Prolog
Mia saß auf ihrem zerkratzten, ausgeblichenen Sofa, die Knie an die Brust gezogen, eine dampfende Teetasse in den Händen. Der Regen trommelte in unregelmäßigen Mustern gegen das Fenster, ließ silbrige Rinnsale über das Glas tanzen, und der Himmel draußen war in ein tristes, graues Tuch gehüllt. Die Wohnung lag still, die einzige Bewegung kam von der leichten Dampfwolke, die aus ihrer Tasse aufstieg, und dem sanften Flackern der Kerze auf dem kleinen Beistelltisch. Ihr Blick wanderte wieder zu Hugo. Der Kaktus stand, wie immer, stolz und stachelig auf der Fensterbank. Sein dunkelgrüner, kräftiger Körper streckte sich in die Höhe, als würde er sich dem trüben Licht entgegenstrecken, das durch die Wolken sickerte. Mia hatte ihn vor zwei Jahren gekauft, ein spontaner Kauf während eines dieser absurden „Selbstliebe-Nachmittage“, die ihre beste Freundin Anna ihr verordnet hatte. „Kauf dir was Lebendiges“, hatte Anna gesagt. „Etwas, um dich daran zu erinnern, dass du auch leben musst.“ Doch was lebendig war, konnte auch sterben. Und Mia hatte genug vom Verlust. Pflanzen waren da einfacher. Sie waren still, pflegeleicht – und wenn sie starben, konnte man sie einfach ersetzen. Aber Hugo hatte durchgehalten, selbst dann, als Mia ihn einmal wochenlang nicht gegossen hatte, weil ihr alles zu viel wurde. Er blieb. Robust und stachelig. Ein Überlebenskünstler. „Zumindest du lässt mich nie im Stich“, murmelte Mia, ein schwaches Lächeln auf den Lippen. Sie streckte eine Hand aus, als könnte sie den Kaktus berühren, zog sie aber rechtzeitig zurück. Die Stacheln waren lang und scharf, ein deutlicher Hinweis, dass Hugo, so wie sie, auf Abstand bestand. Das Leben hatte Mia beigebracht, vorsichtig zu sein. Vertrauen war wie eine dieser feinen Glasfiguren, die ihre Mutter gesammelt hatte: schön, aber zerbrechlich. Ihre letzte Beziehung war der Beweis gewesen. Sie hatte geglaubt, in Daniel den perfekten Partner gefunden zu haben – bis er sie eines Abends mit einem halb garen Geständnis und einem Koffer voller Schuldgefühle verlassen hatte. „Ich brauche Zeit für mich“, hatte er gesagt, während seine neue Freundin schon auf ihn wartete. Seitdem hatte Mia beschlossen, dass ihr Herz ein sicherer Ort sein musste – für sie allein. Keine Erwartungen, keine Enttäuschungen. Keine falschen Versprechungen. Nur Hugo und sie. Ein stilles Bündnis, das niemand stören konnte. Doch in dieser trügerischen Ruhe lag auch eine Leere. Mia atmete tief ein, ließ den warmen Dampf des Tees ihre Wangen kitzeln und schloss kurz die Augen. Manchmal fragte sie sich, ob sie das hier „Leben“ nennen konnte: ein immer gleicher Rhythmus aus Arbeit, Heimkommen, Schweigen. Doch jedes Mal, wenn diese Gedanken sie überfielen, sah sie zu Hugo hinüber, der wie ein stacheliger Wächter auf seinem Platz stand, und erinnerte sich daran, dass Beständigkeit ihre Sicherheit war. Ein lautes Poltern ließ Mia zusammenzucken. Es kam von der Wand zu ihrer Rechten, dem dünnen Trennschild zur Nachbarwohnung. Eine gedämpfte Stimme fluchte, dann ein schepperndes Geräusch. Mia verdrehte die Augen. Der neue Nachbar. Sie hatte ihn nur flüchtig gesehen – einen jungen Mann mit einem immer leicht zerzausten Haarschopf und einem Lächeln, das ein bisschen zu selbstbewusst für ihren Geschmack war. Was auch immer er dort drüben trieb, es war laut. Und störend. Sie seufzte und wollte gerade aufstehen, um das Fenster zu schließen und die Geräusche auszublenden, als ein weiteres Krachen ertönte – lauter, durchdringender – gefolgt von einem dumpfen „Verdammt!“ Mia stellte ihre Tasse ab und ging zur Tür, die Stirn gerunzelt. In der Stille, die nun folgte, schien der Regen nur noch stärker zu prasseln, als wolle er etwas verbergen. Sie wusste, dass es keine gute Idee war, sich einzumischen. Ein stilles Leben bedeutete ein ruhiges Leben. Keine Dramen, keine Überraschungen. Und Mia war Meisterin darin, sich aus fremden Geschichten herauszuhalten. Doch als sie sich wieder zu Hugo umdrehte, war da plötzlich dieser Gedanke. Ein ungeduldiger, neugieriger Stich, der ihr keine Ruhe ließ. „Nur ein kurzer Blick“, murmelte sie sich zu. „Vielleicht hat er wirklich ein Problem.“Und so öffnete Mia die Tür, trat hinaus auf den dunklen, schmalen Hausflur und ahnte nicht, dass dieser eine Schritt der erste in eine Geschichte war, die ihre stachelig abgesicherte Welt für immer verändern würde.








