Die Villa am Lindenhang
„Sie werden sie entweder lieben oder nach fünf Minuten wieder weg sein.“ Der Makler lächelte, während er seinen Wagen am Straßenrand parkte.
Clara Winter schloss die Autotür und blickte die leicht ansteigende Straße hinauf. Der Himmel war wolkenlos, die Nachmittagssonne tauchte die alten Bäume in warmes Licht. Am Ende einer geschwungenen Auffahrt stand die Villa.
Für einen Moment vergaß sie zu antworten. „Das ist sie?“
„Ja.“
Clara hatte die Fotos im Exposé gesehen. Sie hatte den Grundriss studiert. Sie hatte die virtuelle Besichtigung durchgeführt. Doch nichts davon bereitete sie auf den ersten echten Anblick vor.
Die Villa wirkte zugleich elegant und geheimnisvoll.
Drei Stockwerke erhoben sich hinter einer schmiedeeisernen Zaunanlage. Die helle Fassade war frisch restauriert, die hohen Fenster spiegelten das Sonnenlicht, und um das Grundstück standen alte Linden und Kastanien, deren Kronen das Haus wie schützende Wächter umgaben.
Die Kombination war ungewöhnlich. Von außen wirkte das Gebäude wie ein historisches Herrenhaus. Von innen sollte es laut Exposé modernisiert worden sein.
„Baujahr 1898“, erklärte der Makler. „Vor fünf Jahren wurde nahezu alles saniert. Elektrik, Wasserleitungen, Heizung. Die letzten Besitzer haben viel investiert.“
Clara nickte langsam. Sie spürte dieses seltene Gefühl. Das Gefühl, einen Ort zu sehen und sofort zu wissen: Das könnte mein Zuhause sein.
Nach ihrer Scheidung hatte sie fast zwei Jahre in einer modernen Eigentumswohnung gelebt. Praktisch. Ordentlich. Steril. Die Wohnung hatte sich nie wie ein Zuhause angefühlt.
Jedes Möbelstück hatte sie gemeinsam mit ihrem Ex-Mann ausgesucht. Jede Ecke erinnerte sie an ein Leben, das längst vorbei war. Vielleicht war genau deshalb die Villa so attraktiv. Sie war etwas Neues. Ein Neuanfang.
Der Makler öffnete das Tor. „Kommen Sie.“
Langsam gingen sie die Auffahrt entlang. Vor dem Haus befand sich ein kleiner Springbrunnen. Links führte ein gepflasterter Weg in den Garten. Rechts standen sorgfältig geschnittene Buchshecken. Alles wirkte gepflegt, aber nicht künstlich. Als hätte das Grundstück beschlossen, würdevoll zu altern.
„Beeindruckend“, murmelte Clara.
„Das hören wir öfter.“ Der Makler zog einen Schlüsselbund hervor. „Es gibt allerdings...“ Er stockte.
„Ja?“
„Nun ja. Die Villa hat einen gewissen Ruf.“
Clara musste lächeln. „Spukt es hier?“
„So ungefähr erzählen die Leute es.“
„Und Sie glauben das?“
„Ich bin Makler. Ich glaube nur an Kaufverträge.“
Sie lachten beide.
Trotzdem blieb ihr Blick einen Moment zu lange auf dem Haus ruhen. Als würde sie prüfen, ob hinter den Fenstern tatsächlich jemand stand. Natürlich war dort niemand.
Der Makler schloss die schwere Eingangstür auf. „Nach Ihnen.“
Schon die Eingangshalle war größer als ihre bisherige Wohnung. Heller Natursteinboden. Eine freischwebende Treppe aus Eichenholz. Indirekte Beleuchtung. Hohe Decken. Ein Kronleuchter aus Glas. Große Fenster ließen Licht ins Haus strömen.
„Wow.“
Der Makler grinste. „Das sagen die meisten Besucher.“
Sie gingen durch das Erdgeschoss. Das Wohnzimmer war riesig. Eine komplette Fensterfront öffnete den Blick in den Garten. Ein moderner Kamin teilte den Raum optisch.
Die Küche war ein Traum. Weiße Fronten. Dunkle Granitarbeitsplatte. Modernste Geräte. Eine Kochinsel in der Mitte. Dahinter ein Essbereich mit Blick ins Grüne.
Clara konnte sich sofort vorstellen, dort morgens mit einem Kaffee zu sitzen. Allein. Und trotzdem zufrieden.
Sie betraten die Terrasse. Dort blieb sie stehen. „Oh.“
Der Pool war deutlich größer als erwartet. Mindestens zwölf Meter lang. Das Wasser schimmerte türkis. Natursteinplatten umgaben die gesamte Anlage. Am anderen Ende standen mehrere Liegen unter einer Pergola.
Ein kleiner Pavillon lag zwischen Rosenbüschen und Lavendel. Dahinter begann ein alter Garten mit großen Bäumen.
„Das Grundstück umfasst fast viertausend Quadratmeter“, erklärte der Makler stolz. „Sie könnten hier wahrscheinlich einen Hubschrauber landen lassen.“
„Ich habe keinen Hubschrauber.“
„Noch nicht.“
Clara lachte. Zum ersten Mal seit Wochen fühlte sie sich leicht. Unbeschwert. Fast glücklich. Sie betrachtete die Wasseroberfläche. Der Wind bewegte die Bäume. Irgendwo sang eine Amsel. Es war friedlich. Genau das, wonach sie gesucht hatte. „Und warum verkauft man so ein Haus?“
Der Makler räusperte sich. „Die Eigentümer sind verstorben. Es gibt keine direkten Erben.“
„Und die Geschichte?“
„Welche Geschichte?“
„Von der Sie eben gesprochen haben.“
Der Mann zögerte. „Ach das.“ Er winkte ab. „Dorfgeschichten.“
„Trotzdem.“
„Nun, manche behaupten, in der Villa würden seltsame Dinge passieren.“
„Welche Dinge?“
„Die üblichen Geschichten. Schritte auf dem Dachboden. Türen, die sich bewegen. Licht in leeren Zimmern.“
„Und weiter?“
Der Makler seufzte. „Angeblich gibt es im Obergeschoss eine Tür, deren Farbe sich verändert.“
Clara musste lachen. „Eine Tür?“
„Ich sagte doch: Dorfgeschichten.“
„Und welche Farbe soll sie haben?“
„Je nachdem, wen man fragt, eine andere.“
Sie gingen zurück ins Haus. Während der folgenden halben Stunde zeigte der Makler ihr die Schlafzimmer, die Bäder und das Dachgeschoss.
Alles war modern. Alles war hochwertig. Alles war perfekt. Fast zu perfekt. Schließlich erreichten sie den oberen Flur.
Dort blieb Clara stehen. „Moment.“
Der Makler drehte sich um. „Ja?“
Am Ende des Flurs befand sich eine einzelne Tür.
Sie unterschied sich von allen anderen Türen im Haus. Nicht durch ihre Form. Nicht durch ihre Größe. Sondern durch ihre Farbe. Ein tiefes, ungewöhnliches Blau. Fast wie die Oberfläche eines ruhigen Meeres.
„Diese Tür?“
Der Makler folgte ihrem Blick. „Ja.“
„Was ist dahinter?“
„Eine Bibliothek.“
„Darf ich hineinsehen?“
„Natürlich.“
Er griff nach dem Türgriff. Rüttelte daran. Dann noch einmal. Nichts. „Seltsam.“
„Abgeschlossen?“
„Offen gesagt weiß ich nicht einmal, wo der Schlüssel ist.“
„Wie bitte?“
Der Makler hob entschuldigend die Schultern. „Die Tür war schon verschlossen, als wir das Haus übernommen haben.“
Clara trat näher. Irgendetwas an dieser Tür wirkte merkwürdig. Nicht bedrohlich. Nicht unheimlich. Eher ... anziehend. Als würde sie etwas versprechen. Etwas, das sie noch nicht verstand. Sie legte eine Hand auf das Holz. Es fühlte sich kühl an. Völlig normal. Und doch lief ihr ein leichter Schauer über den Rücken.
„Finden Sie das nicht seltsam?“ fragte sie.
„Ein wenig schon.“ Der Makler räusperte sich. „Aber ehrlich gesagt macht genau sowas alte Häuser interessant.“
Clara blickte noch einen Moment auf die blaue Tür. Dann nickte sie langsam. Vielleicht war es nur Einbildung. Vielleicht nur die Atmosphäre. Oder die seltsame Geschichte.
Doch tief in ihrem Inneren hatte sie plötzlich das Gefühl, dass ihr Leben gerade dabei war, eine völlig neue Richtung einzuschlagen.
Und sie konnte noch nicht ahnen, dass hinter dieser Tür nicht nur eine Bibliothek verborgen war, sondern Welten.
Und ein Mann, der schon seit Jahrhunderten auf ihre Ankunft wartete.








