Kapitel 1
Die Sonne lag sanft auf seiner Haut. Sie war warm, aber nicht zu heiß. Über dem Hof des Waisenhauses spannte sich der Himmel in einem perfekten, trägen Blau auf. Dicke weiße Wolken trieben vorüber. Sie bewegten sich langsam und ziellos, als hätten sie es überhaupt nicht eilig. Kai lag auf dem Rücken im Gras. Er hatte die Hände hinter den Kopf verschränkt und ein Knie angewinkelt.
Träge hob er eine Hand und zeigte nach oben. Mit dem Finger fuhr er die Umrisse einer Wolke nach. Er beobachtete, wie sie sich veränderte und zu etwas Neuem wurde. Die Brise war mild und verspielt. Sie strich ihm über das Gesicht und ließ die Blätter des kleinen Baumes in der Nähe rascheln. Irgendwo links von ihm summte eine Biene tief über einem Fleck Unkraut.
Das Geräusch spielender Kinder erfüllte die Luft. Man hörte leises Lachen und das dumpfe Aufschlagen von Schuhen. Alles vermischte sich zu einem fernen Hintergrundgeräusch. Es klang wie Musik aus einem anderen Zimmer. Er spielte nicht mit, aber er hörte gerne zu.
Über ihm glänzte ein Flugzeug, während es den Himmel durchquerte. Es war klein und silbern und fing die Sonnenstrahlen genau richtig ein. Kai sah zu, wie es eine Wolke passierte und dann im Blau verschwand.
Kleine Schritte trippelten auf ihn zu. Sie waren ungleichmäßig und hastig. Jemand stolperte über Grasbüschel und vergessene Steine. „Kai!“
Er drehte den Kopf, als ein kleiner Schatten über sein Gesicht fiel. Vor ihm stand Violet. Ihre nackten Knie waren schmutzig und an einem Schienbein hatte sie eine frische Schramme. Ihr wildes, goldenes Haar war vom Wind zerzaust. Ihre blauen Augen waren groß und hell. Sie sahen aus, als wären sie direkt aus dem Himmel geschnitten worden. Sie strahlte ihn an und war vom Laufen ein wenig außer Atem. Sie beugte sich so weit vor, dass sich ihre Gesichter fast berührten.
Ein unordentlicher Blumenstrauß wurde ihm vor die Nase gehalten. Die Blütenblätter berührten seine Wange. Er lachte kurz auf und zuckte zusammen. „Die hab ich für dich gepflückt!“, verkündete sie stolz. Sie schnappte noch immer nach Luft. „Das sind die ersten Blumen! Die sind ganz besonders.“
Kai setzte sich mit einem Grinsen auf. Er nahm das winzige Bündel aus ihren vorsichtigen Fingern. Die Blumen bestanden zur Hälfte aus Unkraut und zur Hälfte aus Wildblumen. Aber für ihn waren sie perfekt. „Danke, Violet“, sagte er mit tiefer, aber herzlicher Stimme.
Ihr Lächeln wurde noch breiter. Sie war sichtlich stolz darauf, ihn glücklich gemacht zu haben. Er zog eine kleine blaue Blüte aus der Mitte des Straußes. Sie war zart und etwas krumm. Vorsichtig steckte er sie ihr hinter das Ohr. Er schob sie tief in die Wellen ihres zerzausten Goldhaars.
„Perfekt“, sagte er. Und er meinte es auch so.
Sie kicherte und ließ sich neben ihn plumpsen. Ohne zu zögern legte sie ihren Kopf in seinen Schoß, als gehörte sie genau dorthin. Mit ihren kleinen Fingern strich sie ihm sein dichtes schwarzes Haar aus den Augen. Ihre Berührung war sanft, beiläufig und vertraut.
„Du guckst immer so ernst“, sagte sie und sah zu ihm auf.
Seine Lippen zuckten zu einem weichen Lächeln. Es war ein Lächeln, das sonst niemand jemals zu Gesicht bekam.
„Willst du mit mir spielen?“, fragte sie hoffnungsvoll. Es wirkte so, als kenne sie die Antwort schon, wollte es aber trotzdem von ihm hören.
Kai blickte erst zu den Wolken und dann hinunter zu ihr. Dieses Mädchen war wie ein kleiner Sonnenstrahl. Irgendwie schaffte sie es, dass sich die Stille plötzlich lebendig anfühlte. Er nickte.
„Ja“, sagte er. „Das will ich.“
Violet war mit sechs Jahren in das kleine Waisenhaus in Osaka gekommen. Die Betreuer tuschelten, man hätte sie allein vor der Tür gefunden. Sie war damals still gewesen und hatte sich an ein abgenutztes Märchenbuch geklammert. Es wirkte fast so, als wäre es an ihrem Herzen festgenäht. Das Buch war ihr einziger Besitz.
Sie war klein, viel zu klein. Sie war zu sanft und zu anders. Die anderen Kinder bemerkten diesen Unterschied sofort. Sie machten sich über ihre Stimme und ihre ruhige Art lustig. Auch dass sie ihr Buch festhielt, als könne es sie retten, war ein Grund für Spott. Sie wehrte sich nicht und erhob nie die Fäuste. Sie stach heraus wie eine Sonnenblume unter lauter abgeknickten Halmen. Sie war strahlend hell und doch ungewollt.
Kai hatte sich bereits an die Dunkelheit gewöhnt. Er war groß für sein Alter, breitschultrig und schweigsam. Er hatte ein hartes Kinn und Augen, in denen Schatten lagen. Die kalten Mauern dieses Ortes hatten ihn geprägt, nachdem er zu früh verlassen worden war. Die anderen Kinder hatten ihn einmal herausgefordert. Ein zweites Mal taten sie es nicht. Sie lernten schnell, dass er nicht zögerte. Seine Schläge kamen schnell und hinterließen blaue Flecken, die lange blieben.
Er spielte nicht mit den anderen. Er sprach nur, wenn es unbedingt sein musste. Seinen Zorn trug er wie eine zweite Haut, die fest um seine Knochen gespannt war. Das machte ihn unantastbar.
Aber er beobachtete sie.
Aus den Ecken. Von den Türrahmen aus. Aus den Schatten heraus.
Er sah genau hin, wie ihr goldenes Haar ihr beim Lesen in die Augen fiel. Er bemerkte ihre aufgeschlagenen Knie vom Barfußlaufen auf dem rissigen Asphalt. Und er sah, dass ihre blauen Augen immer noch hoffnungsvoll blickten, obwohl niemand nett zu ihr war. Sie hatte etwas unglaublich Zerbrechliches an sich. Etwas Sanftes, das er nicht verstand. Es irritierte ihn – und gleichzeitig zog es ihn an.
Dann, eines Tages, fand sie ihn.
Er saß allein auf einer Bank im Speisesaal. Das Tablett mit dem geschmacklosen Essen stand unberührt neben ihm. Da kam sie auf ihn zu. Sie war leise, aber entschlossen, und hielt ihr eigenes Tablett in der Hand. Die anderen Kinder verstummten. Sie beobachteten die Szene wie ein Rudel Hyänen, das auf Blut hofft. Das war Kai. Das Monster vom Innenhof. Der Junge, der keine Freunde wollte.
Sie setzte sich einfach neben ihn.
Er sah sie nicht an. Er starrte nur geradeaus.
Alle warteten. Sie rechneten mit Gewalt oder zumindest mit einem groben Stoßer. Sie beugten sich vor und zitterten fast vor Vorfreude.
Aber es geschah gar nichts.
Stattdessen spürte er Wärme.
Ihr kleiner Körper drückte sich gegen seine Seite, als gehöre sie dorthin. Als hätte sie keine Angst vor ihm.
„Ich bin Violet“, sagte sie. Ihre Stimme war etwas zittrig, aber sanft. „Möchtest du mein Freund sein?“
Endlich sah er sie an. Ihre Direktheit überraschte ihn. Sie zuckte nicht zusammen. Sie blickte nicht weg von der Trauer und der Wut in seinem Gesicht. Sie sah das alles – und lächelte trotzdem.
In ihm brach etwas auf.
Und er lächelte zurück. Es war ein kleines, ungewohntes und neues Lächeln.
„Ich bin Kai“, sagte er. „Wir können Freunde sein.“
Sie kicherte, als hätte sie gerade einen Schatz geschenkt bekommen. Dann rutschte sie noch näher an ihn heran. Die anderen Kinder starrten sie fassungslos an. Aber niemand wagte es, auch nur ein Wort zu sagen.
Von diesem Tag an gehörte Kai zu ihr.
Kai wusste nicht, wie man sanfte Dinge sagt. Seine Hände waren nicht weich und seine Stimme war nicht zum Trösten gemacht. Aber er lernte es.
Ihm fielen zuerst die kleinen Dinge auf. Zum Beispiel, wie Violets Haar zu widerspenstigen Knoten verfilzte. Beim Spielen verfingen sich darin Blätter und Staub. Ihr Haar war so wild wie der Wind, der ihr scheinbar immer folgte. Später saß er in einer ruhigen Ecke des Hofes hinter ihr und versuchte, es selbst zu richten. Am Anfang war er ungeschickt und zog zu fest, doch sie beschwerte sich nicht. Sie saß einfach still da und summte leise vor sich hin. Ihr Vertrauen fühlte sich für ihn an wie eine warme Decke. Irgendwann lernte er, wie man flechtet. Er machte es fest und ordentlich, damit ihr die Locken beim Laufen nicht im Gesicht hingen.
Jeden Morgen band er ihr die Schuhe mit Doppelknoten zu. Er prüfte sie zweimal. Trotzdem stolperte sie ständig – über ihre eigenen Füße, über unebene Steine oder über gar nichts. Sie fiel mit einem kurzen Schrei hin und stand lachend wieder auf. Ihre Knie waren dann aufgeschrammt und die Handflächen staubig. Kai schüttelte den Kopf und tat so, als wäre er genervt. Aber seine Finger waren immer sofort zur Stelle, um ihr die Ärmel abzuklopfen.
Wenn sie Hunger hatte – was oft vorkam – gab er ihr die Hälfte seines Essens ab. Auch wenn er selbst dann leer ausging. Er tat einfach so, als hätte er sowieso keinen Hunger.
Als Gegenleistung schenkte sie ihm etwas, das er noch nie gehabt hatte: Frieden.
In seinem Schatten war sie sicher. Aber mehr noch als das: Sie war frei. Sie tanzte am Rande seines Schweigens entlang und sang Quatschlieder. Sie wirbelte im Sonnenlicht herum, als hätte sie ganz vergessen, wo sie eigentlich waren. Sie lächelte und lachte viel mehr als früher. Sie blühte richtig auf.
Und durch ihr Licht wurde auch in ihm etwas weicher. Nicht genug, dass die ganze Welt es sehen konnte. Aber genug, dass sie es spüren konnte.
Sie brachte ihm Dinge mit: hübsche Steine, Raupen mit pelzigem Rücken oder Blätter, die wie Herzen geformt waren. Sie erzählte von ihrem Buch und den Geschichten darin. Sie träumte von einem Haus, in dem niemand schrie. Dort sollte es immer Kekse geben und sie wollte eine Katze haben.
„Erzähl mir deine Lieblingsgeschichte“, sagte er dann oft.
Es war jedes Mal dieselbe.
Sie griff in die übergroße Tasche ihres abgetragenen Pullovers. Voller Ehrfurcht holte sie ihr Buch heraus und öffnete es ganz vorsichtig.
„Diese hier“, sagte sie leise. „Die Prinzessin, die fliegen lernt.“
Sie las mit leiser Leidenschaft vor. Es ging um eine Prinzessin, die eingesperrt war, weil sie anders war. Man beschämte sie wegen ihrer Flügel. In den Höhlen unter ihrem Turm lag ein Drache in Ketten. Dann kam der Moment, in dem sie gemeinsam ausbrachen. Sie erhoben sich über die Welt, die versucht hatte, sie einzusperren.
Violets blaue Augen leuchteten beim Lesen. Ihre Stimme hob und senkte sich im Rhythmus der Erzählung. Sie hielt die Seiten so fest, als wären sie ihr einziger Rettungsanker.
Aber Kai interessierte sich nicht für die Geschichte. Er interessierte sich für sie. Er mochte es, wie sie strahlte, wenn die Prinzessin entkam. Er mochte es, wie sanft ihre Stimme wurde, wenn sie von der Treue des Drachen las.
Sie glaubte ganz fest an diese Geschichte.
„Du kannst die Prinzessin sein“, sagte er eines Tages leiser als sonst zu ihr. „Die Violet-Prinzessin.“
Sie blinzelte ihn überrascht an.
„Und ich bin der Drache“, sagte er.
„Der Drache?“, neckte sie ihn grinsend.
„Der Rote Drache. Der wildeste von allen“, sagte er. „Derjenige, der jeden verjagt, der dir wehtun will. Ich werde deinen Turm bewachen. Dein Königreich. Einfach alles.“
Sie kicherte hell und melodisch. Das vertrieb die Trübsal aus seinem Herzen, die dort sonst wie Staub festsaß.
„Der Rote Drache und die Violet-Prinzessin“, verkündete sie. Es klang wie der Titel der Geschichte, die sie bereits zusammen erlebten.
Von diesem Tag an las sie nicht mehr nur eine Geschichte vor – sie spielten sie gemeinsam. Zusammen waren sie nicht mehr vergessen. Sie waren etwas Größeres – der Anfang einer Legende.
Es war ein Versprechen.
Eines Tages würde sie frei sein und fliegen.
Und er würde da sein und jeden ihrer Schritte bewachen.