Kapitel 1: Das Geschenk
Der Thronsaal war erfüllt vom kalten Licht der Fackeln und dem Geruch von verbranntem Fleisch, ein Geruch, der Elara den Magen umdrehte, während sie starr neben ihrem Vater stand. Vor ihnen, auf den Knien und in schwere Eisen gelegt, befand sich das „Geschenk“.
Kaelen. Sein Name war in den Grenzlanden eine Legende, ein Synonym für den Tod. Doch jetzt war er nur noch ein Schatten seiner selbst. Die silbernen Runenfesseln an seinen Handgelenken und seinem Hals zischten leise, wo sie seine Haut berührten. Rauch kräuselte sich von den Stellen auf, an denen das Metall sein Fleisch verzehrte und die natürliche Heilung der Vampire gewaltsam unterdrückte.
„Ein Raubtier, gezwungen zur Treue“, hallte die Stimme des Vaters durch den Saal. „Sein Herz mag vor Zorn kochen, doch der Blutbund lässt ihm keine Wahl. Sein Körper wird zu einem Werkzeug, das dich verteidigen muss. Er wird sein Leben für deines geben müssen.“
Elara spürte die Blicke der Höflinge, voll Abscheu und hämischer Freude über die Demütigung eines einst mächtigen Wesens. Sie zwang ihr Gesicht zu einer Maske aus kühler Gleichgültigkeit, doch ihre Finger zitterten in den Falten ihres Kleides. Als sie einen Schritt vortrat, hob der Vampir den Kopf.
Seine Augen waren wie glühende Kohlen in einem verhärmten Gesicht. Er sah die Prinzessin an, bereit für den nächsten Schlag, die nächste Beleidigung. Doch in dem kurzen Moment, in dem sich ihre Blicke trafen, sah er etwas, das er nicht erwartet hatte: Mitleid, Schuld. Und ein tief verborgenes Grauen vor der Grausamkeit ihres eigenen Vaters.
Ein schmales, blutiges Lächeln stahl sich auf Kaelens Lippen. Er schmeckte ihre Sanftheit in der Luft, so süß wie eine verbotene Frucht.
Das Mitleid in ihren Augen war für ihn beleidigender als die Schläge ihres Vaters. Es war die herablassende Gnade einer Prinzessin, die sich einbildete, sein Leid verstehen zu können, während sie in Seide gehüllt dastand. Kaelen spürte die Hitze in seinem Gesicht, das Pochen seiner Wunden, doch sein Blick blieb hart.
Du bist hübsch, kleine Prinzessin, dachte er mit einer Bitterkeit, die wie Galle in seiner Kehle aufstieg. Es war eine objektive, kalte Feststellung. Sie war so vollkommen geformt wie eine Statue aus Alabaster, doch unter dieser makellosen Haut floss dasselbe verdorbene Blut wie das ihres Vaters. Ihre Schönheit war nur eine weitere Grausamkeit der Götter, eine hübsche Hülle für eine Spezies, die er auslöschen wollte.
Dass sie Mitleid empfand, änderte nichts. Ein goldener Käfig blieb ein Käfig, und eine mitleidige Sklavenhalterin blieb eine Sklavenhalterin. Ihr Bedauern war wertlos. Es linderte weder den Schmerz noch die Schande seiner Fesseln. Er würde jeden Moment nutzen, um diese vermeintliche Sanftheit gegen sie zu verwenden, sobald sich die Gelegenheit bot.
Elara krallte ihre Finger in den Stoff ihres Kleides, um das Zittern ihrer Hände zu verbergen. Jeder Atemzug Kaelens klang wie eine Drohung, obwohl er in Ketten vor ihr stand. Sie sah das Blut auf seinen Lippen und das Feuer in seinen Augen. Ein Feuer, das sie am liebsten löschen würde.
Ich muss ihn hier rausbringen, hämmerte es in ihrem Kopf. Doch der Schatten ihres Vaters hing über jedem ihrer Schritte. Wenn nur ein einziger Diener die Veränderung in ihrem Blick bemerkte, wenn jemand auch nur ahnte, dass sie den Gefangenen nicht mit der nötigen Verachtung strafte, wäre nicht nur sie verloren.
Sie fühlte sich wie eine Verräterin an ihrem eigenen Fleisch und Blut, während sie gleichzeitig das Gefühl hatte, dass ihr eigenes Fleisch und Blut sie langsam erstickte. Wie sollte sie ein Monster retten, das sie so offensichtlich hasste, ohne selbst zum Monster in den Augen ihres Vaters zu werden?
Der König winkte einen schlanken, in Roben gehüllten Mann nach vorne, dessen Augen mit unheimlichem Licht glitzerten. „Damit er dich schützen will, meine Tochter, muss er gebunden werden.“
Ein Hofmagier trat mit einem Dolch aus schwarzem Stein hervor. Er wandte sich an Elara. „Eure Hoheit, um das Siegel zu vollenden, benötigen wir euer Blut. Nur so wird sich Euer Schicksal mit dem Seinen verbinden.“
Das kalte Licht des Thronsaals brach sich auf der Klinge des Dolches, den der Magier Sargon mit einer fast zärtlichen Grausamkeit hielt. Elaras Atem ging flach, ein gejagtes Tier in einem Käfig aus Etikette und Angst. Sie starrte auf die scharfe Spitze, die wie ein Urteil über ihr schwebte. Es war die Endgültigkeit, der ihr die Kehle zuschnürte. Sobald ihr Blut floss, gab es kein Zurück mehr. Sie würde zur Komplizin der Tyrannei ihres Vaters werden.
Ihre Finger zuckten, ein instinktiver Drang, zurückzuweichen, doch die kalten Augen ihres Vaters auf dem Thron nagelten sie an Ort und Stelle fest. Jedes Zögern war ein Verrat, jede Sekunde des Zauderns ein Eingeständnis ihrer Schwäche. Sie suchte Kaelens Blick, hoffte auf ein Zeichen, doch was sie fand, war eine Mauer aus purem Hass.
Kaelen kniete so starr da, dass er aus Stein gehauen sein könnte, wären da nicht die glühenden Kohlen seiner Augen. Er sah das Zittern in ihren Händen, das verräterische Beben ihrer Unterlippe. Tu es endlich, du feige Brut, raste es durch seinen Kopf, während sein Magen sich umdrehte. Er verachtete ihr Zögern mehr als die Tat selbst. Dieses mitleidige Zaudern war eine Farce, eine Art, ihr Gewissen reinzuwaschen, während sie doch zuließ, was nun geschah.
Er spürte den Drang zu spucken, Sargon die Zähne in die Kehle zu rammen, doch die schweren Ketten hielten ihn zurück. Sein ganzer Körper war ein einziger stummer Protest gegen die Magie, die bereits wie statische Elektrizität in der Luft knisterte. Er sah den Magier vortreten, sah das hämische Funkeln in dessen Blick. In diesem Moment war Elara nur noch der Kanal, durch den sein Untergang fließen würde.
Bevor Elara auch nur den Mund öffnen konnte, um zu protestieren, schoss die Hand des Magiers vor. Seine Finger schlossen sich wie ein Schraubstock um ihr schmales Handgelenk.
„Geduld ist eine Tugend, Prinzessin, aber die Magie verlangt nach Gehorsam“, zischte Sargon.
Elara keuchte auf, als die kalte Klinge ohne Vorwarnung über ihren Handballen riss. Der Schmerz war scharf und brennend, doch es war das warme Gefühl ihres Blutes, welches über ihre Haut rann, das sie innerlich zusammenbrechen ließ. Die ersten Tropfen fielen zu Boden, leuchtend rot auf dem kalten Marmor, und in Kaelens Augen sah sie nur Abscheu ihr gegenüber.
Kaelen sah das feine Beben ihrer Unterlippe, die tiefe Furche der Verzweiflung auf ihrer Stirn. Sie will es nicht, hämmerte es in seinem Kopf, eine Erkenntnis, die wie ein Fremdkörper in seinem von Rache erfüllten Geist wirkte. Er hatte erwartet, dass sie den Triumph genießen würde, ihn zu unterwerfen, wie es ihr Vater tat. Doch in ihrem Blick lag kein Sieg, nur ein Abgrund aus Reue.
Trotz der Ketten, trotz der Demütigung, fühlte er diesen kurzen, verräterischen Funken von Faszination. Diese kleine Prinzessin war kein bloßes Abbild ihres Vaters. Sie war eine Anomalie in diesem verrotteten Hof. Doch diese Beobachtung wurde jäh von der Realität zerschmettert, als der Singsang des Magiers anschwoll.
Sargons Stimme wurde zu einem unnatürlichen Grollen, das den Boden des Saals erzittern ließ. Er ignorierte Elaras erstickten Aufschrei, als er seinen knöchrigen Finger direkt in die klaffende Wunde an ihrer Hand stieß. Das warme, königliche Blut klebte an seiner Haut, dunkel und schwer von latenter Magie.
Als der Magier den ersten Strich auf Kaelens Brust zog, fühlte es sich für den Vampir wie flüssiges Blei an.
Ein gellendes Zischen erfüllte den Raum, als das Blut auf Kaelens bleiche Haut traf. Es war, als würde man Weihwasser auf eine offene Wunde gießen. Dampf stieg auf und der Geruch von verbranntem Fleisch mischte sich mit dem süßlichen Aroma von Elaras Parfüm. Kaelens Kiefer mahlte aufeinander, seine Sehnen traten am Hals hervor wie Drahtseile. Er weigerte sich, zu schreien, doch seine Augen weiteten sich vor Qual, als Sargon die komplexen Runen des Siegels vollendete.
Das Leuchten begann schwach, ein unheimliches Violett. Es war eine eisige Strahlung, die sich durch Kaelens Schädel bis in seine Seele fraß.
Kaelen blickte durch einen rotglühenden Schleier aus Schmerz zu Elara auf. Er spürte ihr Herz hämmern, als den rücksichtslosen Taktgeber seiner eigenen Qual. Das Siegel scherte sich nicht um ihre Gefühle oder seinen Hass. Es war eine kalte, magische Brücke, die sein Überleben einzig an das biologische Funktionieren ihrer Organe kettete.
In seinem Kopf tobte die Raserei, ein Sturm aus Verachtung und dem Verlangen, diesen Thronsaal in Schutt und Asche zu legen. Er war nun Teil eines grausamen Uhrwerks. Solange ihr Blut floss, blieb er an diese Welt gefesselt, gezwungen, jede ihrer Bewegungen mit raubtierhafter Präzision zu bewachen. Er war vollkommen isoliert in seinem Zorn, während das Siegel seine Muskeln mit unsichtbaren Drähten in die Knie zwang. Die Freiheit war ihm aus dem Fleisch geschnitten worden, um Platz für dieses parasitäre Band zu machen, das ihn zum Sklaven ihrer bloßen Existenz degradierte.
„Das Siegel ist vollendet“, verkündete der Magier. Seine Stimme war ein dunkles Echo, das von den kalten Steinwänden des Thronsaals widerhallte. „Ab jetzt ist sein Schicksal an das Eure gebunden. Er kann sich nicht weiter als 50 Schritte von Euch entfernen, ohne dass sein Herz in seiner Brust zu Asche verbrennt. Euer Schmerz ist der Seine, Euer Tod der Seine. Er ist Euer Schatten, Euer Sklave... Euer Schicksal.“
Die Worte hingen wie eine bleierne Last im Raum. Elara wagte kaum zu atmen. Sie fühlte das Pochen in ihrer Handfläche, wo der Schnitt des Magiers noch brannte. Das Siegel war ein unsichtbarer Käfig, dessen Gitterstäbe nun auch durch ihre eigene Seele verliefen.
Sie sah Kaelen an und der Anblick schnürte ihr die Kehle zu. Sein Gesicht war eine Maske aus reinem, unverfälschtem Schmerz und einer Wut, die so greifbar war, dass sie die Luft um ihn herum zu versengen schien.
Eine Welle des Mitleids überrollte sie, so heftig, dass sie fast die Hand nach ihm ausgestreckt hätte, doch sie hielt inne. Unter dem Mitleid lauerte eine weitaus dunklere Empfindung. Eine lähmende Angst vor der absoluten Macht, die sie nun über sein Leben besaß.
Kaelen hob den Kopf. Das Siegel auf seiner Brust pulsierte in einem bösartigen violett, das einen scharfen Kontrast zu dem dunklen Rot seiner Augen bildete. Er sah sie an wie das Gift, das ihn langsam von innen heraus zersetzte.
Jede Faser seines Körpers schrie nach Vergeltung. Er spürte die magischen Fäden, die ihn an diese zierliche Frau banden und er verabscheute die Tatsache, dass er nun gezwungen war, ihr Leben mit seinem eigenen zu verteidigen. Doch in seinem Blick lag mehr als nur Hass. Es war ein stummes, grausames Versprechen. Ein Versprechen, dass er jede Sekunde seiner Knechtschaft nutzen würde, um sie spüren zu lassen, was er empfand.
Er würde ihr Beschützer sein, ja – aber er würde ihr persönlicher Albtraum werden.