River of Time
Ort: Eine kurvenreiche Bergstraße nahe der Grenze zwischen Gifu und Aichi, Japan.
Zeit: 2026. Spät in der Nacht.
Die Scheibenwischer huschten unaufhörlich über das Glas und führten einen aussichtslosen Kampf. Das hektische, rhythmische Klatsch-Zisch bewirkte rein gar nichts gegen den heftigen, blendenden Regen. Es war kein gewöhnliches Berggewitter; es fühlte sich an, als würde eine massive Wasserwand direkt aus dem Nachthimmel auf den schmalen, gewundenen Gebirgspass stürzen. Die schweren, unerbittlichen Tropfen hämmerten mit einem ohrenbetäubenden Rasseln auf das Dach des SUVs ein, mit einer solchen Wucht, dass der gesamte Stahlrahmen des Fahrzeugs um ihn herum bebte.
Im Inneren des Wagens bot sich jedoch ein völlig anderes Bild. Soma Kurogane saß sicher in der stillen, trockenen Blase des modernen Innenraums. Die Luft darin wirkte künstlich und völlig losgelöst vom wilden Wetter draußen. Sie trug die unverwechselbaren, vielschichtigen Gerüche eines Lebens auf der Flucht in sich: die bittere, abgestandene Note von kaltem Kaffee, der vergessen im Becherhalter stand, den herben, papierartigen Duft von frisch verpackten Kartons, die sich auf dem Rücksitz stapelten, und die wohlige, staubige Wärme der Heizung, die stetig gegen seine kalten Beine blies.
Er lief auf dem letzten Tropfen. Die Erschöpfung, die schwer an seinen Schultern zerrte, war nicht der befriedigende, gesunde Muskelkater nach einem guten Training im Fitnessstudio, noch war es das produktive geistige Summen nach der Fertigstellung eines gewaltigen Architekturentwurfs. Es war eine tiefe, hohle Müdigkeit, die sich bis in seine Knochen festgesetzt hatte. Er war vierundzwanzig Jahre alt und krempelte gerade sein gesamtes Dasein um, während er alles Vertraute in der Stadt hinter sich ließ.
Soma blickte kurz in den Rückspiegel. Seine dunklen, müden Augen ignorierten das chaotische Verschwimmen des Sturms hinter dem Heckfenster und blieben an der massiven, aufragenden schwarzen Silhouette hängen, die fest auf dem Rücksitz verkeilt war.
Es war ein Hartschalenkoffer von Samsonite aus Polycarbonat, der als luftdichter, unzerstörbarer Tresor für sein bestens organisiertes Leben diente. In diesem schweren Plastikwürfel lagen die wichtigsten Teile seiner Identität: seine zusammengerollten Baupläne, High-End-Technik-Gadgets, seine teuren Hautpflegeprodukte und säuberlich gefaltete Designerkleidung. Es war alles, was er wirklich besaß, zusammengepresst in einem einzigen, transportablen Block.
„Komm einfach auf die Autobahn, ich muss es zum Meeting schaffen“, flüsterte Soma sich selbst zu und versuchte, ein wenig Trost zu finden. Seine Stimme war ein trockener, rauer Faden, der sofort vom überwältigenden Trommeln des Regens auf dem Dach verschluckt wurde.
Er umklammerte das glatte Leder des Lenkrads, bis seine Knöchel schneeweiß hervortraten. Er fuhr nicht einfach nur auf der Straße; er analysierte sie. Als hochqualifizierter Bauingenieur neigte sein Gehirn dazu, beängstigende, unvorhersehbare Situationen automatisch in handhabbare, logische Mathematik zu zerlegen. Er starrte konzentriert durch die wischenden Blätter und berechnete die Risiken in Echtzeit.
Die Bodenhaftung der dicken Gummireifen auf dieser nassen, öligen Straße lässt sekündlich nach, raste es in seinem Kopf, während er spürte, wie das Heck des schweren Wagens auf dem Asphalt leicht wegdriftete. Diese verrosteten, oxidierten Leitplanken da vorne werden kaum Gewicht halten, wenn ich dagegen fahre. Und diese kommende Kurve ist tückisch; sie neigt sich gefährlich nach außen in Richtung Abgrund. Er nahm vorsichtig den Fuß vom Gas und ließ den Motor den Wagen natürlich abbremsen, um ihn vollkommen stabil zu halten. Die Rechnung stimmte. Er hatte das Fahrzeug voll unter Kontrolle.
Doch menschliche Mathematik ist ein schlechtes Schild gegen die unvorhersehbare, chaotische Natur.
Der Blitz kam völlig ohne Vorwarnung. Es gab kein fernes Donnergrollen, das ihn ankündigte, kein vorheriges Leuchten in den Wolken. Die völlige Dunkelheit des Gebirgspasses wurde einfach durch eine gewaltsame, blendende Explosion aus violett-weißem Licht ausgelöscht. Der Blitz brannte sich direkt in Somas Augen und hinterließ ein helles, nachglühendes Bild in seiner Sicht.
In diesem Bruchteil einer Sekunde änderte sich die Sicherheit seiner modernen Welt komplett.
Fünfzig Fuß vor ihm, perfekt beleuchtet von den hellen Scheinwerfern, zersplitterte eine massive, uralte Zeder, deren Kern durch jahrelange Fäulnis völlig zerfressen war, unter der direkten Wucht des Blitzeinschlags. Das schwere Holz ließ ein tiefes, qualvolles Ächzen hören, das fast menschlich klang, und stürzte direkt über die Straße. Es bildete eine massive hölzerne Wand, die seine Fahrspur komplett blockierte.
Soma trat voll auf die Bremse. Er pumpte nicht vorsichtig; er rammte seinen Fuß mit aller Kraft durch das Bodenblech.
Das ABS stotterte hektisch. Eine ratternde, heftige Vibration hämmerte unaufhörlich gegen seine Fußsohle, während die mechanischen Bremssättel verzweifelt versuchten, die rutschigen, nassen Räder zu greifen. Doch das schiere Gewicht des SUVs war einfach zu groß, und der überschwemmte Asphalt bot absolut keinen Halt.
Das Fahrzeug hielt nicht an. Es schwamm.
Die schweren Gummireifen verloren jegliche Haftung auf der Straße. Der SUV rutschte über die Wasseroberfläche, das Heck brach wild aus. Der Wagen driftete seitwärts mit einer beängstigenden, lautlosen und reibungsarmen Eleganz, direkt auf den bröckelnden Rand der Bergklippe zu.
Soma stemmte seine steifen Arme gegen das Lenkrad, seine Bauchmuskeln spannten sich in purer Panik an, als die Scheinwerfer die sichere Straße verließen und nichts als die weite, leere, schwarze Leere des Abgrunds beleuchteten.
Metall kreischte – ein hohes, qualvolles, reißendes Geräusch, als würde dickes Segeltuch gewaltsam zerfetzt –, als der Zwei-Tonnen-Wagen direkt durch die rostige Stahlleitplanke scherte und die Metallpfosten wie trockene Zweige knickte.
Die Welt kippte gewaltsam aus den Angeln. Der verlässliche, beruhigende Zug der Schwerkraft kehrte sich abrupt um. Soma wurde hart und schmerzhaft gegen den straffen Sicherheitsgurt geschleudert. Das ekelhafte Gefühl eines abstürzenden Fahrstuhls erfasste seinen ganzen Körper. Die Zeit schien sich in eine qualvolle, lautlose Ewigkeit der Schwerelosigkeit zu dehnen, während der schwere Stahlkäfig frei in den dunklen Abgrund stürzte.
Der SUV war kein kontrolliertes Fahrzeug mehr. Er war nun ein massives, zielloses Projektil, das vom Himmel fiel.
Dann kam der brutale Aufprall.
Der SUV krachte nicht auf festen Boden; er wurde von den reißenden Fluten des Kiso-Flusses komplett verschluckt. Der Aufprall war eine erschütternde, ohrenbetäubende Schockwelle, die sich anfühlte, als würde man gegen eine Betonwand fahren. Die Wucht zertrümmerte augenblicklich das Sicherheitsglas der Windschutzscheibe in eine Million undurchsichtiger, leuchtender Spinnennetze. Der plötzliche, heftige Stopp löste den Airbag der Lenksäule aus, der mit einem explosiven Plopp aufging, Soma die restliche Luft aus den Lungen presste und seinen Kopf schmerzhaft gegen die Kopfstütze schleuderte.
Eiskaltes, schlammiges Flusswasser schoss gewaltsam durch das zerbrochene Glas und die verzogenen Nähte der Türen. Das Wasser flutete den einst perfekten, klimatisierten Innenraum mit erschreckender Geschwindigkeit. Das digitale Armaturenbrett funkelte wild, ein hektischer Schauer aus hellem blauem und gelbem Licht, bevor es komplett den Geist aufgab und ihn in vollkommene, erstickende Schwärze stürzte.
Der Kälteschock war unmittelbar. Das eiskalte Wasser traf Somas Brust wie ein harter körperlicher Schlag und versetzte seinen Körper in einen Zustand reiner, urzeitlicher Panik. Seine Körpertemperatur stürzte in Sekunden ab. Seine Muskeln verkrampften sich und gehorchten ihm nicht mehr, während der eisige Fluss schnell an seinen Rippen hochstieg und seine Taille verschlang.
Warte, bis sich der Druck ausgleicht, schrie sein logischer Verstand, während er verzweifelt versuchte, die lähmende Panik des Ertrinkens zu unterdrücken. Das eiskalte Wasser stand ihm jetzt bis zum Hals und stieg unglaublich schnell. Wenn du jetzt versuchst, die Tür zu öffnen, wird dich das Gewicht des einströmenden Wassers erdrücken. Du musst warten, bis die Kabine voll ist. Spare deinen Sauerstoff.
Er kämpfte gegen den extremen Schwindel und das brennende Bedürfnis zu atmen und tastete mit zitternden Händen blind durch das steigende Wasser. Er fand das kalte Metallschloss seines Sicherheitsgurtes und löste es; seine Finger fühlten sich bereits taub und ungeschickt an. Anstatt sofort nach dem blockierten Türgriff zu greifen, ließ er sich vom strömenden Wasser treiben. Er verdrehte seinen Körper gewaltsam und griff zurück auf die überfluteten Rücksitze.
Seine tauben Hände suchten hektisch im dunklen, wirbelnden Wasser, bis seine Fingerspitzen das kalte, harte, geriffelte Plastik des Samsonite-Koffers berührten. Er war sein Anker. Er war seine einzige Chance. Er krallte seine steifen Finger mit Todesverachtung um den dicken, gummierten Griff. Er weigerte sich absolut, seine Zukunft im Fluss versinken zu lassen.
Der Wasserstand erreichte schließlich das Dach der Kabine und verschluckte die letzte wertvolle Luftblase. Der hohe Druck innerhalb und außerhalb des Fahrzeugs hatte sich endlich ausgeglichen.
Soma stemmte seine weißen Turnschuhe fest gegen die Lenksäule. Er spannte seine Rumpfmuskulatur an und trat mit der Kraft seiner Oberschenkel mit aller verbleibenden Energie gegen die Tür. Die kaputte Fahrertür ächzte unter der Wucht, sprang auf und wurde sofort von der reißenden, gewaltsamen Strömung des Flusses erfasst und komplett weggerissen.
Soma wurde in einem Augenblick aus dem sinkenden Stahlkäfig gesaugt und direkt in den chaotischen, reißenden Sog geschleudert. Das eisige Wasser schmeckte unglaublich widerlich, ein sandiger, ekelerregender Schluck aus tiefem Schlamm, uralter Fäulnis und rohem Eisen. Der Fluss wirkte wie eine riesige Waschmaschine voller reiner kinetischer Gewalt, die seinen Körper überschlug und ihn in der stockfinsteren Strömung völlig die Orientierung verlieren ließ.
Die eisige Temperatur schaltete seine motorischen Funktionen rapide ab. Seine Brust brannte qualvoll nach Sauerstoff, seine Lungen schrien, als das Bedürfnis zu atmen unerträglich wurde. Doch seine rechte Hand blieb hartnäckig am Griff des Samsonite-Koffers verankert und nutzte den natürlichen Auftrieb des luftdichten Koffers als behelfsmäßige Rettungsweste. So blieb sein Kopf über Wasser und er wurde nicht in die Tiefe gezogen, wo er gegen das felsige Flussbett zerschellt wäre.
Als ihm schließlich die Luft ausging, begannen die Sinneseindrücke um ihn herum zu verzerren und zu verblassen. Das ohrenbetäubende Rauschen des strömenden Wassers änderte sich und wurde zu einem hohen, vibrierenden Klingeln tief in seinem Schädel. Sein modernes Bewusstsein begann zu entgleiten; das eiskalte schwarze Wasser zog ihn in eine schwere, dunkle Stille und riss ihn gewaltsam weg aus dem Jahr 2026... und zog ihn unaufhaltsam in Richtung der schlammigen Ufer von 1559.









re-reading this provocative masterpiece, I am ready this time around. hahaha
1st. I am here. 2nd. congratulations, who knew perfection could make room for improvement.
You gave us insight to the 21st century Soma and his adorable sister Haruka.
Sir, you have outdone yourself and many others.
I will be spending my day here reading the passion of you.
Thank you.
good