Das Beste Vom Besten von Susi Wortsalat bei Inkitt
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Das Beste vom Besten

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Zusammenfassung

Jersey versteht nicht jedes Wort der Menschen. Doch er kennt ihre Stimmen, ihre Schritte und ihren Geruch. Er kennt die Sonne auf seinem Rücken, die Äpfel am Weidezaun und Max, der seit Fohlentagen an seiner Seite ist. Dann kommt ein fremder Mann. Was als Abschied beginnt, wird zu einer Reise, auf der aus einem geliebten Pferd erst Fracht und schließlich Ware wird. Jersey erzählt von Vertrauen und Verrat, von menschlicher Hilflosigkeit, wirtschaftlichen Zwängen und einer Welt, in der ein Name auf keinem Etikett steht. Eine gesellschaftskritische Kurzgeschichte, die nicht anklagt, ohne hinzusehen – und die fragt, was von einem Lebewesen bleibt, wenn andere nur noch das „Beste vom Besten“ sehen. Das Cover wurde mithilfe von ChatGPT gestaltet.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
1
Rating
n/a
Altersfreigabe
16+

Das Beste vom Besten

Die Sonne liegt warm auf meinem Rücken. Neben mir rupft Max das Gras mit derselben Ruhe aus dem Boden, mit der er alles tut. Seit wir Fohlen waren, stehen wir zusammen auf den Wiesen, teilen Heu, Äpfel und die stillen Stunden zwischen zwei Besuchen unserer Menschen.

Manchmal kraulen wir uns gegenseitig die Mähne. Manchmal, wenn unsere alten Knochen es zulassen, jagen wir ein paar Schritte über die Koppel und tun so, als läge das ganze Leben noch vor uns.

Auch unsere Menschen sind Freunde. Wenn sie am Zaun stehen und miteinander reden, warten Max und ich geduldig auf das Rascheln ihrer Jackentaschen. Fast immer fällt dabei ein Apfel für uns ab. Manchmal sogar zwei.

Mein Mensch kennt meine Lieblingsstelle unter der Mähne, an die ich selbst schlecht herankomme. Wenn sie mich dort krault, schließe ich die Augen. Ich erkenne ihre Schritte, lange bevor sie meinen Namen ruft. Und ich kenne ihren Geruch: Leder, Apfel und etwas, das nur zu ihr gehört.

Max hebt den Kopf und stößt mich mit den Nüstern an. Sein Atem riecht nach Gras und Sommer.

Gestern hat mein Mensch lange bei mir gestanden. Sie hat ihr Gesicht in meine Mähne gedrückt und mich fester umarmt als sonst.

„Es tut mir leid, Jersey“, hat sie geflüstert.

Ich kenne meinen Namen. Die übrigen Worte habe ich nicht verstanden. Nur ihre Stimme. Sie klang anders, schwerer. Den Apfel in ihrer Hand ließ ich unberührt. Ich spürte, dass etwas nicht stimmte. Schließlich legte sie ihn vor meine Hufe und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Jetzt hallen fremde Schritte über den Hof. Schnell, hart, ohne das vertraute Zögern vor dem Weidetor. Ein fremder Mann kommt auf mich zu. Er trägt keine Möhren in der Tasche und streicht mir nicht über die Stirn. Er greift nach meinem Halfter, befestigt einen Strick und zerrt mich hinter sich her.

„Los. Mach schon.“

Ich stemme die Hufe in den Boden. Der Strick spannt sich. Der Mann flucht laut und zieht fester.

„Stell dich nicht so an, du Mistvieh.“

Max wirft den Kopf hoch. Sein Wiehern klingt anders als sonst – schrill und drängend. Ich antworte ihm, so laut ich kann, und suche voller Angst den Hof nach meinem Menschen ab.

Sie ist nicht da. Ich bin allein.

Ich steige. Für einen Augenblick sind meine Vorderhufe in der Luft, das Halfter schneidet in mein Genick und der Mann springt zur Seite. Dann reißt er mich zurück auf den Boden. Der Schmerz nimmt mir die Kraft für einen zweiten Versuch.

Der Mann treibt mich über den Hof. Ein Stock trifft immer wieder meine Hinterhand. Vor einem Transporter bleibe ich stehen. Aus seinem Inneren dringt der Geruch von Schweiß, Mist und Angst. Ein Huf schlägt gegen Metall.

Ich reiße den Kopf hoch. Hinter mir ruft Max noch einmal.

Dann schiebt sich die Rampe unter meine Hufe.

Drinnen stehen Pferde dicht an dicht. Eine Stute presst sich an die Wand. Neben ihr drängt sich ein Fohlen gegen ihren Bauch. Als ich hineingestoßen werde, weicht niemand zurück. Nicht, weil sie nicht wollen. Sie können es nicht. Es fehlt ihnen an Kraft und Platz.

Die Tür fällt zu.

Durch einen schmalen Spalt sehe ich Max am Zaun. Er wird kleiner, erst langsam, dann schneller. Sein Wiehern bleibt noch einen Moment bei mir.

Dann verschwindet auch das.

* * *

Am Küchentisch liegt ein Foto. Jersey auf seinem ersten Turnier, die Ohren aufmerksam nach vorn gerichtet. Neben ihm eine junge Frau, die lacht, als könne ihr nichts geschehen, solange er bei ihr ist.

Jetzt hält diese Frau das Bild mit beiden Händen fest. Daneben liegen Tierarztrechnungen, die Kündigung des Einstellplatzes und eine Kopie des Auftrags, den sie unterschrieben hat.

Wochenlang hatte sie telefoniert. Mit Reitställen, Gnadenhöfen und Menschen, die in ihren Anzeigen ein liebevolles Zuhause versprachen. Sobald sie Jerseys Alter nannte und von seiner alten Verletzung erzählte, endete das Gespräch abrupt. Manche wollten sich wieder melden. Doch niemand tat es.

Ihr Konto ist in den roten Zahlen. Das Ersparte aufgebraucht. Sie kann die Stallmiete und Tierarztkosten nicht mehr bezahlen. Sie hatte sich eingeredet, diese letzte Entscheidung sei besser als ein Verkauf an jemanden, den sie nicht kannte.

Der Mann am Telefon hatte ihr versprochen, Jersey werde in den Schlachthof im Nachbarort gebracht. Kein langer Weg. Kein unnötiges Leiden. Schnell und fachgerecht, hatte er gesagt. Zum Wohle des Tieres.

Sie hatte genickt, obwohl er es nicht sehen konnte. Begleiten konnte sie Jersey nicht. Allein die Vorstellung, seinen letzten Atemzug zu hören, hatte ihr die Luft genommen.

Nun starrt sie auf das leere Halfter an der Wand.

Was sie nicht weiß: Jersey hat den Nachbarort längst hinter sich gelassen.

Was sie nicht weiß: Eine Unterschrift hat genügt, um aus ihrem Pferd eine Ware zu machen.

* * *

Der Fahrtenschreiber blinkt rot. Noch zwanzig Minuten, dann müsste der Fahrer eine Pause machen. Er kennt die Rastplätze auf dieser Strecke. Zu voll, zu eng, zu wenig Zeit.

Hinter ihm stampfen die Pferde. Früher hat er bei jedem Schlag gegen die Wände zusammengezuckt. Heute dreht er das Radio lauter.

Eine sachliche Stimme spricht von Schlachtpferden, die über Grenzen transportiert werden. Von Tieren ohne Wasser. Von Verletzungen, Erschöpfung und Kontrollen, die zu selten stattfinden.

Der Fahrer greift nach seinen Zigaretten. Einmal hat er angehalten und den Tieren Wasser gegeben. Sein Chef hat ihn angeschrien, ob er den Zeitplan nicht verstanden habe.

Zeit ist Geld.

Seitdem hält er nicht mehr an.

Er braucht den Lohn. Die Miete ist gestiegen, sein Sohn braucht eine Zahnspange, und zu Hause fragt niemand mehr, was genau er eigentlich transportiert.

Manchmal erinnert er sich an das Fohlen auf der Weide seines Großvaters. An ein helles Wiehern und daran, wie es ihm aus der Hand fraß.

Die Pferde hinter ihm nennt er Fracht. Fracht hat keine Augen. Fracht hat keinen Durst. Fracht wartet nicht darauf, dass jemand kommt.

* * *

Der Wagen rollt, bremst und rollt wieder. Jeder Ruck wirft uns gegeneinander. Hufe rutschen über den nassen Boden. Die Stute neben mir knickt ein. Für einen Moment liegt ihr Bein unter meinem, und ich kann den Huf nicht fortnehmen. Sie schreit.

Ich versuche auszuweichen, doch da ist kein Platz. Flanke an Flanke, Hals an Hals stehen wir in der Dunkelheit. Die Luft ist heiß und scharf. Meine Zunge klebt am Gaumen.

Das Fohlen ruft nach seiner Mutter. Erst laut, dann leiser. Irgendwann höre ich nur noch den Motor.

Die Zeit hat aufgehört, aus Stunden zu bestehen. Sie besteht nur noch aus Bremsen, Anfahren und dem Versuch, nicht zu stürzen. Durch den Spalt fällt erst helles, dann orangefarbenes Licht. Schließlich spiegelt sich darin nur noch die Dunkelheit.

Aus dem Radio dringt die Stimme bis zu uns nach hinten.

„… trotz geltender Vorschriften dauern die Transporte häufig mehr als zehn Stunden …“

Reden sie über uns?

Musik setzt ein und verschluckt den Rest.

Ich denke an Max. An die Sonne auf meinem Rücken. An die Hände meines Menschen, die nach Apfel und Leder riechen. Ich halte mich an diesen Bildern fest, während unter meinen Hufen die Straße weiterzieht.

Meine Beine zittern. Die Stute neben mir steht wieder, doch sie belastet eines ihrer Beine nicht mehr. Das Fohlen liegt zwischen unseren Körpern. Seine Mutter senkt immer wieder den Kopf zu ihm, so weit es die Enge erlaubt.

Als der Wagen endlich steht, ist es dunkel.

Die Rampe sinkt herab. Kaltes Licht fällt in den Transporter. Männer rufen. Metall schlägt gegen Metall. Die Pferde vor mir stolpern hinaus, und die hinter mir drängen nach.

Der Boden draußen ist glatt. Es riecht nach Eisen, Desinfektionsmittel und etwas Süßlichem, das ich nicht kenne und doch sofort fürchte.

Ein Wallach fällt auf die Knie. Er rappelt sich hoch, bevor die Stange ihn ein zweites Mal trifft.

Die Stute mit dem verletzten Bein schafft die Rampe kaum. Zwei Männer ziehen vorn, einer treibt sie von hinten. Ihr Fohlen bleibt im Transporter liegen. Die Tür wird geschlossen, ohne dass sie zu ihm zurückkehren kann.

Wir werden in einen schmalen Gang getrieben. Vor uns eine Tür. Hinter uns eine Tür. Dazwischen nur Körper, Atem und das Klappern unserer Hufe.

Aus einer Rinne läuft Wasser. Ein dunkler Tropfen fällt hinein und zieht einen roten Kreis. Für einen Augenblick denke ich an Regen.

Dann höre ich den Schrei hinter der nächsten Wand. Er bricht so plötzlich ab, dass die Stille danach lauter ist.

Der Fahrer steht draußen an einem Zaun und raucht. Er sieht zu Boden. Vielleicht hört er denselben Schrei. Vielleicht hat er nur gelernt, so zu tun, als wäre da keiner.

Ich suche nach der Stimme meines Menschen. Vielleicht ist sie doch gekommen. Vielleicht ruft sie meinen Namen, und ich höre ihn nur nicht zwischen all den fremden Lauten.

Niemand ruft.

Der Gang wird kürzer.

Noch einmal sehe ich Max vor mir. Er steht auf unserer Wiese, den Kopf über den Zaun gestreckt. Neben ihm ist eine Stelle frei.

Dann wird es dunkel.

* * *

Man könnte glauben, meine Geschichte sei hier zu Ende.

Sie ist es nicht.

Als Pferd endet meine Reise. Als Fleisch beginnt sie von vorn.

Sie ziehen mir die Haut ab, trennen, prüfen und sortieren. Wertvoll. Weniger wertvoll. Verwertbar. Abfall. Von Jersey spricht niemand. Mein Name steht auf keinem Zettel.

Etwas von mir aber bleibt. Vielleicht hängt es an den Stücken, in die sie mich zerlegen. Vielleicht ist es nur die Erinnerung an Sonne, Gras und Max. Sie reist mit, obwohl mein Herz längst aufgehört hat zu schlagen.

Meine Hufe, meine Haut, meine Knochen – ab hier gehen wir getrennte Wege. Nur das Fleisch, das sie für gut genug halten, wird sorgfältig behandelt, gekühlt, gewogen und verpackt. Auf den Etiketten stehen Zahlen, Herkunftsländer und Daten. Kein einziges Wort erzählt, wer ich gewesen bin.

Wieder ein Transporter.

Diesmal ist er sauber und kühl. Meine Stücke liegen mit Abstand zueinander, ordentlich verpackt und mit Stempeln versehen. Niemand schlägt gegen die Wand. Niemand braucht Wasser. Niemand schreit.

Nur die Kühlung summt.

An einer Grenze werden Papiere geprüft. Ein Stempel kommt hinzu. Dann fährt der Transporter weiter – zurück in das Land, aus dem ich lebend fortgebracht wurde.

Stunden später werden die Pakete ausgeladen. Einige fahren weiter, andere bleiben. Was einmal zu mir gehörte, wird getrennt und in verschiedene Richtungen geschickt.

Eines meiner Stücke landet in einer Küche. Ein Mann mit weißer Haube prüft das Fleisch, nickt zufrieden und legt es auf ein Brett. Er wäscht, klopft, würzt und brät es. Seine Hände sind ruhig. Fast zärtlich.

Er achtet auf jede Minute. Das Fleisch soll innen rosa bleiben. Auf den Tellern zieht er mit dunkler Soße einen Bogen und setzt das Gemüse daneben, als müsste alles genau an seinem Platz liegen.

Wenn ich noch weinen könnte, würde ich es jetzt tun.

Im Gastraum brennen Kerzen. Leise Musik liegt zwischen den Tischen. Die Gäste sind festlich gekleidet und sprechen gedämpft, als fände hier etwas Feierliches statt.

Der Kellner trägt zwei Teller zu einem jungen Paar.

„Pferdesteak aus bester Weidehaltung, dazu Bio-Gemüse“, erklärt er. „Guten Appetit.“

Die Frau nimmt ihr Handy und fotografiert den Teller.

„So schön angerichtet“, sagt sie.

Der Mann lächelt sie an.

„Lass es dir schmecken, mein Schatz. Hier bekommst du nur das Beste vom Besten.“

Das Messer gleitet durch mich. Ein kleines Stück verschwindet in ihrem Mund. Sie schließt die Augen und lächelt.

„So zart.“

Draußen, irgendwo, steht Max vielleicht noch am Zaun. Vielleicht wartet er. Vielleicht hat er längst aufgehört, nach mir zu rufen.

Dann wird es dunkel.

Diesmal für immer.

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