Der letzte ruhige Nachmittag
Der Garten war zu klein für die Antenne, die Eva bauen wollte, aber das hielt sie nicht davon ab, es trotzdem zu versuchen.
Andreas saß auf der Terrasse, eine Tasse Kaffee in der Hand, die längst kalt geworden war, und sah seiner Tochter zu, wie sie einen alten Schirm, drei Meter Kupferdraht und ein Multimeter zu etwas zusammenbaute, das nach ihrer festen Überzeugung Signale aus dem Weltall empfangen konnte. Zwölf Jahre alt, und schon überzeugter von ihrer eigenen Theorie, als die meisten Erwachsenen es je von irgendetwas waren.
„Papa, hältst du das mal?“
Er hielt es. Das tat er immer. Es war eine seiner wenigen verlässlichen Fähigkeiten als Vater eines Kindes, das klüger war, als er selbst mit zwölf gewesen war – Dinge halten, während Eva sie zusammenschraubte, und die richtigen Fragen stellen, damit sie selbst auf die Antworten kam.
„Wenn da wirklich jemand ist,“ sagte Eva, ohne aufzusehen, „will ich die Erste sein, die es weiß.”
„Das glaube ich dir,“ antwortete Andreas.
Annamarie stand in der Küchentür, ein Geschirrtuch in der Hand, und beobachtete die beiden mit dem Lächeln, das sie für Momente wie diesen aufhob. Sie hatte nie ganz verstanden, woher Evas Besessenheit kam – aber sie hatte auch nie ganz verstanden, woher Andreas’ eigene Art zu denken kam, dieses beständige, fast unruhige Sich-Kümmern um Zusammenhänge, die andere Menschen gar nicht erst sahen. Sie hatte irgendwann aufgehört, danach zu fragen. Manche Dinge an einem Menschen musste man nicht verstehen, um sie zu lieben. Man musste sie nur zulassen.
Was sie nicht wusste, weil Andreas selbst keine Worte dafür hatte, war, wie weit das zurückreichte.
Es hatte in einem Garten wie diesem angefangen, fast vierzig Jahre zuvor, an einem Sommernachmittag, an den er sich nur noch in Fragmenten erinnerte – das Gras, die Bienen, ein Gefühl, das sich näherte, ohne dass er hätte sagen können, woher. Er war drei Jahre alt gewesen. Etwas hatte sich in ihm festgesetzt, still und ohne Vorwarnung, und war seitdem geblieben, wie ein Untermieter, den er nie eingeladen und nie wieder hinausgeworfen hatte. Er hatte es seiner Familie nie richtig erklären können, nicht, weil er es geheim hielt, sondern weil ihm die Worte fehlten – wie erklärt man jemandem, dass man sein ganzes Leben lang das Gefühl gehabt hat, nicht ganz allein in sich selbst zu sein, ohne dass es beängstigend klang?
Annamarie hatte es nie direkt angesprochen. Aber sie hatte es gespürt, auf ihre eigene, stille Art – dass in Andreas etwas war, das größer war als er selbst, das sich manchmal in seinen Ideen zeigte, in der Art, wie er Probleme löste, die andere für unlösbar hielten. Sie nannte es seine Kreativität, wenn sie überhaupt einen Namen dafür brauchte. Das war einfacher, als nach der wahren Ursache zu fragen. Und vielleicht war es das auch, auf eine Weise.
„Fertig,“ sagte Eva schließlich, und richtete die improvisierte Antenne auf den Nachmittagshimmel. „Jetzt müssen wir nur warten.”
„Worauf denn?“ fragte Andreas, obwohl er die Antwort kannte.
„Auf irgendwas,“ antwortete Eva, mit der Selbstverständlichkeit eines Kindes, das noch nicht gelernt hatte, an sich selbst zu zweifeln. „Es muss doch irgendwas da draußen geben.”
Es war eine gute Zeit, dieser Sommer. Eine seltene, ruhige Zeit, in der die Welt für ein paar Wochen stillzustehen schien, in der ein Nachmittag im Garten das Größte war, was ein Tag zu bieten hatte, und das genug war.
Das Telefon klingelte, kurz nach fünf.
Andreas stand auf, mit der Tasse noch in der Hand, und ging hinein, um abzunehmen, ohne zu ahnen, dass dieser Anruf die ruhige Zeit beenden würde.
„Steinmann.”
„Hier General Hartmann.” Die Stimme war knapp, wie immer, ohne Umschweife. „Es tut mir leid, Sie so kurzfristig zu stören. Aber wir brauchen Sie wieder. Osteuropa. Sofort.”
Andreas sah durch das Küchenfenster hinaus in den Garten, wo Eva noch immer geduldig ihre Antenne auf den Himmel ausrichtete, und Annamarie sich zu ihr gesetzt hatte, mit einer Tasse Tee, die sie nicht trinken würde.
„Ich verstehe,“ sagte er. „Wann?“
„Morgen früh,“ antwortete Hartmann.
Er legte auf, blieb einen Moment stehen, mit dem Blick noch immer auf seine Familie gerichtet, und dachte an das Gefühl von jenem Sommertag vor vierzig Jahren, das ihn nie ganz verlassen hatte – dass etwas begonnen hatte, das größer war als er, und dass es, wann immer er es am wenigsten erwartete, nach ihm greifen würde.
Er wusste noch nicht, wie recht er damit hatte.
Er ging zurück in den Garten, setzte sich zu seiner Familie, und sagte für den Moment noch nichts. Es blieb ihm noch ein Abend. Den wollte er nicht mit schlechten Nachrichten beginnen.








