Buch 1. Asche des Bordells KAPITEL 1
Ort: Welt-5 (parallel)
Objekt: Vergnügungshaus „Red Flower“
Status: Sklave (Kategorie: Freizeit)
Code: 1/4 Dämon (ruhend)
Verbleibende Zeit: 6 Tage 23 Stunden
Ressource: 3 %
Die kalten Eisenketten drückten gegen seine Handgelenke. Ihre Kälte kroch tief in seine Knochen und versetzte seinen erschöpften Körper in Zittern. Vor ihm erstreckte sich der Bestrafungsraum, geduldig und erwartungsvoll. Seine Wände schienen vor Vorfreude zu atmen. Die schwarzroten Oberflächen trugen die dunklen, unauslöschlichen Flecken zahlloser Nächte. Diese Flecken waren tiefer in den alten Putz eingezogen als die kunstvollen goldenen Verzierungen an der Decke – ein groteskes Zeugnis für den verdrehten Ästhetik-Sinn und den Gottkomplex des Erbauers. Wenigstens tat das Blut an den Wänden nicht in den Augen weh. Auf eine schreckliche Weise war es praktisch.
Ihm gegenüber stand ein penibel geordnetes Regal voller Instrumente – aus Metall, Leder und Holz. Jedes Stück war durch den Schweiß und das Leiden derjenigen, die vor ihm hier gewesen waren, auf einen blendenden, fast heiligen Glanz poliert. Das Funkeln durchschnitt das gedimmte, flackernde Licht wie Scherben aus zerbrochenem Glas. Das Strafmaß für das Verschütten eines Getränks auf das Revers eines Kunden: sieben Tage in Ketten. Freier Zugang. Erster Abend. Ressourcen bei absolutem Nullpunkt.
Sein Körper kannte das Protokoll in- und auswendig. Er spannte sich automatisch an, mit der geübten Präzision eines Soldaten vor der Schlacht, als würde er sich auf den Sprung in eiskaltes, unbarmherziges Wasser vorbereiten. Sein Atem stockte ihm in der Kehle, doch mit reiner Willenskraft zwang er ihn, sich zu beruhigen.
Einatmen. Ausatmen.
Nur eine weitere Routine in diesem endlosen Kreislauf der Erniedrigung. Schwere Schritte hallten auf dem Flur draußen wider, ihr Rhythmus war bewusst und bedrohlich. Zwei unterschiedliche Kadenzen – die eine selbstbewusst und herrisch, die andere blieb leicht unterwürfig und unsicher zurück. Die schwere Tür öffnete sich lautlos und enthüllte zwei Gestalten, die sich vom schwachen Licht des Flurs abhoben. Ein Weibchen und ein Männchen. Der Geruch traf ihn zuerst, ein direkter Angriff auf seine Sinne: nasses Fell, beißendes Adrenalin und billiges Parfüm, das verzweifelt versuchte, die überwältigenden Pheromone zu überdecken, den Kampf aber kläglich verlor.
Lycans.
Koel biss die Zähne so fest zusammen, dass sein Kiefer hörbar knackte. Natürlich. Der Abend hatte schlecht begonnen, was bedeutete, dass er auch so enden würde – wie alles in seinem Leben in den letzten quälenden Jahren. Ein einzelner Schweißtropfen rann seinen Rücken hinunter, ein reflexartiger Ausbruch urzeitlicher Angst, die er trotz jahrelanger Konditionierung nicht kontrollieren konnte. Sein Körper machte sich für die unvermeidlichen Schläge bereit, wie ein Hund, der vor einem nahenden Gewitter kauert. Bestienbändiger. Sie kamen immer für das Exotische und gingen mit zufriedenen, gesättigten Gesichtern. Standard-Kundenzyklus. Offenbar fehlte ihnen die Fantasie oder vielleicht der Mut für etwas Kultivierteres.
„Sieh dir dieses exquisite Exemplar an.“
Raue Finger packten sein Kinn mit brutaler Gewalt. Ein scharfer, schmerzhafter Ruck. Nägel gruben sich in seine Haut und hinterließen halbmondförmige Abdrücke, die durch den Druck sofort weiß wurden.
„Kleiner Vogel. Wirst du für Vergnügen sorgen?“
Sie trat ihre Schuhe mit beiläufiger Verachtung von sich. Zog sich langsam und methodisch aus, mit jener überlegenen Selbstsicherheit, die nur absolute Straflosigkeit und ungebremste Macht verleihen können. Das Männchen suchte bereits sein Instrument der Qual aus. Er sortierte Peitschen, Haken und Klemmen mit dem geschulten Blick eines Kenners. Er blieb bei einer schweren Lederpeitsche mit grausamen Metallstacheln stehen und wog sie in der Hand wie ein Metzger, der das perfekte Messer für die Schlachtung auswählt.
„Ich will Blut sehen“, sagte er, seine Stimme unheimlich ruhig, obwohl seine Finger leicht am Griff zitterten. Die Wahl war offensichtlich, vorhersehbar. Kunden liebten das klassische Set. Keine Innovationen, keine Überraschungen, nur die zuverlässige, bewährte Formel des Schmerzes.
Sein Herz setzte einen Schlag aus und hämmerte dann gegen seine Rippen wie ein gefangener Vogel, der verzweifelt nach einem Ausweg suchte. Sein Puls schoss gefährlich in die Höhe. Adrenalin flutete seine Adern, heiß und bitter, und bereitete seinen Körper auf den Ansturm vor.
Schlag.
Die Luft entwich seinen Lungen in einem rauen, schmerzhaften Zischen. Die Haut riss mit einem ekelhaften Geräusch auf und Schmerz schoss durch seine Nerven – scharf, sauber, präzise, wie das Skalpell eines Chirurgen, das durch Fleisch schneidet.
Schlag.
Blutbäche rannen seine Schulterblätter hinunter, warm und klebrig, und färbten seine Haut in Purpur. Der metallische Geruch von Eisen vermischte sich mit der überwältigenden Lust der Lycans und erzeugte ein widerlich süßes, schweres Aroma. Der Geruch von verfaulten Blumen nach einem Sommerregen, erstickend und schwer.
Koel öffnete halb seine geschwollenen Augen. Die Pupillen des Weibchens waren geweitet, fast völlig schwarz und schluckten die Iris ganz. Ihr Atem kam in abgehackten Stößen. Ihre Zunge fuhr in einer langsamen, bewussten Bewegung über ihre Lippen, und in dieser Bewegung lag etwas Hungriges, Verzweifeltes, fast Wildes. Ein Raubtier, das eine verwundbare Beute wittert. Oder vielleicht ein Raubtier, das Angst hat, die Beute könnte vor dem Kill verschwinden.
Der nächste Schlag landete direkt auf seiner Brust, die Wucht hallte durch seinen ganzen Körper. Er streifte seinen Wangenknochen und der kupferne Geschmack von Blut explodierte in seinem Mund. Ein Stöhnen entfuhr ihm gegen seinen Willen, ein Laut reiner Qual. Sauerstoff brannte in seinen Lungen wie konzentrierte Säure. Sein Körper flehte ihn an, abzuschalten, in die gnädige Dunkelheit der Bewusstlosigkeit zu gleiten.
Er ließ es nicht zu. Konnte es nicht zulassen.
Bis zehn zu zählen half nicht, die Zahlen lösten sich in sinnloses Rauschen auf. Er wechselte zu Überlebenstaktiken: durch die Nase atmen. Nicht auf das Folterinstrument schauen. Seinen Blick auf den Riss in der Wand fixieren – dünn, gewunden, wie ein Fluss auf einer alten Karte, der irgendwohin weit weg von dieser Hölle führt.
Die Schläge kamen nun chaotisch, ohne Rhythmus oder Gnade. Sein linkes Auge schwoll zu, die Welt verengte sich zu einem einzigen, schmerzhaften Schlitz. Blut überflutete seine Schläfe, warm und scheinbar endlos. Übelkeit kroch seine Kehle hoch, doch er schluckte sie mit grimmiger Entschlossenheit hinunter.
Der letzte Schlag warf ihn mit verheerender Wucht von den Knien. Er brach auf dem kalten, unerbittlichen Steinboden zusammen. Die Oberfläche roch nach Feuchtigkeit und altem Blut – dem eines anderen, das längst in den porösen Stein eingezogen war, ein dauerhafter Fleck des Leidens.
Das Weibchen kauerte mit räuberischer Anmut neben ihm. Ein Finger tauchte in sein Blut. Sie leckte ihn langsam ab und antwortete auf den Geschmack mit einem leisen Stöhnen, und in diesem Stöhnen lag etwas, das Scham oder vielleicht Befriedigung ähnelte.
„Nicht genug“, entschied sie, ihre Stimme zitterte leicht vor kaum unterdrückter Aufregung.
Eine scharfe Kralle zog eine Linie von seinem Schlüsselbein bis zu seinem Magen und schnitt tief ein. Bis auf den Muskel, wo eine Vene mit hektischem Leben pulsierte. Koel schrie, ein roher, urzeitlicher Laut, der aus den Tiefen seiner Seele gerissen wurde. Aus dem Schmerz und der überwältigenden Überlastung seines Nervensystems, als zu viele Signale gleichzeitig in einer Kakophonie der Agonie schrien.
Er versuchte wegzurollen, der Qual zu entkommen. Ein schwerer Stiefel krachte mit brutaler Gewalt in seine Rippen. Ein weiteres Knacken, diesmal lauter und ekelhafter.
„Wo zur Hölle willst du hin, du kleines Stück Scheiße?“
Sie atmete ihm ins Gesicht, ihr heißer Atem trug einen unerträglichen Geruch – eine giftige Mischung aus Verlangen, Angst und etwas Verrottetem tief in ihrer Seele. Sein Herz verfiel in eine gefährliche Arrhythmie und ließ Schläge aus wie ein alter Mann am Rande des Todes. Das Männchen wirbelte sie plötzlich mit groben Händen herum. Warf sie mit achtloser Gewalt auf das Bett. Die Sprungfedern kreischten protestierend.
Es begann. Stöhnen. Schläge. Animalisches Knurren. Hintergrundgeräusche. Audiobegleitung für die Prozedur, die sie Vergnügen nannten. Koel lag in einer wachsenden Pfütze aus seinem eigenen Blut, sein Bewusstsein trieb wie ein zerbrechlicher Span in einer heftigen Strömung. Schmerz pulsierte im Takt ihrer Bewegungen – rhythmisch, in seiner Grausamkeit fast musikalisch.
Erstick daran, dachte er mit bitterem Hass. Stopft euch voll. Bis ihr platzt. Bis ihr in eurer eigenen widerlichen Haut krepiert. Lustvolle Bestien. Verrottet. Blind.
Doch tief in ihm, unter der dicken Schicht aus Hass, regte sich etwas anderes. Keine Angst. Kein Schmerz. Mitleid. Für jene, die die Agonie eines anderen brauchten, um sich lebendig zu fühlen, um sich menschlich zu fühlen.
Und Hass. Reiner, konzentrierter Hass.
Wie der letzte Notstromkreis, wenn die Hauptsysteme katastrophal versagten. Der Körper war zu schwach, um Widerstand zu leisten. Der Geist zu vernebelt vor Schmerz, um zu planen.
Doch der Hass – er brauchte keine Stärke. Er synthetisierte sie. Aus Schmerz. Aus Demütigung. Aus der Erinnerung daran, wer er vor diesem Raum war, vor diesem Leben.
Er sickerte langsam, dickflüssig in sein Blut. Ertränkte das Schreien der überlasteten Nerven. Bündelte sein verschwommenes Sichtfeld auf einen einzigen, brennenden Punkt.
Auf ihre Rücken. Auf den Rhythmus ihres Atems. Auf ihr Vertrauen in ihre eigene Straflosigkeit, die bereits aus allen Nähten platzte.
Ich werde mich erinnern, dachte er, die Worte kristallisierten in seinem Geist. Nicht als Schwur. Als Versprechen an sich selbst.
Jeder Schlag. Jeder Geruch. Jedes Wort. Jedes Zittern in ihren Händen.
Etwas klickte im Inneren. Nicht in seinem Kopf. In seinem Rückgrat. In der Struktur seines Blutes, wo der Vierteldämon schlief und auf seine Stunde wartete.
Der Vierteldämon antwortete. Nicht mit einem Brüllen. Nicht mit Feuer. Er spürte hochwertigen Brennstoff – Hass, durch Schmerz gereinigt und verfeinert.
Und dann kam das Gefühl. Hitze, die von seinem Nacken die Wirbelsäule hinunterkroch. Ein Jucken unter der Haut, als würde etwas, das lange schlief, in ihm erwachen. Der Geschmack von Blut in seinem Mund veränderte sich – schärfer, metallischer, fast elektrisch.
Ich werde überleben, legte eine trockene innere Stimme fest, kalt und absolut. Ohne Zittern. Wie ein Urteil.
Shell-Aktualisierung. Code aktiviert. Der Dämon in ihm dehnte sich aus und spürte, wie der Käfig riss.
Ich werde den nächsten Schlag einstecken. Und den nächsten. Bis es reicht. Bis die Zeit gekommen ist.
Er atmete langsam aus. Luft zischte aus seinen Lungen, und in diesem Geräusch lag etwas, das an Lachen erinnerte, dunkel und wissend. Der Schmerz ging nicht, aber er hörte auf, Chaos zu sein. Er wurde zum Hintergrund. Zu einem Werkzeug.
Daran erinnert, es zu nutzen. Daran erinnert, zu überleben. Daran erinnert, zu werden.









