Der Schamane Die Schatten Von Skovland von AmiciaDerose bei Inkitt
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Der Schamane - Die Schatten von Skovland

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Zusammenfassung

Tief in den nordischen Wäldern lebt Jonna bei dem alten Schamanen Olvir. Von ihm lernt sie die Geheimnisse des Schamanentums. Doch als die Kaiserliche Armee ihr idyllisches Leben bedroht, sieht sich Jonna gezwungen auf eine Reise in die Zivilisation zu gehen. Dort muss sie feststellen, dass der Schamanismus verboten ist. In ihrer neuen Heimat wird Jonna vor die Wahl gestellt :sich den rigiden Gesetzen beugen oder für ihre Überzeugungen kämpfen...

Status:
In Arbeit
Kapitel:
3
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16+

Am Rand des Feuers I

Jonna bemerkte es, bevor sie es sah.

Der Wald hatte sich verändert. Die Schritte der Gruppe klangen anders. Hohl. Unruhig. Zwischen den Bäumen lag kein gleichmäßiges Rauschen mehr, sondern etwas Dumpfes — als würde der Wald selbst zurückweichen.

Jonna blieb stehen.

Hinter ihr stieß jemand gegen sie.

   »Weitergehen«, murmelte eine Stimme.

Doch Jonna hörte kaum hin.

Da war etwas.

Kein Geräusch. Kein Geruch. Eher ein Druck, der von vorn kam.

Ihr Magen zog sich zusammen.

   »Jonna…«, murmelte Ila neben ihr.   »Komm.«

Jonna blinzelte, als würde sie aus zu tiefem Wasser auftauchen, dann setzte sie sich wieder in Bewegung.

Noch ein paar Schritte. Der Druck nahm zu. Dann lichteten sich die Bäume.

Vor ihnen ragte etwas dunkles empor.

Abermals blieb Jonna stehen.   

   »Jonna, was ist?«, fragte Ila.

   »Siehst du da?«

   »Was ist das?«

   »Ein… Berg?«

Es klang falsch, noch während sie es sagte.

   »Hier?« Ila trat einen Schritt vor.  »Das kann nicht sein.«

   »Kein Berg.«

Jonna drehte sich um. Und erkannte Ugo.

   »Das ist Bjornheim«, sagte er.

   »B… Bjornheim?«, brachte Jonna hervor. »Richtig.« Im Gesicht des Händlers erschien ein müdes Lächeln.  »Die Hauptstadt.«

Die Hauptstadt.

Jonna spürte, wie sich ihre Schultern anspannten. Wochenlang hatten sie nichts gesehen außer Wald. Dunkle Stämme, enge Pfade, das gleichmäßige Knirschen unter ihren Füßen, das Rauschen in den Zweigen.

Tag für Tag. Und jetzt—

   »Wir sind da«, sagte jemand leise.

Es klang nicht erleichtert. Eher erschöpft.

Niemand sagte etwas. Die Gruppe blieb nicht stehen, aber sie wurde langsamer.

Dann schneller. Als hätten sie neue Kraft gefunden, wo das Ziel plötzlich zum Greifen nah war. Gleichzeitig spürte Jonna Angst.

Sie ließ sich mitziehen. Doch ihre Augen suchten Ugo. Als Einziger ihrer Grupe, war er schon einmal in der Hauptstadt gewesen.

Jonna stolperte. Der Boden veränderte sich unter ihren Füßen. Er gab nicht mehr nach. Kein weiches Einsinken der Füße mehr.

Sie sah hinunter.

Stein.

Große, flache Platten, dicht aneinandergefügt. Abgetreten, glatt an manchen Stellen, rau an anderen. Der Schnee lag in den Fugen, grau und festgetreten, an manchen Stellen glattgescheuert.

Jonna stampfte mit den Füßen. Einmal. Zweimal. Schmerz schoss durch ihre Fußsohlen.

   »Eine Straße«, flüsterte Ila atemlos.  »Eine richtige Straße!«

Jonna nickte nur.

Jemand aus ihrer Gruppe schnappte hörbar nach Luft. Dann noch jemand. Jonna riss ihre Augen von der Straße los.

Das Dunkle, das sie für einen Berg gehalten hatte, war nun besser zu sehen.

Es war eine Mauer.

Sie zog sich nach links und rechts, hoch, dunkelgrau, schwer, ohne Ende. Der Schnee hatte sich in den Ritzen gesammelt, zeichnete helle Linien in das kalte Gestein.

Die Zinnen stachen in den Himmel. Zwischen ihnen vernahm Jonna Bewegung. Sie kniff die Augen zusammen.

Die Gestalten sahen winzig klein aus von hier unten. Kurz blitzte etwas auf.

Jonna blinzelte.

Da! Wieder.

Ein kaltes, metallisches Glimmen, das sich bewegte.

Ein Schauder lief ihr über den Rücken.

Rüstungen. Die Gestalten waren Soldaten.

Jonna spürte, wie sich ihr Nacken verspannte. Sie warf einen Blick über die Schulter. Zu spät zum umkehren.

Sie folgten der Straße. Jonna spürte die Nervosität, die über ihrer Reisegruppe hing.

Wieder schnappten einige hörbar nach Luft, als unmittelbar vor ihnen das Tor auftauchte. Es war noch größer als die Mauer. Gewaltig. Ein dunkler Schlund im Stein.

Es verschluckte die Menschen vor ihnen.

Einen nach dem anderen. Ließ sie klein wirken. Bedeutungslos.

Links und rechts daneben hingen Banner.

Dunkelblau. Schwer vom Schnee. Ein Rentierkopf darauf.

Jonna erkannte das Zeichen sofort.

Ihr Atem stockte.

Vertraut. Und doch—

Der Stoff bewegte sich kaum im Wind.

Zu kalt. Zu schwer.

Ein Luftzug strich durch die Gruppe, trug den Geruch von Rauch und Metall mit sich.

Jonna zog den Mantel enger um sich.

Die Kälte kroch durch den Stoff, biss sich in ihre Finger.

Niemand sprach.

Die Gruppe war langsamer geworden.

Als würde jeder Schritt näher an das Tor mehr Kraft kosten.

Ugo lief an der Spitze.

Jonna sah wieder nach oben. Zu den Soldaten. Zu den Mauern. Zu dem dunklen Eingang.

Und für einen Moment hatte sie das Gefühl, dass sie nicht hineingingen.

Sondern hineingezogen wurden.

Vor dem Tor hatte sich eine Schlange gebildet.

Wagen, Bündel, Tiere. Menschen, die aussahen wie sie. Und solche, die es nicht taten.

Ein Mann in grauem Mantel ging an ihnen vorbei, musterte die Gruppe kurz und verzog den Mund.

   »Noch mehr.«

Jonna spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. Ila reagierte nicht. Sie ging einfach weiter. Stellte sich an.

Jonna tat es ihr gleich.

Vor ihnen stritt ein Paar. Hinter ihnen hustete jemand trocken, immer wieder.

Jonna sah die Mauer hoch. Ihre Kehle wurde trocken.

Die Schlange rückte weiter.

Jetzt standen sie nah genug, um zu sehen warum die Schlange entstanden war.

Vier Soldaten standen vor dem Tor. Sie hielten jeden an. Befragten sie.

Jonnas Herz schlug schneller.

Soldaten.

Bilder schossen durch ihren Kopf.

Feuer. Schreie. Blut im Schnee.

Sie blinzelte, versuchte sie wegzudrängen.

Nicht hier. Nicht jetzt.

Doch die Angst war schneller.

Was, wenn—

Sie presste Ilas Hand.

   »Wir hätten weitergehen sollen«, flüsterte jemand hinter ihr.

   »Wohin denn?«

Keine Antwort.

Die Schlange setzte sich in Bewegung.

Langsam. Zäh.

Zu spät.

Die Soldaten kontrollierten die Wagen und die Bündel, die die Leute trugen. Manche wurden durchgewunken. Andere nicht.

Jonna sah, wie ein Mann zurückgewiesen wurde. Er sagte nichts. Er ging einfach.

Zurück in den Wald. Sie blickte ihm nach.

Die Menge drängte weiter. Es gab kein Zurück mehr. Schritt für Schritt wurden sie näher geschoben.

Das Tor wuchs vor ihr. Die Mauern schienen sich über sie zu beugen.

Zu nah. Zu groß. Zu endgültig.

  »Hör auf.«

Jonna sah zu Ila.  »Was?«

  »So zu schauen.«

  »Wie?«

Ila musterte kurz das Tor, dann wieder sie.

»Als würdest du hoffen, nicht erkannt zu werden.«

Jonna zog leicht die Stirn kraus.

»Nicht erkannt?«

Ila antwortete nicht sofort. Die Schlange rückte weiter. Dann sagte sie:

»Du machst ein Geseicht als hättest du panische Angst.«

Ein Ruck ging durch die Schlange. Einen Schritt vor.

»Du etwa nicht? Da sind Soldaten. Die Kaiserlichen...«

Jonna sah wieder nach vorn.

Zu den Wachen.

Zu den Blicken.

Zu den Händen an den Waffen.

   »Doch. Aber wenn wir uns benehmen, als haben wir etwas zu verbergen, machen wir uns verdächtig. Ausserdem...« Ila senkte die Stimme  »Schau genau hin. Der Federkamm auf dem Helm von dem einen ist blau.«

Jonna hob den Kopf. Ila hatte recht. Den Helm des einen Soldaten zierte ein blauer Federkamm. Blau – die Farbe Skovlands. Jonna atmete aus.

Ein Kind stolperte neben ihr. Sie griff automatisch nach ihm, hielt es fest, bis es wieder stand. Die Mutter nickte ihr zu.

Ila hatte es gesehen. Sagte nichts.

Die Anspannung fiel ein wenig von ihr. Doch die Nervosität blieb. Jonna drückte Ilas Hand. Die Freundinnen hielten die Hände ganz fest.

  »Name«, sagte eine der Wachen.

Die Stimme war müde. Nicht freundlich. Nicht unfreundlich.

Die Menschen vor ihnen antworteten.

Zu leise. Zu schnell.

Jonna spürte einen Kloß im Hals.

   »Mach ein neutrales Gesicht«, sagte Ila leise.  »Antworte klar.«

Jonna nickte.

Dann waren sie dran.

Der Soldat mit dem geschmückten Helm war groß, die Schultern breit unter der Rüstung. Sein Blick war kühl, beinahe gelangweilt.

   »Wer seid ihr und was wollt ihr in Bjornheim?«

Jonnas Mund wurde trocken. Ihre Lippen bewegten sich, aber kein Ton kam heraus.

Nicht jetzt. Bitte nicht jetzt.

    »Wir kommen von weit her«, sagte Ila neben ihr.

Jonna blinzelte zu ihr.

    »Wir sind Schwestern«, fuhr Ila fort, zog Jonna näher an sich.  »Unsere Eltern waren Hirten. Sie sind krank geworden… und vor einigen Wochen gestorben.«

Ihre Stimme zitterte genau richtig.

     »Unsere Tante lebt hier. Wir wollen zu ihr.«

Jonna nickte schnell.

Zu schnell.

Der Soldat musterte sie.

Sein Blick glitt über ihre Kleidung. Die zerrissenen Säume. Ihre schmutzigen Gesichter.

Ein Moment.

Zu lang.

Jonna hörte ihr eigenes Herz.

Er sieht es. Er weiß es. Gleich—

Der Soldat verzog leicht das Gesicht. Dann machte er eine ungeduldige Handbewegung.

   »Weiter.«

Jonna verstand es erst nicht. Dann schob sie jemand von hinten. Ila zog an ihr. Sie stolperte vorwärts.

Der Schatten der Mauer fiel über sie.

Und für einen Moment hatte sie das Gefühl, etwas hinter sich zu lassen—

ohne zu wissen, was.

Die Stadt schlug ihr entgegen.

Kein Wald, kein dunkles Dach aus Nadeln über ihr – nur Häuser, dicht an dicht, und darüber Dächer und Kuppeln, die den Himmel in Stücke schnitten.

Menschen überall. Stimmen, Schritte, Rufe, Eisenklirren, das Schnauben von Pferden. Es rauschte in ihren Ohren wie Sturm, nur ohne Bäume.

Jonna taumelte und krallte sich an Ila fest. Der Boden unter ihren Stiefeln war hart und glatt, kein federndes Moos, kein weicher Waldboden, der die Geräusche verschluckte.

Ein Turm ragte über allem, dick und fremd, sein Dach aus hellem Metall, das in der Abendsonne glühte. So etwas hatte sie bisher nur in Geschichten gehört.

Die Luft war schwer von Gerüchen: Rauch und Bratfett, Pferdeschweiß, etwas Süßliches, das ihr in der Nase brannte. Kein Harz, kein feuchter Erdgeruch, kein schlichter Stallduft ihrer Rentiere.

Alles wirkte zu groß. Zu nah. Zu viel.

Sie drängten sich weiter, weg vom Tor, fort aus dem dichtesten Gedränge, Ila zog sie an der Hand. Ihre Reisegruppe hatten sie längst aus den Augen verloren, und über den Köpfen der Fremden sah Jonna kein vertrautes Geweih, keinen einzigen Baum. Nur Stein, Menschen und dieses neue, atemlose Leben, das Bjornheim war.

   »Schau«, sagte Ila leise. Mit den Fingern strich sie über eine Hauswand, kaltes, dunkelgraues Gestein.

   »Sie sind wirklich aus Stein«, murmelte sie ehrfürchtig.

   »Ja«, sagte Jonna. Ihr Blick wanderte über die breite Straße, an deren Rand sie standen. Mitten hindurch verlief ein Kanal, aus dem es nach fauligem Wasser stank.

Menschen eilten zu beiden Seiten hin und her.

Zu viele.

Sie zwang sich, langsamer zu atmen.

Nicht auffallen, dachte sie. Nicht jetzt.

Nicht hier.

Ila folgte ihrem Blick. Kurz.

Jonna sah die Straße hoch. Zu etwas, das sie nicht sehen konnte — aber spürte.

Dieses Ziehen wieder.

Nicht zurück. Sondern tiefer hinein.

Und diesmal war sich Jonna sicher:

Es kam nicht von ihr.

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