Sieben Minuten von Darzz bei Inkitt
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Sieben Minuten

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Zusammenfassung

Mara lebt in Ravensburg. Ethan in Kanada. Sie kennen einander nicht. Bis Mara eines Morgens in einem fremden Zimmer aufwacht – in einem Körper, der nicht ihrer ist. Zur selben Zeit erwacht Ethan Tausende Kilometer entfernt in ihrem. Was zunächst wie ein unmöglicher Traum wirkt, hinterlässt Spuren. Nachrichten in fremder Handschrift. Menschen, die Veränderungen bemerken. Entscheidungen, die plötzlich jemand anderes treffen muss. Und die Erkenntnis, dass jeder neue Tausch das Leben des anderen ein Stück weiter verändert. Während Mara und Ethan versuchen, Regeln für etwas aufzustellen, das sich nicht kontrollieren lässt, stoßen sie auf Zufälle, die irgendwann keine mehr sein können: derselbe Nachname. Zwei Geburtstage, nur sieben Minuten voneinander entfernt. Und eine Geschichte, die in beiden Familien anders erzählt wurde. Je näher sie der Wahrheit kommen, desto weniger geht es darum, warum sie die Körper tauschen. Sondern darum, warum ausgerechnet sie. Sieben Minuten ist ein Roman über Identität, Familie und die Frage, wie man sein eigenes Leben wählt, wenn plötzlich nichts mehr so sicher ist, wie man immer geglaubt hat.

Genre:
Young Adult
Autor:
Darzz
Status:
In Arbeit
Kapitel:
3
Rating
n/a
Altersfreigabe
16+

Kapitel 1 — Mara

Der Wecker klingelte nicht, weil Mara ihn schon ausgeschaltet hatte, bevor er konnte.

Es war kurz vor sechs, noch dunkelblau vor dem Fenster, und im Haus war nur das leise Ticken der Heizung zu hören, die sich gerade erst entschied, ob sie an diesem Morgen überhaupt anspringen wollte.

Sie zog sich an, ohne Licht zu machen. Das konnte sie im Dunkeln, so wie andere Dinge, die sie nie bewusst gelernt hatte, sondern die sich einfach über die Jahre in ihre Hände gelegt hatten — Kaffee kochen für zwei, ohne zu fragen, wie viel; die Wäsche sortieren, bevor jemand danach fragte; wissen, an welchem Tag der Woche ihre Mutter mehr Zeit für ein Gespräch hatte und an welchem besser keine Fragen kamen.

Unten stand ihre Mutter schon am Herd, im alten grünen Morgenmantel, und drehte sich kurz um.

„Du bist früh dran.”

„Konnte nicht schlafen.”

„Wegen der Buchhandlung?”

Mara öffnete den Küchenschrank und nahm zwei Tassen heraus. Seit Montag arbeitete sie vormittags in der kleinen Buchhandlung am Marienplatz, ein Ferienjob für die letzten Wochen vor dem Herbst. Nichts Besonderes, aber immerhin besser, als bis mittags im Bett zu liegen und so zu tun, als hätte sie nichts, worüber sie nachdenken musste.

„So was.”

Ihre Mutter nickte, zufrieden mit der Antwort, und stellte zwei Teller auf den Tisch.

„Falls du heute Mittag zu Oma fahren könntest — sie hat wieder was mit dem Drucker, und ich hab Spätschicht.”

„Klar.”

Es war eine der Fragen, die keine echte Frage war, sondern eine Bitte, die man aus Höflichkeit als Frage verkleidete. Mara antwortete darauf, wie sie immer antwortete, ohne nachzudenken, weil Nachdenken bei solchen Sätzen nur Zeit kostete, die am Ende doch zu derselben Antwort führte.

Ihre Mutter schob ihr einen Teller hin.

„Danke.”

„Kein Problem.”

Und damit war es erledigt.

Die Kopie lag noch dort, wo Mara sie vor drei Wochen hingelegt hatte: hinten im Fach ihres alten Musikkastens, unter der Notenmappe, die seit der siebten Klasse niemand mehr angerührt hatte.

Sie öffnete das Fach nur kurz, bevor sie das Haus verließ, so wie man manchmal nach etwas in der Tasche tastete, nicht weil man es brauchte, sondern weil man sich vergewissern wollte, dass es noch da war.

Technische Universität München.Bewerbung um einen Studienplatz im Fach Architektur.

Das Original hatte sie im Juli abgeschickt.

Seitdem wartete sie.

Nicht einmal nur auf eine Antwort. Manchmal hatte sie das Gefühl, sie wartete vor allem auf den Moment, in dem sie irgendjemandem davon erzählen musste.

Sie hatte die Bewerbung an einem Nachmittag ausgefüllt, an dem Felix beim Fußball gewesen war und ihre Mutter Spätschicht gehabt hatte. Den Umschlag hatte sie noch am selben Abend eingeworfen.

Danach hatte sie sich gefühlt, als hätte sie etwas gestohlen.

Obwohl es ihr eigenes Leben war, um das es ging.

Warum sie niemandem davon erzählt hatte, wusste sie selbst nicht genau.

Nicht ihrer Mutter, die vermutlich gefragt hätte, ob sie sich das gut überlegt habe. Nicht vorwurfsvoll. Nicht einmal ablehnend. Eher mit dieser vorsichtigen Stimme, die so klingen sollte, als ließe sie jede Möglichkeit offen, obwohl man die Sorge darin trotzdem sofort hörte.

Und Felix schon gar nicht.

Seine Zukunft stand längst fest. Wirtschaftsingenieurwesen in Weingarten. Nicht weit weg. Vernünftig. Bezahlbar. Gut.

Manchmal plante er Maras Zukunft einfach daneben, ohne es zu merken.

Vielleicht, dachte sie, während sie das Fach wieder schloss, wollte sie einfach einmal etwas besitzen, das noch niemand kommentiert hatte.

Felix wartete schon vor der Buchhandlung, als sie nach ihrer Schicht herauskam.

Er lehnte mit dem Rücken an der Hauswand und hielt zwei Eis am Stiel in der Hand, die in der Nachmittagshitze bereits an den Rändern weich wurden.

„Erdbeer für dich.”

Er drückte ihr eines in die Hand.

„Danke.”

„Ich hab überlegt, ob wir heute Abend zu meinen Eltern könnten.”

Mara zog die Verpackung vom Eis.

„Warum?”

„Mein Vater wollte mit dir über ein Praktikum reden. Für nächstes Jahr.”

„Ein Praktikum?”

„Bei ihm in der Firma. Muss ja nichts Großes sein.” Felix biss von seinem Eis ab und setzte sich in Bewegung. „Aber dann kennst du schon ein paar Leute, falls du später auch in Weingarten anfängst.”

Mara blieb für einen Moment stehen.

Felix merkte es erst nach zwei Schritten und drehte sich um.

„Was?”

„Ich hab noch gar nicht gesagt, dass ich nach Weingarten gehe.”

Er sah sie an, als müsste er kurz überlegen, ob sie das ernst meinte.

„Nein, aber wir haben doch darüber geredet.”

„Wir haben mal darüber geredet.”

„Ja.”

„Das heißt nicht, dass ich mich entschieden hab.”

Felix hob die freie Hand.

„Hab ich doch auch nicht gesagt.”

Seine Stimme blieb freundlich. Es lag nichts Forderndes darin, nicht einmal wirkliche Irritation.

Das machte es schwerer.

Er ging weiter, und Mara schloss zu ihm auf.

„Ich dachte nur”, sagte er, „weil es halt Sinn macht. Du wärst nicht weit von deiner Mutter weg, ich bin dort, meine Eltern könnten uns am Anfang helfen. Wenn wir irgendwann was Kleines finden, wäre das doch eigentlich perfekt.”

Wenn wir irgendwann was Kleines finden.

Er sagte es so selbstverständlich, als wäre die Wohnung schon irgendwo da draußen und warte nur darauf, dass sie alt genug wurden, um den Schlüssel abzuholen.

Mara aß von ihrem Eis.

Ein Tropfen lief über ihren Daumen.

„Ist ja auch noch Zeit”, sagte Felix.

„Ja.”

„Ich freu mich halt drauf.”

Sie sah ihn an.

„Worauf?”

Er zuckte mit den Schultern.

„Dass es irgendwann richtig losgeht. Studium, eigene Wohnung. Nicht mehr immer alles mit Eltern absprechen.”

Dann grinste er.

„Und dass wir wissen, wo’s hingeht.”

Mara sah auf ihr Eis.

Es tropfte inzwischen auf ihre Hand.

Sie dachte an den Musikkasten zu Hause. An die Kopie unter der Notenmappe. An München.

„Alles okay?“, fragte Felix.

„Ja.”

Sie wischte sich die Hand an einem Taschentuch ab.

„Nur die Hitze.”

Felix nickte, als wäre damit alles geklärt.

Mara lächelte.

Es war einfacher als alles andere.

Bei ihrer Großmutter dauerte der Drucker keine zehn Minuten.

Papierstau.

Das Blatt steckte so sichtbar unter der Klappe, dass Mara sich fragte, wie ihre Großmutter es geschafft hatte, zweimal die Nachbarin anzurufen und schließlich Sabine, ohne einmal auf die Idee zu kommen, die Klappe zu öffnen.

„Du kannst so was halt”, sagte ihre Großmutter, nachdem der Drucker wieder summte.

„Ich hab nur das Papier rausgezogen.”

„Sag ich doch.”

Mara blieb noch auf einen Kaffee.

Ihre Großmutter erzählte ihr von einer Frau aus dem Haus, deren Sohn jetzt in Stuttgart arbeitete, und von irgendeinem Umbau zwei Straßen weiter. Mara hörte zu, stellte an den richtigen Stellen Fragen und ging erst, als sie sicher war, dass ihre Großmutter nicht noch etwas brauchte.

Als sie nach Hause kam, war ihre Mutter bereits auf dem Weg zur Arbeit.

Auf dem Küchentisch lag ein Zettel.

Essen im Kühlschrank. Bin gegen elf zurück.Danke wegen Oma.

Darunter ein kleines Herz.

Mara stellte den Zettel gegen die Zuckerdose und ließ ihn dort stehen.

Am Abend telefonierte Felix noch einmal.

Nicht lange.

Er erzählte von seinem Vater, vom Fußballtraining am nächsten Tag und davon, dass seine Mutter gefragt hatte, ob Mara am Wochenende mit zum Grillen komme.

„Klar”, sagte Mara.

„Gut. Dann sag ich ihr Bescheid.”

Kurze Pause.

„Und wegen vorhin — war nicht so gemeint, als hätte ich schon irgendwas für dich entschieden.”

Mara setzte sich auf die Bettkante.

„Hab ich auch nicht so verstanden.”

Das stimmte sogar.

Zumindest fast.

„Okay.”

„Okay.”

„Schlaf gut.”

„Du auch.”

Nachdem sie aufgelegt hatte, blieb Mara noch einen Moment sitzen.

Sie hätte es ihm sagen können.

Einfach so.

Ich habe mich in München beworben.

Sechs Wörter.

Keine davon besonders schwierig.

Sie stand auf, ging zum Musikkasten und legte die Hand auf den Deckel.

Öffnete ihn aber nicht.

Ihre Mutter kam kurz nach elf nach Hause.

Mara hörte unten die Haustür, Schritte in der Küche, den Kühlschrank.

Sie ging noch einmal hinunter.

Sabine stand mit einem Glas Wasser am Fenster und hatte bereits ihre Arbeitsschuhe ausgezogen.

„Noch wach?”

„War noch nicht müde.”

„Wie war Oma?”

„Drucker läuft wieder.”

„Natürlich.”

Mara grinste.

„Papierstau.”

Ihre Mutter schüttelte den Kopf.

„Ich hab ihr gezeigt, wie man die Klappe aufmacht.”

„Das hast du ihr letztes Mal auch gezeigt.”

„Ich weiß.”

Sabine lachte leise.

„Du bist meine Rettung, weißt du das?”

„Ja, langsam schon.”

„Frech.”

Mara setzte sich auf einen der Küchenstühle.

Ihre Mutter erzählte kurz von der Arbeit. Nichts Besonderes. Eine Kollegin war früher gegangen, jemand hatte einen Dienst getauscht, die üblichen Dinge.

Mara hörte zu.

Sie dachte daran, ihr von München zu erzählen.

Nur für einen Moment.

Dann sagte Sabine, dass sie am nächsten Morgen früh rausmusste, küsste Mara auf die Stirn und ging nach oben.

Mara blieb noch kurz allein in der Küche sitzen.

Es gab keinen richtigen Grund, es heute zu sagen.

Morgen war schließlich auch noch ein Tag.

Später lag sie im Bett und dachte an nichts Bestimmtes.

An Felix und die Wohnung, die in seinem Kopf offenbar schon existierte.

An den Brief im Musikkasten.

An ihre Mutter, die wahrscheinlich längst schlief.

Die Gedanken hatten kein richtiges Gewicht mehr. Sie zogen nur noch vorbei, lose miteinander verbunden, wie Dinge, die man aus einem fahrenden Zug sah und nicht lange genug betrachtete, um sie sich zu merken.

Irgendwann kippte der Schlaf über sie wie Wasser.

Sie träumte von Schnee.

Nicht von hier.

Der Schnee lag falsch.

Zu trocken. Zu hell.

Er fiel vor einem Fenster, das nicht ihres war, mit einem Rahmen aus hellem Holz statt der weißen Kunststoffprofile in ihrem Zimmer.

Irgendwo roch es nach Kaffee.

Sie konnte keine Küche sehen, nur einen Teil einer Arbeitsplatte aus dunklem Holz und eine Hand, die eine Tasse darauf abstellte.

Eine große Hand.

Männlich.

Am Daumenknöchel verlief eine kleine weiße Narbe.

Es war nicht ihre Hand.

Sie wusste es im Traum einfach.

Es beunruhigte sie nicht. Noch nicht. Es war nur da, wie ein Radio in einem anderen Zimmer.

Eine Stimme rief etwas.

Weit weg.

Ein Name.

Ethan.

Mara kannte niemanden, der so hieß.

Der Schnee fiel weiter, lautlos vor dem fremden Fenster.

Die Hand mit der Narbe hob die Tasse wieder an.

Und für einen Moment hatte Mara das vollkommen klare Gefühl, zu wissen, wie sich der Kaffee darin anfühlte — warm in einer Hand, die ihr nicht gehörte.

Dann war es dunkel.

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