Kapitel 1 - Ein neuer Sheriff ist in der Stadt
Hätte ich gewusst, welches Monster mich in der Kleinstadt Redwood erwartete, hätte ich den Job als neuer Sheriff abgelehnt und stattdessen das Angebot beim New Yorker Police Department angenommen.
Aber damals wusste ich es nicht.
Damals glaubte ich noch, Redwood wäre nur eine vergessene Kleinstadt zwischen dunklen Wäldern, feuchten Straßen und Menschen, die voller Geheimnisse waren. Ein paar Monate arbeiten, alte Spuren aufnehmen und irgendwann meine Schwester finden.
Als ich aus meinem Wagen stieg, schlug mir feuchte Kälte entgegen. Sie kroch unter den Kragen meiner Jacke und legte sich auf meine Haut wie kalter Atem. Der Parkplatz vor dem Motel war leer. Nur mein Auto stand da, schwarz glänzend im schwachen Licht.
Das Motel lag abseits der Straße, hinter einer Reihe verkrüppelter Kiefern. Die Fassade war früher vielleicht einmal weiß gewesen, doch jetzt hatte der Regen sie grau gewaschen. Über dem Büro hing ein rotes Neonschild mit der Aufschrift Motel Barbels. Das Licht flackerte, tauchte den Parkplatz für einen Herzschlag in ein krankes Rot und ließ ihn dann wieder in Dunkelheit fallen.
Die Laterne an der Einfahrt war eingeschlagen. Das Licht neben der Eingangstür war ebenfalls kaputt. Das einzige normale Licht kam aus dem Fenster des Empfangs. Gelblich und müde.
Darin sah ich eine junge Frau hinter dem Tresen. Sie hatte braune Haare, eine einzelne rote Strähne und einen müden Blick. Sie lehnte sich über den Empfangstisch, scrollte auf ihrem Handy herum und kaute Kaugummi.
Ich öffnete den Kofferraum und holte meine Tasche heraus. Meine einzige Tasche. Ein paar Klamotten, ein Rasierer, einige Unterlagen. Mehr nicht. Der Gedanke kam plötzlich, scharf und unangenehm. Ich schob ihn weg, zog den Riemen der Tasche über meine Schulter und ging zum Empfang. Meine Schuhe knirschten über den Asphalt. Irgendwo im Wald knackte ein Ast. Ich drehte den Kopf, sah aber nur Dunkelheit zwischen den Bäumen.
Dann betrat ich das Motel.
Die kleine Glocke über der Tür bimmelte viel zu hell für diesen Ort.
Drinnen roch es muffig. Nach altem Teppich, kaltem Kaffee und zu viel Haarspray. Der Geruch hing schwer in der Luft. An der Wand hinter dem Tresen hing ein vergilbter Kalender, dessen Monat nicht mehr stimmte. Daneben stand ein Regal mit Prospekten. Willkommen in Redwood. Wanderrouten. Lokale.
Die Frau am Empfang hielt inne. Für einen Moment rührte sie sich nicht. Nur ihre Augen bewegten sich.
Dann legte sie ihr Handy zur Seite, richtete sich auf und setzte ein Lächeln auf. Ihr Blick glitt an mir herunter, von meinem Gesicht über meine Jacke bis zu meinen Schuhen und wieder zurück. Dabei schmatzte sie lautstark ihr Kaugummi.
„Haben Sie sich verirrt?“, fragte sie. Ihre Stimme klang gespielt locker, doch darunter lag Vorsicht. „So ein gutaussehender Lockenkopf gehört nicht in so ein Etablissement.“
Sie blies eine Blase, ließ sie platzen und zog den Kaugummi mit der Zunge zurück.
Ich stellte meine Tasche auf den Boden. „Dann bin ich hier wohl genau richtig.“
Ihr Lächeln wurde breiter. „Charmant und müde. Gefährliche Mischung.“
„Eher müde als charmant.“ Ich griff in meine Jackentasche und holte mein Portemonnaie heraus. „Sie sind das billigste Motel in der Nähe.“
„Billig heißt nicht schlecht, Schätzchen.“
„Natürlich nicht.“ Ich legte meine Kreditkarte auf den Tresen. „Ich bleibe erst mal eine Woche.“
„Eine Woche?“ Ihre Augenbrauen schossen nach oben. Sie nahm die Karte, steckte sie ins Lesegerät und tippte etwas in den alten Computer. „Was führt Sie denn nach Redwood? Normalerweise fahren Menschen hier durch. Sie halten nicht an.“
„Die Arbeit.“
Sie sah auf. „Was für Arbeit?“
Ich zögerte einen Sekundenbruchteil. „Ich bin der neue Sheriff.“
Das Kaugummi hörte auf zu schmatzen.
Die Frau starrte mich an. Ihre Augen wurden groß, und das Lächeln rutschte ihr aus dem Gesicht. „Sie sind der neue Sheriff von Redwood?“
„Sieht so aus.“
Sie blickte wieder auf den Bildschirm und tippte schneller, fast hektisch. „Sie treten in große Fußstapfen“, sagte sie schließlich.
Ich konnte nicht sagen, ob es eine Warnung war oder nur eine höfliche Floskel. „Das höre ich nicht zum ersten Mal.“
„Dann haben Sie es vermutlich noch nicht oft genug gehört.“ Sie zog meine Kreditkarte aus dem Gerät und sah auf den Namen. „Sheriff Robert Montgomery.“
Es war seltsam, diesen Titel vor meinem Namen zu hören. In Swamp Town war ich Detective Montgomery gewesen. Einer von vielen. Hier war ich Sheriff. Der Mann, den alle ansahen, wenn etwas schrie.
Ich nahm die Karte zurück. „Danke.“
„Ich bin Stacy.“ Sie drehte sich um und griff nach einem Schlüsselbrett, an dem viele Schlüssel hingen. Die meisten waren mit Staub bedeckt. Sie nahm einen davon herunter und hielt ihn einen Moment in der Hand, als müsste sie überlegen, ob sie ihn mir wirklich geben wollte. „Zimmer 13.“
Ich hob den Blick.
Sie zuckte mit den Schultern. „Nicht meine Entscheidung. Die anderen sind auch nicht besser.“
„Beruhigend.“
„Wenn Sie rausgehen, nehmen Sie links die Treppe. Oben laufen Sie direkt drauf zu.“ Sie drückte mir den Schlüssel in die Hand.
An dem Anhänger klebte eine dicke Staubschicht, als hätte ihn lange niemand berührt.
„Gibt es hier irgendwo einen Automaten, aus dem ich mir etwas zu essen holen kann?“
Stacy schüttelte den Kopf. „Draußen steht einer. Der ist aber leer.“
„Seit wann?“
„Keine Ahnung.“ Sie blies wieder eine Kaugummiblase. „Lohnt sich nicht, den aufzufüllen.“
„Weil niemand hier übernachtet?“
„Weil niemand lange genug bleibt, um Hunger zu bekommen.“
Ich sah sie an. Für einen Moment erwiderte sie meinen Blick, und in ihren Augen lag etwas, das nicht zu ihrem gelangweilten Ton passte. Dann griff sie unter den Tresen, zog einen Flyer hervor und schob ihn zu mir.
„Hier stehen ein paar Lokale drin. Falls Sie noch etwas essen wollen.“
Ich nahm den Flyer. „Alles klar. Danke.“
„Kein Problem, Sheriff.“
Das Wort blieb zwischen uns hängen.
Ich steckte den Flyer ein, hob meine Tasche wieder auf und wollte gehen, als sie plötzlich sagte: „Lassen Sie sich nicht ärgern.“
Ich blieb stehen und drehte mich zu ihr um. „Wieso das denn?“
Stacy kaute langsamer. Ihr Blick wanderte kurz zum Fenster, hinaus auf den leeren Parkplatz und die schwarzen Bäume dahinter. „Die Leute in Redwood sind etwas misstrauisch gegenüber Neuen.“
„Das bin ich gewohnt.“
„Nein.“ Sie sah mich wieder an. „Das sind Sie nicht.“
Ihre Stimme war leiser geworden. Eher so, als hätte sie den Satz nicht sagen wollen und ihn trotzdem nicht schlucken können.
Ich wartete, ob sie noch mehr hinzufügen würde, aber sie nahm ihr Handy wieder in die Hand. Gespräch beendet.
Also nickte ich ihr zu. „Schönen Abend noch.“
„Den haben wir hier selten.“
Draußen hatte es angefangen zu regnen. Es war ein dünner, kalter Schleier, der in der roten Neonbeleuchtung wie Blutstaub aussah. Ich zog den Reißverschluss meiner Jacke höher und ging zur Treppe. Jeder Schritt hallte über den leeren Parkplatz.
Auf halber Höhe blieb ich stehen.
Wieder dieses Knacken.
Es kam vom leeren Automaten auf der anderen Seite des Parkplatzes. Dahinter war nur Schatten.
„Hallo?“
Nichts antwortete. Nur der Wald schwieg so schwer, als würde etwas darin zurücksehen.
Ich ging weiter.
Zimmer 13 lag genau dort, wo Stacy es beschrieben hatte. Am Ende des Gangs, direkt gegenüber der Treppe. Der Schlüssel klemmte im Schloss. Ich musste ihn zweimal drehen, bevor es endlich nachgab.
Die Tür öffnete sich mit einem Knarren.
Das Zimmer war genau das, was ich für zwanzig Dollar die Nacht erwartet hatte. Klein, staubig und muffig. Ein Bett, eine Kommode, ein alter Fernseher. Die Bettdecke war braun-grün gemustert und erinnerte an etwas, das man im Wald findet und nicht berühren sollte.
Ich schaltete das Licht ein. Die Lampe neben der Tür flackerte, summte und blieb dann an. Der Staub wurde sichtbar und kratzte in meiner Kehle.
Ich stellte die Tasche neben der Kommode ab und ging zum Fenster. Von hier aus konnte ich den Parkplatz sehen.
Für einen Moment glaubte ich, zwischen den Bäumen eine Bewegung zu sehen.
Ich trat näher ans Fenster. Doch da war nichts.
Ich zog den Vorhang zu.
Das Badezimmer war kaum größer als ein Schrank. Die Fliesen hatten Sprünge, der Spiegel war an den Rändern blind geworden, und in der Ecke über der Dusche kroch schwarzer Schimmel die Wand hinauf. Wenn man ihn ignorierte, ging es eigentlich.
Ich stellte das Wasser an. Die Rohre ächzten in der Wand. Erst kam ein Husten, dann ein brauner Schwall, dann klares Wasser. Es wurde nicht richtig warm. Lauwarm, höchstens. Fast kalt.
Ich zog meine Sachen aus und stellte mich unter den dünnen Strahl.
Das Wasser lief über meinen Rücken und spülte den Regen ab, die Müdigkeit, die lange Autofahrt. Aber nicht das, was mich wirklich hierhergebracht hatte: Ava.
Meine Schwester war verschwunden, und die offiziellen Antworten hatten mir nie gereicht. Ava war nicht die Art Mensch, die einfach aus ihrem Leben trat, ohne Spuren zu hinterlassen.
Eine Spur hatte nach Redwood geführt.
Ich stellte das Wasser ab.
Das Zimmer war kalt, als ich aus der Dusche kam. Ich trocknete mich ab, zog frische Kleidung an und setzte mich aufs Bett. Die Matratze gab unter meinem Gewicht zu schnell nach.
Aus meiner Tasche nahm ich die Akte.
Sie war nicht offiziell. Es war meine eigene. Sie bestand aus Kopien, Notizen, Fotos, ausgedruckten E-Mails und allem, was ich in den letzten Monaten hatte zusammentragen konnte, ohne viele Fragen zu stellen. Ganz oben lag ein Foto.
Ava Montgomery.
Schwarze Haare. Zweiunddreißig Jahre alt. Auf dem Bild lächelte sie nicht richtig, eher so, als hätte sie jemanden angesehen, der sie gerade zum Lachen bringen wollte. Ihre Augen wirkten wach, misstrauisch und warm zugleich. Genau wie früher.
Ich strich mit dem Daumen über das Foto.
Draußen flackerte das Neonlicht durch den schmalen Spalt zwischen den Vorhängen.
Irgendwo in der Ferne heulte etwas. Ich hob den Kopf.
Das Geräusch kam aus Richtung Wald. Tief, rau und langgezogen. Da lag etwas darin, das mir die Nackenhaare aufstellte.
Ich blieb reglos sitzen, die Akte auf dem Schoß, Avas Foto zwischen meinen Fingern.
Das Heulen verstummte.
Danach war die Stille schlimmer.
Ich sah zum Fenster. Der Vorhang bewegte sich nicht. Trotzdem hatte ich für einen Sekundenbruchteil das Gefühl, jemand stünde draußen auf dem Gang und lausche.
Langsam stand ich auf, ging zur Tür und sah durch den Spion.
Der Gang war leer.
Ich atmete aus, schloss die Augen und zwang mich, ruhig zu bleiben. Ich war nicht hier, um mich von Geräuschen im Wald einschüchtern zu lassen. Ich war hier, um zu arbeiten. Um Ava zu finden.
Ich kehrte zum Bett zurück. Das Foto lag noch immer auf der Akte. Ich nahm es in die Hand und spürte diesen alten, brennenden Knoten aus Schuld und Hoffnung in mir.
„Ich finde dich, Schwesterchen“, flüsterte ich.
Meine Stimme klang in dem kleinen Zimmer fremd.
Draußen flackerte das rote Licht ein letztes Mal auf. Für einen Augenblick färbte es Avas Gesicht blutrot.
Dann wurde es dunkel.









Ein packender Einstieg. Die düstere Atmosphäre, das gruselige Motel und das Gefühl, beobachtet zu werden.
Ich bin gespannt, was den neuen Sheriff in der trostlosen Kleinstadt erwartet.
Guter Anfang! Ich bin gespannt darauf, was ihn in Redwood erwarten wird.
Echt gut geschrieben. Wünschte ich könnte so schreiben.