Kapitel 1
Ich zog den Reißverschluss meiner alten Sporttasche so fest nach oben, dass die Zähne des Verschlusses leise knirschten. Meine Finger zitterten leicht, kalt und klamm von der feuchten Herbstluft, die durch die Ritzen der verlassenen Bushaltestelle kroch. Seit drei Stunden saß ich hier auf einer Holzbank, die nach altem Regen und Motoröl roch. Die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos schnitten regelmäßige Lichtkegel durch die Dunkelheit, warfen lange, zuckende Schatten an die Wand hinter mir und ließen mein Herz jedes Mal aufs Neue gegen meine Rippen hämmern.
Jedes Mal, wenn ein dunkler Wagen verlangsamte, zog sich mein Magen zusammen. Ich bildete mir ein, das Summen seines Motors zu erkennen. Das vertraute, bedrohliche Dröhnen, das monatelang das Signal dafür gewesen war, dass meine Welt gleich wieder zusammenbrechen würde.
Er weiß nicht, wo du bist, schärfte ich mir lautlos ein. Er weiß es nicht. Du hast das Telefon weggeworfen. Du hast die SIM-Karte zerbrochen.
Ich strich mir über die Schläfe, wo der dunkle Fleck unter meinem Make-up langsam pochte. Ein leiser, stumpfer Schmerz, der mich daran erinnerte, dass ich es tatsächlich getan hatte. Ich war gegangen. Mitten in der Nacht, als das Schloss der Haustür leise zu sprang und der Regen meine Spuren verwischte. Ich hatte nichts bei mir außer zwei Auswechselgarnituren Kleidung, meinem Notizbuch und den wenigen Ersparnissen, die ich monatelang in einem alten Lehrbuch versteckt hatte.
Mein Blick fiel auf das Display des billigen Pre-Paid-Handys, das ich an einer Tankstelle gekauft hatte. Die Anzeige zeigte 22:48 Uhr. Die Chat-Nachricht an den Vermieter war seit zwei Stunden raus: „Hi, ich bin Alex. Ich bin auf dem Weg zur WG. Der Bus hatte Verspätung, aber ich bin gleich da.“
Auf der Anzeige der Online-Plattform stand nur ein Name: J. Mercer. Das Zimmer war extrem günstig gewesen, fast schon verdächtig billig für eine kleine Unterkunft in unmittelbarer Nähe zum Campus der University of Oregon. Keine Kaution, sofort frei, möbliert. Der Chat-Verlauf war kurz und trocken gewesen: „Zimmer ist noch da. Passt ab heute. Nur Männer-WG eigentlich, aber solange du die Miete pünktlich zahlst und keinen Scheiß baust, isses mir egal. Lass uns morgen quatschen, Julian.“
Ich hatte nicht aufgeklärt, dass „Alex“ die Abkürzung für Alexandra war. Ich hatte einfach nur Ja gesagt. Ein Dach über dem Kopf war alles, was zählte.
Als der Bus endlich um die Ecke bog, stieg ich mit wackeligen Knien ein. Die Fahrt dauerte nur zehn Minuten, doch jede Ampelphase fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Schließlich stieg ich an einer ruhigen, von hohen Eichen gesäumten Straße aus. Die Einfamilienhäuser hier sahen älter aus, mit breiten Veranden und gepflegten Vorgärten. Das Haus mit der Nummer 412 hob sich jedoch deutlich von den Nachbarhäusern ab: Auf der Auffahrt standen zwei Autos, ein alter Pickup und ein schwarzer, schnittiger Sportwagen. Auf den Stufen zur Veranda lagen ein abgewetzter Football und zwei leere Softdrink-Dosen.
Ich blieb am Rande des Gehwegs stehen. Mein Atem stieg in kleinen, weißen Wolken in die Nachtluft. Ich umklammerte den Träger meiner Tasche so fest, dass meine Knöchel weiß hervortraten. Geh einfach weiter. Du musst nur anklopfen. Nur ein Zimmer. Nur ein Bett.
Schritt für Schritt zwang ich mich die Holzstufen hinauf. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, ein dröhnender Rhythmus, der jeden anderen Gedanken überlagerte. Ich hob die Hand und klopfte dreimal gegen das schwere Holz der Haustür.
Drinnen ertönten schwere Schritt. Das Holz knarrte.
Die Tür wurde aufgerissen, und das Licht aus dem Flur blendete mich für einen kurzen Moment.
Vor mir stand kein unauffälliger Student. Vor mir stand eine Hülle aus reiner Muskelmasse. Der Typ, der die Tür hielt, war riesig – sicher über eins einundneunzig groß, mit breiten Schultern, die den halben Türrahmen ausfüllten. Er trug nur eine graue Trainingshose und ein schwarzes T-Shirt, das sich eng über seine Brust spannte. Seine dunklen Haare waren leicht verstrubbelt, und sein Gesicht sah aus, als hätte er seit drei Tagen nicht mehr gelächelt. Kalte, graugrüne Augen musterten mich von oben bis unten – ohne jede Regung, ohne jede Wärme.
„Ja?“, brummte er. Seine Stimme war tief, rau und klang extrem genervt. „Die Partys fangen erst am Freitag an, falls du nach der Adresse suchst.“
Ich schluckte trocken. Mein Hals fühlt sich an wie zugeschnürt. Ich machte unwillkürlich einen kleinen Schritt zurück, meine Instinkte schrien mich an, wegzurennen. „Ich... ich bin Alex“, brachte ich heraus. Meine Stimme krächzte leicht. „Wegen des Zimmers.“
Der Typ erstarrte. Seine Augen verengten sich schlagartig. Er blickte an mir vorbei in die Dunkelheit der Straße, dann wieder herunter zu mir. Seine Blicke blieben an meiner übergroßen, abgenutzten Jacke hängen, die schlaff an meinen viel zu dünnen Schultern hing, und wanderten weiter zu meiner Sporttasche.
„Alex?“, wiederholte er langsam. Die Kälte in seiner Stimme wandelte sich in Verwirrung, gefolgt von einem finsteren Stirnrunzeln. „Du bist Alex?“
„Alexandra“, korrigierte ich leise und versuchte, fest zu klingen, doch das Zittern in meinen Händen verriet mich. „Ich habe dir geschrieben. Wegen der Anzeige.“
Er ließ die Türklinke nicht los. „Ich hatte nach einem Mitbewohner gesucht. Einem Typen. Alexandra war nicht im Plan.“
„In der Anzeige stand nichts von ‘nur Männer’“, lügte ich leicht verzweifelt, obwohl er in den Nachrichten Andeutungen gemacht hatte. „Ich brauche dieses Zimmer wirklich. Ich habe das Geld für die erste Miete bar dabei. Sofort.“
Er antwortete nicht direkt. Stattdessen sah er mich noch einmal aufmerksam an. Das helle Flurlicht traf mein Gesicht voll. Ich versuchte vergeblich, den Kopf zu drehen, um die Schatten unter meinen Augen und die gelblich-blaue Verfärbung an meiner Kieferleiste zu verbergen. Aber ich sah an seinen Pupillen, die sich kurz weiteten, dass er es bemerkt hatte. Er sah die Blässe, meine eingefallenen Wangen und die Art, wie mein Körper zuckte, als aus der Ferne ein Motorengeräusch zu hören war.
Ein langes, schweres Schweigen legte sich zwischen uns. Der Wind blies eine kalte Böe über die Veranda und ließ mich unwillkürlich zusammenzucken.
Der Typ stieß einen tiefen Fluch aus, fuhr sich mit einer Hand durch die Haare und trat schließlich einen Schritt zur Seite.
„Komm rein“, sagte er kurz angebunden. „Es ist kalt da draußen. Und lass die Tasche nicht im Weg stehen.“
Er wartete nicht, ob ich ihm dankte, sondern drehte sich um und ging den Flur entlang. Ich blieb noch eine Sekunde auf der Türschwelle stehen, atmete einmal tief durch und überschritt schließlich die Grenze in mein neues Leben.








