- Die Tochter, die er verleugnete
Zwei Tage.
Seit zwei Tagen kannte ich das Gewicht meiner Tochter in meinen Armen, und doch kam es mir vor, als hätte ich sie schon mein ganzes Leben lang gehalten, als wäre die Kurve ihres kleinen Körpers gegen meine Brust etwas, das schon immer dort gewesen war und nur darauf gewartet hatte, endlich anzukommen. Seit zwei Tagen wusste ich, wie sich Liebe anfühlte, wenn sie so groß wurde, dass sie beinahe wehtat, wenn sie sich wie eine zweite Haut über mein Herz legte und jeden Atemzug schwerer machte, weil ich auf einmal etwas zu verlieren hatte, das größer war als ich selbst.
Und seit zwei Tagen hatte ihr Vater sie nicht ein einziges Mal berührt.
Ich saß auf der Kante unseres Bettes, in dem breiten, dunklen Holzgestell, das Varek eigenhändig hatte anfertigen lassen, als wir heirateten, in jenem Zimmer, das nach Kiefernharz und dem schwachen, immer noch spürbaren Geruch von Rauch aus dem großen Kamin roch. Die Fensterläden standen einen Spalt offen, und durch den Spalt fiel das fahle, bläuliche Licht des frühen Morgens, jenes Licht, das noch nicht wusste, ob es sich für den Tag oder für die Nacht entscheiden sollte. Draußen, irgendwo zwischen den Fichten, die das Rudelhaus umgaben, rief ein einzelner Vogel, immer wieder dasselbe kurze, klare Lied, als wollte er die Welt daran erinnern, dass sie sich trotz allem weiterdrehte.
Ich strich mit einem Finger über die winzige Wange meiner Tochter. Ihre Haut war so weich, dass ich kaum wagte, sie zu berühren, aus Angst, ich könnte etwas daran zerstören, das so zerbrechlich und gleichzeitig so vollkommen war. Ihr Mund öffnete sich im Schlaf, die Lippen bewegten sich in jenem unbewussten Saugreflex, den mir die Heilerin erklärt hatte, kurz bevor sie mich zum ersten Mal an die Brust gelegt hatte. Ein leises Geräusch entwich ihr, kaum mehr als ein Seufzen, ein Laut, der so zart war, dass ich den Atem anhielt, um ihn nicht zu übertönen.
Meine kleine Tochter.
Mein Wunder.
Ich hatte in den letzten neun Monaten so oft versucht, mir dieses Gesicht vorzustellen. Ob sie Vareks scharfe Kiefernlinie erben würde oder die weichere Form meiner eigenen Mutter. Ob ihre Augen golden sein würden wie die ihres Vaters in Wolfsgestalt oder dunkel wie meine. Jetzt, da sie hier war, in meinen Armen, mit diesem schwarzen, seidigen Flaum auf dem Kopf und diesen winzigen, geballten Fäusten, erschienen mir all diese Fragen kindisch. Sie war einfach sie. Vollständig, von Anfang an, ein eigener Mensch, der nur darauf gewartet hatte, das Licht der Welt zu erblicken.
„Du solltest schlafen“, flüsterte ich, meine Stimme noch immer heiser von der Anstrengung der letzten zwei Tage, von den Stunden, in denen ich geschrien und geweint und schließlich vor Erschöpfung nur noch geflüstert hatte.
Als könnte sie mich verstehen, verzog sie ihr Gesicht zu jener kleinen, empörten Grimasse, die Neugeborene manchmal machen, halb Weinen, halb Protest, und ihre kleinen Finger schlossen sich fester um die Kette, die von meinem Hals hing. Ich hatte nicht bemerkt, dass sie danach gegriffen hatte. Vorsichtig löste ich ihre Faust, nur um festzustellen, dass sie sich sofort wieder schloss, mit einer Beharrlichkeit, die für ein zwei Tage altes Kind erstaunlich war.
Das silberne Siegel ruhte zwischen uns, warm von meiner eigenen Haut.
Ein Halbmond, umgeben von zwei ineinander verschlungenen Wölfen, deren Schwänze sich zu einem endlosen Kreis verbanden. Das Metall war über die Jahrhunderte so oft poliert worden, dass die Gravur an manchen Stellen kaum noch zu erkennen war, und doch spürte ich jede einzelne Linie unter meinen Fingerspitzen, so vertraut war sie mir.
Es hatte meiner Mutter gehört.
Und davor ihrer Mutter, und davor wieder deren Mutter, eine Kette von Frauen, die sich so weit zurückzog, dass die ältesten Geschichten unseres Rudels nicht mehr genau zu sagen wussten, wo sie begann. Seit Generationen wurde es an die erstgeborene Tochter unserer Blutlinie weitergegeben, von Mutter zu Tochter, in einer Zeremonie, die ich selbst nie erlebt hatte, weil meine eigene Mutter gestorben war, bevor sie mir das Siegel offiziell hatte übergeben können. Ich hatte es von ihrem leblosen Körper genommen, mit zitternden Händen, fünfzehn Jahre alt und plötzlich allein in einer Welt, die viel zu groß und viel zu kalt geworden war.
Eines Tages sollte es meinem kleinen Mädchen gehören.
Aber noch nicht.
Noch wollte ich es bei mir tragen, wollte die letzten Momente auskosten, in denen ich die Erstgeborene meiner Blutlinie war, bevor dieser Titel, diese Last, diese Verantwortung an das winzige Wesen in meinen Armen weitergegeben würde. Ich hatte gehofft, dass sie Zeit haben würde. Zeit, ein Kind zu sein, bevor sie lernen musste, was es bedeutete, ein Erbe zu tragen.
Meine Wölfin bewegte sich unruhig in meinem Inneren, ein ständiges, nervöses Kreisen, als liefe sie an den Wänden eines Käfigs entlang, den sie nicht sehen, aber deutlich spüren konnte.
Seit der Geburt war sie angespannt. Sie schlief kaum, beobachtete jede Tür und jedes Fenster und knurrte, sobald sich Schritte unserem Zimmer näherten, selbst wenn es nur eine der Dienerinnen war, die frisches Wasser brachte, oder die Heilerin, die nach meinen Wunden sehen wollte. Ihr Fell – falls man bei einem Gefühl, das keine physische Form hatte, von Fell sprechen konnte – schien ständig gesträubt, ihre Zähne stets bereit, sich zu entblößen.
Etwas stimmt nicht, sagte sie, und es war nicht das erste Mal, dass sie diese Worte in mein Bewusstsein sandte.
Das sagte sie seit zwei Tagen.
Und seit zwei Tagen versuchte ich, ihr nicht zu glauben, versuchte ich, die Unruhe in mir zum Schweigen zu bringen mit Erklärungen, die immer dünner wurden, je öfter ich sie mir wiederholte.
Varek hatte viel zu tun. Als Alpha musste er das Rudel führen, musste er Streitigkeiten schlichten und Patrouillen einteilen und die endlosen kleinen Krisen bewältigen, die das Leben von fast dreihundert Wölfen mit sich brachte. Unsere Grenzen waren seit Wochen unruhig, und mehrere Patrouillen hatten fremde Gerüche im Norden entdeckt, Gerüche, die zu keinem der befreundeten Rudel gehörten. Das war ernst. Das erforderte seine volle Aufmerksamkeit, seine Präsenz an der Grenze, in den Ratsversammlungen, in Gesprächen mit den Ältesten.
Das waren die Gründe, die ich mir selbst nannte, wieder und wieder, wie ein Gebet, das seine Kraft verlor, je öfter man es sprach.
Sie klangen vernünftig.
Zumindest, solange ich nicht daran dachte, dass mein Gefährte während der gesamten Geburt nicht bei mir gewesen war. Solange ich die Erinnerung an jene Stunden nicht zuließ, in denen mein Körper sich in Wellen aus Schmerz zusammengezogen hatte, in denen ich das Gefühl gehabt hatte, in zwei Hälften gerissen zu werden, und in denen der einzige Name, den ich zwischen den Schreien hervorgebracht hatte, seiner gewesen war.
Ich hatte nach ihm gerufen.
Immer wieder.
Ich hatte die Dienerin gebeten, ihn zu holen, hatte sie angefleht, ihm zu sagen, dass seine Tochter kommen würde, dass ich ihn brauchte, dass ich ihn an meiner Seite haben wollte, so wie er es mir versprochen hatte, als wir noch jung und verliebt und voller Illusionen über die Zukunft gewesen waren.
Doch er war nicht gekommen.
Als unsere Tochter ihren ersten Schrei ausgestoßen hatte, ein kleiner, zorniger, wunderschöner Laut, der die ganze Welt in ihren Grundfesten hätte erschüttern sollen, hatte nur die Heilerin meine Hand gehalten. Alte Miren, mit ihren von jahrzehntelanger Arbeit rissigen Fingern und ihren müden, aber freundlichen Augen, hatte meine Hand gedrückt und gesagt: „Sie ist da, mein Kind. Sie ist gesund. Sie ist wunderschön.“ Und ich hatte geweint, vor Erschöpfung, vor Erleichterung, aber auch vor einem Schmerz, den ich in diesem Moment nicht hatte benennen wollen, einem Schmerz darüber, dass der Mann, der mir diese Freude hätte teilen sollen, irgendwo in diesem großen Haus war und sich geweigert hatte zu kommen.
„Er wird kommen“, flüsterte ich jetzt und betrachtete das friedliche Gesicht meines Kindes, ihre geschlossenen Augen, die feinen dunklen Wimpern, die kleine, gerade Nase, die eindeutig von ihrem Vater stammte. „Dein Vater braucht nur ein wenig Zeit.“
Meine Wölfin knurrte, ein Laut, der tief aus meiner Brust zu kommen schien, obwohl ich in meiner menschlichen Gestalt war.
Hör auf, ihn zu verteidigen, sagte sie scharf. Du klingst wie eine dieser törichten jungen Wölfinnen, die ihrem Gefährten jede Grausamkeit verzeihen, solange er ihnen nur einmal im Jahr eine Blume bringt.
„Er ist unser Gefährte“, sagte ich, obwohl selbst mir die Worte hohl vorkamen, als ich sie aussprach.
Dann soll er sich auch so verhalten, erwiderte sie, und ich hatte keine Antwort darauf.
Ich dachte an die Jahre mit Varek zurück, an unsere drei Jahre als Ehepaar und an die Nacht, in der ich ihm zum ersten Mal begegnet war, auf einem Ratstreffen der befreundeten Rudel, das mein Vater – der damalige Alpha unseres eigenen kleinen Rudels im Osten – organisiert hatte. Varek war jung gewesen, kaum fünfundzwanzig, aber bereits von einer Autorität umgeben, die älteren Wölfen gehört hätte. Er hatte sich durch den überfüllten Saal bewegt wie ein Mann, der genau wusste, wohin er ging, und als sein Blick den meinen gekreuzt hatte, hatte sich etwas in mir gedreht, etwas, das tiefer war als bloße Anziehung, etwas, das meine Wölfin sofort erkannt hatte.
Gefährte, hatte sie geflüstert, und ich hatte es geglaubt, hatte es mit der ganzen Naivität eines neunzehnjährigen Mädchens geglaubt, das noch nie geliebt worden war.
Und für eine Weile war es wahr gewesen. Er hatte mich mit einer Zärtlichkeit behandelt, die ich niemandem sonst zugetraut hätte, hatte vor seinem gesamten Rudel niedergekniet und geschworen, mich bis zu seinem letzten Atemzug zu beschützen, hatte mich zu seiner Luna gemacht und mir das Schattenkamm-Rudel anvertraut, als wäre ich schon immer dazu bestimmt gewesen, an seiner Seite zu regieren.
Wann hatte sich das geändert?
Ich konnte keinen genauen Moment benennen. Es war schleichend gewesen, ein langsames Erkalten, das ich zunächst der Belastung seiner Position zugeschrieben hatte, dann meiner eigenen Schwangerschaft, meinen wechselnden Launen, meinem zunehmend schwerfälligen Körper. Ich hatte mir eingeredet, dass es normal war, dass Paare sich veränderten, dass die Aufregung der ersten Jahre notwendigerweise einer ruhigeren, gesetzteren Zuneigung wich.
Aber jetzt, in diesem Zimmer, mit unserer Tochter in meinen Armen und einer Kälte in meiner Brust, die sich nicht vertreiben lassen wollte, fragte ich mich, ob ich mir die ganze Zeit über etwas vorgemacht hatte.
Schritte erklangen vor der Tür.
Sofort hob ich den Kopf, jeder Muskel in meinem erschöpften Körper straffte sich in einer Mischung aus Hoffnung und Angst.
Die Unruhe meiner Wölfin verwandelte sich, für einen kurzen, kostbaren Moment, in Hoffnung. Trotz allem, trotz zwei Tagen des Schweigens, trotz all der Zweifel, die sich in mir angesammelt hatten, begann mein Herz schneller zu schlagen, so heftig, dass ich es in meinen Ohren pochen hörte.
Varek.
Endlich.
Ich richtete mich auf, so gut es mein wunder Körper zuließ, strich mir mit einer freien Hand über das verschwitzte Haar, das ich seit der Geburt nicht mehr richtig hatte kämmen können, und versuchte, ein Lächeln zu formen, das ihm zeigen sollte, dass alles verziehen war, dass ich nur wollte, dass er hier war, jetzt, bei uns beiden.
Die Tür wurde geöffnet, ohne dass jemand anklopfte.
Mein Gefährte trat ein.
Er trug schwarze Kleidung, eng geschnitten, die seine breiten Schultern betonte, Schultern, die einst mein Zufluchtsort gewesen waren, an denen ich meinen Kopf gelehnt hatte, wenn die Last des Rudels mir zu schwer geworden war. Seine dunklen Haare waren zurückgekämmt, sein Kiefer war rasiert, seine Haltung war die eines Mannes, der zu einer wichtigen Versammlung ging, nicht die eines Vaters, der sein neugeborenes Kind besuchte.
Für einen Moment, als sein Blick durch den Raum wanderte, sah ich wieder den Mann, dem ich vor fast sieben Jahren mein Herz geschenkt hatte. Etwas in seinen Augen flackerte, etwas Weiches, Vertrautes, das mich fast zum Weinen brachte vor Erleichterung.
Dann bemerkte ich die Frau neben ihm.
Lysandra.
Sie trat einen Schritt hinter Varek in den Raum, und ihre bloße Anwesenheit ließ die Wärme, die für einen Augenblick in mir aufgeflackert war, sofort wieder erlöschen. Sie trug ein dunkelrotes Kleid, das ihre schlanke Figur betonte, ihr rabenschwarzes Haar war zu einem aufwendigen Zopf geflochten, der ihr über die Schulter fiel. Eine Hand lag auf ihrem flachen Bauch, in einer Geste, die zu bewusst, zu einstudiert war, um natürlich zu wirken, während sich auf ihren vollen Lippen ein zufriedenes Lächeln ausbreitete, das ihre Augen nicht erreichte.
Ich kannte Lysandra seit fast einem Jahr, seit sie als Beraterin für Handelsbeziehungen an den Hof unseres Rudels gekommen war, eine entfernte Cousine eines verbündeten Alphas, klug und ehrgeizig und mit einer Art, sich in Vareks Nähe zu bewegen, die mir von Anfang an missfallen hatte. Ich hatte meine Bedenken beiseite geschoben, hatte mir gesagt, dass ich eifersüchtig und irrational war, eine schwangere Frau, die Gespenster sah, wo keine waren.
Jetzt fragte ich mich, wie blind ich gewesen sein musste.
Meine Wölfin sprang in meinem Inneren auf, ein plötzlicher, gewaltsamer Ruck, der mich fast aufstöhnen ließ.
Sie, sagte sie nur, und in diesem einzigen Wort lag so viel Hass, so viel instinktive Abscheu, dass ich einen Moment brauchte, um mich zu fangen.
Ich hielt meine Tochter fester, spürte, wie sich mein Körper instinktiv über sie beugte, ein uralter, unbewusster Reflex des Schutzes.
„Varek.“ Meine Stimme war schwach von der Geburt, brüchig an den Rändern, aber ich zwang mich, aufrecht zu sitzen, zwang meinem Gesicht einen Ausdruck der Ruhe auf, den ich nicht empfand. „Ich habe auf dich gewartet.“
Sein Blick fiel auf das Bündel in meinen Armen, glitt über die winzige Gestalt, über das schwarze Haar, über die geschlossenen Augen unserer Tochter.
Nichts erschien in seinem Gesicht.
Keine Freude.
Kein Stolz.
Nicht einmal Neugier.
Es war, als würde er ein Möbelstück betrachten, ein unbedeutendes Objekt, das zufällig seinen Weg in dieses Zimmer gefunden hatte.
Der Anblick traf mich härter als jeder physische Schlag es hätte tun können. Ich hatte mir so viele Reaktionen vorgestellt – Freude, vielleicht sogar Tränen, ein Lächeln, das seine harten Züge weicher werden ließ, wenn er zum ersten Mal seine Tochter sah. Ich hatte mir nicht vorgestellt, dass er sie ansehen würde, als wäre sie nichts.
„Ich musste zunächst einige Dinge klären“, sagte er, seine Stimme so kalt und förmlich, als spräche er mit einer Fremden, mit einer Bittstellerin, die um eine Audienz gebeten hatte.
Kälte kroch über meinen Rücken, ein eisiger Schauer, der sich in meinem Nacken festsetzte.
„Welche Dinge?“
Lysandras Lächeln wurde breiter, ein Ausdruck von etwas, das gefährlich nah an Triumph grenzte, und dieser Anblick allein hätte mir sagen sollen, was folgen würde, wenn ich nur bereit gewesen wäre, es zu sehen.
Varek ging einige Schritte in das Zimmer, blieb jedoch weit genug vom Bett entfernt, als könnte die Nähe zu seiner eigenen Tochter ihm schaden, als wäre sie eine Krankheit, die er sich einfangen könnte, wenn er zu nahe kam. Diese Distanz, dieser bewusste, gemessene Abstand, sagte mir mehr als alle Worte, die noch folgen würden.
„Das Kind“, begann er, und seine Stimme klang, als hätte er die Worte im Vorfeld einstudiert, als hätte er sie sich vor einem Spiegel zurechtgelegt, „ist nicht von mir.“
Die Worte erreichten mich, drangen durch die Luft, durch meine Ohren, in mein Bewusstsein.
Doch mein Verstand weigerte sich, sie zu verstehen, weigerte sich, ihnen irgendeine Bedeutung zuzugestehen, als wären sie in einer Sprache gesprochen worden, die ich nicht kannte.
Ich starrte ihn an.
„Was?“
„Du hast mich gehört.“
Ein leises Wimmern kam aus meinen Armen. Meine Tochter spürte meine Anspannung, spürte, wie mein Griff um sie sich unbewusst verhärtete, wie mein Herzschlag sich beschleunigte, wie die Chemie meines Körpers sich in Sekundenbruchteilen veränderte.
Ich wiegte sie vorsichtig, zwang mich zur Ruhe, obwohl in meinem Inneren ein Sturm tobte.
„Natürlich ist sie von dir.“
„Das ist unmöglich.“
„Unmöglich?“ Meine Stimme brach, das erste Mal, dass sich die Fassade, die ich mühsam aufrechterhielt, einen Riss erlaubte. „Du warst dabei, als die Heilerin mir bestätigt hat, dass ich dein Kind trage. Du hast mit mir zusammen die ersten Tritte gespürt. Du hast mit ihr gesprochen, jeden Abend, hast deine Hand auf meinen Bauch gelegt und ihr Geschichten von unserem Rudel erzählt.“
„Die Heilerin konnte nicht wissen, von welchem Mann es stammt.“
Einen Moment lang bekam ich keine Luft, als hätte mir jemand mit voller Wucht in den Bauch geschlagen. Der Raum schien sich um mich zu drehen, die vertrauten Konturen unseres Schlafzimmers verschwammen zu einem Wirbel aus Schatten und fahlem Licht.
Meine Wölfin warf sich mit solcher Kraft gegen mein Inneres, dass meine Knochen schmerzten, dass ich das Gefühl hatte, meine eigene Haut könnte der Wucht nicht standhalten.
Lass mich heraus, forderte sie, ihre Stimme ein einziges, wildes Knurren. Lass mich ihm zeigen, was Verrat wirklich bedeutet.
„Nein“, flüsterte ich, mehr zu ihr als zu Varek, obwohl beide es hörten. Dann, lauter, mit einer Kraft, die ich nicht wusste, dass ich sie noch besaß: „Es gab niemals einen anderen Mann.“
Varek sah mich an, und in diesem Moment erkannte ich in seinen Augen etwas, das mich mehr erschreckte als jede Anschuldigung. Es war nicht Zorn. Es war nicht einmal Misstrauen. Es war eine Art kalter, berechnender Distanz, als hätte er bereits vor Wochen entschieden, was er tun würde, und diese Szene, dieses Gespräch, war nur die formelle Ausführung eines Plans, der längst feststand.
Seine Augen, die früher warm geworden waren, sobald sie mich erblickten, die einst geleuchtet hatten, wenn ich einen Raum betrat, wirkten jetzt wie schwarzes Eis, undurchdringlich und ohne jede Wärme.
„Das behauptest du.“
Ich konnte den Mann vor mir nicht mehr mit dem Gefährten verbinden, der nachts seine Hand auf meinen Bauch gelegt hatte. Der das erste Treten unseres Kindes gespürt und gelächelt hatte, ein Lächeln, das ich für echt gehalten hatte, für ein Zeichen von etwas, das zwischen uns wuchs, ähnlich wie das Kind selbst.
„Du hast sie gespürt“, erinnerte ich ihn, meine Stimme jetzt fester, getragen von einer wachsenden Verzweiflung, die sich in Entschlossenheit verwandelte. „Du hast mit ihr gesprochen. Du hast ihr den Namen unserer Großmutter vorgeschlagen, erinnerst du dich? Du wolltest, dass sie stark wird wie sie.“
Für den Bruchteil eines Herzschlags veränderte sich sein Blick, ein Flackern, so kurz, dass ich es fast verpasst hätte, hätte ich nicht jede Regung seines Gesichts in den letzten drei Jahren studiert, als wäre es eine eigene Sprache.
Er erinnerte sich.
Ich wusste es, wusste es mit der Gewissheit einer Frau, die diesen Mann besser kannte als jeder andere in diesem Rudel.
Dann legte Lysandra ihre Hand auf seinen Arm, eine leichte, besitzergreifende Geste, die keinen Zweifel daran ließ, welche Art von Vertrautheit zwischen den beiden bestand.
„Du musst dich nicht rechtfertigen“, sagte sie sanft, ihre Stimme honigsüß und dennoch mit einer Schärfe darunter, die nur jemand mit meinem geschulten Ohr hätte hören können.
Mein Blick fiel auf ihre Finger, auf die vertraute Art, mit der sie ihn berührte, eine Vertrautheit, die keine Cousine, keine Beraterin, keine bloße Bekannte sich hätte erlauben dürfen.
„Nimm deine Hand von meinem Gefährten.“
Lysandra hob die Augenbrauen, ein Ausdruck gespielter Überraschung, als hätte ich etwas vollkommen Unangemessenes gesagt.
Varek blieb vollkommen ruhig.
Er entfernte ihre Hand nicht.
Stattdessen legte er seine eigene darüber, eine Bewegung, so langsam, so bewusst, dass sie wie eine Erklärung wirkte, lauter als jedes Wort, das er hätte sprechen können.
Etwas in mir zerbrach.
Nicht laut, nicht mit einem dramatischen Krachen, das man hätte hören können. Es war nur ein feiner Riss, der sich mitten durch mein Herz zog, lautlos und endgültig, wie Eis, das unter zu großem Gewicht nachgibt, ohne einen Laut von sich zu geben, bis es zu spät ist.
„Lysandra trägt mein Kind“, sagte er, und die Worte fielen so beiläufig aus seinem Mund, als spräche er über das Wetter, über die Ernte, über irgendein triviales Thema des Alltags.
Ich sah auf ihren flachen Bauch, auf die Hand, die sie schützend darüberhielt, obwohl es nichts zu schützen gab, nichts, was man von außen hätte sehen können, wenn dort überhaupt etwas war.
„Sie lügt.“
Ein gefährliches Knurren vibrierte in Vareks Brust, ein Laut, der tief aus seiner Kehle kam, animalisch und drohend.
„Hüte deine Zunge.“
Meine Tochter begann zu weinen, ihr kleiner Körper bebte in meinen Armen, ihre Fäuste ballten sich fester um meine Kette, und ihr Weinen war wie ein Messer, das direkt in mein Herz schnitt, weil ich wusste, dass sie meinen Schmerz spürte, meine Angst, meinen Zorn, all die Emotionen, die durch die frische, ungeschützte Bindung zwischen uns strömten.
Ich drückte sie an meine Brust und küsste ihr weiches dunkles Haar, versuchte, meine Stimme zu einem beruhigenden Flüstern zu formen, obwohl mein ganzer Körper zitterte.
„Es ist gut“, flüsterte ich. „Mama ist bei dir.“
„Gib sie der Heilerin“, befahl Varek, seine Stimme jetzt scharf, autoritär, die Stimme eines Alpha, der eine Anweisung gab, keine Bitte eines Ehemannes.
Ich hob langsam den Kopf, mein Blick traf seinen mit einer Kraft, die aus einem Ort in mir kam, den ich selbst nicht vollständig verstand.
„Warum?“
„Weil wir das hier vor dem Rudel klären werden.“
Ein ungutes Gefühl erfasste mich, eine Vorahnung, die kälter war als alles, was zuvor gekommen war.
„Sie ist zwei Tage alt.“
„Dann solltest du die Angelegenheit schnell beenden.“
Er wandte sich um, seine Bewegungen so beiläufig, als hätte er gerade eine unbedeutende Verwaltungsangelegenheit besprochen und nicht das Leben seiner eigenen Familie zerstört.
„Varek.“
Er blieb stehen, sah jedoch nicht zurück, seine Schultern angespannt, sein Rücken zu mir gewandt wie eine Mauer.
„Sie ist deine Tochter.“
Seine Schultern spannten sich noch weiter an, ein kaum merkliches Zucken, das mir sagte, dass meine Worte ihn erreicht hatten, tiefer als er zugeben wollte.
Die Bindung zwischen uns war noch da. Geschwächt, schmerzhaft und von etwas Dunklem überschattet – aber sie existierte, ein dünner, zitternder Faden, der uns noch immer verband, trotz allem, was in diesem Zimmer geschehen war.
Er musste die Wahrheit spüren.
Ein Gefährte konnte den Geruch seines eigenen Kindes erkennen, das war eine Wahrheit so alt wie unser Volk selbst, ein Instinkt, der tiefer verwurzelt war als jede Lüge, die man sich einreden konnte.
„Sie trägt dein Blut“, sagte ich, und meine Stimme wurde leiser, fast bittend, obwohl ich mich dagegen wehrte, obwohl ich nicht betteln wollte, nicht vor dieser Frau, die mit solcher Genugtuung zusah. „Du weißt es.“
Lysandra sah ihn von der Seite an, ein kurzer, prüfender Blick, als wollte sie sicherstellen, dass seine Entschlossenheit nicht wankte.
Für einen Moment schwieg er, und in diesem Schweigen lag eine Ewigkeit, eine Ewigkeit, in der ich mir erlaubte zu hoffen, dass er sich noch besinnen würde, dass der Mann, den ich geliebt hatte, noch irgendwo unter dieser kalten Fassade existierte.
Dann sagte er die Worte, die mein Leben zerstörten.
„Ich habe keine Tochter.“
Er ging hinaus, ohne einen weiteren Blick zurückzuwerfen, seine Schritte gleichmäßig und ruhig, als würde er von einem gewöhnlichen Gespräch zurückkehren.
Lysandra blieb zurück.
Ihre sanfte Maske fiel augenblicklich, wie ein Vorhang, der zur Seite gezogen wird, um zu enthüllen, was sich dahinter verbarg.
„Du hättest verschwinden sollen, als du noch die Gelegenheit dazu hattest“, flüsterte sie, ihre Stimme jetzt scharf und kalt, ohne jede Spur der Sanftheit, die sie zuvor zur Schau gestellt hatte.
Meine Wölfin fletschte die Zähne, ein Gefühl, das durch meinen ganzen Körper zog, als würde meine eigene Kiefermuskulatur auf ihren Befehl reagieren.
„Was hast du ihm angetan?“
„Ich habe ihm lediglich gezeigt, was für ein Alpha er sein könnte.“ Ihre Hand glitt erneut über ihren Bauch, eine Geste, die jetzt wie Hohn wirkte. „Mit der richtigen Luna an seiner Seite.“
„Ich bin seine Luna.“
„Du warst seine Luna.“
Die Endgültigkeit in ihrer Stimme traf mich wie ein weiterer Schlag, und ich spürte, wie sich etwas in mir zusammenzog, eine Kälte, die sich von meinem Herzen aus in jede Faser meines Körpers ausbreitete.
Sie ging zur Tür, ihre Bewegungen anmutig, selbstsicher, die Bewegungen einer Frau, die glaubte, bereits gewonnen zu haben.
Bevor sie den Raum verließ, sah sie noch einmal auf meine Tochter, ein langer, prüfender Blick, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ, sobald ich verstand, was ich darin sah.
In ihren Augen lag etwas, das mir mehr Angst machte als alles, was sie gesagt hatte.
Nicht Verachtung.
Angst.
Lysandra hatte Angst vor meinem Baby.
Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss, ein Geräusch, das in der plötzlichen Stille des Zimmers viel zu laut widerhallte.
Ich blieb allein zurück.
Meine Tochter weinte noch immer, ihre kleinen Schreie durchbohrten die Stille, und ich hielt sie so fest, wie ich es wagte, ohne ihr wehzutun, und versuchte, mein Zittern vor ihr zu verbergen, obwohl ich wusste, dass sie es durch die Bindung zwischen uns ohnehin spürte.
„Mama ist hier“, wiederholte ich, meine Stimme brüchig.
Doch zum ersten Mal glaubte ich meinen eigenen Worten nicht, zum ersten Mal fragte ich mich, ob ich sie tatsächlich beschützen konnte, ob meine Anwesenheit tatsächlich genug sein würde, um sie sicher zu halten in einer Welt, die sich in wenigen Minuten so vollständig gegen uns gewendet hatte.
Meine Wölfin lief ruhelos in mir auf und ab, ihre Gedanken drängend, dringlich.
Wir müssen fort.
„Varek würde uns niemals etwas antun.“
Er hat sein Kind verleugnet, erwiderte sie scharf. Vor dem gesamten Rudel wird er noch mehr tun.
„Er ist verwirrt. Lysandra muss ihn beeinflusst haben.“ Selbst als ich die Worte aussprach, klangen sie schwach, wie eine Ausrede, an die ich mich klammerte, weil die Alternative zu schrecklich war, um sie zu akzeptieren.
Kate.
Meine Wölfin sprach meinen Namen nur selten aus, und wenn sie es tat, dann nur in Momenten von äußerster Ernsthaftigkeit, Momenten, in denen sie wusste, dass sie meine volle Aufmerksamkeit brauchte.
Wenn wir bleiben, stirbt unsere Tochter.
Ich sah zur Tür, als könnte ich durch das massive Holz hindurch die Wachen erkennen, die ich wusste, dass dort standen. Dahinter befanden sich Wachen, das ganze Gebäude, jeder Korridor, jeder Ausgang, gehörte Varek. Jeder Weg nach draußen führte über das Rudelgebiet, über Ländereien, die von hunderten Wölfen bewohnt und patrouilliert wurden, Wölfe, die Varek Treue geschworen hatten, Wölfe, die seinem Wort mehr vertrauen würden als meinem.
Mein Körper war von der Geburt geschwächt, jeder Schritt schmerzte, ein tiefes, ziehendes Pochen in meinem Unterleib, das mich daran erinnerte, dass ich vor gerade einmal zwei Tagen ein Kind zur Welt gebracht hatte. Ich hatte mich seit zwei Tagen kaum auf den Beinen halten können, hatte jede Bewegung mit Vorsicht ausführen müssen, aus Angst, die Wunden meines Körpers könnten wieder aufreißen.
Eine Flucht war unmöglich.
Und doch, als ich in das schlafende Gesicht meiner Tochter blickte, in dieses winzige, vollkommene Gesicht, wusste ich, dass ich es versuchen musste, egal wie unmöglich es erschien, egal welchen Preis mein Körper dafür zahlen würde.
Dann bewegte sich das Siegel auf meiner Brust.
Zuerst glaubte ich, die Finger meiner Tochter hätten es berührt, dass ihre unbewusste Bewegung das Metall verschoben hatte. Doch ihre Hand lag neben ihrem Gesicht, still und ruhig, weit entfernt von der Kette.
Das Silber begann schwach zu leuchten, ein kaum sichtbares Glimmen, das sich langsam verstärkte, bis es nicht mehr zu übersehen war.
Ein roter Lichtfaden zog sich durch den eingravierten Halbmond, wanderte entlang der Linien der beiden verschlungenen Wölfe, als würde uraltes Blut durch die Adern des Metalls fließen.
Meine Wölfin wurde vollkommen still, eine Stille, die erschreckender war als jedes Knurren, das zuvor gekommen war.
Das Siegel hat sie erkannt, flüsterte sie schließlich, ihre Stimme voller Ehrfurcht und Furcht zugleich.
Ich umfasste das Amulett mit zitternden Fingern.
Es war heiß, so heiß, dass es fast schmerzte, und dennoch konnte ich nicht loslassen, gebannt von dem, was ich sah, von dem, was ich zu verstehen begann.
„Sie ist noch ein Baby“, flüsterte ich, mehr zu mir selbst als zu meiner Wölfin, als könnte ich die Wahrheit abwehren, indem ich sie leugnete.
Sie ist die Erstgeborene unserer Blutlinie, erwiderte meine Wölfin, und die Bedeutung ihrer Worte traf mich mit voller Wucht, ließ die Puzzleteile, die ich nie hatte zusammensetzen wollen, plötzlich ein vollständiges, erschreckendes Bild ergeben.
Das Siegel reagierte nicht auf mich.
Es reagierte auf meine Tochter.
Auf ihre Macht.
Auf das, was in ihrem winzigen Körper schlummerte, ungeboren noch vor wenigen Tagen und doch schon jetzt spürbar für ein Artefakt, das seit Generationen nur auf die Trägerinnen unserer Blutlinie reagiert hatte.
Deshalb hatte Lysandra Angst vor ihr.
Nicht, weil sie glaubte, das Kind stamme von einem anderen Mann – das war nie der wahre Grund gewesen, das war immer nur ein Vorwand, eine Lüge, die leicht genug zu konstruieren war, um Varek zu manipulieren.
Sondern weil sie wusste, wer meine Tochter eines Tages sein würde. Weil sie, oder wer auch immer hinter ihr stand, verstanden hatte, welche Macht in diesem kleinen Körper ruhte, eine Macht, die eine Bedrohung darstellte für jeden, der Ambitionen auf die Führung dieses Rudels hegte.
Hastige Schritte erklangen auf dem Gang, mehrere Männer, ihre schweren Stiefel auf dem Steinboden, ein Geräusch, das sich schnell näherte.
Meine Wölfin stieß ein tiefes Knurren aus, das durch meinen ganzen Körper vibrierte.
Die Tür wurde aufgerissen, ohne Vorwarnung, ohne Höflichkeit.
Vier Krieger betraten den Raum, große, muskulöse Männer, die ich alle kannte, Männer, die einst unter meinem Kommando patrouilliert hatten, die mir Respekt gezollt hatten, wenn ich durch die Korridore des Rudelhauses ging. Jetzt vermieden sie meinen Blick, ihre Gesichter unbehaglich, aber entschlossen. Hinter ihnen stand Varek, sein Gesicht eine Maske aus Stein.
„Kate“, sagte er, seine Stimme förmlich, distanziert. „Du wirst mit uns kommen.“
„Wohin?“
„Das Rudel wartet.“
Ich drückte meine Tochter an mich, ein instinktiver, unwillkürlicher Reflex.
„Sie bleibt hier.“
„Das Kind kommt mit.“
Seine Stimme duldete keinen Widerspruch, jene Alpha-Autorität, die normalerweise selbst die stärksten Wölfe des Rudels zum Gehorsam zwang, doch ich spürte, wie meine eigene Wölfin sich gegen diesen Befehl aufbäumte, wie eine Kraft in mir erwachte, die stärker war als bloßer Gehorsam.
Ich stand langsam auf, jede Bewegung eine Anstrengung, die mein Körper mit stechendem Schmerz quittierte. Der Boden schwankte unter meinen Füßen, und ein scharfer Schmerz zog durch meinen Unterleib, so heftig, dass mir für einen Moment schwarz vor Augen wurde.
Sofort machte einer der Krieger einen Schritt auf mich zu, vermutlich um mich zu stützen, vermutlich in einem letzten Rest von Loyalität, der ihn dazu bewegte, mir zu helfen, selbst inmitten dieser Verhaftung.
Meine Wölfin knurrte durch meine Lippen, ein Laut, so animalisch, so unmissverständlich in seiner Warnung, dass der Krieger sofort erstarrte.
Er blieb stehen.
„Niemand fasst sie an.“
Vareks Augen verdunkelten sich, ein Ausdruck von etwas, das gefährlich nahe an Zorn grenzte.
„Du befindest dich noch immer in meinem Rudel.“
„Und ich bin noch immer seine Königin.“
Ich hob das Kinn, obwohl meine Beine zitterten, obwohl jede Faser meines Körpers nach Ruhe schrie, obwohl ich am liebsten zusammengebrochen wäre vor Erschöpfung und Schmerz. Aber ich würde diesen Männern nicht die Genugtuung geben, mich zusammenbrechen zu sehen. Nicht jetzt. Nicht vor meiner Tochter.
Die Krieger senkten unwillkürlich ihre Blicke, ein alter Reflex, tief verwurzelt in der Hierarchie unseres Rudels, ein Reflex, der noch immer funktionierte, trotz allem, was Varek gerade getan hatte.
Varek bemerkte es, und sein Gesicht verhärtete sich weiter, als hätte ihn diese kleine Geste des Respekts, den seine eigenen Krieger mir noch immer entgegenbrachten, geärgert.
„Nicht mehr lange.“
Draußen hatte sich das gesamte Rudel versammelt.
Der große Platz vor dem Rudelhaus, normalerweise der Ort für Feste und Feiern, für die Zeremonien, die unser Volk zusammenhielten, war jetzt gefüllt mit hunderten Gestalten, die im fahlen Morgenlicht auf mich warteten. Hunderte Augen richteten sich auf mich, als ich mit meiner Tochter im Arm hinaustrat, gestützt von nichts als meinem eigenen Willen und der Wärme des kleinen Körpers, den ich an meine Brust gedrückt hielt.
Manche Mitglieder wirkten verwirrt, ihre Gesichter Fragezeichen, unsicher, was diese plötzliche Versammlung bedeutete. Andere sahen beschämt zur Seite, als könnten sie den Anblick einer Wöchnerin, die kaum zwei Tage nach der Geburt aus ihrem Bett geholt worden war, nicht ertragen. Wieder andere – und diese erschreckten mich am meisten – betrachteten mich mit einer Kälte, die mir sagte, dass Gerüchte bereits die Runde gemacht hatten, dass Lysandras Lügen bereits Wurzeln geschlagen hatten in den Köpfen der Menschen, die einst meine Untertanen gewesen waren.
Lysandra stand bereits auf der erhöhten Steinplattform, jener Plattform, von der aus Varek und ich einst gemeinsam Verkündigungen gemacht hatten, von der aus wir vor drei Jahren unsere Bindung öffentlich bekräftigt und unsere Herrschaft als Alpha und Luna begonnen hatten.
An meinem Platz.
Neben meinem Gefährten.
Der Anblick der beiden dort oben, so selbstverständlich nebeneinanderstehend, als hätten sie diesen Platz schon immer geteilt, ließ etwas in mir zerbrechen, das ich bislang mühsam zusammengehalten hatte.
„Alpha“, begann einer der älteren Wölfe vorsichtig, ein Mann namens Orin, den ich seit Jahren kannte und der mir seit meiner Ankunft im Schattenkamm-Rudel stets mit Respekt begegnet war. „Unsere Luna hat erst vor zwei Tagen ein Kind geboren. Was soll diese Versammlung?“
Varek trat vor, seine Stimme trug über den gesamten Platz, verstärkt durch die natürliche Akustik des Steins.
„Kate hat unser Rudel und ihren Alpha verraten.“
Unruhe ging durch die Menge, ein Murmeln, das sich wie eine Welle ausbreitete, Gesichter, die sich einander zuwandten, Augen, die vor Schock geweitet waren.
„Das ist eine Lüge“, sagte ich.
Meine Stimme war nicht laut. Ich hatte keine Kraft mehr für Lautstärke, keine Reserven, um zu schreien oder zu toben. Aber sie trug dennoch, getragen von einer Entschlossenheit, die tiefer war als bloße Kraft, und trotzdem wurde es still, eine Stille, in der man eine Nadel hätte fallen hören können.
Varek sah mich an, und für einen Moment glaubte ich, einen letzten Rest von Zweifel in seinen Augen zu erkennen, bevor er sich abwandte und wieder zur Menge sprach.
„Das Kind in ihren Armen stammt nicht von mir.“
Schockierte Stimmen erhoben sich, ein Chor aus Entsetzen und Ungläubigkeit, der über den Platz hallte.
Ich blickte in die vertrauten Gesichter meines Rudels, Gesichter, die ich seit Jahren kannte. Einige dieser Menschen hatte ich gepflegt, wenn sie krank gewesen waren, hatte an ihren Krankenbetten gesessen und ihnen Tee gebracht. Ihre Kinder hatte ich bei Geburten begrüßt, hatte die Neugeborenen in meinen Armen gehalten und ihnen Segenswünsche zugeflüstert, so wie es die Tradition unseres Rudels verlangte. An ihrer Seite hatte ich gekämpft, hatte mit ihnen zusammen Grenzen verteidigt, hatte in schweren Wintern dafür gesorgt, dass niemand hungerte.
Nun betrachteten sie mein Baby, als wäre es ein Verbrechen, als wäre die bloße Existenz dieses winzigen, unschuldigen Wesens eine Schande, die es zu verurteilen galt.
„Seht mich an“, forderte ich sie auf, meine Stimme jetzt fester, getragen von einem Zorn, der langsam die Angst in mir verdrängte. „Ihr kennt mich. Ihr kennt eure Königin. Habt ihr jemals auch nur einen Grund gehabt, an meiner Treue zu zweifeln?“
Die ältere Heilerin, Miren, trat aus der Menge, ihre alte, gebeugte Gestalt bewegte sich langsam, aber mit einer Entschlossenheit, die ihrem Alter widersprach.
„Ich habe Kate während ihrer gesamten Schwangerschaft untersucht“, sagte sie, ihre Stimme brüchig, aber klar genug, dass jeder auf dem Platz sie hören konnte. „Es gab niemals einen Hinweis auf einen anderen Mann. Kein fremder Geruch, keine fremde Essenz. Nur die ihres Gefährten.“
Lysandra schnaubte, ein verächtliches Geräusch, das durch die Stille schnitt.
„Du kannst nicht beweisen, wer der Vater ist.“
„Und du kannst nicht beweisen, dass er es nicht ist.“
Vareks Blick traf die Heilerin, kalt und drohend.
„Schweig.“
Sie senkte den Kopf, unterwarf sich dem Befehl ihres Alpha, wie es die Hierarchie verlangte, doch nicht, bevor ich die Angst in ihren Augen erkannte, Angst nicht um sich selbst, sondern um das, was sie gerade mit ansehen musste, um eine Wahrheit, die von Macht überstimmt wurde.
Hier ging es nicht um Wahrheit.
Das wurde mir in diesem Moment mit erschreckender Klarheit bewusst. Varek hatte seine Entscheidung längst getroffen, lange bevor er dieses Zimmer betreten hatte, lange bevor diese Versammlung einberufen worden war. Alles, was hier geschah, jede Frage, jede Anschuldigung, war nur Theater, eine Inszenierung, um seine bereits gefällte Entscheidung vor dem Rudel zu legitimieren.
„Ich, Alpha Varek des Schattenkamm-Rudels, erkenne dieses Kind nicht als meine Tochter an.“
Das Weinen meines Babys war das einzige Geräusch auf dem Platz, ein hoher, verzweifelter Klang, der die Stille durchschnitt wie eine Klinge.
„Und ich erkenne Kate nicht länger als meine Luna und Gefährtin an.“
Meine Wölfin heulte auf, ein Laut, der sich durch meinen gesamten Körper zog, so durchdringend, dass ich für einen Moment glaubte, ich müsste tatsächlich zu heulen beginnen, mein Kopf zurückgeworfen, meine Kehle offen für einen Schrei, der die ganze Welt erschüttern sollte.
Der Schmerz kam ohne Vorwarnung.
Er raste durch meinen Brustkorb, als würden Klauen mein Herz zerreißen, als würde die Bindung, die uns einst verbunden hatte, mit Gewalt aus meinem Körper gerissen. Es war ein physischer Schmerz, kein bloß emotionaler, ein Schmerz, der tief in die Knochen fuhr, der mir das Gefühl gab, als könnte mein Herz jeden Moment aufhören zu schlagen.
Meine Knie gaben nach. Nur der Gedanke an meine Tochter hielt mich davon ab, zu Boden zu stürzen, ein letzter Rest von Willenskraft, der mich aufrecht hielt, obwohl mein Körper sich weigerte, mir zu gehorchen.
Ich presste sie schützend an mich.
Sie schrie, ihr kleiner Körper bebend, ihr Gesicht rot vor Anstrengung.
Sie spürte meinen Schmerz.
„Nein“, keuchte ich, meine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Bitte, Varek. Sie kann nichts dafür.“
Er kam auf mich zu, seine Schritte gemessen, seine Miene unbewegt.
Für einen Augenblick hoffte ich, dass er endlich zu ihr sehen würde. Dass ihr Weinen etwas in ihm erreichte, dass irgendein Rest von Vaterinstinkt in ihm erwachte, ein letzter Funke von dem Mann, den ich einst geliebt hatte.
Doch er beugte sich nur zu mir hinunter, so nah, dass nur ich seine Worte hören konnte.
„Wenn du deine Gefährtenbindung freiwillig aufgibst und das Rudel verlässt, wird dein Tod schnell sein.“
Ich starrte ihn an, unfähig zu begreifen, was ich gerade gehört hatte.
„Unser Tod?“
Seine Augen glitten zu dem Baby, ein kurzer, aber unmissverständlicher Blick.
Da verstand ich.
Er wollte nicht nur mich töten.
Er wollte auch seine Tochter beseitigen, das lebende Zeugnis einer Wahrheit, die er nicht ertragen konnte, oder die Bedrohung, die Lysandra in ihr sah, die Macht, die im Blut meiner kleinen Tochter schlummerte und die vielleicht eines Tages seine eigene Herrschaft infrage stellen würde.
Meine Wölfin übernahm.
Kraft schoss durch meinen geschwächten Körper, eine plötzliche Flut aus Adrenalin und uraltem Instinkt, die die Erschöpfung, den Schmerz, die Schwäche für einen kostbaren Moment verdrängte. Ich rammte Varek meine Schulter gegen die Brust, mit einer Kraft, die selbst mich überraschte. Er hatte nicht damit gerechnet und taumelte zurück, verlor für einen Moment das Gleichgewicht.
Noch bevor die Krieger reagieren konnten, rannte ich, meine bloßen Füße auf dem kalten Stein des Platzes, mein Körper schreiend vor Schmerz bei jeder Bewegung, aber ich rannte trotzdem, mit einer Verzweiflung, die stärker war als jede körperliche Grenze.
Jemand schrie meinen Namen, eine Stimme aus der Menge, verzweifelt und ungläubig.
Ein Befehl erklang, Vareks Stimme, hart und unmissverständlich, ein Befehl, den ich nicht verstehen wollte, dessen Bedeutung ich mir nicht erlaubte zu begreifen.
Hinter mir hörte ich Knochen brechen, das grässliche, unverkennbare Geräusch von Verwandlung. Es waren nicht alle. Nur eine Handvoll seiner treuesten Krieger, jener Männer, die Varek in den letzten Jahren um sich versammelt hatte, die seinem Wort mehr Gewicht gaben als der Wahrheit, die sie mit eigenen Augen gesehen hatten. Der Rest des Rudels blieb zurück, erstarrt, fassungslos, manche mit offenen Mündern, manche mit Tränen in den Augen, unfähig zu begreifen, was sich vor ihnen abspielte, unfähig, sich gegen den Befehl ihres Alpha zu stellen, und doch nicht bereit, selbst Hand an mich zu legen.
Vareks treue Krieger nahmen meine Verfolgung auf.
Ich hielt meine Tochter fest und lief in den dunklen Wald, weg von dem Platz, weg von den Stimmen, weg von dem Mann, der einst mein Gefährte gewesen war und der jetzt meinen Tod befohlen hatte.
Jeder Schritt riss meine Wunden weiter auf. Wärme lief an meinen Beinen hinab, das unverkennbare, warme Nässen von Blut, das aus Wunden sickerte, die noch nicht genug Zeit gehabt hatten, zu heilen. Meine Lunge brannte, jeder Atemzug ein Feuer, das durch meinen Brustkorb fuhr.
Doch ich blieb nicht stehen.
Ich durfte nicht stehen bleiben.
Hinter mir kamen die Wölfe näher, ich konnte ihr Keuchen hören, das Trommeln ihrer Pfoten auf dem weichen Waldboden, näher und näher, jene wenigen Krieger, die einst meine Beschützer gewesen waren und jetzt zu meinen Jägern geworden waren.
Vor mir lag nur die Dunkelheit, dichtes Unterholz, uralte Bäume, deren Kronen das schwache Morgenlicht fast vollständig verschluckten.
Und irgendwo hinter den Bäumen warteten die Klippen, jene steilen Felsen am Rand unseres Territoriums, von denen ich als Kind gehört hatte, dass sie den Tod bedeuteten für jeden, der zu nah heranwagte.
Ich senkte den Kopf zu meiner weinenden Tochter, spürte ihre winzige Hand noch immer fest um meine Kette geschlossen, spürte das Siegel zwischen uns, warm und pulsierend wie ein zweites Herz.
„Hab keine Angst, mein kleiner Mond“, flüsterte ich, meine Stimme zitternd vor Anstrengung, vor Angst, vor einer Liebe, die stärker war als alles, was mir jemals zuvor widerfahren war.
Meine Stimme zitterte, aber die Worte, die ich als Nächstes sprach, waren die wahrhaftigsten, die ich je ausgesprochen hatte.
„Solange ich atme, wird dir niemand etwas tun.“
Das Siegel zwischen uns begann zu leuchten, heller jetzt, ein rotes, pulsierendes Glühen, das die Dunkelheit um uns herum durchbrach wie ein kleiner, trotziger Stern.
Und die Jagd begann.








