Chapter 1
Chapter 1
Athne
Ich starrte durch die getönte Scheibe des Autos auf das Gebäude und ließ meinen Blick dann zu den anderen Leuten schweifen, die über das Gelände liefen. Ich seufzte, umklammerte die Riemen meiner Tasche und drückte dann auf den Türgriff.
Ich wollte hier nicht sein, aber die Entscheidung war für mich getroffen worden.
Ich wusste bereits, dass ich jede Minute hassen würde.
Der Fahrer öffnete die Tür vollends und ich bedankte mich. Ich strich mir mein kastanienbraunes Haar aus dem Gesicht und steckte ihm die paar gefalteten Geldscheine zu, die ich aus meinem Portemonnaie gezogen hatte. Er sah sie an und verzog das Gesicht. Scheiße. Ich hatte wirklich gehofft, dass er sie erst ansehen würde, wenn er wieder im Auto saß und davonfuhr. Ich tat so, als wäre mir das egal, und machte mich auf den Weg zum Heck des Wagens, wo er meine zwei Koffer am Gehweg stehen gelassen hatte.
Das Auto fuhr an und überfuhr dabei fast einen anderen Studenten. Ich wusste, dass der Fahrer bei dieser prestigeträchtigen Schule ein besseres Trinkgeld erwartet hatte als das mickrige, das ich ihm gegeben hatte.
Es sieht ganz so aus, als hätten wir beide Erwartungen gehabt, die nicht erfüllt wurden.
Ich griff nach den Koffern und rollte sie in Richtung des Wohnheims, das mit seinen Zinnentürmen und den steilen Giebeln eher wie eine gotische Burg aussah. Es erstreckte sich über den Rasen und verschwand an beiden Enden hinter gepflegten Bäumen und ummauerten Gärten.
Spitze, mit Efeu bewachsene Torbögen verliefen parallel zueinander über einen gepflasterten Weg, der direkt bis zur Tür führte. Ich ging nun darauf zu und zog die Koffer hinter mir her, während Gruppen von Studenten mir aus dem Weg gingen; ihre Gesichter waren voller Genervtheit.
Es schien, als hätten sich die meisten Studenten bereits eingelebt, und ich war eine der Letzten, die mit ihren Taschen ankamen. Ein paar Nachzügler hatten jedoch Personal, das ihnen beim Tragen und Auspacken half, während sie ihre Freunde begrüßten. Ich sah sogar eine Umzugsfirma, die Designermöbel auf Rollbrettern in das große Gebäude schob.
Das war nicht die College-Erfahrung, die ich mir vorgestellt hatte. Ich hatte mich eigentlich auf ein Community College eingestellt, wollte nebenbei in einem Servicejob arbeiten und bei meiner Mutter wohnen, während sie abends kellnerte und tagsüber als Nanny arbeitete.
Aber Tante Catherine hatte andere Pläne für meine Zukunft. Sie war gerade in der Zulassungsstelle der Wellbright Academy eingestellt worden – einer „Akademie, die eine vielfältige Auswahl an Schülern aus allen Verhältnissen aufnimmt, mit dem Ziel, erfolgreiche und unternehmungslustige Studenten hervorzubringen, um eine kooperative Zukunft zu fördern“, oder was auch immer zur Hölle in der Broschüre stand.
Es schien eine gute Schule zu sein, auch wenn sie kaum im Internet präsent war. Ich konnte sie nicht einmal bei einer Google-Suche finden. Tante Cathy musste mir den offiziellen Link schicken. In dem Moment, als ich die E-Mail erhielt, hatte ich bereits beschlossen, dass das nicht infrage kam. Es war eine Elite-Schule. Sie schrie förmlich nach „teuer“.
Aber meine Mutter blieb hart. Sie wollte, dass ich eine Verbindung zu meinem Vater hatte, obwohl er gestorben war, als ich sechs war. Anscheinend war Tante Cathy die einzige Verbindung, und ich würde in Wellbright sein, egal was ich wollte. Tante Cathy hatte mir ein Stipendium besorgt. Es kostete praktisch das Gleiche wie das Community College. Damit war mein Schicksal besiegelt.
Ich wusste allerdings, dass meine Mutter eine Pause brauchte. Sie hatte mich die letzten zwölf Jahre alleine großgezogen und dabei jahrelang mehrere Jobs gleichzeitig gemacht. Wenn ich an der Schule wäre, mit mehreren Staaten zwischen uns, könnte sie sich endlich mal um sich selbst kümmern.
Es war nicht so, dass wir uns nicht verstanden hätten. Meine Mutter war meine beste Freundin. Ich vermisste sie jetzt schon, während die Räder der zusammengewürfelten Koffer, die wir gebraucht gekauft hatten, laut rumpelnd über den Boden hoppelten.
Ich hielt an einem Eingang an und zog einen gefalteten Zettel aus meiner Umhängetasche.
Flügel D.
Ich starrte auf die Türen, um irgendein Schild zu finden, das mir zeigen könnte, wo ich hin musste, als jemand von hinten in meine Koffer rammte. Sie wurden mir in die Beine gedrückt, sodass ich ins Stolpern geriet. Die Koffer klappten auf, die dünnen Verschlüsse sprangen auf und Kleidung verteilte sich auf dem Weg. Ich fing mich wieder, um nicht zu Boden zu gehen, drehte mich aber wütend um.
„Hoppla. Sieht so aus, als wären die Stipendiaten mit ihrem Müll angekommen. Du solltest vielleicht deinen Abfall vom Weg räumen. Wir versuchen hier zu laufen“, die Brünette schüttelte ihr Haar, blitzte mich mit ihren grünen Augen an und stieg an meinen verstreuten Koffern vorbei die breite Steintreppe zum Wohnheim hinauf.
Oh nein, auf keinen Fall.
Ich griff nach ihrem Arm, als sie an mir vorbeiging, und drehte sie herum. Sie japste und riss ihren Arm weg, als wäre meine Berührung die größte Beleidigung gewesen.
„Das ist Dolce Gabbana, du erbärmlicher Mensch!“ Sie starrte auf den Ärmel ihres Shirts und untersuchte ihn auf Flecken.
„Heb es auf“, forderte ich.
„Ich fasse deinen Scheiß nicht an. Ich will mir keine Krankheit holen“, spuckte sie zurück.
Ich machte einen Schritt auf sie zu, die Fäuste geballt. Ich hatte noch nie jemanden geschlagen, aber ich würde nicht vier Jahre an dieser Schule damit beginnen, mich wie ein Fußabtreter behandeln zu lassen.
„Heb es auf, oder ich schwöre dir, du wirst es bereuen“, ich kniff die Augen zusammen.
„Oh, du wirst diejenige sein, die es bereut, du Müll“, sie grinste und ließ plötzlich ihre Nägel vor mir aufblitzen. Nur waren es keine Nägel. Es waren Krallen. Scharfe, spitze Keratinspitzen, die vor meinem Gesicht tanzten. „Ich bin Madison Hearst. Ich berühre keine Kleidung, außer sie ist vom Designer.“
Was zur Hölle?
Ich konnte nicht anders, als schockiert auf ihre Hand zu starren. Sie lachte. Die Krallen zogen sich plötzlich zurück und sie sah auf ihre schlanken Finger hinab.
„Du Schlampe! Du hast meine Maniküre ruiniert.“ Sie schnaubte verächtlich und drehte sich wieder weg, aber dieses Mal ließ ich sie gehen. Ich sah ihr nach, wie sie im Wohnheim verschwand, und fragte mich erneut, was ich hier eigentlich tat.
Ich stopfte meine Sachen zurück in den Koffer und ignorierte die Blicke der Studenten, die an mir vorbeigingen. Es schien, als hätte ich diesen Ort beim ersten Mal richtig eingeschätzt. Ich würde es hier hassen.
Ich stieg die breite Steintreppe hinauf und durch den Torbogen mit den offenen Doppeltüren. Sofort schlug mir kühle Luft entgegen, die regelrecht in meine Haut biss. Die dicken Steinmauern blockierten jede Wärme von draußen, und ich fröstelte leicht, während ich stehen blieb, um mir unter meiner Jeansjacke die Arme zu reiben.
Ich war überrascht, einen Empfangstresen zu sehen, wie ich ihn mir in einer noblen Hotel-Lobby vorgestellt hätte. Ich ging mit meinen Taschen darauf zu, und die Frau mit dem strengen blonden Dutt und dem Blazer sah lächelnd auf.
„Kann ich Ihnen helfen?“ Sie strahlte eine Fröhlichkeit aus, während sie sich vorbeugte. Sie sickerte förmlich aus ihren Poren und ging mir bei meiner ohnehin schon schlechten Laune auf die Nerven. Ich seufzte schwer.
„Können Sie mir sagen, wie ich zu Flügel D komme?“
„Oh, Flügel D.“ Die lächelnde Fassade in ihrem Gesicht bröckelte. „Gehen Sie den Flur ganz bis zum Ende durch“, sie deutete darauf. „Dann gehen Sie die Wendeltreppe hoch und ganz bis zum anderen Ende des Flurs. Das ist Flügel D.“
Sie schaute bereits über meine Schulter nach jemand anderem, der Hilfe brauchte. Leider war sie bei mir hängen geblieben.
„Gibt es vielleicht einen Plan vom Campus oder so etwas? Ich habe keine Führung oder ähnliches gemacht. Ich habe mich ziemlich spät beworben, also weiß ich nicht genau, wo alles ist.“
„Hier“, sie schob ein Papier über den Tresen.
„Danke“, meine Stimme triefte vor Sarkasmus, als ich es nahm, es um einen der Koffergriffe knüllte und die Taschen vom Eingang weg den Flur hinunterrollte, in den sie mich geschickt hatte.
Der Flur war lang, und ich hatte das Gefühl, die gesamte Länge des Gebäudes entlangzulaufen. Schließlich erreichte ich eine Wand, runzelte die Stirn, ging ein Stück zurück und sah eine schmale Treppe, die sich nach oben wand. Da war nicht einmal genug Platz, um meine beiden Koffer nebeneinander zu stellen. Ich schob den Griff bei einem nach unten, packte ihn und hievte ihn unbeholfen vor mich, während ich den anderen hinter mir die Stufen hinaufpoltern ließ.
Ich stolperte aus dem schmalen Durchgang und suchte nach einem anderen Flur, aber der einzige, der dort war, führte zurück in die Richtung, aus der ich gekommen war.
Mit jedem Schritt fing ich an, in meinem Kopf zu fluchen, und eine schwarze Wolke legte sich über meine Stimmung. Ich ging an einer Reihe von Aufzügen vorbei und fluchte laut, genau in dem Moment, als ich einen Gemeinschaftsbereich erreichte. Ein Mädchen mit seidig schwarzem Haar blickte von einer Couch im Loungebereich auf. Sie grinste mich an.
„Erstes Jahr?“ Sie sah mitfühlend aus, ihr Lächeln und ihre braunen Augen wirkten warm.
„Ja. Ist es so offensichtlich?“
„Sie haben dich den langen Weg gehen lassen, also ja“, kicherte sie. „Das machen sie mit allen Neulingen in Flügel D.“
„Was macht Flügel D so besonders?“, brummte ich, stellte meine Koffer zur Seite und ließ mich auf eine andere Couch plumpsen.
„Flügel D ist der Menschenbereich des Gebäudes. Flügel C ist für die Hexen, Flügel B ist für Werwölfe und Flügel A ist für die Drachen.“
Ich fing an, über sie zu lachen, beeindruckt von der Überzeugung in ihrer Stimme. Sie sah mich verwirrt an, ihre Stirn kräuselte sich.
„Okay, das war’s wohl mit dem ‚kein Hazing‘. Wie komme ich zu meinem Zimmer?“ Ich holte den gefalteten Zettel heraus und sah ihn mir erneut an. „112.“
„Du musst da lang“, sie deutete in die Richtung zurück, aus der ich gekommen war. „Ich bin direkt gegenüber von dir“, sie schenkte mir ein weiteres Lächeln.
Ich sah mich um. „Sind wir die Einzigen hier?“
„Es gibt nicht viele Menschen. Die meisten lassen sich abschrecken, selbst wenn sie überhaupt ein Einladungsschreiben nach Wellbright bekommen. Aber eine Handvoll gibt es hier irgendwo.“
„Okay. Wovon redest du? Ich bin auf dem Weg hierher an hunderten anderen Studenten vorbeigegangen.“
„Weißt du gar nichts über Wellbright?“, das Mädchen runzelte die Stirn.
„Nur das Wenige, was online stand.“
„Okay, ich wusste gar nicht, dass sie überhaupt etwas online haben. Aber die wichtigen Dinge wirst du dort definitiv nicht finden“, sie kicherte und setzte sich aufrechter hin.
„Wovon redest du da?“
„Wellbright ist eine ganz besondere Akademie. Wirklich einzigartig. Zumindest in diesem Land. Es gibt noch eine andere in Europa, gegründet von denselben Familien. Es ist eine Schule für Kinder aus den verschiedenen Zweigen der Magie – außer Vampire. Die hatten, ähm, ständig Probleme mit den Vampiren, also wurden sie quasi von der Schule ‚ausgeladen‘. Und dann die Selkies natürlich. Die sind so gut wie weg, praktisch ausgestorben. Aber Hexen, Werwölfe, Drachen und Menschen kommen noch einigermaßen gut miteinander aus. Also, so gut, wie sie es eben können.“
Ich starrte sie nur an, mein Puls hämmerte.
„Wie ich schon sagte, es gibt nie viele Menschen. Wir sind so etwas wie das Schlusslicht. Ich bin übrigens Nyah.“
Mein Gehirn versuchte noch immer, Worte zu formen, aber ich schien die Fähigkeit zu sprechen verloren zu haben.
„Drachen?“ Endlich brachte ich ein Wort heraus, auch wenn es eher ein Stottern war.
Nyah starrte mich einen Moment lang besorgt an. „Wusstest du etwa nichts davon?“
„Nein“, flüsterte ich verwirrt.
Plötzlich fragte ich mich, ob meine Mutter und meine Tante das alles die ganze Zeit wussten. Und wenn ja, warum hatte meine Mutter dann zugestimmt, mich hierher zu schicken?








