Prolog – Die Nacht, in der die Sterne verschwanden
Ohne dass es jemand hätte erklären können, war die Welt an diesem Abend stiller als gewöhnlich. Die Händler hatten ihre letzten Waren verstaut, die Türen der Tavernen standen einen Spalt weit offen, damit der Geruch von Rauch, Bier und gebratenem Fleisch in die kühle Nacht entweichen konnte, und in den engen Straßen der Städte brannten Laternen in den Fenstern wie kleine, erschöpfte Augen. Der Duft von nasser Erde lag über den Feldern, über den Wäldern das Flüstern des letzten Windhauchs, und über allem wölbte sich der Himmel, dunkel und weit, gespickt mit Sternen, wie es seit unzähligen Generationen der Fall war.
In dieser Nacht hätte niemand etwas Außergewöhnliches erwartet. Zu diesem Zeitpunkt, der wie jeder andere erschien, hätte niemand für möglich gehalten, dass etwas geschehen könnte, das die Welt für immer verändern würde. Aber später, wenn die Jahre vergangen waren und die Erinnerung zur Legende geworden war, würden die Menschen behaupten, sie hätten Zeichen gesehen. Sie würden berichten, die Tiere seien unruhig gewesen, die Hunde hätten gebellt, die Pferde hätten geschnaubt, und irgendwo habe sogar das Meer für einen Moment innegehalten. All das waren jedoch Geschichten, die nachträglich entstanden. In dieser Nacht war die Welt einfach die Welt gewesen, erfüllt von alltäglichen Geräuschen, von Ermüdung und von Leben. Bis der Himmel sich öffnete.
Es fing mit einem Licht an, dessen Namen niemand kannte. Kein Blitz, kein Sternschuppenregen, kein Feuer, wie die Menschen es kannten, sondern ein feiner, silberner Riss, so dünn, dass er im ersten Moment fast unsichtbar war. Hoch oben, zwischen den Sternbildern, zog dieser Riss geräuschlos und langsam durch die Dunkelheit, als würde etwas von innen gegen die Hülle der Nacht drücken.
Wer zufällig einen Blick nach oben geworfen hätte, könnte vielleicht gedacht haben, seine Augen spielten ihm einen Streich. Aber der Riss blieb bestehen und wurde größer. Er wurde breiter, heller und tiefer, als ob der Himmel an einer unsichtbaren Naht aufgerissen wäre. In den Städten hielten die ersten Personen inne und blickten nach oben. Bauern legten auf den Höfen die Hände über die Augen, um besser sehen zu können. In den Türmen der Burgen öffneten die Wachen die Fensterläden und vergaßen ihre Aufgaben. Für einen kurzen Moment hielt die gesamte Welt den Atem an. Dann trat das Unvorstellbare ein: Die Sterne fielen herab.
Nicht wie brennende Steine, nicht wie gewöhnliche Meteoriten, sondern wie Licht, das aus einer Wunde strömt. Sie lösten sich einer nach dem anderen aus dem Himmel, glitten aus ihren jahrhundertealten Bahnen und stürzten herab, als hätte eine unsichtbare Hand sie aus der Dunkelheit gerissen. Es strahlte so hell, dass die Dunkelheit selbst geblendet wurde. Die Hausdächer nahmen eine weiße Farbe an. Fenster zersplittern in gläsernen Blitzen. Das Licht tanzte auf den Flüssen wie flüssiges Silber, und dort, wo ein Stern die Erde berührte, verbrannte er nicht nur Holz und Stein, sondern auch etwas Tieferes, als würde er die Substanz der Welt selbst treffen.
Menschen schrien, rannten, fielen auf die Knie oder beteten still, während der Himmel über ihnen immer leerer wurde. Es war nicht allein ein Leuchten, das verschwand. Es herrschte Ordnung. Es handelte sich um Erinnerung. Es handelte sich um etwas, das seit der Urzeit existent war und nun, ohne jegliche Warnung, vernichtet wurde.
Hoch oben über den Wolken, an einem Ort, wo kein Vogel flog und kein Mensch je die Luft atmen konnte, stand ein Junge auf einer Plattform aus schwarzem Stein. Er schwebte im leeren Raum, gestützt von Säulen aus dunklem Kristall, die wie zerbrochene Finger einer alten, vergessenen Macht in den Himmel ragten. Obwohl unter ihm nur die Stille der Höhe herrschte, riss der Wind an seinem Mantel, und trotzdem schien er ihn kaum zu bemerken. Obwohl er kaum älter als sechzehn oder siebzehn Jahre war, wirkte sein Gesicht erschöpft und zu ernst für sein Alter, als hätte das Schicksal ihn bereits länger verfolgt, als es ein Mensch ertragen sollte.
Sein Haar war durch den Lichtschein des zerbrechenden Himmels hell umrandet, seine Hände zitterten und an seinen Fingern klebte getrocknetes Blut. Er blickte auf einen Ring aus jahrhundertealten Symbolen, die in den Stein eingeschnitten waren. Jedes dieser Zeichen glühte in einem ungesunden, bläulichen Schimmer, der im Rhythmus eines unsichtbaren Herzens schlug. Der Junge sah darauf und dann wieder hinauf zu dem aufreißenden Himmel. In seinen Augen spiegelten sich keine Triumphlust, kein Größenwahn und keine kalte Machtgier. Was dort stand, war etwas weit Schlimmeres und zugleich weit Menschlicheres: Angst. Nicht die Furcht vor dem Tod war ausschlaggebend, sondern die Furcht vor dem, was bereits passiert war und nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte.
Er öffnete den Mund, als würde er einen Namen rufen, einen Befehl geben, ein Gebet sprechen oder sich entschuldigen wollen, doch es kam kein Laut über seine Lippen. Er schloss die Augen für einen kurzen Moment, als wäre es möglich, die Welt anzuhalten und das Unaufhaltsame mit Willenskraft zurückzudrängen. Doch das Licht über ihm intensivierte sich. Der Himmel öffnete sich weiter. Etwas Unsichtbares regte sich hinter dieser Wunde, verborgen in der Dunkelheit – etwas Altes und Hungriges, das durch das Verschwinden der Sterne geweckt worden war. Bevor der erste Schauer seinen Körper durchlief, erkannte der Junge es bereits. Sein Blick wandelte sich.
Die Angst verwandelte sich in Entsetzen, und das Entsetzen in Erkenntnis. Er kannte nun die Tatsache, dass das, was er zu verhindern versucht hatte, nicht mehr zu stoppen war. Es war möglich, dass er es selbst ausgelöst hatte. Es war ihm vielleicht nur für einen einzigen, letzten Augenblick gelungen, es zurückzuhalten. Es könnte sein, dass er zu lange gezögert hat. Wie die Wahrheit auch immer ausgesehen haben mag, sie war zu schwer, um sie allein zu tragen. Er senkte den Kopf mit einem Ausdruck grenzenloser Erschöpfung. Seine Lippen bewegten sich, und diesmal kam eine Stimme über sie, die kaum mehr als ein Flüstern war, dünn wie der letzte Faden einer zerreißenden Erinnerung. „Vergebt mir“, sprach er aus, und in diesen zwei Worten lag mehr Schmerz als in einem ganzen Leben zusammengefasst werden konnte.
Dann zerbrach die Weltordnung endgültig. Mit einem schrillen Aufschrei, der sich wie Glas durch die Luft schnitt, zersplitterten die Kristallsäulen. Im Zeichenkreis flackerte das Licht, es brach zusammen und erlosch. Der Himmel über dem Jungen schloss sich nicht mehr; er stürzte ab. Eine Flut aus Dunkelheit und Druck, aus Lichtstaub und unsichtbarer Gewalt überrollte die Welt.
In den Städten zerbrachen Fenster, Menschen wurden von den Füßen gerissen, Tiere rannten blind in die Nacht, und dort, wo ein Stern den Boden berührte, blieb nicht nur Asche zurück, sondern ein feiner, silbrig schimmernder Staub, der sich über Dächer, Flüsse, Mauern und Gesichter legte. Zu diesem Zeitpunkt kannte niemand seine Identität. Es war niemandem möglich, vorherzusehen, dass aus dieser Asche Macht erwachsen würde, Gaben und Flüche, Kriege und Opfer, Hoffnung und Wahnsinn. Es war niemandem bewusst, dass die Welt künftig in einer ewigen Dämmerung leben würde, zur Hälfte im Licht und zur Hälfte in der Dunkelheit, und dass die Menschen eines Tages auf den Namen dieses Jungen stoßen würden, ohne zu wissen, ob er ihr Retter, ihr Verlorener oder ihr Untergang war.
Als der Morgen endlich anbrach, war der Himmel leer. Dort oben befand sich kein vertrauter Stern mehr. Keine alten Lichtpunkte erinnerten an die vergangene Nacht. Über den Königreichen lag stattdessen eine stille, fremde Dunkelheit, die zu gleichmäßig, zu tief und zu unbegreiflich war, um natürlich zu wirken. Und irgendwo in dieser Finsternis, abseits des Weltblicks, lag ein Junge, der ohne Erinnerung, ohne Vergangenheit und ohne Antwort auf die Frage war, wer er einst gewesen war. Sein Name, ein vergängliches Echo im Sternenstaub, war alles, was blieb. Kael.








