmer von Gold, der sich je nach Stimmung veränderte. Die Ältesten sagten, das sei ein Zeichen von „Unreife der Seele“. Lyriana wusste, dass es etwas anderes war. Etwas, das sie nicht benennen durfte.

Hinter ihr raschelte es.

„Du stehst wieder an der Grenze.“

Die Stimme gehörte ihrer Mutter, Seraphine. Sie sprach leise, aber mit dieser müden Strenge, die aus Jahren des Wartens geboren war.

Lyriana drehte sich nicht sofort um.

„Ich schaue nur“, sagte sie.

„Du schaust schon seit Jahren“, erwiderte Seraphine. „Und jedes Mal gehst du ein Stück näher.“

Seraphine trat neben sie. Ihr Fell war von einem reinen, fast schmerzhaft weißen Ton, und ihr Horn war voll ausgebildet, kräftig und leuchtend. Doch ihre Augen wirkten erschöpft. Als hätten sie zu viel gesehen und zu lange gehofft.

„Die Grenze ist kein Ort, Lyriana“, sagte sie. „Sie ist eine Entscheidung.“

Lyriana schwieg.

Hinter Seraphine trat ihr Vater hervor, Aurelian. Er war größer als die meisten Einhörner, sein Körper kraftvoll, seine Haltung stets wachsam. Wo Seraphine die Bewahrerin war, war Aurelian der Schild.

„Die Ältesten beraten heute Nacht erneut“, sagte er. „Es wird über die letzte Linie gesprochen.“

„Die letzte Linie“, wiederholte Lyriana leise.

Das klang immer wie ein Urteil.

Aurelian nickte ernst. „Der Fluch bewegt sich schneller.“

Bei diesem Wort wurde die Luft schwerer.

Fluch.

Lyriana kannte ihn nicht aus eigener Erinnerung, sondern aus Geschichten, die sich anfühlten wie Narben in der Sprache.

Der Fluch der Zerstreuung.

Vor Jahrhunderten war er über die Einhörner gekommen – nicht als Feuer, nicht als Krieg, sondern als langsames Vergessen.

Er begann mit den Jungtiere, die nicht mehr richtig geboren wurden. Ihre Hörner wuchsen schief oder gar nicht. Dann kamen die Erwachsenen, deren Magie sich nicht mehr verband, sondern zerfiel, sobald sie sie teilten.

Einhörner lebten von Verbindung. Von Reinheit der Absicht, von geteilter Lebensenergie, von einem uralten Kreislauf aus Geben und Empfangen.

Der Fluch hatte diesen Kreislauf gebrochen.

Er hatte sie nicht getötet.

Er hatte sie getrennt.

Lyriana hatte die Geschichten gehört, seit sie denken konnte.

Doch sie hatte auch die Wahrheit gesehen.

Die Ältesten wurden schwächer. Heilungen wurden seltener. Und jedes Jahr wurden die Schatten außerhalb des Hains ein Stück näher.

„Wie viele sind noch… wirklich verbunden?“ fragte sie schließlich.

Seraphine zögerte.

Aurelian antwortete. „Weniger als fünfzig.“

Lyriana spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog.

„Und ich?“

Stille.

Eine lange, unangenehme Stille, in der niemand sie ansah.

Dann sagte Seraphine leise: „Du bist… unklar.“

Das Wort traf härter als jede Wahrheit.

Unklar.

Nicht rein genug für die alte Linie. Nicht stark genug für die neuen Regeln. Nicht stabil genug für die Magie, die der Hain noch hielt.

Lyriana senkte den Blick.

Ihr Horn pulsierte leicht, als würde es auf ihre Emotion reagieren.

„Ich habe heute wieder Visionen gehabt“, sagte sie plötzlich.

Aurelian spannte sich an. „Welche Art von Visionen?“

„Keine Bilder“, sagte sie langsam. „Eher… ein Ziehen. Als würde etwas außerhalb des Hains meinen Namen vergessen und sich dann wieder erinnern.“

Seraphine trat näher. „Lyriana, du weißt, was die Ältesten dazu sagen.“

„Dass ich es ignorieren soll“, antwortete sie.

„Dass es der Fluch ist, der durch die Ränder spricht“, sagte Aurelian ernst.

Lyriana schüttelte den Kopf. „Oder dass etwas anderes mich ruft.“

Die Worte standen zwischen ihnen wie ein verbotenes Licht.

Seraphine hob eine Hufspitze und berührte vorsichtig Lyrianas Stirn. „Du darfst diesen Gedanken nicht folgen.“

„Warum nicht?“

„Weil alles, was hinausgeht, nicht mehr zurückkehrt, wie es war.“

Lyriana lächelte schwach, aber ohne Freude.

„Vielleicht ist das der Punkt.“

In dieser Nacht wurde der Hain unruhig.

Die Ältesten versammelten sich im Kreis der silbernen Steine. Ihre Stimmen waren alt, brüchig und voller Angst, die sie hinter Ritualen versteckten.

Lyriana durfte nicht teilnehmen. Aber sie hörte sie.

Sie stand am Rand des Heiligtums, verborgen zwischen zwei Wurzeln, während die Stimmen der Vergangenheit durch die Luft schnitten.

„Der Fluch verdichtet sich.“

„Die Verbindungslinien brechen.“

„Die letzte Generation trägt keine stabilen Muster mehr.“

„Wir verlieren sie.“

Das letzte Wort hing schwer in der Luft.

Wir verlieren sie.

Nicht: wir sterben.

Sondern: wir verlieren uns selbst.

Lyriana presste die Hand an ihr Horn.

Ein plötzlicher Schmerz durchzog sie – nicht körperlich, sondern tiefer. Als würde etwas in ihr gegen eine unsichtbare Wand stoßen.

Und für einen Moment sah sie es.

Nicht klar.

Nicht vollständig.

Nur Fragmente.

Eine Welt außerhalb.

Feuer, das sich bewegt wie ein lebendiges Wesen.

Ein Schatten, der heulte.

Flügel, die sich im Dunkeln öffneten.

Sie keuchte und stolperte zurück.

„Nein…“, flüsterte sie.

Doch die Vision blieb.

Und mit ihr kam etwas Neues.

Ein Gefühl, das sie nie zuvor gekannt hatte.

Neugier, die nicht harmlos war.

Am nächsten Morgen war der Hain stiller als sonst.

Zu still.

Lyriana fand ihre Schwester Elowen am Wasserbecken, wo die Magie des Hains gespeichert wurde. Elowen war stärker als Lyriana, schneller, disziplinierter. Sie war das, was die Ältesten „stabil“ nannten.

„Du hast gestern die Versammlung gehört“, sagte Elowen, ohne aufzusehen.

„Ich konnte sie nicht ignorieren.“

„Du solltest.“

Lyriana setzte sich neben sie. „Hast du keine Angst?“

Elowen lachte kurz, aber ohne Wärme. „Angst ist ein Luxus für die Ungebundenen.“

Lyriana schwieg.

„Du bist anders“, sagte Elowen nach einer Pause. „Alle sehen es.“

„Anders gut oder anders falsch?“

Elowen sah sie endlich an. Ihre Augen waren hart, aber nicht grausam. „Anders gefährlich.“

Diese Worte blieben hängen.

Gefährlich.

Lyriana hatte sich nie als Gefahr gesehen. Eher als… Fehler im Muster. Etwas, das nicht ganz passte.

Später fand sie ihren jüngeren Bruder Caelum beim Spielen zwischen den Lichtadern der Bäume. Er war noch klein, sein Horn kaum sichtbar, eher ein schimmernder Ansatz.

„Du gehst nicht weg, oder?“ fragte er plötzlich.

Lyriana setzte sich zu ihm.

„Wohin sollte ich gehen?“

„Draußen“, sagte er. „Die Ältesten sagen, draußen frisst dich die Welt.“

Sie strich ihm sanft über die Mähne. „Vielleicht frisst sie mich nicht. Vielleicht… versteht sie mich.“

Caelum runzelte die Stirn. „Das klingt gefährlich.“

Sie lächelte schwach. „Vielleicht ist alles, was wahr ist, gefährlich.“

Am Abend kehrte Seraphine zurück.

Sie wirkte anders. Schwerer.

„Die Ältesten haben entschieden“, sagte sie ohne Begrüßung.

Lyriana spürte sofort, dass etwas nicht stimmte.

„Was haben sie entschieden?“

Seraphine schloss die Augen.

„Die Grenze wird versiegelt. Vollständig. Niemand darf mehr hinaus.“

Lyriana erstarrte.

„Für immer?“

„Bis der Fluch sich stabilisiert.“

„Und wenn er sich nie stabilisiert?“

Seraphine antwortete nicht.

Stattdessen trat Aurelian hinzu.

„Und du, Lyriana… wirst beobachtet.“

„Warum?“

Sein Blick war schwer. „Weil dein Muster sich verändert.“

Die Worte trafen sie wie ein Echo ihrer eigenen Gedanken.

Sie war nicht stabil.

Sie war nicht klar.

Sie war… im Übergang.

In dieser Nacht lag Lyriana wach.

Der Hain war ruhig, doch unter der Ruhe vibrierte etwas.

Und zum ersten Mal hörte sie es nicht nur in Gedanken.

Sondern außerhalb.

Ein Ruf.

Leise.

Geduldig.

Und eindeutig nicht aus dem Hain.

Sie setzte sich auf.

Ihr Horn glühte.

Und irgendwo jenseits der Grenze wartete etwas, das ihren Namen kannte.

Oder ihn gerade lernte.

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