How to get into trouble
Der Abend liegt schwer über der Stadt, fast so, als hätte jemand eine warme, klebrige Decke über alles geworfen und vergessen, sie wieder zu lüften. Mein Zimmer ist ein Glaskasten, in dem die Hitze förmlich steht. In der Ecke rotiert mein Ventilator und dem erstickten Brummen aus seiner Richtung folglich, mache ich mir inzwischen ernsthafte Sorgen, dass er möglicherweise bald den Geist aufgeben wird. Ich sitze am Fensterbrett, Knie angezogen, Haargummis aus meinem Schmuckkästchen auf der Fläche vor mir verteilt, einen im Mund, weil ich gerade versuche, meine Locken zu bändigen, welche heute offensichtlich beschlossen haben, gegen mich zu rebellieren. Ich schwitze. Ich fluche. Ich existiere widerwillig.
Dann vibriert mein Handy. Einmal. Zweimal. Dreimal. Wie ein Countdown zu meinem Untergang. Ich weiß, wer es ist. Dieses permanente Ankündigen neuer, eingehender Nachrichten lässt gerade eigentlich nur auf eine Person schließen.
Abigail: VEYAAAAA ICH HAB EIN PROBLEM
Ich schließe die Augen. Zähle bis fünf. Öffne sie wieder. Die Hitze ist immer noch da. Die drei grauen Punkte, auf ihrer Seite des Chats tanzen über mein Display. Sie tippt. Schnell versuche ich ihr zuvorzukommen.
Ich: Was hällst du davon, wenn ich dich später kurz anrufe und mir dein Problem dann anhöre, falls es sich dann nicht schon in Luft aufgelöst haben sollte?
Abigail: ZU SPÄT ICH BIN SCHON DRAUSSEN
Ich starre auf die Nachricht. Dann auf mein Fenster. Dann wieder aufs Handy. „Nein“, sage ich laut. „Nein, nein, nein“
Und schon fängt dieser ohrenbetäubende Lärm unserer Klingel an, unaufhörlich in meinen Ohren zu dröhnen. Das ist Abby. An meiner Haustür. Natürlich. Ich gehe runter, öffne und da steht sie. Die sagenumwobene, allseits berüchtigte Abigail. Verschwitzt. Strahlend. Atmend wie ein Hund im Sommer. In der einen Hand eine Tüte Chips, in der anderen… ein Gartenschlauch?
„Warum hast du…?“ „Veya, wir müssen ins Freibad.“ „Müssen?“ „MÜSSEN.“ „Warum?“ „Weil ich sonst sterbe.“ Ich blinzle. „Und wozu der Gartenschlauch?“ „Ach der… Kein Plan.“, sie überlegt kurz, wirft ihn schließlich auf den Rasen bei der Einfahrt und drückt mir die Chips in die Hand. „Du bist meine beste Freundin, du musst mich retten.“ „Vor was?“ „Vor meiner ewigen Langeweile natürlich! Mein Kopf funktioniert bei dieser Hitze nichtmehr und ich glaube, ich mach allein irgendetwas dummes, wenn du jetzt nicht augenblicklich mit mir mitkommst.“ Ich seufze. Lange. Dramatisch. Genervt. „Fünf Minuten“, erwidere ich letztendlich, stämme die Hände in die Hüfte und lehne mich kurz zu ihr nach vorne. „Ich zieh mich um.“ „ICH LIEBE DICH! Vergiss ja deinen Bikini nicht Veya!“ „Halt’s Maul.“ Ich verdrehe die Augen, muss jedoch in mich hineinlächeln, als ich den Flur entlang zurück in mein Zimmer schlurfe.
Dort angekommen, reiße ich meinen Kleiderschrank auf und fange an, die Haufen darin, nach meinem rosa Bikini, Shorts und einem sauberen Top zu durchwühlen. Unter Bergen von Hosen, Röcken und Kleidern finde ich letztendlich sogar ein T Shirt, das ich seit Monaten suche. Ich werfe es kurzerhand auf den Sitzsack neben meinem Bett und widmen mich anschließend wieder dem Klamottenchaos vor mir. Etwas später werde ich tatsächlich fündig. Ich ziehe mir Shorts und ein schwarzes Top an, straffe meinen Zopf und Blicke in den Spiegel. Ganz in Ordnung. Ich zwinkere mir in der Reflektion zu, schnappe mein Handy, stopfe die Chips und meine Schwimmsachen in eine Tasche und schlüpfe in die Sneaker bei meiner Zimmertür. Perfekt.
Als ich zurücklaufe, steht Abigail vor der geschlossenen Haustür, im Eingangsbereich, wippt auf den Zehenspitzen, als hätte sie Angst festzuwachsen. „Bist du bereit?“, fragt sie und schlägt die Hände begeistert vor der Brust zusammen. „Naja, das ist ne rhetorische Frage. Hab ich Recht?“, erwidere ich und ziehe belustigt eine Braue nach oben. „Würde sowieso nix ändern, wenn ich lüge, um doch noch hier zu bleiben, oder?“ Abby nickt übertrieben. Sie grinst. Ich seufze. Und dann gehen wir los.
Nebeneinander stolzieren wir durch die warme Nacht, zwischen Häusern und parkenden Autos, und Abigail redet ununterbrochen, als hätte sie Angst, dass die Welt aufhört zu existieren, wenn sie mal kurz die Klappe hält. „Also ich hab Ronan geschrieben, und er meinte, er hat Snacks, und Cass meinte, sie kommt nur, wenn wir irgendwas Krasses planen, also hab ich dann nochmal Ronan angerufen und das mit ihm klar gemacht, letzten Sommer war er dort ja und kennt sich aus. Haru meinte nein, aber Cass meinte ja, also kommt er auch, und…“ „Abigail.“ „Ja?“ „Atme.“ Sie atmet. Übertrieben laut. Fast schon theatralisch.
Als wir am Marktplatz ankommen, sehe ich Ronan zuerst. Er trägt drei Rucksäcke, zwei Jacken, eine Wasserflasche und ein Handy, das definitiv nicht ihm gehört. „Woher hast du Harus Handy?“, frage ich. „Er hast’s mir gegeben.“ „War so klar. Nimmst du meins auch gleich noch und die Tasche kurz?“ Er seufzt. „Na klar doch. Immer.“ „Danke“ Ich grinse ihn an. „Ihr seid alle echt unmöglich.“ Ich lächle. Er schnauft. Ronan hat schon längst aufgegeben, was das angeht. Cass sitzt auf einer Bank, Beine übereinandergeschlagen, Handy in der Hand, Gesichtsausdruck: Ich bin zu gut für euch, also seid dankbar und schätzt meine physische Anwesenheit.
„Ihr seid spät“, presst sie hervor. „Wozu eigentlich?“, frage ich und fange mir damit sofort den nächsten Bitchblick ein. „Sag dus mir, ich weiß noch nicht, was ihr heute vorhabt.“ „Hmm.“ Haru steht neben ihr. Still. Perfekt. Gefährlich ruhig. Er sieht uns an, als würde er die Wahrscheinlichkeit berechnen, dass wir heute irgendwelche extrem dummen Entscheidungen fällen könnten. „Wir gehen ins Freibad“, verkündet Abigail und sieht augenblicklich erwartungsvoll in die Runde. „Nein“, stellt Haru entschieden fest. „Doch!“, schreit sie und Haru verdreht die Augen. „Nein.“ „DOCH!“ Abby hat wie ein kleines Kind die Fäuste in die Seiten gestemmt und die Unterlippe vorgeschoben. Cass seufzt. „Wir gehen.“ Haru blinzelt. Er sagt nichts. Dieser Idiot würde alles machen, um Prinzessin Cassady zu beschwichtigen. War klar.
„Also… wie kommen wir hin?“, frage ich, um die Stimmung ein wenig aufzulockern, obwohl ich die Antwort schon ahne. „Bus“ antwortet Ronan kurz und bündig. Abigail klatscht begeistert in die Hände. „Ja! Kommt auch eigentlich gleich! In…“ Sie schaut auf ihr Handy. „…drei Minuten!“
„Drei Minuten?“, wiederhole ich und sehe sie an, als hätte sie behauptet, abends in Batmankostüm durch Brooklyn zu rennen. „Wir schaffen das!“, ruft sie, dreht sich einmal im Kreis und rennt schon los. Cass seufzt. „Wenn ich wegen euch rennen muss, sterbe ich hier an Ort und Stelle.“ „Dann trag ich dich“, murmelt Haru ruhig, und Cass wirft ihm einen Blick zu, der irgendwo zwischen Anerkennung und Natürlich tust du das liegt. Wir setzen uns in Bewegung. Ronan keucht leise, weil er immer noch unser ganzes Gepäck mit sich herumschleppt. Mitleidig strecke ich ihm meinen Arm entgegen und greife nach den Jacken und meiner eigenen Tasche, um sie ihm abzunehmen. Cass beschwert sich durchgehend, aber sie rennt trotzdem, Haru schweigend neben ihr. Als wir vom Marktplatz, um die Ecke zum Busbahnhof biegen, sehen wir ihn: den Bus. Er steht da, Türen offen, über der riesigen, rechteckigen Windschutzscheibe ein Schild mit leuchtender Aufschrift.
„ER IST NOCH DA!“, schreit Abigail übertrieben laut. Der Busfahrer thront, erhöht im Fahrersitz, die Hände aufs Lenkrad gelegt. Wir stürmen die letzten Meter, halb lachend, nach Luft schnappend, und erreichen die Tür genau in dem Moment, in dem er die Hand schon am Knopf hat.
Der Busfahrer sieht uns über seine riesige, Scheibenglas dicke Hornbrille an und wirft mir einen vielsagenden Blick zu, als ich vor den anderen in den menschenlehren Bus steige. „Abend“, knurrt er und ich ziehe augenblicklich den Kopf ein, um in Deckung zu gehen. Seit der Sache, letzten Sommer, im Urlaub mit Abby und den anderen habe ich echt einen enormen Respekt vor Busfahrern im Allgemein bekommen. Diese Kreaturen besitzen eine unausgesprochene Aura, die sogar mich einschüchtert und es schafft, mir eine Gänsehaut über den Rücken zu jagen. Abigail versucht mir zu folgen und ebenfalls schnellstmöglich in den hinteren Teil, zu einem der Viererplätze zu flüchten.
Dort angekommen, lassen wir uns in den hinteren Vierer fallen. Die Sitze sind warm vom Tag, aber immerhin nicht klebrig. Abigail rutscht sofort ans Fenster und drückt ihre Stirn dagegen, so dass die Scheibe bei Nase und Mund anfängt, zu beschlagen. Ronan setzt sich ihr gegenüber, legt die ganzen Sachen, die er für uns mit sich herum schleppt auf seinen Schoß und sieht neben sich. Dort hat Cass auf Harus Schoß, Platz genommen, Beine übereinander verschränkt und die Arme um seinen Hals geschlungen.
Der Bus setzt sich ruckartig in Bewegung. Ich halte mich am Sitz fest, während Abigail schon wieder anfängt zu plappern. „Also ich hab mir überlegt, dass wir vielleicht vom Dreier springen könnten, oder wir versuchen irgendwie in den Schuppen mit den Schwimmnudeln, Wasserbällen und Brettern zu kommen und machen ne Wasserschlacht im großen Becken, wo sonst immer nur die Vereine reindürfen, zum Bahnen schwimmen, oder wir…“ „Abby“, unterbreche ich sie. „Wir sind noch nicht mal da.“ „Ja, aber ich muss planen! Sonst wird’s chaotisch!“ Ich hebe eine Augenbraue. „Chaotisch. So so.“ Sie grinst nur.
Cass seufzt leise, ohne sich auch nur im Entferntesten von Haru zu lösen. Ronan versucht, Chips zu essen, ohne dabei zu krümeln, und scheitert kläglich. Besorgt sehe ich vor, in Richtung Busfahrer. Der wirft uns im Rückspiegel immer wieder kurze, misstrauische Blicke zu. Ich tue so, als würde ich es nicht bemerken, aber jedes Mal, wenn sich unsere Blicke treffen, spüre ich erneut eine Gänsehaut, und wie sich jedes einzelne Haar, in meinem Nacken aufstellt.
Nach ein paar Minuten biegt der Bus in die dunklere Seitenstraße ein, die zum Freibad führt. Die Straßenlaternen stehen weiter auseinander, die Nacht wirkt dichter, und die Häuser der Stadt, aus der wir kamen, weichen immer größeren Wiesenflächen und Feldern. „Da vorne!“, ruft Abigail plötzlich und drückt ihre Nase erneut gegen die Scheibe. „Ich seh’s!“ „Wir wissen, wo das Freibad ist“, murmele ich, lehne mich jedoch ebenfalls ein Kleinwenig in ihre Richtung, um besser sehen zu können.
Der Busfahrer bremst etwas härter als nötig. Ich rutsche auf meinem Sitz und werde von Abby, die sich demonstrativ zurückfallen lässt, weggedrückt. „Endstation“, verkündet der Busfahrer knapp und wir sehen uns an, steigen aus, einer nach dem anderen, und die Bustür schließt sich hinter uns mit einem Geräusch, das verdächtig nach Erleichterung klingt. Vor uns liegt das Freibad. Dunkel. Still. Und eindeutig nicht für Besucher geöffnet. Theoretisch.
Abigail hüpft schon aufgeregt auf der Stelle. „Okay“, sage ich. „Wer klettert zuerst über die Mauer neben dem Eingang?“ Sofort schnellt neben mir Abbys Hand in die Höhe und sie sieht mich erwartungsvoll an. „ICH! Brauch aber deine Hilfe Veya“ Natürlich.








