Kapitel 1: Die Last des Schweigens
Das Zenith überragte nicht nur die weitläufige Skyline von Aurelia City; es durchbohrte sie regelrecht. Als 150 Stockwerke hohe Nadel aus Glas und Titan war es das Kronjuwel im Imperium von Caspian Vance. Für die Welt war das Gebäude ein Symbol für undurchdringliche Sicherheit und absoluten Luxus. Für Caspian, der im Aufzug des Südflügels stand, war es momentan ein vertikales Gefängnis.
Caspian rückte seine Manschettenknöpfe zurecht. Sein Gesicht wirkte wie eine Maske aus kaltem, gemeißeltem Marmor. Mit seinen sechsunddreißig Jahren wurde der CEO von Vance Global in den Medien oft als „Pine“ bezeichnet – hochgewachsen, unerschütterlich und immergrün in seinem Erfolg. Doch in seinem Inneren kämpfte er mit einem sehr menschlichen und sehr dringenden Problem. Er hatte die letzten vier Stunden in einer zermürbenden Vorstandssitzung verbracht, und sein Plan, sich in seine private „Solitude Suite“ zurückzuziehen, wurde nun von seiner eigenen Anatomie vereitelt.
Er „musste“. Und zwar gewaltig.
Neben ihm standen die einzigen zwei anderen Mieter, die bei der Vorab-Eröffnung des Gebäudes zugelassen waren. Zu seiner Linken Evelyn St. Claire, das „Gesicht des Jahrhunderts“ und A-List-Schauspielerin. Zu seiner Rechten Professor Julian Thorne, ein Datengenie mit einem beeindruckenden Intellekt.
Dann geriet die Welt aus den Fugen. Ein heftiger Ruck riss durch die Kabine, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Schlag. Das Licht erlosch und wurde durch den düsteren roten Schein des Notfallsystems ersetzt.
„Ist das … Teil des Sicherheitstests?“, fragte Evelyn mit zitternder Stimme.
Julian tippte hektisch auf seinem Tablet herum. „Die Notbremsen haben ausgelöst, aber das Kommunikationsrelais ist tot. Kein WLAN. Kein Signal. Wir sitzen in einem Faradayschen Käfig aus verstärktem Stahl.“
Caspian bewegte sich nicht. Er hielt die Augen geschlossen und presste die Kiefer zusammen. Die Physik war ihm egal; er sorgte sich nur darum, dass der Stoß seinen körperlichen „Notfall“ um das Zehnfache verschlimmert hatte.
### Sieben Stunden später
Das rote Notlicht war schwächer geworden, und die Luft wurde schwer und warm. Evelyn saß auf dem Boden, ihre Wimperntusche war verschmiert. Julian saß ihr gegenüber, seine Krawatte hatte er gelockert.
„Es ist schon komisch“, lachte Evelyn hysterisch. „Die Welt hält mich für ein verführerisches Geschöpf. Aber ich bin zweiunddreißig, und wenn ich in dieser Kiste sterbe, dann sterbe ich als Jungfrau. Ich hatte immer zu viel Angst vor einem Skandal, um einen richtigen Liebhaber zu haben.“
Julian blickte mit müdem Mitgefühl auf. „Falls es dich tröstet … ich bin fünfunddreißig. Ich habe mein Leben damit verbracht, Geheimnisse zu entschlüsseln, aber ich habe nie gelernt, mit einer Frau zu reden. Ich bin ein fünfunddreißigjähriger Jungfrau-Geist.“
Beide wandten sich in die Ecke. Caspian Vance stand immer noch da wie eine Statue.
„Was ist mit Ihnen, Mr. Vance?“, fragte Evelyn. „Werden Sie auch mit einem Geheimnis sterben?“
Caspian öffnete die Augen nicht. Er hatte ihre Geständnisse gehört. In jeder anderen Situation hätte er diese Informationen unglaublich wertvoll gefunden. Doch momentan konzentrierte er sich nur aufs Überleben.
„Ich denke“, presste Caspian durch zusammengebissene Zähne hervor, „über die völlige Inkompetenz des Ingenieurteams nach, das ich eingestellt habe.“
Doch die körperliche Belastung erreichte ihren kritischen Punkt. Evelyn verlagerte schmerzerfüllt ihr Gewicht hin und her. Julians Gesicht hatte eine merkwürdige rote Farbe angenommen.
„Ich kann nicht mehr … ich halte es nicht mehr aus“, flüsterte Evelyn. „Ich bin ein A-Promi und bin kurz davor, meine Würde zu verlieren.“
Julian sah sie verzweifelt an. „Wissenschaftlich gesehen hat die menschliche Blase ihre Grenzen. Ich habe vorhin eine leere Energy-Drink-Dose in meiner Laptoptasche gefunden.“
Die darauf folgende Stille war der unangenehmste Moment ihres Lebens. Evelyn nutzte ihren langen Trenchcoat in der hintersten Ecke als Sichtschutz. Julian drehte sich weg und benutzte die Dose; das Geräusch der Flüssigkeit, die auf Metall traf, hallte laut wider. Ein paar Minuten später wurden die Rollen getauscht. Die Scham war groß, aber die Erleichterung war noch größer.
Als sie fertig waren, sahen sie beide zu Caspian auf. Er war blass, Schweißperlen standen auf seiner Stirn, doch er hatte sich nicht bewegt.
„Mr. Vance?“, fragte Evelyn leise. „Wir … wir haben es schon hinter uns. Das Unangenehme ist vorbei. Geht es Ihnen gut?“
Julian nickte. „Sir, ein langes Anhalten kann zu einem Blasenriss führen. Sie müssen hier nicht den Helden spielen.“
Caspian öffnete endlich die Augen. Er sah das chaotische, verlegene und sehr menschliche Paar vor sich. Zum ersten Mal sah er sie nicht als „Markenbotschafterin“ oder „Forscher“. Er sah die einzigen zwei Menschen, die wirklich verstanden, wie lächerlich diese Nacht war.
Plötzlich fand er es auf eine düstere Art witzig. Die Welt hielt ihn für einen Industriegott, und doch wurde er hier gerade von zwei Jungfrauen bemitleidet, weil er mal musste.
„Ich habe einen Ruf zu wahren“, sagte Caspian, wobei ein kleines, trockenes Lächeln seine Mundwinkel umspielte. „Aber wenn wir in den nächsten zwanzig Minuten nicht gerettet werden, wird der Ruf von Vance Global einen ziemlich unschönen Knacks bekommen.“
Zum ersten Mal in dieser Nacht lachten die drei kurz und nervös auf. Das Eis war gebrochen. Caspian erkannte, dass sein Leben, das bisher so langweilig und perfekt gewesen war, gerade sehr, sehr interessant geworden war.








