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Backwell Hall (AT)

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Zusammenfassung

Ein Anwesen im Moor. Ein Bildhauer und sein Modell. Eine zerstörte Freundschaft. Willkommen in Blackwell Hall.

Status:
vor 5 Monaten
Kapitel:
11
Rating
n/a
Altersfreigabe
16+

PROLOG


Es gab genügend Gründe, sich vor Aristide Tabor zu fürchten. Spielende Kinder stoben auseinander, wenn er ins Dorf geritten kam, und die Alten bekreuzigten sich und spuckten auf den Boden, bevor sie ihrer Wege gingen. Er besaß Zauberkräfte, sagten sie, und war mit finsteren Mächten im Bunde. Er kam aus einem Land, wo das Böse wohnte, und es war klüger, sich von ihm fernzuhalten. Unter den Jungen galt es als Mutprobe, Aristides Rappen zu berühren. Besonders Furchtlose wagten sich sogar nach Blackwell Hall, wo sie zum Beweis ihrer Kühnheit ein Stück Marmor mitbrachten, denn Aristide Tabor war Bildhauer. Von ihm stammte die Holzskulptur des Gekreuzigten, der über dem Altar in der Kapelle hing und der immer wieder aufs Neue Gideon Bells Bewunderung hervorrief. Die Figur war mit matten Farben bemalt, die das Holz wie lebendiges Fleisch erscheinen ließ; aber noch erstaunlicher war die Schönheit der Gesichtszüge, auf denen – Gideon hätte es beschwören können – trotz allen Leids fast so etwas wie ein Lächeln lag. Wann immer er die Figur betrachtete, glaubte er die letzten Worte Christi auf Erden zu hören, Erlösung und Versprechen zugleich.

Jemand, dessen Werk so tief berührte, konnte kein schlechter Mensch sein - dieser Meinung war zumindest Gideons Vater, der ehrenwerte Reverend Richard Bell. Aus diesem Grund war Blackwell Hall einer der ersten Orte, die er in seiner Eigenschaft als Gemeindepfarrer aufsuchte, doch auf halbem Weg wurde er von einem Gewitter überrascht; sein zweiter Versuch scheiterte an einem verstauchten Knöchel, als eine Wurzel ihn zu Fall brachte, und beim dritten Mal verlor er im Moor die Orientierung und konnte sich glücklich schätzen, dass Gideon ihm heimlich gefolgt war.

Gideon selbst fand das Moor nicht im Geringsten einschüchternd. Er liebte die alten Bäume und das Plätschern der seichten Bachläufe, und er verbrachte Stunden damit, die Umgebung rund um das Pfarrhaus zu erkunden. Am liebsten waren ihm die Skulpturen, die zahlreicher wurden, je näher man Blackwell Hall kam. Wie stumme Hinweisgeber fanden sie sich an Weggabelungen, auf sonnendurchfluteten Lichtungen, in schattigen Hohlwegen oder an einer der verwitterten Steinbrücken. Sie waren von einer bezaubernden Anmut, und alle trugen die Züge eines Knaben: der kleine Faun, der nicht weit vom Pfarrhaus auf einen verwunschen aussehenden Pfad deutete; der Hirtenjunge, der ein Zicklein im Arm hielt, als wollte er es über eine Furt tragen; das Kind, das auf einem Felsen saß und in die Ferne zu blicken schien. Im Lauf des Sommers fertigte Gideon zahlreiche Skizzen in einem eigens dafür gekauften Buch. Seinem Vater erzählte er nichts davon, denn die Figuren waren entweder nackt, heidnisch oder beides. Trotzdem waren sie von solcher Vollkommenheit, dass Gideon kein schlechtes Gewissen empfand. Er zeichnete mit Hingabe, und mit zunehmender Übung glaubte er gewisse Fortschritte in seinen Bemühungen festzustellen. Der Wunsch, Künstler zu werden, ließ ihn nachts kaum noch ruhig schlafen. Doch wenn er sein Ziel verwirklichen wollte, brauchte er einen Lehrer, und darum machte er sich an einem nebligen Morgen auf nach Blackwell Hall. Nur Aristide Tabor konnte beurteilen, ob er Talent besaß, denn dieser Mann – so unheimlich und geheimnisvoll er auch sein mochte – verstand etwas von Kunst.

Dankbar sog Gideon die von Feuchtigkeit schwere Luft ein. Es roch nach Erde und nassem Laub. Sein Vater würde nicht misstrauisch werden, wenn er bereits vor Tagesanbruch das Haus verließ. Seit sie nach Oakmere gezogen waren, genoss Gideon viel mehr Freiheiten als in dem winzigen Nest im Norden, wo der Kohlestaub die Kleidung schwärzte und sich in jeder Pore festsetzte. Hier konnte er atmen, und die ständigen Schmerzen erschienen ihm weniger quälend. Selbst das Gehen fiel ihm leichter. Trotzdem ließ er sich Zeit auf seinem Weg, und als er den kleinen Faun erreichte, löste sich der Nebel auf und machte einer diesigen Sonne Platz. Gideon nahm es für ein gutes Zeichen. Er nickte dem Faun zu, dessen ausgestreckter Arm ihm die Richtung wies, und begab sich tiefer in den Wald.

Nach einer halben Stunde Fußmarsch tauchten die Türme von Blackwell Hall über den Baumwipfeln auf. Wie immer, wenn er das große Tor zum Herrenhaus erblickte, fühlte Gideon sein Herz schneller schlagen. Bisher hatte er es nur ein einziges Mal gewagt, den Park zu betreten. Es war ein riesiger Besitz, umgeben von Wäldern und umschlossen von einer Mauer. Das stets offene Tor bot allerdings kein wirkliches Hindernis; es war ein Leichtes, in die Gärten zu gelangen trotz der grimmigen Wächter aus Stein, die am Pförtnerhäuschen Stellung bezogen hatten. Das wuchtige, quaderförmige Gebäude war seit langem verlassen: Hausangestellte gab es nicht auf Blackwell Hall, und im Lauf der Jahrzehnte waren Efeu und wilder Wein an dem Mauerwerk emporgeklettert. Schutt lag davor im hohen Gras, schimmernd im Sonnenlicht wie frisch gefallener Schnee. Dies, so wusste Gideon, war der Marmor, aus dem Aristide seine Figuren schuf, und als Tauschware sehr begehrt unter den Jungen im Dorf. Die Überreste davon wurden höher gehandelt als Glasmurmeln oder Kupfermünzen. Verstohlen ließ Gideon einen handtellergroßen Stein in seine Jackentasche gleiten. Dann kehrte er den Wächtern den Rücken, nicht ohne sich bisweilen nach ihnen umzublicken. Vielleicht war es Einbildung, doch die Lufttemperatur schien zu sinken, während er im Schatten der Bäume die gewundene Straße zum Haupthaus entlang ging. Kein Vogel sang in der bedrückenden Stille, die sich wie ein schützender Nebel um das Anwesen legte. Aber das flammende Rotgold der Blätter verlieh dem Ort eine unwirkliche Schönheit, und die Skulpturen im Garten versetzten Gideon in Entzücken. Sie sahen aus wie wirkliche Menschen, wunderschön und makellos. Mehrmals ertappte er sich dabei, innezuhalten und nach seinem Skizzenbuch zu greifen, bevor er sich wieder seinem eigentlichen Vorhaben entsann. Er musste mit dem Mann sprechen, der all diese Kunstwerke erschaffen hatte, und er durfte sich nicht ablenken lassen.

Als das Herrenhaus vor ihm aufragte, beschleunigte er seine Schritte. Mit hochgezogenen Schultern durchquerte er den langen Kreuzgang, der zum Innenhof führte. Dort befanden sich das Haupttor und die Stallungen. Gideons Herz machte einen Sprung, als er ein angebundenes Pferd vor dem steinernen Portal entdeckte. Es gehörte Dr. Lockwood, dessen Cottage sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Pfarrhaus befand. Gideon war ihm hin und wieder auf seinen Wanderungen durchs Moor begegnet. Jedes Mal duckte er sich unter dem prüfenden Blick des Arztes, der jedoch nie ein Wort an ihn richtete, sondern schweigend an ihm vorbeiritt. Im Dorf war er wenig beliebt, aber er war der einzige Arzt weit und breit, und nach allem, was Gideon durch seinen Vater erfuhr, verstand er sein Handwerk. Es war nicht richtig, einen Menschen nach seinem Äußeren zu beurteilen. Trotzdem empfand Gideon Widerwillen bei Dr. Lockwoods Anblick: die stets mürrische Miene, der abschätzige Ausdruck in seinem durchdringenden Blick, selbst das rote Haar und die kantigen Gesichtszüge verursachten ihm Unbehagen. Weshalb war er hier? War Mr. Tabor krank, oder handelte es sich um einen Freundschaftsbesuch? Enttäuscht darüber, zu einem ungünstigen Zeitpunkt den anstrengenden Weg nach Blackwell auf sich genommen zu haben, bezog Gideon Stellung unter einem der Rhododendronbüsche, sein Skizzenbuch fest an die Brust gepresst. So blieb er eine ganze Zeitlang reglos sitzen, bereit, sich beim geringsten Geräusch in die Hecken zu schlagen. Doch bis auf Huftritte und das gelegentliche Schnauben des Pferdes war kein Laut zu vernehmen. Enttäuscht fasste Gideon den Entschluss, durch den Garten zum Tor zurückzukehren, um sein Glück ein andermal zu versuchen, als sich plötzlich seine Nackenhaare aufrichteten. Hinter ihm, nicht weit entfernt, drang ein merkwürdiger Laut an seine Ohren. Es klang wie ein verletztes Tier, ein Fuchs vielleicht oder ein Dachs.

Mit angehaltenem Atem drückte Gideon sich tiefer in das Gebüsch, seinen Stock fester umfassend. Das Geräusch war verstummt; dafür erklang jetzt ein gleichmäßiges Scharren, als würde sich das Tier – oder was immer es sein mochte - ihm zögernd, aber unaufhaltsam nähern. Am liebsten wäre er davongelaufen, wenn nicht sein lahmes Bein ihn an einer raschen Flucht gehindert hätte. Stattdessen kniff er fest die Augen zusammen und machte sich so klein wie möglich, in der Hoffnung, dass die Geräusche sich entfernen würden. Doch das Scharren kam näher, begleitet von Atemzügen und einem Schniefen, das eindeutig menschlich war. Vorsichtig öffnete Gideon die Augen – und blickte in ein verdrecktes, von wilden Haarsträhnen umrahmtes Gesicht. Dutzende Male hatte er dieses Gesicht gezeichnet, und darum erkannte er es sofort wieder: vor ihm kauerte der Faun. Es fehlten die Hörner, und die kleine Gestalt war mit einem übergroßen Hemd bekleidet, aber davon abgesehen sah er der Skulptur zum Verwechseln ähnlich. Erschrocken wich Gideon zurück und versuchte, die Bocksbeine ausfindig zu machen. Zu seiner Erleichterung handelte es sich offenbar um ein menschliches Geschöpf, genauer gesagt ein Kind, doch Gideon hätte nicht sagen können, ob es sich um einen Knaben oder um ein Mädchen handelte. Es war erbärmlich schmutzig. Seine Nase lief, und die Finger seiner linken Hand umschlossen ein fleckiges Stück Stoff.

»Wer bist du?«, brachte Gideon mit erstickter Stimme hervor. »Was tust du hier?«

Anstelle einer Antwort legte das seltsame Geschöpf die Finger an die Lippen. Gideon lauschte. Im Hof waren Schritte zu hören. Das Pferd schnaubte und trat unruhig auf der Stelle, und dann sah Gideon den Doktor nach draußen stürzen und nach den Zügeln greifen. Sein Gesicht war nicht zu erkennen, doch er schien sehr aufgeregt, denn es gelang ihm erst nach mehrmaligen Versuchen, aufzusitzen. Dabei stöhnte er, als litte er Schmerzen. Furchtsam presste Gideon sich tiefer in die Hecke. Instinktiv begriff er, dass hier etwas Schlimmes geschehen war. Etwas, was er lieber nicht wissen wollte. Wäre er nur zuhause geblieben, anstatt aus purer Eitelkeit nach Blackwell zu laufen! Dann säße er jetzt mit seinem Vater beim Frühstück und nicht in einem Gebüsch, wo ein koboldhaftes Wesen neben ihm kauerte, dessen seltsame und unerwartete Erscheinung ihn fast genauso bestürzte wie der Zustand des Doktors. Am ganzen Leib zitternd sah er zu, wie Lockwood sein Pferd wendete und in halsbrecherischem Tempo davonritt. Als die Hufschläge verklungen waren, kauerte das Kind immer noch neben ihm, doch jetzt umspannten seine dünnen Finger mit erstaunlicher Kraft Gideons Handgelenk. In der Linken hielt es das schmutzige Baumwolltuch, als wüsste es nicht recht, was es damit anfangen sollte.

»Ich muss gehen«, sagte Gideon zu ihm, und er merkte, wie kläglich es sich anhörte. Das Kind beachtete ihn nicht. Es hielt den Blick in die Richtung gerichtet, in die der Reiter verschwunden war, und schien Gideons Anwesenheit vollkommen vergessen zu haben. Gideon riss sich los und kämpfte sich in die Höhe. Das Kind, offenbar erschreckt von seinen ungestümen Bemühungen, sprang auf und machte einen Schritt nach vorne. Es reichte Gideon kaum bis zur Schulter, und dennoch verspürte dieser ein heimliches Grauen, als er in die großen Augen blickte. Wie erstarrt stand er da und sah zu, wie das Kind seine Hand ergriff und behutsam das Stoffsäckchen hineinlegte. Es war ein Taschentuch, und darin war etwas eingewickelt. Am liebsten hätte Gideon es weit von sich geschleudert, doch entgegen seinem ersten Impuls schlug er den Stoff auseinander. Übelkeit überkam ihn, als er erkannte, woher die Flecken auf dem blütenweißen Tuch stammten: in seiner Hand lag ein fein säuberlich abgetrennter menschlicher Daumen.



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