1. Begegnung
Trockenes Laub knisterte unter den Pfoten meiner Wölfin in der Stille des Waldes. In diesem Moment gab es nur uns, die wir mit dem Wind rannten, in der tiefen Stille der Vollmondnacht. Ich liebte dieses Gefühl. Es war als wäre ich allein auf der Welt.
Plötzlich wurde die Stille durchbrochen von dem Geräusch weiterer, schwerer Pfoten im Laub. Ich konnte den hechelnden Atem eines anderen Wolfs hören. Ein Blick über ihre Schulter verriet meiner Wölfin, dass ein größerer, brauner Wolf schräg hinter ihr rannte. Es war ein männlicher Werwolf und im ersten Moment wollte sie ihren Lauf beschleunigen, um ihm zu entkommen. Im Dickicht hatte er keine Chance ihr zu folgen, als ihr ein Geruch in die Nase stieg, der sie langsamer werden ließ.
Der Duft hypnotisierte sie. Sofort bremste sie und ließ den anderen Wolf aufholen. Als sie genug Tempo verloren hatte, hielt meine Wölfin an und drehte sich zu ihm um. Jetzt stand er ihr gegenüber. Er war wirklich groß. Meine Wölfin war schon groß, aber schlank und hochbeinig. Dieser Wolf war größer und wesentlich kräftiger als sie. Er kam auf meine Wölfin zu und beschnupperte sie. Sie erwiderte die Geste. Sein Duft war elektrisierend. Das musste er auch spüren.
Beide hielten kurz inne und sahen sich in die Augen. Zeitgleich wie auf Kommando verwandelten wir uns zurück. Ching! – Ein kleiner Energiestoß durchfuhr mich, als ich in diese schönen hellbraunen Augen sah. Er musste es auch gespürt haben.
Vor mir stand ein großer, muskulöser Mann mit breiten Schultern und kurzem, dunklem Haar, das wirkte als wäre er gerade aus dem Bett aufgestanden. Er war etwa 15 cm größer als ich. Sein glatt rasiertes, jugendliches Gesicht stand im Widerspruch zu seinem muskulösen Körper. Er sah verboten gut aus, wie ein Hollywoodstar.
„Gefährtin!“, sagte er mit lauter, tiefer Stimme und trat auf mich zu.
„Gefährte.“, erwiderte ich etwas leiser und mit zittriger Stimme.
Jetzt war er bei mir, griff mich um die Taille und drängte mich rückwärts gegen den nächsten Baum. Dabei küsste er mich wild und wanderte mit seiner Hand zu meinem Hintern. Da wir uns als Wölfe begegnet waren, waren wir nach der Verwandlung nackt und Gefährte hin oder her, mir kam das zu plötzlich und er war ziemlich grob. Die raue Baumrinde scheuerte schmerzhaft an meinen Rücken, während er mich an den Baum drückte. Ich konnte seinen harten, Schwanz an meinem Bein spüren.
„Stopp!“, schrie ich und schob ihn mit aller Kraft von mir weg. „Jetzt mal halblang! Gefährte oder nicht, ich werde sicher nicht hier mit dir im eiskalten Wald an einem Baum vögeln.“ Meine Stimme klang wieder voll und fest wie gewöhnlich.
Eine Sekunde starrte er mich vollkommen perplex an. Er war so überrascht, dass ich ihn sogar von mir schieben konnte.
„Du bist meine Gefährtin. Das spüre ich genau. Du hast mir zu gehorchen!“, entgegnete er erbost, als er seine Sprache wieder gefunden hatte.
„Ich gehorche niemandem!“, versicherte ich ihm, wand mich an ihm vorbei vom Baum ab und sah ihn herausfordernd an. „Zu mir oder zu Dir?“
Sein Duft und die beginnende Gefährtenbindung ließen mich brennen. Zwar war ich kein Mädchen für eine Nacht, aber ich war schon ganz feucht. Viel zu lange hatte ich keinen Sex mehr gehabt. Tatsächlich hielt ich mich von anderen Werwölfen lieber fern. Eine unverpaarte, erwachsene Wölfin wurde im Rudel behandelt wie Frischfleisch. Das lag mir nicht. Daher hatte ich unter Menschen gelebt und lediglich bei Mondschein im Wald meine Wölfin gezeigt.
In der Vergangenheit hatte ich Beziehungen mit Menschen geführt, aber keine war so innig geworden, dass ich mich meinem Partner offenbart hatte. Bisher dachte ich es gäbe keinen Gefährten für mich, da ich nur eine halbe Werwölfin war. Da lag ich wohl falsch.
„Na schön. Mein Haus liegt nicht weit von hier.“, antwortete er jetzt in normalem Ton. Offenbar hatte ich ihn aus dem Konzept gebracht. Wie alt mochte er sein? Sein kindliches Gesicht ließ ihn sehr jung wirken, vielleicht 20? Damit war er doch eigentlich viel zu jung für mich. Was hatte sich die Mondgöttin dabei gedacht?
Hoffentlich war das Haus wirklich nicht weit. In meiner menschlichen Gestalt begann ich sofort zu frieren. Immerhin war es Ende September in Alaska, auch wenn noch kein Schnee lag. Fröstelnd rieb ich mir die Oberarme, während ich ihm hinterher stapfte. Er sah sich nicht einmal nach mir um. Werwölfe frieren nicht. Ihr schneller Stoffwechsel wärmte sie stets. Das war eine Eigenschaft, die ich von meiner Werwolfmutter nicht geerbt hatte. Ich war sogar sehr kälteempfindlich.
Glücklicherweise kam nach wenigen Minuten ein zweistöckiges Blockhaus in Sicht. Es war groß, modern und herrschaftlich. Offenbar musste mein Gefährte Geld haben. Wir gingen vom Garten her darauf zu und er öffnete, die offenbar unverschlossene Hintertür. Schnell schlüpfte ich hinter ihm durch die Tür. Er machte sich nicht die Mühe sie aufzuhalten. Einen Gentleman hatte ich hier offenbar nicht gefunden.
Im Inneren umfing mich direkt die Wärme. Er schaltete das Licht ein. Die Küche, die wir betraten war relativ steril eingerichtet in modernem Schwarz-Weiß gehalten, was gar nicht meinem Geschmack entsprach. Eine U-förmige Küchenzeile mit einem Tresen ragte in den großen Raum. Alles war hochwertig und blitz blank, als wäre es nie benutzt worden. Offenbar war er auch kein Koch und hatte eine Putzfrau.
Er drehte sich halb zu mir um und packte mich am Arm. „Das Schlafzimmer ist oben.“, knurrte er.
„Wie heißt Du?“, fragte ich ungerührt, während ich ihm folgte.
„Dillan.“, antwortete er sofort. Offenbar hatte er nicht weiter darüber nachgedacht und seinen herrischen Ton vergessen.
„Ich bin Lucia.“, gab ich strahlend zurück. War da nicht ein leichtes Zucken seiner ernsten Mundwinkel gewesen?
Er zog mich etwas unsanft die Treppe hoch. Wäre ich nicht so erregt gewesen, hätte ich eine solche Behandlung niemals toleriert, aber mein Atem ging bereits stoßweise und es fehlte nur noch, dass mir die Feuchtigkeit die Oberschenkel herunterlief.
Er stieß die erste Tür links auf und warf mich geradezu mit einer fließenden Armbewegung aufs Bett. Ich schnappte erschrocken nach Luft, aber im nächsten Moment war er schon auf mir und packte meine Handgelenke. Ich mochte es ja wild, aber das hier war einfach nur grob. Bevor ich protestieren konnte, spreizte er meine Beine mit den Knien und drang mit einem harschen Stoß ein. Ich schrie auf, als mich eine Welle von Schmerz überrollte. Mein letztes Mal war lange her und dieser Kerl war ziemlich groß, außerdem hatte ich von Natur aus eher schmale Hüften und war ziemlich eng.
„Au!“ schrie ich. „Verdammt, pass auf.“
Ihn schien das wenig zu interessieren. Im nächsten Moment fuhr er seine Reißzähne aus und biss mir seitlich in den Hals, um mich zu markieren. Kurz durchfuhr mich ein scharfer Schmerz, der jedoch sofort sexueller Erregung wich. Dillan war bereits im Himmel und stöhnte tief und kehlig, während er kräftig und schmerzhaft in mich stieß. Ich wand mich unter ihm, aber ich konnte mich nicht befreien. Er war viel stärker und schwerer als ich. Zum Glück war das Ganze nach etwa zwei Minuten vorbei, als er mit einem lauten Knurren abspritzte.
Als er sich von mir runterrollte schrie ich ihn nur völlig entgeistert an: „Spinnst Du?! Das hat verdammt weh getan!“
Er grinste nur dümmlich nach seinem Höhepunkt und meinte ohne mich anzusehen: „Was machst Du für ein Theater? Du bist doch nichtmal Jungfrau.“
„Nein, bin ich nicht, aber dennoch ein fühlendes Wesen und kein Stück Fleisch!“, schrie ich zurück.
„Reg Dich ab, Du wirst Dich dran gewöhnen.“, murmelte er, während er sich umdrehte, meine Taille umfasste und die Augen schloss.
Na das war ja ein Charmeur. Was für einen Vollidioten hatte ich da denn erwischt. Er war genau so wie die Werwolfmänner, vor denen mich meine Mutter gewarnt hatte und wegen der sie dem Rudelleben den Rücken gekehrt hatte: Grob, unfreundlich und rücksichtslos. Frauen waren für sie nichts wert und durften keine Meinung haben. Das war alles das, was ich hasste und weshalb ich unter Menschen gelebt hatte bisher. Naja, vielleicht konnte ich ihn ja doch noch überzeugen.
Es war schon mitten in der Nacht. Müde und von seiner Wärme irgendwie seltsam benebelt schlief ich ein.
Am nächsten Morgen schreckte ich hoch. Oh Gott, Chewie! Wie spät war es?
Auf Dillans Nachttisch stand ein Digitalwecker, der in Leuchtschrift 6:30 Uhr anzeigte.
„Oh man, schon so spät. Wir müssen sofort zu mir fahren und meinen Hund holen. Der ist ja schon die ganze Nacht allein.“, rief ich während ich aufsprang und mich nach irgendwelcher Kleidung umsah, die ich anziehen konnte.
„Was ist denn los?“, grummelte Dillan verschlafen. Jetzt klang er nicht wie der böse herrische Werwolf, sondern eher wie ein verschlafender Teenie, der von seiner Mutter geweckt wurde. Ein bisschen kam ich mir auch gerade so vor, immerhin war ich mindestens 10 Jahre älter als er. Wie würde er diese Information wohl aufnehmen. Ich hatte mir ja auch keinen so jungen Gefährten ausgesucht.
„Ich habe einen Hund, Chewie, der bei mir zuhause auf mich wartet. Es war nicht geplant, dass ich die ganze Nacht weg bin. Wir müssen sofort zu ihm und ich habe hier weder Kleidung, noch ein Auto, also musst Du mir was zum Anziehen geben und mich fahren.“, befahl ich barsch.
Dieser Ton funktionierte aus irgendeinem Grund. Widerwillig erhob er sich aus dem Bett, griff neben dem Bett auf einen Stuhl und warf mir eine getragene Hose und ein T-Shirt zu, das ziemlich deutlich nach ihm roch. „Das Bad ist da.“, womit er auf eine Tür an der gegenüberliegenden Seite des Raumes deutete.
Schnell nahm ich die Kleidung und rannte ins Bad. Das getrocknete Blut an der Innenseite meiner Oberschenkel zeigte deutlich, dass ich mich wohl nicht nur angestellt hatte, sondern dass er mich wirklich verletzt hatte. Es war längst verheilt, wenigstens eine positive Eigenschaft der Werwölfe, die ich geerbt hatte und Chewie hatte jetzt Vorrang. Also stand ich ca. 15 min später in ein paar zu großen Schuhen mit einer übergroßen Jacke von Dillan und einem sehr grummeligen Dillan vor einem schwarzen Truck. Natürlich hatte ich genau ein solches Auto erwartet. Das passte zu ihm und war gar nicht mein Stil.
„Soll ich fahren?“, fragte ich eilig.
„Soweit kommts noch.“, grummelte Dillan und zog den Schlüssel aus der Tasche.
Er schien zwar nicht besonders wach, aber er ließ es sich nicht nehmen zu fahren und ich lotste ihn zu meinem Haus, das etwa 20 min entfernt lag. So müde war er trotz allem deutlich umgänglicher als am Abend davor.
Nach einigen Minuten fuhr er langsamer und sah zu mir rüber. „Wir verlassen gleich das Rudelterritorium.“
„Naja, wenn ich innerhalb Deines Territoriums wohnen würde, hätten wir uns sicherlich schon vorher getroffen oder?“, entgegnete ich trocken. Dem konnte er wohl nicht widersprechen.
„Zu welchem Rudel gehörst Du?“
„Zu keinem.“, antwortete ich.
Jetzt sah er mich skeptisch an und fragte: „Wie kann das sein?“
„Ich habe mich entschieden bei den Menschen zu leben. Eine unverpaarte Wölfin wird in einem Rudel wie Frischfleisch behandelt. Darauf hatte ich keine Lust.“
„Wie lange bist Du denn schon erwachsen und unverpaart?“, war seine nächste Frage ohne grummeligen Unterton.
Irgendwann musste ich es ihm ja wohl sagen. „Ich bin 33.“
Dabei fiel ihm die Kinnlade herunter und er wäre um ein Haar in den Graben gefahren, was mir eine riesen Schrecken einjagte. „Du bist was?!“, schrie er.
„33 Jahre alt. Ich habe mir schon gedacht, dass Du deutlich jünger bist als ich. Keine Ahnung was sich die Mondgöttin dabei gedacht hat.“, antwortete ich beschwichtigend.
Er fuhr etwas ruhiger weiter, war aber offensichtlich sauer. Immerhin war er dabei hoffentlich so reflektiert einzusehen, dass ich nichts dafür konnte.
„Ich bin 20 Jahre alt und der Alpha des größten Rudels hier im weiten Umkreis und dann schickt mir die Mondgöttin so eine alte Gefährtin.“, meinte er erbost. Ein Charmeur durch und durch.
Ich sah ihn nur unschuldig an und zuckte mit den Schultern. Der Alpha also, irgendwie hatte ich es mir schon gedacht. Seine große muskulöse Statur und sein herrisches Gebaren passten dazu, dann noch das große, teure Haus in seinem jungen Alter. Dass ich das Rudelterritorium betreten hatte, war mir klar gewesen, das hatte ich schon oft getan. In diesen Wäldern konnte niemand weit laufen, ohne Rudelgrenzen zu überschreiten. Es gab auch noch mehr das ich ihm beichten musste, aber das musste warten, erstmal mussten wir heil bei mir zuhause ankommen.
Daher verbrachten wir den Rest der Strecke schweigend. Dillan brütete offenbar vor sich hin und ich fieberte Chewie entgegen.