Just me and your shadow and all of my regrets
Ba-dom ... Ba-dom ... Ba-dom ...
Jeder Herzschlag verwandelt sich in meinem Schädel zu einem Dröhnen. Für einen Moment ist da nur dieser hämmernde, alles überlagernde Schmerz. Ich sehne mich sofort wieder nach der Dunkelheit, in der ich nichts fühlen muste. Nach dieser wohligen Leere der Gedanken.
Die Reize meiner Umwelt überrollen mich wie der Zug, der irgendwo in der Ferne zu hören ist. Das Licht hinter meinen geschlossenen Lidern lässt Erinnerungen aufblitzen, die mein überreiztes Gehirn nicht erträgt. Eine tiefe, raue Stimme direkt an meinem Ohr. Ein Hauch Zigarettenqualm in der Nase. Bittersüßer Geschmack von Gin Tonic auf meiner Zunge.
Ein Luftzug streicht kalt über meine Haut, kriecht in meine Glieder und lässt mich frösteln. Instinktiv taste ich nach einer Decke. Dabei treffen meine Fingerspitzen auf etwas unerwartet Warmes und mit einem Schlag bin ich hellwach.
Mir wird übel, als ich die Augen aufreiße, nicht nur, weil der Raum sich dreht. Haltsuchend kralle ich die Finger in die Matratze, warte ab, bis die Welle vorüber ist. Dann richte ich mich langsam auf.
Fahles Licht fällt durch die schweren Vorhänge auf massive, schwarze Möbel. An der Wand gegenüber hängt ein Gemälde, groß wie eine Tür. Ein schemenhaftes Wesen versucht, einem Strudel zu entkommen. Oder versinkt darin.
Fuck, das hier ist nicht mein Zimmer.
Mein Blick wandert zur Seite, fällt auf einen tätowierten Männerrücken. Schwarze Tinte auf heller Haut. Runen und dicht verschlungene Linien, die sich über die Schultern ziehen. Ein Muster, das ich kenne, auch wenn das meinen Puls so gar nicht beruhigt. Weil ich es noch nie aus dieser Nähe betrachtet habe. Vielleicht noch nie so ganz.
Bisher habe ich Max, den Gitarristen der Metallband Ashes of Fury nur angezogen erlebt. Abgesehen von den wenigen Gelegenheiten, bei denen ich ihn auf der Bühne erlebt habe. Es kommt durchaus öfter vor, dass er sich dann des schweißdurchnässten T-Shirts entledigt, sicher auch, um das ein oder andere Kreischen der Fans zu provozieren.
So wie gestern.
Ich habe nicht gekreischt. Daran erinnere ich mich.
Und daran, dass wir irgendwann in dieser Bar gelandet sind, in der wir mit einem Drink auf meine bevorstehende, internationale Kampagne angestoßen haben.
Daraus wurde ein weiterer Drink, mit dem wir seine geplante Europa-Tour gefeiert haben. Und ein dritter, den er mir ohne Grund spendierte, und den ich mit den Worten »nur heute« angenommen hatte.
Wie es sich für ein professionelles Model kurz vor der größten Kampagne ihres Lebens gehört, oder?
Scheiße.
Ich glaube nicht, dass Urban Pulse sich freuen würde, dass das Gesicht der kommenden Herbst-Kollektion gerade halb nackt im Bett eines berühmt-berüchtigten Rockstars sitzt. Nach einer Nacht, an die ich mich kaum noch erinnern kann.
Reflexartig rutsche ich ein Stück weiter zur Seite, weg von der Wärme, die Max’ Körper ausstrahlt. Denn das hier ist offensichtlich ein Fehler. Bis jetzt war da immer eine Grenze mit ihm. Wir haben geflirtet. Uns geküsst. Aber neben ihm aufzuwachsen war nie Teil des Plans. Das geht viel zu weit.
Sofort macht sich dieses alte, vertraute Brennen in mir breit, das mich daran erinnert, wie schnell ich zu viel gebe, nur um ein bisschen gesehen zu werden. Ich dachte, ich hätte das unter Kontrolle. Wie konnte es also so weit kommen?
Mein Blick gleitet zurück zu Max, der völlig entspannt neben mir liegt. Ein Sinnbild dafür, wie er sich durchs Leben bewegt. Während ich mir ständig Gedanken mache, was ich tue oder wie ich wirke. Ich will, dass die Menschen ein gutes Bild von mir haben.
Das hier darf also niemals jemand erfahren.
Mein Schamgefühl lässt mich nun doch nach der Decke greifen. Ich ziehe sie bis über die Brust, als würde ich dadurch weniger nackt in seinem Bett sitzen. Als könnte ich damit rückgängig machen, was passiert ist.
Scheiße. Ich erinnere mich nicht mal daran, was passiert ist. Wie er darauf reagiert hat, mich zu sehen. Aber meine Fantasie füllt diese Lücke ohnehin bereits mit den schlimmsten Vorstellungen.
Als sich die Matratze neben mir bewegt, halte ich den Atem an.
Max streicht sich das dunkle, verworrene Haar aus dem Gesicht, blinzelt kurz, ehe sein Blick mich findet und über meine Schultern und die Decke wandert. Sofort zeichnet sich ein Grinsen auf seinen Lippen ab.
»Guten Morgen, Babe.« Seine Stimme klingt nach Rauch, zu viel Alkohol und lässt erahnen, wie wild die letzte Nacht war.
»Morgen.« Ich weiche seinem Blick aus, lehne mich leicht aus dem Bett und taste nach meinen Klamotten.
Nichts.
»Komm wieder her.« Seine Hand streift meinen Arm, wandert langsam höher zur Schulter.
Mein Puls beschleunigt sich und ich rutsche noch weiter zum Rand. »Wo sind meine Sachen?«
Seine Hand verweilt noch einen Moment auf meiner Haut, bevor er sie zurückzieht. Nicht beleidigt, eher amüsiert. »In der Waschmaschine.«
Ich starre ihn an. »Was? Warum?«
»Hast du etwa nen Filmriss?« Er klingt fast ein wenig belustigt.
Ich nicke kaum merklich.
»Fuck.« Er lacht leise. Keine Ahnung, was daran witzig ist.
»Haben wir ...?« Die Frage kommt nicht ganz über meine Lippen.
»Gott, nein«, lacht er wieder und richtet sich diesmal auf. Mein Blick gleitet an ihm vorbei zur Tür. »Ich hab Prinzipien, Leah. Dazu gehört ein gewisses Maß an Freiwilligkeit und du ... Du warst gestern komplett weggetreten. Hab dich ausgezogen und ins Bett gelegt. Mehr nicht.«
Mehr nicht.
Unwillkürlich atme ich durch. Ein Teil der Anspannung fällt von mir ab. Nur ein Teil.
Denn da ist eine flackernde Erinnerung. Grelles Licht. Blitzlicht?
»Oh, nein!« Ich lasse mich zurück in die Kissen fallen, ziehe die Decke über das Gesicht. Der Stoff riecht nach Max. Nach Schande. »Sag bitte, dass das niemand außer dir mitbekommen hat.«
Es bleibt zu lange still.
Ich blinzle vorsichtig unter der Decke hervor. »Max?«
Er zieht den Mund schief. »Nicht ... den totalen Absturz, aber ... da war der Tanz auf der Box und –«
»Scheiße«, fluche ich und vergrabe mich wieder unter der Decke. Als könnte ich mich damit vor der Welt verstecken.
»Hey, Babe.« Max’ Stimme dringt gedämpft zu mir durch. »Das wird schon. War halt eine wilde Nacht, das passiert schon mal.«
»Mir nicht.« Meine Stimme klingt brüchig. »Ich kann mir so was nicht leisten.«
Ich fische blind nach dem Handy auf dem Nachttisch und werfe unter der Decke einen Blick aufs Display.
Fünf verpasste Anrufe. Eine Nachricht. Alle von Micha.
»RUF MICH SOFORT ZURÜCK!«
Die Kälte, die sich in mir breitmacht, kann auch die Decke nicht mehr abhalten.
Es ist Sonntagmorgen. Selbst in meiner Branche bedeutet das normalerweise keine Termine. Mein Manager verbringt die freie Zeit entweder auf dem Golfplatz oder in seinem viel zu lauten Sportwagen. Und trotzdem will er, dass ich ihn zurückrufe.
Das bedeutet nichts Gutes.
Ich lasse die Decke sinken und setze mich auf.
»Was ist?«, fragt Max, die Stimme leiser, als hätte er tatsächlich den Ernst der Lage erkannt.
»Ich muss telefonieren«, antworte ich abwesend und lasse die Beine über den Bettrand gleiten. Der Boden unter meinen Füßen ist so kalt wie die Aussicht darauf, was mich erwartet, wenn Micha abhebt.
Und das tut er bereits nach wenigen Sekunden, als hätte er direkt neben dem Handy gewartet.
»Leah!«, fährt er mich an.
Ich zucke zusammen.
»Ja?«, presse ich hervor.
»Wir müssen reden. Wo bist du?«
»Ist das ... wichtig? Wir reden doch gerade.« Ich versuche, locker zu klingen, aber mein Herz hämmert bis in die Schläfen, was angesichts meines Katers viel zu schmerzhaft ist.
»Ich kann es mir eh denken«, brummt er verärgert. »Ich will dich persönlich sehen, Fräulein. In. Meinem. Büro. Jetzt.« Er legt auf, ohne auf eine Antwort zu warten. Vermutlich, weil er eh keine Widerworte duldet.
Ich starre auf das dunkle Display. Micha ist oft laut, oft dramatisch – das gehört zu seinem Job. Aber das war mehr als Ärger.
»Klang nicht gerade begeistert«, sagt Max trocken.
Ich drehe mich zu ihm um. Er liegt noch immer halb aufgerichtet im Bett und beobachtet mich mit wachem Blick.
»Du hast nicht zufällig was zum Anziehen für mich?«
»Schon.« Er grinst leicht. »Aber ich bin nicht sicher, ob ich dir einfach so beim Gehen helfen sollte.« Seine Stimme hat diesen spielerischen Unterton, und seine Hand streckt sich wieder nach mir aus, streift meine Hüfte.
Die Berührung ist warm. Und genau deswegen zucke ich zurück.
»Ich muss wirklich los.« Meine Stimme klingt schriller als beabsichtigt.
Max zieht die Hand zurück, aber sein Grinsen wird breiter. »Wie du willst, Babe.« Er lässt sich wieder in die Kissen fallen. »Kleiderschrank, zweites Fach. Nimm dir, was du brauchst.«








