Der Auftrag
** LINNAYA **
Ich bin Linnaya Thoron.
Zweite Instanz des Hohen Rates. Generalin der galaktischen Vollstreckungseinheit VALKYRIA.
Erbarmungslos. Loyal. Effektiv.
Ich wurde nicht geboren. Ich wurde gebaut – aus Daten, aus Kalkül, aus strategischer Notwendigkeit. Mein erster Atemzug geschah nicht im Licht einer Geburtsstation, sondern im sterilen Schatten der Entwicklungseinheit ZK-1 auf Arkion Prime.
Projektname: VALKYRIA.
Ein Programm zur Herstellung strategisch autonomer Offiziere – fähig, Systembedrohungen zu analysieren, zu neutralisieren und im Zweifelsfall ganze Planetensysteme zu unterwerfen.
Ich war der einzige Prototyp des hohen Rates, der alle Tests überlebte. Und ich bin stolz darauf.
Der Hohe Rat besteht aus fünf Gesichtern. Fünf Geister über der Ordnung.
Artemis Khar: Präzision und Kalkül.
Velian Dros: Stimme der Verteidigung.
Soraya Vehl: politische Meisterin, mein Lehrvorbild.
Mirel Thax: Architektin des Informationsnetzwerks.
Kael Reven : Oberster Stratege – der Mann, der mir meinen ersten Befehl gab: Töte, bevor Zweifel entstehen.
Ich kannte sie alle. Ich kannte ihre Schwächen. Ihre Stärken. Ihre Stimmen im Dunkel. Und ich gehorchte nicht aus Angst – sondern aus Überzeugung.
Der Hohe Rat ist kein Diktat. In einer Galaxis, zersplittert in Systeme, Kulturen und Interessen, ist der Hohe Rat das Einzige, das Bestand hat. Er ist kein Überbleibsel – er ist das Fundament.Er regiert nicht durch Präsenz. Er regiert durch Struktur. Er kontrolliert – nicht den Alltag, sondern das Gleichgewicht.
Der Hohe Rat sitzt auf Arkion Prime, einer Kernwelt im Zentrum der Galaxis – nicht geografisch, sondern politisch. Arkion ist kein Ort für Zivilisten. Der Planet liegt isoliert im gesperrten Sektor C-0, geschützt durch Hyperraumverzerrung und orbitalen Verteidigungsringe. Nur autorisierte Schiffe mit biometrischem Zugriff dürfen ihn anfliegen.
Die Oberfläche ist vollständig kontrolliert: keine Wetterextreme, kein Chaos, keine Nacht. Zwei Sonnen – Kurel und Veyra – werden durch künstliche Atmosphäre gedämpft. Das Licht ist gleichmäßig, der Himmel silbern. Nichts geschieht zufällig.
Arkion besteht aus funktionalen Sektoren: Aurea Core (Hauptstadt), Schattenzonen (unterirdische Archive & Labore), künstlich geschützte Peripherien und dem Orbitalring als militärischer Schild
Hier leben keine Familien, keine Künstler, keine Zufallsbürger. Jeder auf Arkion ist kontrolliert, ausgewählt, überwacht. Emotionen sind Schwäche. Ästhetik ist Strategie.
Niemand betritt Arkion, ohne dass der Rat es erlaubt. Nicht einmal die höchsten Regierungsoberhäupter.
Der hohe Rat ist keine politische Fraktion. Er ist das Regelwerk, nach dem Regierungen erschaffen und vernichtet werden.
Er erlässt keine Gesetze im klassischen Sinn. Er gibt Strukturen vor: Wirtschaftskreisläufe, Grenzverläufe, Ressourcennutzung, KI-Regulation, Bevölkerungsmanagement.
Der hohe Rat spricht nicht öffentlich. Seine Anweisungen kommen als mathematische Algorithmen, als Wirtschaftsempfehlungen, als sicherheitsrelevante Protokolle.
Die Welten gehorchen ihm – weil sie wissen, dass der Rat die Macht hat, sie auszuschalten, ohne eine Waffe zu erheben.
Er entscheidet, wer eine Flotte bekommt, wer Zugang zu Hyperraumrouten erhält, welche Technologie lizenziert wird, welche Information vergessen werden muss.
Und wenn ein Planet aufbegehrt, wird nicht verhandelt – sondern analysiert, isoliert, neu geordnet.
Gibt es etwas Höheres als den Rat?
Offiziell: Nein.
In der Realität? Vielleicht.
Gerüchte flüstern von einer Fraktion jenseits der bekannten Systeme. Von einer alten Ordnung, die einst den Rat erschaffen haben soll. Von einer Künstlichen Intelligenz – archiviert, abgeschaltet, aber vielleicht noch wach.
Doch das sind nur Mythen. Der Rat lässt solche Erzählungen zirkulieren – um sie zu kontrollieren. Denn solange niemand weiß, ob es etwas Höheres gibt, bleibt der Rat die höchste Instanz.
Und wer dem Rat nicht gehorcht, wird entweder aus der Geschichte entfernt – oder von mir aufgespürt. Ich bin das, was der Rat sendet, wenn er seine Stimme nicht mehr erheben will. Ich bin das Schwert in seiner Hand. Der letzte Befehl, wenn Worte versagen.
Alle fürchten mich. Nicht, weil sie mich kennen. Sondern weil sie ahnen, dass ich kommen könnte. Ein Flüstern meines Namens auf den inneren Kanälen genügt – und Systeme werden ruhig, ohne dass ein Schuss fällt. Ich bin ihre Disziplin. Ihre abschreckende Legende. Ich bin das Gesicht des Rates in den Schatten.
Und ich liebe meine Aufgabe. Nicht, weil sie mir Ruhm bringt, sondern weil sie funktioniert. Weil mein Dienst schützt, stabilisiert und verteidigt.
Ich wurde nicht gefragt, ob ich diese Rolle wollte. Aber ich habe sie angenommen. Mit ganzem Herzen. Weil ich weiß: Es braucht jemanden wie mich. Jede Faser meiner Existenz ist darauf ausgelegt, dem Rat zu dienen. Ich bin kein Rebell, kein Zweifler, kein halber Mensch. Ich bin Ergebnis und Antwort.
Meine Unterkunft – mein Zuhause – war nicht auf Arkion, einer Stadt mit Balkonen, Fassaden und namenlosen Nachbarn, sondern auf der Valkyrie, meinem Schiff.
Die Städte der Kernwelten waren erfüllt von Leben. Menschen lachten dort stritten in nd verbündeten sich. Sie liebten. Sie verloren. Sie gründeten Freundschaften, gingen Beziehungen ein, banden sich an Orte, aneinander – an Erinnerungen.
All das hatte ich nicht.
Und ich wollte es auch nicht.
Leben in der Stadt bedeutete Unschärfe. Lärm. Ablenkung. Gefühle. Ich war nicht gemacht für Gefühle. Ich war gemacht für Entscheidungen.
Der Hohe Rat wusste das. Sie duldeten es, dass ich auf der Valkyrie lebte – nicht aus Großzügigkeit, sondern aus Einsicht. Sie verstanden, dass ich effektiver war, wenn ich fern war von der Welt, die ich kontrollieren sollte.
Die Valkyrie war mein Rechenzentrum, mein Rückzugsort, mein Körper aus Triebwerken und Schweigen.
Meine Wohnung war eingebettet im oberen Kern, direkt unter der Kommandoebene. Ein Raum wie ich: präzise, geordnet, ohne Ausschweifung. Keine persönlichen Andenken, keine organischen Elemente, kein überflüssiger Besitz. Nur klare Linien, strukturiertes Licht, flache Temperaturzonen und eine gläserne Decke, die den Blick zu den Sternen freigab. Ich konnte in die Unendlichkeit sehen – und gleichzeitig vollständig im Jetzt verankert bleiben.
Niemand außer mir betrat diesen Raum. Nicht, weil es verboten war. Sondern weil niemand es wagte.
Hier war ich nicht Generalin. Hier war ich nicht Thoron. Hier war ich einfach… die letzte Instanz. Ein Instrument in Ruhe. Eine Klinge, die wartete.
Der vergangene Tag war wenig aufregend. Routiniert. Strukturiert. Effizient.
Am Vormittag trainierte ich im schiffseigenen Simulationsdeck DELTA-1, einem voll immersiven Taktikraum mit holographischen Gegnern, die realer wirkten als mancher Soldat aus Fleisch und Blut.
Ich stellte sie mir nicht selbst ein. Ich ließ den Raum entscheiden, wer mir heute gegenüberstand. Vier Feindtypen, wechselnde Umgebungen, variable Lichtverhältnisse. Messer. Pistole. Langwaffe. Ich war in allen Disziplinen überdurchschnittlich. Ich hatte jede Waffe geführt. Und beherrschte sie wie einen Gedanken.
Das Training endete nach 72 Minuten. Kein Fehler. Kein Treffer. Nur eine aufgewärmte Muskulatur und der stumme Puls meines Herzmonitors – rhythmisch wie ein Taktgeber.
Ich duschte. Aß nichts. Schlief schließlich drei Stunden in völliger Stille. Kein Hintergrundrauschen, keine Überwachung. Nur mein Atem – und das ferne Vibrieren der Valkyrie, das wie ein lebendiges Tier unter mir ruhte.
Um 04:07 Uhr erwachte ich, ohne zu wissen, warum. Eine Sekunde später vibrierte das Terminal in der Wand.
Direktbefehl – Verschlüsselung: Obsidian Annahme verpflichtend. Bestätigung durch biometrischen Scan. Sofortige Anweisung durch den Hohen Rat.
Ich stand auf. Kein Zögern. Kein Laut.
Obsidian war kein Protokoll, das man ignorierte. Es war außerhalb aller bekannten Ränge. Ein Ruf, der über jedem Gesetz stand – und über jedem Leben.
Ich bestätigte mit Handfläche und Iris-Scan. Eine Zeile erschien. Erscheinen im Zentralrat. Priorität: Absolut. Zeitrahmen: Jetzt.
Keine Angabe zum Thema. Kein Name. Kein Kontext. Nur Befehl.
Ich zog mein Einsatzgewand über, strich den Mantel glatt, kontrollierte meine Haltung vor dem Spiegel. Keine Unruhe. Keine Regung. Nur Fokus.
Dann verließ ich mein Quartier .
Eine einzige Verbindung führte von meinem Schiff, der Valkyrie, direkt ins Innere des Regierungszentrums auf Arkion Prime.
Sie war nicht bekannt. Nicht registriert. Nicht sichtbar. Eine schwarze Röhre, eingebettet in die Suborbitalzone unterhalb der Orbitalringe. Sie war durch mehrere Schichten Tarntechnologie geschützt – elektromagnetische Streufelder, optische Umkehrung, Strukturschimmer. Für jedes äußere System war dieser Zugang nichts weiter als leerer Raum.
Das Shuttle wartete bereits. Schildmatt, klein, kaum größer als ein Gleiter. Es war vollständig autark – ohne Steuerung, ohne Kabine. Ich trat ein, das System erkannte mich, schloss sich lautlos und begann zu gleiten.
Teleportation zum Rat war verboten. Nicht aus technischen Gründen.bSondern aus Prinzip. Macht muss durch Räume schreiten. Nicht durch Sprünge.
Das Shuttle brachte mich direkt in den innersten Kern des Hohen Rates, zum Saal der Stimmen, verborgen im Herzen von Aurea Core, so abgeschirmt, dass selbst Licht dort geprüft wurde, bevor es reflektieren durfte.
Das Shuttle glitt lautlos in die Dockkapsel ein, verriegelte sich, und verharrte.
Ich stand auf und stieg aus. Der Boden war aus schwarzem Stein – glatt, spiegelnd, makellos. Auf ihm klangen meine Schritte wie Gesetz.
Vor mir öffnete sich ein Gang aus Licht. Kein echtes Licht. Gesteuert und maßgeschneidert. Jeder Scheinwerfer war so platziert, dass kein Schatten fiel, den man nicht vorhergesehen hatte. Am Ende: der Zugang zum Saal der Stimmen.
Ich trat ein ubnd hielt einen Moment inne. Alle fünf Ratsmitglieder waren anwesend. Persönlich. Keine Hologramme. Keine verschlüsselten Projektionssessel. Fünf leibhaftige Gestalten in der Kammer. Das war äußerst selten. Es geschah nur in Ausnahmefällen – bei Kriegszuständen, bei der Neustrukturierung ganzer Planetensysteme, bei vollständiger Auslöschung eines Datenarchivs oder…wenn eine Entscheidung bevorstand, die keine Rücknahme mehr kannte.
Ich trat in die Mitte des Saales, dorthin, wo der Boden leicht anstieg – ein diskreter Kreis aus dunklem Stein, umrahmt von feinen Lichtlinien, die nur leuchteten, wenn ich ihn betrat.
Fünf Sitze umgaben mich in einem Halbkreis. Hoch, makellos, wie aus dem Nichts gewachsen. Keine Dekoration. Keine Insignien. Nur Präsenz und Macht .
Fünf Blicke ruhten auf mir. Ich senkte leicht den Kopf. Nicht als Geste der Unterwerfung – sondern der Protokolle. Dann hob ich den Blick. Fest. Klar. Unverrückbar.
„Hoher Rat... ihr habt nach mir verlangt. Ich bin bereit.“
Ein Moment der Stille. Schwer. Ehrfurchtsvoll. Dann antwortete Kael Reven, mit dieser ruhigen, unerbittlichen Stimme, die kein Echo brauchte: „Gut. Dann hör – und handle.“
Kael Reven senkte leicht das Kinn.
Ein Summen. Dann ein Zischen. Und in der Mitte des Raumes erschien das Hologramm. Zuerst nur eine Silhouette. Dann Details. Ein Gesicht. Ein Körper. Ein Mann.
Ich sagte nichts. Nicht, weil ich keine Fragen hatte – sondern, weil mir für einen Moment die Sprache fehlte.
Er war schön. Verboten schön. Nicht aufdringlich. Nicht makellos. Sondern echt, in einer Art, wie sie selten geworden war. Schulterbreit, aber nicht schwer. Die Bewegungen seiner Muskeln unter der Kleidung wirkten wie perfekt dosierte Spannung. Sein dunkles Haar war ungebändigt – leicht gewellt, locker zurückgestrichen, als hätte er es nie gestylt und sähe trotzdem aus, als würde man ihn in Glas gießen wollen. Der Mund war schmal, aber weich. Und die Augen…Dunkel. Unverhohlen.
Er sah nicht in die Kamera. Er sah durch sie hindurch, als hätte er gewusst, dass ich ihn heute sehen würde, so als hätte er auf mich gewartet.
Mein Atem blieb ruhig. Äußerlich. Aber unter der Oberfläche…Ein Reiz. Ein Impuls. Etwas zwischen Neugier und Widerstand. Er ist… attraktiv. Unangenehm attraktiv.
„Name: Rylon Zaris“, sagte Thax sachlich.„Zielperson der Prioritätsklasse Obsidian. Kommunikationsgefährdung. Systeminstabilität.“
Ich zwang mich, den Blick vom Hologramm zu lösen. „Was genau macht ihn zur Bedrohung?“
„Er spricht“, sagte Reven. „Und Menschen hören zu.“
„Inhalte?“
„Ratskritik. Andeutungen über verdeckte Operationen. Manipulation der Wahrheit.“
„Beweise?“
„Unklar.“
Ich sah ihn wieder an. Er sah so ruhig aus So elegant in seiner Haltung, als wäre der Körper Ausdruck seiner Intelligenz. Ein Mann, der wusste, wie man gefährlich war – ohne je eine Waffe zu ziehen.
„Warum ich?“, fragte ich leise. „Warum keine taktische Einheit? Keine Exekutionsgruppe?“
Soraya antwortete. „Es erfordert höchste Diskretion!"
Ich trat näher. Eine Armlänge entfernt. Das Licht des Hologramms tanzte auf meinem Gesicht, wie flüssiges Silber – kühl, durchsichtig, zu nah.
Ich hatte das Gefühl, dass jeder Muskel, jedes Detail, jede Geste in diesem Abbild ein bewusst gesetztes Zeichen war.
Er war nicht nur ein Ziel. Nicht nur ein Gegner. Er war eine Einladung. Und ich wusste, dass ich ihr folgen würde. Nicht weil es mein Befehl war –sondern weil ich wissen musste, was ihn so gefährlich machte.