Chapter One: Lira
Da ist er wieder: der Geruch von Tod, fettig und widerlich. Zwei Nächte, nachdem sie die Leichen der sogenannten Verräter endlich abgehängt haben, hängt er immer noch über dem Obeisance Plaza und reitet auf den gelegentlichen Nebelböen. Ich schlucke schwer und warte darauf, dass er verfliegt.
Vereinzelte Schatten huschen am fernen Rand des Platzes entlang: Leute auf dem Weg zur Nachtschicht, die nicht aufsehen und sich um ihren eigenen Kram kümmern. Sie stören die grimmige, kühle Stille nicht, die über diesem Ort liegt. Ich bin die Einzige, die ihre Hände am Kohlebecken wärmt, das in der Mitte des Platzes steht. Sein trübes, rotes Glimmen vertreibt weder die Dunkelheit noch die Kälte wirklich.
Aber das ist nicht der Grund, warum meine behandschuhten Finger zittern.
Es ist Jahre her, dass mich ein Auftrag nervös gemacht hat. Wie ich meine Klienten immer warne: Wer behauptet, der Beste in diesem Geschäft zu sein, ist ein Angeber. Aber ich gehöre zu den Besten, das ist einfach Fakt. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich meine Arbeit nennen soll. *Diebstahl* war schon vor langer Zeit eine Untertreibung. Mein Bruder, der auf ausgefallene Worte steht, schlug *maßgeschneiderte extralegale Logistik* vor. Ich habe Geheimdokumente aus schiefergedeckten Büros im Sacrifice Quarter gestohlen. Ich habe Juwelen aufgestöbert, die in einer stinkenden Kanalisation der Unterstadt versteckt waren. Deshalb kommen die Leute zu mir. Sogar Madame Calvera, die Besitzerin des Bluthauses, bei der ich früher gearbeitet habe, schickt mir jetzt Kunden. Ich mache jede Nacht das Unmögliche möglich.
Heute Nacht ist es nicht anders. In den berüchtigten Stein- und Eisenkoloss von Melee Mortis einzudringen, dem schlagenden Herzen von König Brenos Kriegsmaschinerie? Aus einem geheimen Versteck voller legendärer Waffen zu stehlen, die tief im Labyrinth der Krypten darunter liegen? Das ist nur ein weiterer Auftrag. Nichts, womit ich nicht fertigwerde.
Aber Argo sollte trotzdem bald auftauchen. Ich bin schon viel zu lange allein mit meinen Gedanken.
Eine Veränderung in der eisigen Luft an meinem Nacken warnt mich gerade noch rechtzeitig, um die Hand zu greifen, die gleich auf meiner Schulter landen will. Mit einem Ruck und einer Drehung habe ich den Arm des Besitzers unter meinem fixiert.
„Autsch, verdammt!“, ruft eine lachende Stimme. „Schon gut, schon gut, Gnade!“
Ich verdrehe die Augen und lockere meinen Griff, damit Argo seinen Arm ausschütteln kann.
„Beim nächsten Mal hätte ich dich fast erwischt“, sagt er.
„Fast.“ Ein Lächeln huscht über meine Lippen, bevor ich es unterdrücken kann. „Schade, dass wir beide wissen, warum.“
„Und schade, dass es nur vorübergehend ist.“ Sein Grinsen wird breiter, während er die Hände ausbreitet und mich zur Inspektion einlädt. „Trotzdem, die Ergebnisse können sich sehen lassen, findest du nicht?“
Im roten Schein des Kohlebeckens ist es schwer zu sagen, was sich genau verändert hat, aber die Wirkung ist deutlich. Eine undefinierbare Qualität füllt seine eingefallenen Züge aus, lässt seine Haut gesünder wirken und verdichtet die schwarzen Wellen seines Haars. Er leuchtet irgendwie heller als seine Umgebung, als würde er mehr als nur seinen Teil des spärlichen Lichts aufsaugen. Seine Pupillen sind riesig und lassen seine blauen Iris zu dünnen Ringen schrumpfen.
Der Effekt, der mir nur allzu vertraut ist, dreht mir den Magen um, und ich widerstehe dem Impuls, einen Schritt zurückzutreten. Ein Vorgeschmack auf das Blut der Upiri – ihr Untod – ist ein Vorgeschmack darauf, wie es ist, so zu sein wie sie. Für eine Weile verleiht es Argo einen Teil ihrer Stärke, ihrer Schnelligkeit und ihres furchtlosen Selbstvertrauens: die beinahe Unbesiegbarkeit eines Spitzenprädators. Aber mehr noch gibt es ihm einen Einblick, wie die Welt jenseits von Leben und Tod aussieht.
Das ist der Teil, der die Leute dazu verführt, immer wieder zurückzukommen. So gewinnt die Sucht die Oberhand. Dank dieser Dosis Blut wird er problemlos als Dhampiro durchgehen – halb Upiro, halb Mensch. Aber er spielt mit dem Feuer, wenn er sich so aufputscht. Ich hoffe, es ist das wert.
„Na?“, fordert Argo mich auf. Endlich reiße ich meinen Blick mit Mühe von seinem Gesicht los.
„Du wirst nicht auffallen“, sage ich ihm.
„Ich fühle mich *großartig*“, posaunt er. „Ich könnte es mit einer ganzen Patrouille aufnehmen.“ Er stößt mir zur Demonstration mit der Faust gegen die Schulter.
Ich schnaube. „Komm mal wieder runter, du mutiger Anführer. Die Idee war, dass die Leute uns *nicht* bemerken.“
„Ja, ja, ich weiß. Ich benehme mich ja schon.“ Argo atmet aus und verschränkt die Hände hinter dem Rücken. Aber er kann nicht verhindern, dass er ein bisschen auf seinen Zehen wippt, und sein Grinsen bricht wieder hervor. „Ha! Und da ist Tanner. Das ist der Wahnsinn, ich kann ihn *riechen*!“
Tatsächlich taucht wenige Augenblicke später eine große, hagerer Gestalt aus dem Schatten auf.
„Du zuckst wie eine sterbende Ratte“, sagt Tanner, „also nehme ich an, es wirkt.“
Argo lacht atemlos. „Es ist unglaublich. Du hast keine Ahnung.“ Er wirft den Kopf in den Nacken und starrt in den Himmel, wo Bänder aus purpurnem Licht ihren nächtlichen Tanz begonnen haben, kaum verdeckt von dem Nebel, der die Straßen einhüllt. „Ich habe noch nie so viele Sterne gesehen“, flüstert er. „Niemals. Kein Wunder, dass die Leute diesem Zeug so verfallen.“
Der Stachel dieser Bemerkung überrascht mich und schnürt mir die Kehle zu. Ich atme tief durch, um den Druck zu lösen. Ich dachte, ich hätte all mein altes Gepäck aufgearbeitet und weggeschlossen, aber Argo, ausgerechnet Argo, unter dem Bann des Upiri-Blutes zu sehen, trifft mich … nun ja, härter, als ich erwartet hätte.
Diese Leute sind meine Klienten, erinnere ich mich. Die Freunde meines Bruders. Nicht meine.
„Das legt sich bald wieder“, sage ich ruhig zu Tanner. „Sobald er sich an den Rausch gewöhnt hat.“
Tanner mustert Argo. „Das will ich hoffen. Sonst ist die ganze Sache schon jetzt komplett für den Arsch.“
„Ausdrucksweise, Tanner, bitte“, zieht Argo das Wort in die Länge. „Die Damen sind in der Überzahl. Catyma, meine Liebe, du riechst heute Abend absolut bezaubernd.“
„Ach, leck mich doch“, stöhnt Cat, als sie in das Licht des Kohlebeckens tritt. „Gib dem Kerl ein bisschen Upiri-Saft und er verwandelt sich in ein noch größeres Arschloch.“
Argo gackert vor Vergnügen, das Geräusch hallt von Eisen und Stein wider. Joss, ein dünnes, strenges Gespenst, das neben Cat auftaucht, zischt ihn an.
„Sieh es als eine Art Rollenspiel“, sage ich zu Cat.
Sie spottet. „Sie haben ihn verdient.“
„Du bist nur neidisch, weil ich jetzt schön bin“, sagt Argo hochnäsig.
Cat verzieht das Gesicht und rückt zitternd etwas näher an das Kohlebecken. „Na ja, es muss verdammt noch mal schön sein, wenigstens einmal richtig warm zu haben.“
Argo strahlt mit bauschigen Hemdsärmeln und bloßen Händen. „Darauf kannst du Gift nehmen. Und ich werde jede Sekunde davon aus reiner Schadenfreude genießen.“
Cat zeigt ihm den Mittelfinger. Ich hätte gelacht, wenn Joss nicht da wäre, mit ihrem höflichen, angespannten Lächeln. Ihre humorlose Intensität wirkt ernüchternd wie Eiswasser.
„Ich wundere mich, dass ihr hier Witze machen könnt.“ Joss hat eine kleine, leise Stimme, aber wann immer sie spricht, verstummen die anderen sofort, um zuzuhören. „Wir könnten morgen selbst an dieser Mauer hängen. Würdet ihr wollen, dass Leute dabeistehen und lachen?“
Das bringt alle zum Schweigen. Die unnatürliche Stille des Platzes legt sich wie Schnee über uns. Ihre Augen huschen an mir vorbei zur bedrohlichen Fläche der Nordmauer, wo ein halbes Dutzend Leichen vierzehn Tage lang baumelte, aufgehängt wie grausige Marionetten. Der König reserviert diese Behandlung für Mitglieder des Widerstands – eine Erinnerung an die ganze Stadt, dass törichte Versuche eines Aufstands nicht toleriert werden.
Viele der Sterblichen in der Stadt nahmen die schreckliche Zurschaustellung zum Anlass, dem Widerstand laut und tugendhaft gegenüber jedem, der zuhörte, abzuschwören. *Die Upiri sind unsere Beschützer*, argumentieren diese Leute. *Uns vor der Raubgier der Fae zu bewahren, ist ihre heilige Pflicht. Der König und seine Sippe führen seit Jahrhunderten Krieg in unserem Namen, und sie verdienen unsere Dankbarkeit und unseren Gehorsam. Die Upiri brauchen vielleicht unser Blut und unsere Arbeit, aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was die Fae nehmen würden. Trotz gefährdet uns alle.*
Die meisten von uns hielten den Kopf unten und gingen ihrem täglichen Überlebenskampf nach, während sie versuchten, den Geruch zu ignorieren.
„Wir haben es nicht vergessen“, sagt Cat leise. „Manche von uns reißen Witze, um weiterzumachen, Joss.“
Joss ist ungerührt. „Das waren unsere Brüder und Schwestern. Sie verdienen unser Gedenken. Besonders heute Abend.“
„Wir tun das für sie genauso wie für jeden anderen auch“, sagt Argo hitzig. „Das weißt du.“
Joss wirft einen schneidenden Blick in meine Richtung, und ich verschränke die Arme, ohne auf das Provokationsangebot einzugehen. Ich weiß genau, für wen ich das tue, und es ist nicht der Widerstand. Ich arbeite nur mit ihnen zusammen, wenn es sich für mich lohnt. Ich bin zu sehr damit beschäftigt, Brot auf den Tisch zu bringen, als mein Leben für nichts als Wunschdenken aufs Spiel zu setzen.
Wunschdenken ist das Fachgebiet meines Bruders.
Sein Idealismus macht mich manchmal wütend. Meistens, weil er mir das Herz bricht. Die Minen haben ihn zerkaut, ausgespuckt und ihn mit jedem Hustenanfall ein Stück mehr sterben lassen. Inzwischen ist er zu schwach, um das Haus zu verlassen. Ich sorge für uns beide. Das habe ich schon immer getan.
Ich weiß nicht, warum ich heute Abend im Türrahmen stehen blieb, bevor ich losging, um mich mit Argo zu treffen. „Ich kümmere mich heute Abend um ein paar *Logistik-Angelegenheiten*“, sagte ich fröhlich zu Julian. „Warte nicht auf mich.“ Er nickte abwesend, eine Decke um seine dünnen Schultern und eine Tasse Brühe an seinem Ellbogen vergessen, während seine Feder wütend in den Rändern eines der dummen Kriegspropaganda-Flugblätter der Upiri kratzte. Die Leute zitieren seine Gedichte überall in den Slums. Sie tauchen an Wänden mit tropfenden Buchstaben auf. Er arbeitet hart an seinem nächsten Flugblatt: einem Gedicht zum Gedenken an jene Körper, die am Obeisance Plaza hingen. Er erzählt ganz Umbrora davon, wie sie für eine bessere Welt starben.
Als ich das Röcheln und Pfeifen seines Atems hörte, war ich versucht, ihm zu sagen, mit wem ich heute Nacht arbeite. Nur um zu sehen, wie ein Funken Hoffnung sein fahles Gesicht berührt. Aber er würde es falsch verstehen, als Zeichen, dass ich anfange, an ihre Sache zu glauben. Ich konnte es nicht über mich bringen, ihn zu enttäuschen.
Die Welt hat Julian nicht verdient. Die Resistance auch nicht. Und ich erst recht nicht.
„Wenn wir mit dem Geplänkel fertig sind“, sagt Joss, „ich habe da ein paar Geschenke zu verteilen.“
Joss ist eine der wenigen Menschen, die für die Mechanomancers’ Guild arbeiten. Selbst als einfache Laborgehilfin weiß sie mehr als jeder andere, den ich je getroffen habe, besonders über die verborgenen Abläufe in Umbroras Gebäuden und Maschinen. Und die „Geschenke“, die sie verteilt, sind Stoff für Kamingeschichten: Splitter aus Kohlenstein, die heiß werden, sobald man sie in die Hand nimmt; ein Paar Knochenringe, die in einem fahlen, giftigen Licht leuchten. Cat wartet draußen und wird den Kohlenstein benutzen, um die Zeit im Auge zu behalten, da wir dort, wo wir hingehen, die Glocken der Stadt nicht hören werden. Die Ringe sind für Tanner und mich, während wir durch die Dunkelheit schleichen. Sie leuchten nicht so hell wie Laternen, lassen sich aber besser verstecken. Und wenn wir uns trennen müssen, wird uns die Verbindung zwischen den Ringen wieder zusammenführen. Eine Tasche voller Lederbehälter, geölt und versiegelt, geht an Tanner; sie ist dafür gedacht, unsere Beute zu verstauen, sobald wir sie endlich haben.
Aber Joss rüstet uns nicht nur für den Weg aus – sie kommt mit. Und das zeigt, wie bahnbrechend die Resistance diese kleine Unternehmung einschätzt. Wenn sie bereit sind, sie derart aufs Spiel zu setzen, ist ihnen das eine Menge wert.
„Oh, keine Raketen für Handwerker?“, Cat klimpert mit den Wimpern. Joss schenkt ihr nur ein dünnes Lächeln.
Ich schnaube, dankbar für die Ablenkung. „Wo willst du die denn überhaupt verstauen? Hast du etwa Satteltaschen unter deinen Röcken versteckt oder so?“
„Das ist mal eine Idee“, sinniert Cat. Ihre Augen weiten sich. „Hast du so etwa diese beachtliche Beute aus dem Bloodhouse im Sacrifice Quarter rausgeschmuggelt?“
„Berufsgeheimnis“, antworte ich mit meinem geheimnisvollsten Lächeln.
Tanner runzelt die Stirn. „Was ist eigentlich dein Plan? Falls du für Ablenkung sorgen musst?“
„Ich improvisiere.“ Cat wackelt vielsagend mit den Augenbrauen und zieht provokativ an den Schnüren ihres Mieders. „Ich bin sehr kreativ, weißt du.“
„Trödelt nicht.“ Argo macht heute mal keine Witze. „Wir haben drei Stunden. Wir gehen rein, holen das, wofür wir gekommen sind, und verschwinden wieder. Das Letzte, was wir gebrauchen können, ist, dass jemand in diesem Vipernnest feststeckt, wenn sie die Tore schließen.“
Das, wofür wir gekommen sind. Für die anderen sind das die Waffen, die der Resistance echte Schlagkraft verleihen könnten. Ich halte ihre Revolutionspläne nach wie vor für aussichtslos, auch wenn ich aufgegeben habe, Julian davon abzubringen. Ich bin aus einem anderen Grund dabei – wegen der Bezahlung, die Argo mir versprochen hat. Das Angebot, bei dem er wusste, dass ich nicht ablehnen konnte. Während Tanner, Joss und ich durch die Krypten schleichen, wird Argo mit seinen geschickten Fingern und seinem blutverstärkten Charme ein Fläschchen Lebensblut aus der Tasche eines unbewachten Upir stibitzen.
Wenn uns das gelingt… bringe ich die Heilung für Julian mit nach Hause.
Die Leute haben mir immer wieder gesagt, dass die Steinstaublunge nicht mehr heilbar ist. Aber man sagt auch, dass ein paar Tropfen Lebensblut selbst gebrochene Knochen und klaffende Wunden – sogar tödliche – in Sekunden schließen können. Sie benutzen es ständig, hat mir Argo erzählt, in Melee Mortis. So blutrünstig die Academy auch sein mag, sie können nicht zulassen, dass sich alle Schüler gegenseitig umbringen. Sonst würde nie jemand aufsteigen, um sich den Upiri anzuschließen, und es bliebe niemand übrig, um gegen die Fae zu kämpfen. Man sagt, die Ausbilder dort trügen oft Lebensblut bei sich, für den Notfall.
Ein ganzes Fläschchen Lebensblut sollte reichen, um den Steinstaub aus Julians Lunge zu waschen. Es muss einfach reichen.
Cat pustet immer noch auf ihre Finger. Ich ziehe meine Handschuhe aus und gebe sie ihr.
Sie wehrt sich, aber ich rede einfach weiter. „Nimm sie. Du bist diejenige, die die ganze Nacht draußen stehen muss.“ Ich zwinge mich zu einem Lächeln. „Außerdem friere ich schon, wenn ich dich in diesem Ausschnitt sehe.“
Cat schmollte. „Na ja, das ist wohl kaum die Wirkung, die es haben sollte.“ Widerwillig nimmt sie die Handschuhe an, fuchtelt aber mit dem Finger vor mir herum. „Wenn wir zurück sind, leistest du den Treueschwur. Sonst trete ich dir in den Arsch. Du solltest zu uns gehören, wenn du bereit bist, so ein Risiko einzugehen.“
„Das ist ihre Entscheidung“, sagt Tanner sanft.
„Sie wird es nicht tun.“ Joss mustert mich mit kalter Verachtung. „Und sie sollte es auch nicht. Ihr fehlt der Weitblick und die Hingabe.“
„Wem ich mich verpflichtet fühle“, sage ich ganz neutral, „ist mein Bruder. Mein einziger Wunsch ist, dass wir beide überleben. Das ist alles.“
Joss verzieht den Mund, doch bevor sie antworten kann, ertönt irgendwo über uns ein tiefer Glockenschlag, der den Mount Castelmore herabrollt. Es bebt in meinem Bauch, als hätte ich den Ton verschluckt.
„Da haben wir es – Zeit zu gehen.“ Argo unterstreicht die Worte mit einem Klatschen und einem diebischen Grinsen. „Wir sehen uns alle auf der anderen Seite von Melee Mortis.“
***
Drei Stunden. So lange bleiben die beiden Fallgatter, die die Tore von Melee Mortis versperren, einmal im Jahr geöffnet, um jeden zu verschlingen, der ein Schüler werden will.
Die meisten, die durch diese Tore gehen, kommen nie wieder heraus.
Die Servicetür, durch die Tanner und ich schlüpfen, hat weder Klinke noch Schloss, das man knacken könnte. Aber sie steht einen Spalt offen, verkeilt durch eine Stoffrolle: zwei Sätze grober Dienstbotenkleidung aus Wolle. Und die Scharniere sind frisch geölt.
Die Resistance hat Freunde an diesem Albtraumort. Joss’ Kontakt, den sie Ghost nennt, und wahrscheinlich noch andere.
Hektisch ziehen wir die Livree über unsere eigene Kleidung. Cat ist im Hof und hält Ausschau. Sie mischt sich unter die Menschenmenge, einfach eine weitere verzweifelte Tochter, Schwester oder Geliebte, die Abschied von einem Anwärter nimmt. Argo mischt sich unter die höheren Kreise und lässt seine flinken Finger arbeiten; dank dieser Dosis Blut wird er perfekt unter die wohlhabenden Dhampiri passen, wenn sie mit ihren Empfehlungsschreiben eintreffen. Joss ist bereits vor Tanner und mir losgezogen; Ghost wird ihr Zugang zu den Wasserleitungen verschaffen, und ihr Signal über den Kohlenstein wird uns verraten, wenn sie ihre Aufgabe erfüllt hat.
Das bläuliche Lampenlicht der Korridore gräbt tiefe Linien in Tanners bartstoppliges Gesicht. Die Livree – kohlegrau mit roter Biese – passt keinem von uns wirklich gut. Die Tunika ist an seinem dünnen Körper viel zu kurz und entblößt seine knochigen Handgelenke. Ich musste die Hose am Bund hochkrempeln, damit sie nicht über meine Füße schlurft und unter meinen Fersen hängen bleibt. Hoffentlich sehen wir beim flüchtigen Hinsehen aus, als gehörten wir hierher, sodass uns niemand auf dem Weg in den Keller aufhält.
Es gibt nichts, was unser Ziel von den unzähligen Lagerräumen unterscheidet – außer dem massiven Steinbrocken in einer Ecke, versteckt hinter einer Kiste mit der Aufschrift Apiary. Wie versprochen enthüllt das Wegschieben des Felsens einen schmalen Schlitz, der genau dort in den Boden gehauen wurde, wo die groben Wände aufeinandertreffen.
Ich streife meine Livree ab und werfe sie Tanner zu. Er schaut schnell weg, als ich anfange, meine eigene Tunika hochzuziehen, was irgendwie niedlich ist.
„Keine Sorge“, sage ich zu ihm, ziehe sie über den Kopf und reiche sie ihm. „Ich habe noch eine Schicht darunter, siehst du?“ Ich deute auf die Stoffbahnen, die eng um meine Brust gewickelt sind. „Nichts Skandalöses zu sehen.“ Er zuckt nur mit den Schultern, wirft aber keinen Blick mehr auf mich.
Meine Muskeln waren so angespannt, dass ich fast erleichtert aufsehe, als ich mit der ersten Dehnübung beginne. Aufwärmen ist eine beruhigende Routine. Ausfallschritte. Spagat. Rückbeugen. Hüften, Wirbelsäule und Schultern für die anstehende Aufgabe lockern.
Die Öffnung des Schlitzes ist beängstigend eng. Als ich meine Hüften durch die Lücke zwänge und der Stein gnadenlos in meine Oberschenkel und mein Gesäß schneidet, kann Tanner seinen Protest nicht mehr zurückhalten.
„Lira… warte. Ich kann das nicht – willst du ernsthaft in ein Loch kriechen, das man mit dem Fuß abdecken könnte?“
Ich ziehe nur eine Augenbraue hoch, und er schaut weg.
„Das ist wirklich extrem stressig anzusehen“, murmelt er.
Mir macht es auch keinen Spaß. Ich muss so lange und tief ausatmen, wie ich nur kann, um meine Brust hindurchzuquetschen. Der Tunnel drückt von allen Seiten gegen meinen Körper, ein Schraubstock aus beißender Kälte. Ein Schauer aus Panik überkommt mich, reiner Urinstinkt. Ich halte inne, um ihn vorbeiziehen zu lassen, und verharre in völliger Stille. Anstatt nach Luft zu schnappen, presse ich den letzten Rest Luft aus meinen Lungen. Ganz ruhig… ganz ruhig… Die Schultern bis zu den Ohren hochzuziehen reicht fast, um durchzukommen. Ich greife meinen Bizeps, übe genau an der richtigen Stelle Druck aus, und mit dem vertrauten Klicken tief in meinem Inneren klappt die Schulter ein Stück weiter ein, der Arm wird zu tauber Flüssigkeit. Tanner steht da, der Mund offen wie bei einem Gaffer auf dem Markt. Und – geschafft. Ich lasse die Schulter wieder einrasten, ziehe die Arme nach und atme wieder ein.
„Mir geht’s gut“, flüstere ich und wackle mit den Fingern in Richtung von Tanners geschocktem Gesicht, um es zu beweisen. „Alles Routine. Jetzt räum alles wieder weg und geh.“
Widerwillig hockt er sich neben den Stein, der die Lücke verdeckt hat. „Bitte bleib da unten nicht stecken.“
„Wir sehen uns bald“, sage ich bestimmt und widme mich dem Abstieg durch den eiskalten Schlund. Schließlich bestätigt ein langes Scharren von Stein auf Stein über mir, dass der Eingang wieder verschlossen ist.
So versiegeln sie Gräber – mit Steinen, die zu schwer sind, um sie zu bewegen.
„Nicht hilfreich“, murmle ich vor mich hin und lasse mich eine weitere Stufe hinab.
Aber der Gedanke bleibt bei mir und folgt mir in die Tiefe.








