Kapitel 1 - Zwischen Staub und Hoffnung

ROSE
»Rose?«
Die Stimme meiner Mutter drang nur gedämpft zu mir durch. Zu sehr war ich mit dem Fortschritt in unserem neuen Wohnzimmer beschäftigt.
Es roch nach frischer Farbe, abgeschliffenem Holz und Aufbruch. Wie ein leeres Blatt Papier. Bereit, beschrieben zu werden. So wie ich.
Die Luft, hier in der Meynell Road, in unserem neuen Zuhause am Rande von Romford, fühlte sich leichter an.
Ein Neuanfang. Ein Hauch von Hoffnung. Ohne einen Vater, der schrie. Ohne eine Großmutter, die einen mit ihren Erwartungen erdrückte. Nur meine Mom und ich.
Mit dem Umzug hatten wir uns befreit von einem Leben, das sich irgendwie schon immer fremd angefühlt hatte. Selbst wenn sich die Spätsommerhitze der letzten Tage wie ein feuchter Lappen über unsere Haut legte.
»Rose!«
Der leicht genervte Tonfall in der Stimme meiner Mutter ließ mich aufhorchen und ich sah sie an.
Mit einem Pinsel bewaffnet, stand sie mitten im Raum und betrachtete die weißen Wände. Ihr Gesicht war mit Farbflecken übersät. Sie wirkte zwar erschöpft, aber zufrieden.
»Was denkst du?«
Bei ihrer Frage legte ich den Kopf schief und grinste sie an. »Ich denke, dass wir’s ziemlich draufhaben.«
Sie warf mir einen skeptischen Blick zu, ließ mich jedoch mit meinem High-Five, den ich in die Luft streckte, nicht hängen. Es war zwar nicht ihr Ding, aber sie liebte mich.
»Nein, ernsthaft, Mom. Lass die Farbe trocknen und Onkel Matteo heute noch die Steckdosen montiert, dann ist die Kommandozentrale einsatzbereit.«
Offensichtlich fand meine Mom den Kommentar nicht so witzig, da sie nur mit den Augen rollte und seufzte. »Ich befürchte, mein Kind hat zu viel Farbe eingeatmet.«
Mir entging nicht ihr Lächeln, das sie versuchte durch ein kurzes Abwenden zu verbergen. Sie war stolz auf uns. Das waren wir beide.
Vor fünf Tagen hatte dieser Raum nach Staub und alten Tapeten gerochen. Jetzt roch er wie Freiheit.
Das Untergeschoss war abgesehen von einigen Kleinigkeiten fertig. Nur die Küche wartete auf ihr persönliches Glow-up.
Im Vergleich zur Renovierung war der Umzug ein klack gewesen. Wir hätten weit mehr mitbringen wollen. Aber sobald meinem Vater klar wurde, dass meine Mutter es ernst meinte, beschloss er, auf einmal alles zu brauchen. Sogar die Möbel aus meinem Zimmer. Angeblich, weil ich ihn regelmäßig besuchen würde.
Als ob. Einen Teufel würde ich tun.
Ich hatte nichts gesagt. Kein Wort oder Protest. Nur Schweigen. Weil es ihn rasend machen würde.
Ein letzter Versuch von ihm, die Kontrolle zu behalten. Aber diese Genugtuung gönnte ich ihm nicht. Keine Tränen. Kein Flehen. Nur Stille. Mein stärkstes Werkzeug.
Es störte mich nicht, dass wir momentan auf Matratzen schliefen, die wir jeden Abend ausrollten. Ich schluckte den Zorn hinunter. Wir hatten genug Emotionen und Energie an diesen Mann verschwendet.
»Ich kann nicht mehr.«
Ein halbes Jahr waren Moms Worte her, als sie mit getrockneten Tränen abends an meiner Bettkante saß.
Ihre Augen leer. Ihr Blick müde.
Es waren nur vier Worte, aber sie hatten alles verändert.
Meine Mom hatte es durchgezogen. Gegen ihre Angst. Gegen den Mann, der dachte, sie wäre nichts ohne ihn.
Ich liebte sie für ihren leisen Mut und ihre stille Stärke.
Während er sich Nacht für Nacht in Pubs verlor und fremde Betten wärmte, war Mom immer für mich da gewesen.
Dass ich seine Tochter war, konnte niemand leugnen. Mein Gesicht, die tief-blauen Augen, der Kupferton, der in meinen Haaren schimmerte. Aber diese DNA war das Einzige, was uns verband.
Sobald meine Mom mir mit diesem Haus in Romford einen Ausweg zeigte, sagte ich sofort Ja. Es war schief, alt und vernachlässigt, aber für uns konnte es ein echtes Zuhause werden.
Mir war egal, dass ich dafür einen Abschluss an einer renommierten Privatschule aufgab. Das Haus passte ins Budget. Und somit zu unserem Neuanfang.
»Du bist so erwachsen, meine Kleine«, hatte sie gesagt und meine Hand gedrückt. »Wir kriegen das hin.«
Ich hatte ihr nie erzählt, wie grauenhaft die letzten Monate an der Richmond Hall für mich gewesen waren. Erst der Abgang meiner besten Freundin Josephine, entgegen den Willen ihrer Eltern. Dann das mich das größte Arschloch meines Jahrgangs zum persönlichen Spielzeug erklärt hatte.
Ich klappte das Fenster im Wohnzimmer einen Spalt auf. Warme Luft und der ferne Verkehr schoben sich in den Raum, ließen die Farbgerüche einen Moment dünner werden. Ein Hund bellte weiter entfernt. Ich atmete einmal tiefer ein und aus.
James Huntington, der Goldjunge des Rugby-Teams, hatte mich Tag ein Tag aus gequält und jedes Mal ein Stück mehr gebrochen mit Mobbing und Ausgrenzung.
Ein dicker Farbtropfen löste sich von meinem Handrücken und rann Richtung Puls. Mit dem Stoff des Shirts wischte ich ihn weg und sah einen Moment auf den schmutzig-weißen Streifen.
Im Zickzack war ich durchs Schulgebäude gelaufen, wie gehetztes Vieh. Hatte den Willen, meinen Abschluss zu schaffen, beinahe verloren. Beim Gedanken an diese Zeit durchlief mich ein eisiger Schauer.
Meine Mom hatte ich nichts davon erzählt, weil sie schon genug Lasten trug. Ich war nicht gewillt ihr noch mehr aufzubürden. Also hatte ich bis heute geschwiegen.
Und wem hätte ich es sonst erzählen sollen? Meinem Vater? Der hätte James nur verteidigt. Immerhin war er der Star der Rugby-Mannschaft und der Sohn seines besten Freundes.
Ich wischte mir mit dem Handrücken über die verschwitzte Stirn. Als könnte ich die Erinnerungen wegwischen.
Dieser September war der wärmste, den ich je erlebt hatte. Der Klimawandel fuhr eindeutig eine Mittelfinger-Parade quer durch London.
»Diesen Heizungsbauer sollte man verklagen«, murmelte Mom in ihrer Muttersprache. Mit gerunzelter Stirn versuchte sie die Heizung anzupinseln. Trotz des Gefluches wirkte sie glücklich. Das erste Mal seit einer Ewigkeit, dass ich sie so sah.
Ich schleppte mich ins Bad, zog mein verschwitztes, verwaschenes Shirt aus und beugte mich vor, um etwas kühles Wasser in mein Gesicht zu verteilen. Das Waschbecken hatte einen Riss in der Keramik, tat aber seine Pflicht.
Kühles Leitungswasser lief über Nacken und Schultern. Ich sah hoch, erkannte müde Augen, die mir im Spiegel entgegenblickten.
Mein kupferbraunes Haar war zu einem seitlichen Flechtzopf gebunden, durchzogen von Farbklecksen. Normalerweise liebte ich es. Aber heute fühlte es sich schwer an. Wie Blei. Nach meiner Erfrischung, zog ich mir ein frisches marineblaues Shirt über-
*Riiing*
Die alte Türklingel riss mich aus dem Moment. Schrill. Scheppernd. Ohrenbetäubend.
»Schreckliche Klingel«, fluchte Mom und huschte an mir vorbei zur Tür. »Carla!«, rief sie und ihre Stimme erhellte sich augenblicklich.
»Nicole. Es ist so schön dich zu sehen. Im Restaurant war die Hölle los, sonst wäre ich schon längst hier gewesen.« Carlas Stimme war warm. Melodisch. Mit diesem weichen spanischen Klang, den ich als Kind immer geliebt hatte.
Ihren Geschichten aus Puerto Rico hatte ich früher stundenlang gelauscht. Auch wenn manche davon so gruselig waren, dass selbst ihr Sohn Gabriel nur mit Mühe mich wieder unter der Decke hatte hervorlocken können.
Erwartungsvoll streckte ich den Kopf in den Flur.
»Tante Carla.«
Ihr Lächeln war liebevoll und sie breitete ihre Arme aus, bevor sie mich in eine herzliche Umarmung zog. Sie trat einen Schritt zurück und musterte mich. Unwillkürlich hielt ich den Atem an. Würde gleich ein Kommentar zu meinem Aussehen folgen? Vielleicht zu meiner Figur oder blassen Haut?
Die Meinung anderer hatte ich in den letzten Jahren zu oft über mich ergehen lassen müssen. Jedoch hatten die Bemerkungen meiner Großmutter oft am meisten geschmerzt.
Aber nicht Carla. Und auch dieses Mal lächelte sie nur mit ihren rehbraunen Augen. Fast wehmütig.
»Rose, mi amor, du wirst auch immer größer. Genauso wie Gabriel. Ich erkenne ihn kaum wieder. Gestern habt ihr noch im Sandkasten gespielt, und heute ... macht ihr euern Abschluss und geht studieren.«
Gabriel. Es war ewig her, seit ich ihn zuletzt gesehen hatte. Inzwischen war er zwanzig. Vermutlich studierte er.
Wir hatten uns irgendwann verloren und ich fragte mich, was aus ihm geworden war. Hatte er sich verändert oder war er noch immer der sture, aber loyale Junge, den ich viele Jahre so vergöttert hatte?
Autorenkommentar:
Ihr Lieben, endlich kann ich mein Herzensprojekt mit euch teilen, das mich so viele Monaten beschäftigt hat.
Ihr liebt Romance mit Tiefgang, leichtes Drama, echte Emotionen und einem leisen Knistern, dann seid ihr hier genau richtig. 🤍
Die Geschichte umfasst 58 Kapitel mit insgesamt rund 115.000 Wörtern.
🫶🏼 Ich freue mich über jeden Kommentar, jede Reaktion, Bewertung und jeden Hinweis. Euer Feedback hilft mir enorm, mich weiterzuentwickeln.
~ Eure Marleen 💋
💋 Widmung:
Für meinen Mann. Du hast mir gezeigt, dass es sich lohnt, auf den Richtigen zu warten. Dass Slowburn und Liebe auf den ersten Blick kein Widerspruch sind. Dass man niemandem etwas beweisen muss, um gesehen und geliebt zu werden.
Mit dir habe ich nicht nur mein Zuhause gefunden – sondern auch mich selbst.
Deine Liebe ist mein sicherer Ort. Deine Geduld meine Luft. Und dein Lachen – der Soundtrack meiner Geschichte. Grazie di esistere.
📌 Informationen für die Transparenz:
Beim Schreiben dieser Geschichte arbeite ich mit unterstützender KI (ChatGPT) – zum Strukturieren, Lektorieren und Recherchieren. Die Inhalte, Figuren und Emotionen stammen jedoch aus meiner Feder. Die KI ist dabei ein Werkzeug – nicht der Ursprung.
⚠️ Triggerwarnung:
Diese Geschichte behandelt sensible Themen, die emotional herausfordernd sein können:
Mobbing, Bodyshaming, emotionale Traumafolgen, familiäre Konflikte, übergriffiges Verhalten, emotionale Manipulation, Einsamkeit, Angstzustände, Kontrollverlust und Alkoholkonsum.
Diese Themen werden nicht reißerisch oder überdramatisiert, aber dennoch spürbar und realistisch dargestellt. Bitte achte gut auf dich selbst beim Lesen. Pausen, das Überspringen einzelner Kapitel oder das Sprechen mit jemandem sind vollkommen okay. ❤️








