Prolog
Sondu-Tey bemerkte den pulsierenden grünen Punkt als Erster auf der Digitalplatte in seiner Hand – noch ehe ein leises Surren aus den Lautsprechern hallte und die übrigen Wissenschaftler der Etage auf das sich nähernde Flugobjekt aufmerksam machte. Ein erster Anflug von Besorgnis überkam ihn. Handelte es sich womöglich erneut um einen Asteroiden? Der letzte hatte vor über fünfhundert Sternenkreisen eine Kettenreaktion ausgelöst, die ihre Zivilisation an den heutigen Abgrund gebracht hatte: eine Gesellschaft kurz vor dem Untergang, energisch auf der Suche nach einer Lösung.
Der zweite Gedanke enthielt einen Funken Hoffnung. Hoffnung darauf, etwas lange verloren Geglaubtes vielleicht doch nicht verloren zu haben. Doch Hoffnung war ein irrationales Gefühl und in diesem Moment mehr als unangebracht. Er musste die Sache rational und vor allem realistisch betrachten. Die Wahrscheinlichkeit, dass Lundaej nach all dieser Zeit unbeschadet zurückkehrte, strebte gegen Null. Er musste dem Geschehenen strukturiert auf den Grund gehen, statt auf unwahrscheinliche Fügungen zu hoffen.
„Treya ni-lam! (Bewahren Sie Ruhe!)“, rief Sondu laut und kraftvoll, jedoch auch mit jener Gefasstheit in der Stimme, die seine Kollegen von einer möglichen Panik abhalten sollte. Panik war lediglich ein weiteres unnötiges Gefühl, das in keiner Situation einen Nutzen brachte. Alle Anwesenden in diesem Raum waren sich darüber durchaus im Klaren, doch bei einem Asteroidenabsturz konnte sogar der eine oder andere Calaner kurzzeitig die Fassung verlieren.
„Em re?(Was ist es?)“, fragte seine Kollegin Innraa mit ruhiger Stimme und blickte auf die Digitalplatte in ihrer Hand, die sich von Sondus nicht im Geringsten unterschied.
„Kry-a ni-hamanam! (Kein Objekt von der Größe eines Asteroiden!)"
Es war Dunkelphase in Tianamena, als die Kapsel mit einem lauten Knall, schneller als beabsichtigt, in die Atmosphäre von Caleo eindrang. Die Zeit war bereits vorangeschritten und läutete die letzte Schlafphase ein, sodass nur wenige Calaner das helle Licht am Himmel bemerkten, das mit hoher Geschwindigkeit dem Grund entgegenraste. Der Fluss Lymna fing das kleine Flugobjekt nahezu lautlos und unbemerkt auf. Nur wenige Schritte weiter wäre es auf dem Grund zerschellt oder aber ins Tal gestürzt. So schlugen die Wellen gegen das Ufer und tränkten den umliegenden Boden, ehe sich das Wasser wieder beruhigte und die Kapsel fast schwerelos in Richtung Wasserfall trieb.
Die Calaner, die das Licht aus ihren Quartieren heraus beobachtet hatten, würden nie erfahren, was es wirklich war. Es lag nicht in ihrem Wesen, neugierige Fragen zu stellen. Zwar besaßen sie von Natur aus einen gesunden Wissensdrang, doch würden sie sich niemals in Angelegenheiten einmischen, die sie augenscheinlich nichts angingen. Nur eine Handvoll ausgewählter Wissenschaftler aus dem Sektor zur Erforschung der Atmosphäre, unter ihnen Sondu-Tey und Innraa, sowie vier abgestellte Wachen aus dem Schutzsektor waren in kürzester Zeit vor Ort.
„Treya daun! I em re. Kem kry nyt. (Bleiben Sie zurück! Wir wissen nicht, was es ist. Es könnte sich um eine Gefahr handeln.)" Trotz ihrer Worte strahlte die junge Yoo-Lu Ruhe aus und hielt sich streng an die Vorgaben des Protokolls – auch wenn das Protokoll einen Fall wie diesen mit keiner Silbe beschrieb. Gemeinsam mit ihrem Team zog sie die Kapsel an Land und sah als Erste der Anwesenden das erstaunlichste Bild, das wohl je ein Caleolit gesehen hatte. Die Kapsel war von einem durchsichtigen Glas abgedeckt und gewährte den Blick auf zwei Mädchen in ihrem Innern. Aneinandergeschmiegt und mit geschlossenen Augen machten sie den Eindruck, als würden sie schlafen.
„Caleolit-a!“, rief sie aus, und selbst Yoo-Lu, als reinrassige Calanerin, konnte das Erstaunen in ihrer Stimme nicht verbergen.
* * *
Willkommen auf Caleo! Dieses Merkblatt ist entstanden, um dir die Ankunft in deiner neuen Heimat so angenehm wie möglich zu gestalten. Das Leben auf Caleo, wie du merken wirst, unterscheidet sich in manchen Dingen von dem dir bekannten, in anderen ist es deinem alten Leben erstaunlich ähnlich.
Beginnen wir mit diesem Planeten: Er ist um die Hälfte kleiner als jener, von dem du ursprünglich stammst. Auch hier ist Wasser lebensnotwendig für all seine Lebewesen, doch ist es leider nicht unbegrenzt vorhanden, weswegen du stets bedacht mit dieser kostbaren Ressource umgehen solltest. Ein weiterer Unterschied zur Erde, der dich wohl einige Gewöhnung kosten wird, ist, dass sich Caleo um einen Zwillingsstern bewegt. Dieser Planet hat also im Gegensatz zu deiner Heimat zwei Sonnen. Unser Planet besitzt zudem zwei Monde, Nilaji und Sondaji, die beide um einiges kleiner sind als der Mond, den du von der Erde kennst.
Dies alles wirkt sich unter anderem auf die Länge der dir bekannten Tage und Nächte aus. Im Vergleich zur Erde besteht eine Hell- und eine Dunkelphase (Tag beziehungsweise Nacht) unseres Planeten aus je drei Wach- und drei Schlafphasen seiner Bewohner. In dem Zeitraum, in dem sich Caleo einmal um sich selbst dreht, herrscht eine Hell- und eine Dunkelphase. Da diese Phasen aufgrund der langsamen Planetenrotation recht lange anhalten, sind sie noch einmal in Wach- und Schlafphasen unterteilt. Das hat zur Folge, dass wir abwechselnd drei Phasen lang in Helligkeit wachen und drei Phasen lang in Helligkeit schlafen; ebenso wachen und schlafen wir je drei Phasen in Dunkelheit, bevor der Kreislauf von vorn beginnt.
Unsere fortschrittliche Technologie sorgt jedoch dafür, dass dies in den Räumlichkeiten und auch auf den Wegen der Stadt nicht weiter auffällt und unseren Lebensrhythmus nicht beeinträchtigt. Unsere Beleuchtung simuliert die Hellphase auf perfekte Weise. Das Glas lässt sich bei Bedarf, etwa in den Schlaf-Hellphasen, problemlos verdunkeln und schafft so ideale Bedingungen für eine geruhsame Erholung. Unsere Kleidung ist so verarbeitet, dass sie uns in den warmen Hellphasen angenehme Kühlung verschafft, während sie in den kühlen Dunkelphasen die Körperwärme speichert und uns ausreichend wärmt.
Da Wasser auf Caleo eine Rarität ist, muss es, wie bereits erwähnt, mit Umsicht verwendet werden. Lediglich zur Erhaltung des Wasserhaushalts im Organismus wird es aufgenommen. Ein Par’em entspricht etwa zweieinhalb Litern nach deiner Rechnung und deckt den regulären Bedarf eines Calaners für eine Wachphase. Jeder bekommt nur die Menge, die er zum Leben benötigt. Anders als in deiner Heimat nutzen wir es nicht zum Waschen des Körpers. Stattdessen verwenden wir die Longdur, eine hochfrequente Beschallungsapparatur, die in jedem Wohnquartier vorhanden ist. Sie scannt den Körper auf Verunreinigungen und reinigt ihn im Bruchteil einer Sekunde, ohne dass du etwas davon spürst. Auch Krankheitserreger und Parasiten lassen sich so aufspüren, bevor sie deinem Organismus Schaden zufügen können, solange du die Longdur regelmäßig beim Verlassen und Betreten deines Quartiers nutzt.
Tianamena, wo du dich derzeit befindest, ist eine von zwei großen Städten auf Caleo. Der Großteil des Planeten ist unbewohnbar, eine Folge der Naturkatastrophen und Kriege nach einem schwerwiegenden Asteroidenabsturz, der jedoch schon Jahrhunderte zurückliegt. Diese Landschaften und Gebiete des Planeten sind verwildert, ohne Nahrung oder Wasser, voller Gefahren, schlichtweg eine Umgebung, in der ein Überleben nicht möglich ist.
Der Wassermangel zwingt uns, im einzigen bewohnbaren Gebiet zu leben, rund um die beiden Flüsse mit ihrer lebensspendenden Flüssigkeit. Tianamena und Deftaan trennen allein der Höhenunterschied und eine gewisse Distanz durch das Tal. Dies nicht ohne Grund. Eine Vermischung der jeweiligen Bewohner ist nicht erwünscht. Calaner, die Bewohner Tianamenas, und Preoliten, die Bewohner Deftaans, leben zwar in Frieden nebeneinander her und dulden sich gegenseitig, doch unterscheiden sich die beiden Völker zu sehr, als dass sie zusammenleben oder einander einen großen Mehrwert bieten könnten. Zwischen den Städten besteht ein Handel mit wichtigen Ressourcen, der jedoch nur dann stattfindet, wenn es notwendig ist. So oft wie nötig, so selten wie möglich!
Du musst dich nicht weiter mit dem Volk der Preoliten beschäftigen. Es handelt sich lediglich um eine unterentwickelte und vor allem ruppige Gesellschaft, an die du keinen weiteren Gedanken verschwenden solltest.
Hier in Tianamena geht es gesitteter zu. Die Bewohner ähneln den Menschen, wie du sie kennst, in vielerlei Hinsicht. Du wirst schnell merken, dass du nicht viel Umgewöhnung brauchst. Wir sind eine Gesellschaft, die sich auf ihre Bürger verlassen kann. Jeder hilft jedem, und alle sind höflich und wohlgestimmt. Unser Volk ist in drei unterschiedliche Sektoren unterteilt, und jeder Sektor trägt seinen Teil zur Gesellschaft und zum harmonischen Zusammenleben bei.
Zum einen gibt es den Versorgungssektor, gekennzeichnet durch die gelbliche Färbung der Gewänder seiner Mitglieder. Die Versorger statten alle mit Nahrung und Wasser aus und sorgen dafür, dass wir Kleidung haben und im Grunde alles erhalten, was wir besitzen und zum Leben benötigen.
Der Schutzsektor, gekennzeichnet durch die rötliche Färbung der Gewänder, wacht über die Sicherheit unserer Gesellschaft. Er schützt uns vor Eindringlingen von außerhalb ebenso wie innerhalb der Stadtgrenzen, und sein Blick reicht bis ins Universum hinaus. Die Beschützer halten Ausschau nach Unruhen und möglichen Gefahren und wenden sie von uns ab.
Zuletzt gibt es den Wissenschaftssektor, in dem du dich zurzeit befindest, weshalb du ein grünliches Gewand trägst. Wir Wissenschaftler sorgen für den Fortschritt und den Fortbestand unserer Gesellschaft und stellen die oberste Riege, die Entscheider über Tianamena.
Wir alle sind rationale Lebewesen. Wir lassen uns nicht von Gefühlen übermannen; unser Streben gilt allein der Wahrheit und der Logik. Wir treffen unsere Entscheidungen auf der Grundlage durchdachter Überlegungen und wägen den Gewinn gegen den möglichen Verlust ab.
In unserer Gesellschaft gibt es keine unkontrollierte Fortpflanzung. Jedes Leben, das bei uns besteht, ist nach bestem Wissen entstanden und wird hoch geschätzt. Bestimmte Mitglieder des Wissenschaftssektors berechnen die Bevölkerungsdichte und ihre Entwicklung. Bei abnehmender Dichte werden geeignete Individuen aus dem Geburtenquartier für die zu besetzende Position ausgewählt, großgezogen und auf ihre künftigen Aufgaben vorbereitet.
Es ist unvermeidlich, dass du in der nächsten Zeit eine Eingewöhnungsschulung bei uns absolvierst. Du wirst den Wissenschaftssektor in den kommenden Perioden nicht verlassen dürfen – zu deiner eigenen Sicherheit. Es ist essenziell, dass du dich erst einmal mit den Eigenschaften der Calaner vertraut machst, dich an unsere Lebensweise gewöhnst und besonders unsere Sprache erlernst, damit du unter der Bevölkerung nicht auffällst. Lerne deine neue Heimat in aller Ruhe kennen, bevor du mit ihr in Berührung kommst.
Um dir den Einstieg erheblich zu erleichtern, fertigen unsere Wissenschaftler in diesem Moment einen Kommunikator für dich an. Dieser wird es dir ermöglichen, unsere Sprache zu verstehen und zugleich akzentfrei zu sprechen, indem er direkt auf die Sprachzentren deines Gehirns einwirkt. Du kannst ihn ganz einfach durch deinen Gehörgang einführen und jederzeit schmerzlos wieder entfernen. Du wirst ihn kaum bemerken, doch deine neue Sprache wirst du auf Anhieb perfekt beherrschen und dadurch weit schneller erlernen. Sobald du die ungewohnten Laute und Bedeutungen verinnerlicht hast, wird es nicht mehr vonnöten sein, den Kommunikator zu nutzen.
Dank der umfangreichen Untersuchungen, die wir an dem Tropfen Blut durchgeführt haben, den du uns überlassen hast, konnten wir bereits erste Ergebnisse über deine Physiologie gewinnen. Caleoliten und Menschen ähneln einander erstaunlich, jedoch nur im Äußeren, wie es den Anschein hat. Deine inneren Abläufe unterscheiden sich stark von unseren, weshalb wir nicht sicher sein können, ob du unsere Art der Nahrungsaufnahme überhaupt verträgst. Zum Glück bildet bei uns beiden Wasser die Grundlage, weshalb wir in den vergangenen Zeiteinheiten ein Liquid entwickeln konnten, das dich von einer Wachphase bis zur nächsten mit allem versorgt, was du zum Überleben benötigst. Genauere Untersuchungen werden künftig noch weitere Erkenntnisse nach sich ziehen.
Dir wird ein eigenes Wohnquartier im Wissenschaftssektor zugewiesen. Dort verbringst du deine Schlafphasen. Aufenthaltsräume – vorerst noch ein von den übrigen Bewohnern getrennter Bereich – ermöglichen dir, deine Freizeit nach eigenem Belieben zu gestalten. Statt einer Arbeitseinteilung wären wir hocherfreut, in dieser Zeit genauere Erkenntnisse über dich gewinnen zu dürfen, während du sie zugleich nutzen kannst, um deine neue Heimat eingehend zu studieren.
Wir bedauern deinen schwerwiegenden Verlust, heißen dich jedoch herzlich in unserer Mitte willkommen und werden jede Bemühung auf uns nehmen, dir deine Eingewöhnung auf Caleo so angenehm wie möglich zu gestalten.








