1. Regentropfen
Das erste Mal, als Ben Levi begegnete, fühlte es sich fast wie ein Traum an, aus dem er nicht erwachen wollte.
In dieser Nacht wünschte Ben, es wäre nicht mehr als das gewesen: eine surreale Unwirklichkeit.
Es goss in Strömen. Ein sintflutartiger Sturm überflutete die gesamte Stadt Tamerlain. Es war der dritte Tag eines herbstlichen Dauerregens, der kein Ende zu nehmen schien. Die Abflüsse waren mittlerweile völlig verstopft. Die Infrastruktur unter den Straßen war so überlastet, dass der Dreck keine andere Wahl hatte, als nach oben zu quellen.
Um ihn herum waren nur ein paar rasende Autos auf der Straße, hin und wieder ein huschender Fußgänger und Dutzende von Bots, die verzweifelt versuchten, mit ihrer unmöglichen Aufgabe der Straßenverwaltung Schritt zu halten. Es waren quadratische Einheiten, keine humanoiden Formen, ausgestattet mit einfacher KI-Programmierung. Gerade genug, um ihnen eine logische Handlungsweise zu ermöglichen: die Straßen sauber zu halten, Müll zu beseitigen und Zusammenstöße mit anderen Bots, Autos und dem Verkehr zu vermeiden.
Doch all das verschwamm nur in seiner Wahrnehmung, war kaum mehr als ein flüchtiger Eindruck, während er sich durch den sintflutartigen Regen nach Hause kämpfte. Nur der kaputte Bürgersteig vor ihm war deutlich zu sehen. Ein Weg, der ihn immer direkt an Smith’s Bakery vorbeiführte und an der Gasse, die zwischen der Bäckerei und einer Häuserzeile lag.
Es war erbärmlich. Der Regen wirkte wie weißes Rauschen mit seiner unaufhörlichen, erstickenden Wirkung. Er konnte das Pochen seines Herzens hören und fühlen, wie das Wasser seine Haare durchnässte, bevor es in einem stetigen Strom zwischen seinen Schulterblättern hinablief.
Dann flackerten die Straßenlaternen auf. Sie lenkten seinen Blick nach oben, und aus irgendeinem Grund schaute er im Vorbeigehen in die Gasse.
Was er dort sah, ließ ihn jäh innehalten: geschwungene Finger, die im Licht der Straßenlaterne kaum zu erkennen waren.
Blass, menschlich, und darüber hinaus die Umrisse eines Körpers, die von Schatten verhüllt wurden.
Sein Magen zog sich bei einem plötzlichen Schreck zusammen. Ben drehte sich hastig um und zückte panisch sein Handy. Er hatte entsetzliche Angst, dass er in der Dunkelheit ein Mordopfer oder ein verletztes Überfallopfer finden würde.
Bens Finger lag bereits auf der Notruftaste, als er auf die Gestalt zuging. Doch je näher er kam, desto grimmiger offenbarte sich das Bild.
Kein Mensch; eine Maschine.
Er lag auf dem Rücken – höchstwahrscheinlich ein Decommission, der darauf wartete, abgeholt zu werden. Vielleicht hatte ihn jemand beim Vorbeifahren einfach von der Ladefläche eines Lastwagens geworfen. Sein blondes Haar war durchnässt und klebte an einem Gesicht, das einst perfekt konstruiert gewesen war. Die Gesichtszüge waren stark, absolut menschlich, doch ab dem Hals abwärts war es offensichtlich, dass der Droide ausgeschlachtet worden war.
Ben zögerte ein paar Meter entfernt, während er diesen traurigen Anblick in sich aufnahm.
Unterhalb des Kiefers war die Haut entfernt worden, was die rohen Teile den Elementen aussetzte: Hüfthydraulik, das Titan-Rippengehäuse, das seinen kompakten Fusionsreaktor beherbergte, rohe Sehnenkabel, Polymerfaserkabel im Hals und Myomerbündel... es war ein Gräuel.
Ben tippte sich gegen den Oberschenkel und blickte von der einzig intakten Hand auf das unversehrte Gesicht, als ob derjenige, der ihn ausgeschlachtet hatte, es nicht übers Herz gebracht hätte, ihm seine Identität vollständig zu nehmen.
Ben würde nie erfahren, warum das Gesicht verschont geblieben war.
Wahrscheinlich war es keine Nächstenliebe, sondern vielleicht Zeitdruck? Es könnte eine gestohlene Einheit sein, der hastig die leicht zugänglichen Teile entnommen wurden.
Er atmete aus und wollte den traurigen Haufen gerade zurücklassen, als er innehielt. Er hörte das leiseste Klicken von rotierender Mechanik.
Das ließ ihn erstarren. Als er zurückblickte, stach es ihm ins Herz: Die Augen des Droiden hatten sich geöffnet, eines weiter als das andere. Wunderschöne, hyperrealistische blaue Augen starrten ihn mit etwas Unbeschreiblichem an. Vielleicht Bewusstsein? Vielleicht kognitive Aktivität?
Ben wurde fast übel bei dem Gedanken, dass dieses Wesen einfach entsorgt worden war, ohne vollständig deaktiviert zu werden.
Er drehte sich um, die Augen weit aufgerissen, als die Finger des Synth zuckten. Ansonsten war er unbeweglich, abgesehen von vereinzelten Regungen seiner grundlegenden Motorik.
„Na toll – fuck.“ Ben ging neben ihm in die Hocke und versuchte zu lächeln, als er sah, wie sich die Pupillen bewegten, um seiner Bewegung zu folgen, bevor er sich an den Hals fasste. „Kannst du sprechen?“
Stille war die Antwort. Nicht einmal ein Glitch bei dem Versuch, den Kiefer zu öffnen.
Fuck.
Alles in ihm wollte einfach nur gehen.
Es war spät. Er kam gerade von einem Tag zurück, den er damit verbracht hatte, über winzigen Bauteilen und Stromverteilern zu hocken. Er war mittlerweile seit zwölf Stunden auf den Beinen, und das Brennen der Erschöpfung tötete ihn langsam.
Ben hielt sein Gesicht wieder in den Regen, die Augen geschlossen, und sammelte seine Kraft für den langen Heimweg. Das war verdammt noch mal nicht sein Problem. Jeden Tag schlachteten Leute Androiden aus und ließen sie im Müll liegen.
Kaum hatte er das gedacht, öffnete ein weiteres leises Geräusch seine müden Augen. Er blickte auf den Körper hinab und sah, dass sich ein Bein am Knie gebeugt hatte – und im nächsten Moment mit einem metallischen Quietschen von Wolfram-Stützen und Aktuatoren wieder erschlaffte.
Auf den ersten Blick erkannte Ben, dass es sich um ein altes MX-09-Modell handelte. Eine Kriegsmaschine, wie die Keramikbeschichtung und die Lötstellen am sichtbaren Rahmen bewiesen, wahrscheinlich nach einer schweren Verletzung umgebaut. So lief das meistens.
Ben wettete, es war ein Companion-Modell. Deshalb die humanoide Haut, das veränderte Aussehen und die verräterischen, nachträglich eingebauten Stützen um Hüfte und Leiste. All das deutete darauf hin, dass er mit einer zusätzlichen Ausrüstung gesegnet worden war, um die einsame Hausfrau zu befriedigen. Das war bei beschädigten Droiden heutzutage keine Seltenheit mehr.
„Na schön, mal sehen, was wir hier haben“, murmelte Ben, drückte sich hoch und ging um die Einheit herum, tief gebeugt wie ein Aasfresser. Der Schaden auf der rechten Seite war schlimmer. Er sah, dass der Schädel des Droiden gesprungen war, aber die Fehlfunktion hätte auch durch den in die Matrix eingedrungenen Regen, fehlende Teile oder irgendetwas anderes verursacht worden sein können. Ohne einen Diagnosescan wäre das unmöglich zu sagen – ein Gerät, das er für alle möglichen nächtlichen Projekte zu Hause hatte.
Ben lachte fast über sein plötzliches Gefühl von Nächstenliebe.
Dachte er wirklich darüber nach, dieses verdammte Ding mit nach Hause zu nehmen?
Da warteten leicht monatelange Reparaturarbeiten auf ihn. Der MX-09 war mindestens zwei Modelle hinter dem Industriestandard zurück, was bedeutete, dass er Ersatzteile suchen, Geräte kaufen müsste, die er nicht kaufen wollte, und seinen Job verlassen müsste, nur um dann sofort nach Hause zu gehen und weiterzuarbeiten.
Ganz zu schweigen davon, wie zum Teufel er plante, diese Einheit nach Hause zu bringen.
Was? Wollte er das Ding etwa auf den Flügeln der Laune und des Glücks sechs Blocks weit nach Hause fliegen?
Ben wischte sich das Wasser aus dem Gesicht, bevor er auf einem Knie abstützte und die Gasse mit einem schnellen Blick scannte, als würde ihn jemand aus den Schatten beobachten, während er über sein weiteres Vorgehen nachdachte.
Er stieß einen Atemzug aus, streckte die Hand aus und berührte das dicke blonde Haar des Droiden. Die nassen Strähnen fühlten sich weich, menschlich und üppig an. Die Finger des Droiden zuckten bei der Berührung. Wieder wirkte es so, als würde er versuchen, irgendwie zu kommunizieren oder sich zumindest zu bewegen.
Wenn er dort drin bei vollem Bewusstsein war, liefen seine Systeme wahrscheinlich im absoluten Selbsterhaltungsmodus. Er würde zumindest Schutz suchen wollen, versuchen, das Wasser von den kritischen, freiliegenden Systemen fernzuhalten...
Verdammt noch mal. Ben wusste, dass dieses Ding hier ewig liegen würde, im Panikmodus, und doch absolut nichts tun konnte, um sich selbst zu helfen.
Das war ein wenig zu viel Schmerz und Leid, selbst für ein Wesen, das viele Leute für Wegwerfware hielten. Zu viel, als dass er es einfach so liegen lassen und weitergehen könnte.
Natürlich konnte er immer die Alternative in Betracht ziehen.
Ben könnte in diesen Schädel greifen und kritische Komponenten herausreißen. Es komplett abschalten und die Müllabfuhr ihre Arbeit machen lassen.
Doch plötzlich konnte Ben diesen blauäugigen Blick, der ihn bei der Entdeckung angestrahlt hatte, nicht mehr vergessen. Das war nicht das Verhalten von etwas, das einen Defekt hatte oder bei dem einfach noch ein Geist in der Maschine spukte, bevor es durch die Feuchtigkeit den Geist aufgab. Wenn das der Fall wäre, hätte er ständige Fehlfunktionen erwartet, ein Zucken alle paar Sekunden, während die interne Elektronik vor sich hin bruzzelte.
Nein, die Reaktionen waren zielgerichtet, wenn auch völlig verwirrt – und das war ein verdammt großer Unterschied.
Als ob dieser Droide seine Gedanken lesen könnte, erschreckte ihn ein plötzliches Rucken seines Beins zutiefst.
Ben fiel fast auf seinen Hintern, griff sich ans Herz und schrie: „Fuck, Mann!“
Wieder dieses Erschlaffen des Gliedmaßes.
Ben konnte es nicht tun.
Er erholte sich, fuhr sich mit zittrigen Händen über das Gesicht, lachte ungläubig über seine eigene Einstellung, fragte aber dennoch leise: „Wenn du mich hören oder verstehen kannst, beweg diesen Finger.“
Ben hielt den Atem an und beobachtete die Hand des Droiden. Er zuckte zusammen, als sich der MX erneut bewegte.
Sein Magen sank. Wieder einmal, zum tausendsten Mal in seinem Leben, überkam Ben dieses Gefühl des Bedauerns. Nicht für diesen Synth, sondern für seine eigene Art. Es war ein Stich ins Herz, wenn er darüber nachdachte, wie weit sie alle auf der Leiter der moralischen Überlegenheit oder auch nur der grundlegenden Anständigkeit abgestiegen waren.
Schlimmer noch, es brachte ihn immer dazu, über seinen eigenen Job nachzudenken, über seinen eigenen Anteil an ihrer Konstruktion und Entwicklung. Fortschritte, die unweigerlich veralten und dann im verdammten Müll landen würden, genau wie diese MX-Einheit.
Er richtete sich auf, blickte sich um und war erleichtert, als er einen großen Müllsack entdeckte, dessen Inhalt er ausleerte, damit er den restlichen Müll in der Gasse ergänzte.
Es kostete ihn viel Mühe, unter Ächzen den schweren Synth auf die Plastikplane zu wuchten, aber Ben schaffte es, während er die ganze Zeit über seine eigene Empathie fluchte. Er bekam endlich einen festen Griff an den nassen Plastikecken und begann, den Droiden aus der Dunkelheit auf den Bürgersteig zu ziehen, wobei er betete, dass die Tüte den Weg zurück zu seinem Apartment halten würde.
Es war die Nacht, in der sich Bens gesamtes Leben veränderte.
Die Nacht, in der er den MX-09, Levi, traf – und die Nacht, die zu der Erinnerung werden sollte, die seine Handlungen für Jahre verfolgen würde.
Es war die Nacht, in der Ben etwas betrachtete, das weggeworfen worden war – etwas, das als Müll abgestempelt wurde – und erkannte, dass er das, wofür es stand, nicht länger ertragen konnte.
Der Verfall einer menschlichen Gesellschaft, in der es sich so anfühlte, als gäbe es keine Menschlichkeit mehr übrig. Diese Wahrheit spiegelte sich in dieser Nacht in den himmelsblauen Augen der Maschine wider, die ihn auf dem gesamten sechs Blöcke langen Weg zurück zu seinem Wohnkomplex beobachteten.
Es war die letzte Nacht, in der Ben wegsehen konnte.









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