Kapitel 1 – Wenn der Wolf deinen Namen kennt
Der erste Schrei kam nicht von der Gebärenden.
Er kam von draußen vor dem Haus.
Elisabeth hob den Kopf. Einen Augenblick lang hörte sie nur Martas keuchenden Atem, das Knacken des Kienspans in der eisernen Pfanne und den Regen, der seit Einbruch der Dunkelheit gegen die kleinen Butzenglasscheiben schlug.
Dann schrie das Pferd ein zweites Mal.
»Kind.«
Ihre Mutter sagte es leise, doch etwas in ihrer Stimme ließ Elisabeth die Hand von Martas Knie nehmen.
Johanna Kern stand auf der anderen Seite des Bettes. Die Ärmel ihres dunklen Kleides waren bis zu den Ellenbogen hochgeschoben, ihre Hände glänzten von Fett und Blut. Seit beinahe sechs Stunden rang Marta Reuter um dieses Kind. Erst hatte sie sich am Gebärstuhl festgeklammert, später an Johannas Schultern. Nun lag sie erschöpft auf der Strohmatratze. Das Wasser war längst abgegangen. Johanna hatte den Kopf des Kindes ertastet. Tief saß er nun, endlich günstig.
»Bleib bei ihr«, sagte Johanna.
»Was ist da draußen?«
»Bleib bei ihr.«
Elisabeth kannte diesen Ton seit ihrer Kindheit. Er bedeutete, dass ihre Mutter jetzt keine Fragen hören wollte.
Marta stöhnte und krallte die Finger in die Strohmatratze, auf der sie lag. Ihr Gesicht war nass vor Schweiß. Strähnen ihres blonden Haares klebten an den Wangen.
»Es kommt wieder«, presste sie hervor.
Elisabeth legte ihr die Hand auf den harten Bauch.
Die nächste Wehe baute sich darunter auf, erst langsam, dann mit einer Gewalt, die Martas ganzen Leib spannte.
»Lasst sie kommen. Atmet.«
»Ich kann nicht mehr.«
»Doch. Noch einmal.«
Johanna war bereits an der Zimmertür.
Der Hof der Reuters lag eine gute Wegstunde außerhalb Dornbachs. Hinter dem Haus begann Wald, und seit wieder Soldaten durch die Gegend zogen, ging nach Einbruch der Dunkelheit kaum jemand freiwillig zwischen die Bäume.
Das Pferd draußen gehörte Johanna.
Elisabeth hörte Männerstimmen.
Dann einen dumpfen Schlag.
Johanna schob den hölzernen Riegel vor.
»Hans!«, rief Marta.
»Bleibt liegen.« Elisabeth drückte sie zurück, als sie sich hochstemmen wollte. »Ihr helft weder ihm noch dem Kind, wenn Ihr jetzt aufsteht.«
»Sie sind wieder da.«
Elisabeth wusste, wen sie meinte.
Soldaten.
Es spielte seit Jahren kaum noch eine Rolle, unter welcher Fahne Männer kamen, wenn sie Hunger hatten und glaubten, ein Hof könne ihnen geben, was sie verlangten.
Ein zweiter Schlag traf die Haustür.
Holz splitterte.
Marta begann zu weinen.
Johanna sah zur Tür des Gebärzimmers, dann zum Fenster.
Etwas veränderte sich in ihrem Gesicht.
Nur für einen Herzschlag.
Nicht Angst.
Erkennen.
Draußen, jenseits des regennassen Fensters, stand etwas Schwarzes.
Zu groß für einen Hund.
Es bewegte sich zwischen den Obstbäumen. Im schwachen Licht erkannte Elisabeth kaum mehr als eine Schulter, den gesenkten Kopf und Beine, die viel zu lang wirkten.
Das Tier sah zum Haus.
Zu ihr.
Unsinn.
Sie konnte nicht einmal seine Augen erkennen.
»Mutter?«
Dann brach die Haustür.
Männerstiefel knallten auf die Dielen. Hans Reuter fluchte. Ein Aufprall folgte.
Dann ein Stöhnen.
Ein Mann lachte.
»Wo sind sie?«
Marta wurde vollkommen still.
Elisabeth sah ihre Mutter an.
Johanna griff in ihre Tasche und zog das lange Geburtsmesser heraus.
Elisabeth starrte sie an.
»Mutter.«
»Wenn einer hereinkommt, gehst du vom Fenster weg.«
»Und Marta?«
Johanna sah sie an.
Schritte näherten sich der Tür des Gebärzimmers.
Langsam.
Die Männer suchten nicht. Sie wussten längst, dass dort jemand war. Wahrscheinlich hatten sie Martas Schreie schon draußen gehört.
Einer blieb vor der Tür stehen.
Ein leises Pfeifen.
Dann rüttelte jemand am Riegel.
Marta presste beide Hände auf ihren Bauch.
»Bitte nicht.«
Elisabeth wusste nicht, zu wem sie sprach.
Zu Gott vielleicht.
Oder zu den Männern.
Der Riegel bebte unter dem ersten Stoß.
Noch einmal.
Das Holz ächzte.
Johanna stellte sich davor.
»Neben mich.«
»Nein.«
Johannas Blick traf sie.
Der dritte Stoß riss den Riegel aus der Wand.
Die Tür flog auf.
Der Mann, der hereinkam, musste einmal einen roten Rock getragen haben. Jetzt war der Stoff braun vor Schlamm, an einer Schulter aufgerissen und mit einer Lederschnur zusammengebunden. Sein Bart war nass. In der rechten Hand hielt er einen kurzen Säbel.
Seine Augen gingen zuerst zu Marta.
Dann zu Elisabeth.
Langsam.
Sein Mund verzog sich zu einem schiefen Grinsen.
»Sieh einer an.«
Hinter ihm drängte sich ein zweiter Mann ins Zimmer. Jünger. Dünner. Eine Narbe lief ihm vom Ohr bis zum Kinn.
Der dritte blieb im Türrahmen stehen.
Er war der Einzige, der nicht grinste.
In seinen Händen lag eine kleine Armbrust. Das Holz war dunkel und sorgfältig gepflegt, die Sehne straff. Eine seltsame Waffe für einen Mann, dessen Mantel kaum noch zusammenhielt.
Sein Blick ging nicht zu Marta.
Er sah zum zerbrochenen Riegel.
Dann zum Fenster.
»Hans?«, schrie Marta.
Der Bärtige blickte zu ihr.
»Dein Mann schläft.«
Marta begann zu schluchzen.
»Was habt Ihr mit ihm gemacht?«
»Nicht genug, wenn er wieder aufsteht.«
Er trat ins Zimmer. Sein Blick blieb an ihren hochgezogenen Beinen hängen.
Marta zog hastig den Rock über ihre Knie.
Das Grinsen des Mannes wurde breiter.
»Die ist beschäftigt.«
»Raus«, sagte Johanna.
Er sah sie an.
»Was?«
»Ihr habt mich gehört.«
Der Mann mit der Narbe lachte.
Der Bärtige machte einen Schritt.
Johanna stach zu.
Schnell.
Die Klinge fuhr durch den Ärmel seines Rocks und schnitt tief in den Unterarm.
Er schrie auf. Blut tropfte auf die Dielen.
Einen Moment lang starrte er auf seinen Arm, als könne er nicht glauben, dass eine Frau es gewagt hatte, ihn zu verletzen.
Dann schlug er Johanna.
Hart.
Ihr Kopf flog zur Seite.
Elisabeth griff nach dem schweren irdenen Krug auf dem Stuhl und schlug ihn gegen seinen Schädel.
Der Krug zerbrach.
Der Mann nicht.
Er taumelte.
Blut lief ihm aus dem Haaransatz in die Augen.
Dann sah er Elisabeth an.
»Du Hure.«
Er krallte die Finger in ihr Mieder.
Elisabeth riss den Ellenbogen hoch und traf sein Kinn. Der Griff lockerte sich. Sie wand sich heraus.
Fast.
Seine Hand erwischte ihren Ausschnitt. Stoff riss. Kalte Luft traf ihre Haut.
Elisabeth rammte ihm das Knie zwischen die Beine.
Diesmal traf sie.
Er keuchte und krümmte sich.
Sie kam zwei Schritte weit.
Dann packte er sie an den Haaren.
Schmerz fuhr über ihre Kopfhaut. Er riss sie zurück, und ihr Rücken schlug gegen seine Brust.
Sein Arm legte sich um ihren Hals.
Bier. Schweiß. Nasses Leder. Blut.
Sie roch alles.
Viel zu deutlich.
»Noch einmal«, keuchte er ihr ins Ohr, »und ich breche dir die Knochen.«
Seine freie Hand griff nach ihrem Rock.
Panik schlug in Elisabeth hoch.
Keine Gedanken mehr.
Nur weg.
Sie trat nach hinten, kratzte über seine Hand, wand sich so heftig, dass ihre Schulter gegen die Wand krachte.
Der Atem wich aus ihren Lungen.
Der Mann mit der Narbe hatte Johanna gepackt. Sie trat ihm gegen das Knie. Er riss ihr das Messer aus der Hand und schleuderte es quer durch den Raum.
Marta schrie.
Nicht wegen einer Wehe.
Der Armbrustschütze stand noch immer an der Tür.
Er beobachtete nicht die Frauen.
Er sah zum Fenster.
»Beeilt euch«, sagte er.
Der Bärtige drückte seinen Unterarm gegen Elisabeths Kehle.
Schwarze Punkte tanzten vor ihren Augen.
Sie hörte ihre Mutter.
Marta.
Das raue Atmen des Mannes.
Und etwas anderes.
Ein tiefes Geräusch draußen vor dem Fenster.
Kein Bellen.
Kein Knurren.
Tiefer.
Die Butzenscheiben vibrierten.
Der Soldat hielt inne.
Alle hielten inne.
Nur der Mann mit der Armbrust nicht.
Seine Finger schlossen sich fester um den Schaft.
Ein Schatten schoss gegen das Fenster.
Die Scheiben barsten.
Der hölzerne Rahmen brach mit einem Krachen nach innen. Splitter flogen durch das Zimmer. Regen peitschte herein.
Dann kam der Wolf.
Schwarz.
Gewaltig.
So schnell, dass Elisabeth ihn zuerst nur als Masse sah.
Er traf den Bärtigen mitten in der Brust.
Der Mann wurde von ihr weggerissen.
Sein Hinterkopf schlug gegen die Dielen.
Der Wolf landete auf ihm.
Der Soldat bekam noch einen Arm hoch.
Die Zähne gruben sich hinein.
Knochen brachen.
Ein trockenes Knacken.
Der Mann schrie.
Der Wolf riss den Kopf zur Seite. Blut spritzte über die Dielen und traf die Bettkante.
Marta kreischte.
Der Soldat tastete nach seinem Säbel.
Er erreichte ihn nicht.
Der Wolf ließ den Arm los.
Dann fand er seine Kehle.
Ein Ruck.
Das Schreien brach ab.
Nur ein gurgelnder Laut blieb.
Dann nichts mehr.
Der Wolf hob den Kopf.
Blut färbte seine Schnauze.
Der Mann unter ihm bewegte sich nicht.
Stille.
Nur Regen.
Martas Wimmern.
Elisabeth konnte nicht atmen.
Der Wolf sah sich um.
Dann sah er sie an.
Alles in ihr wurde still.
Nicht ruhig.
Still.
Als hätte ihr Körper für einen unmöglichen Augenblick vergessen, was er tun sollte.
Fliehen.
Schreien.
Nach dem Messer greifen.
Stattdessen blieb sie stehen.
Ihre Haut prickelte.
Am Hals. Auf den Armen. Tief unter den Rippen.
Und darunter war etwas anderes, ein Zug, warm und fremd, der sie einen Schritt näher bringen wollte, obwohl vor ihr ein Tier stand, das einem Mann die Kehle herausgerissen hatte.
Elisabeth erschrak über sich selbst.
Nein.
Nicht näher.
Der Wolf sog hörbar Luft ein.
Sein Blick veränderte sich.
Er wurde nicht sanfter. Nicht menschlicher.
Aber die rohe Gewalt darin wich zurück.
Nur bei ihr.
Das war beinahe schlimmer.
»Kind!«
Johannas Stimme schnitt durch den Raum.
Der Wolf zuckte.
Seine Ohren richteten sich auf.
Doch er sah nicht zu Johanna.
Er sah weiter Elisabeth an.
Der Mann mit der Narbe wich einen Schritt zurück.
»Was zum Teufel ist das?«
Der Armbrustschütze reagierte sofort.
Zu schnell.
Als hätte er genau darauf gewartet.
Er hob die Waffe.
Johanna sah es.
»Nein!«
Der Wolf fuhr herum.
Die Sehne schnellte vor.
Der Bolzen traf ihn knapp hinter der linken Schulter.
Das Geräusch aus seiner Kehle war anders als zuvor.
Schmerz.
Roh und tief.
Der Wolf taumelte.
Johanna wurde kreidebleich.
Der Schütze griff bereits nach einem zweiten Bolzen.
Der Wolf sprang.
Verletzt war er noch immer schneller als jeder Mensch im Raum.
Sein Kopf traf den Mann unter dem Brustbein.
Der Soldat flog rückwärts durch die offene Tür und schlug draußen gegen die Wand.
Die Armbrust fiel klappernd über die Schwelle.
Der Mann mit der Narbe zögerte keine Sekunde.
Er stieß Johanna von sich und rannte.
Der Wolf machte einen Schritt zur Tür.
Sein Vorderlauf knickte ein.
Er fiel.
Hart.
Sein Schädel schlug auf die Diele.
Im selben Augenblick stieß Marta einen Laut aus, bei dem alles andere verschwand.
»Es kommt!«
Elisabeth war beim Bett, bevor sie darüber nachdenken konnte.
Johanna ebenso.
Marta hatte die Knie angezogen. Elisabeth schob ihr das Leinen unter und hob den Rocksaum.
Der Kopf des Kindes war zu sehen.
»Jetzt«, sagte Johanna.
Marta schüttelte den Kopf.
»Ich kann nicht.«
»Doch. Jetzt.«
Elisabeth nahm ihre Hand.
»Seht mich an.«
Martas Blick sprang zum toten Mann.
Zum Wolf.
»Nicht dorthin. Zu mir.«
Die Frau rang nach Atem.
Elisabeth drückte ihre Hand.
Sie wollte nicht ihr Leben lang nur Johannas Tochter sein, das Mädchen, das Wasser holte, Tücher wusch und zusah. Sie wollte Geburten allein führen können.
Wenn sie diesen Anspruch erhob, musste sie jetzt bestehen.
»Noch einmal.«
Marta presste.
Der Kopf kam.
Johanna führte ihn mit beiden Händen, ruhig, beinahe behutsam, obwohl drei Schritte entfernt ein Mann mit offener Kehle lag.
»Gut«, murmelte sie. »Nicht ziehen.«
Noch eine Wehe.
Eine Schulter.
Dann die zweite.
Das Kind glitt in Johannas Hände.
Einen schrecklichen Augenblick geschah nichts.
Kein Laut.
Marta begann zu schluchzen.
Johanna rieb das Kind mit dem Leinentuch ab, strich ihm Mund und Nase frei und drehte es leicht.
»Komm.«
Elisabeth hielt den Atem an.
Das Kind hustete.
Dann schrie es.
Marta brach in Tränen aus.
Elisabeth lachte einmal.
Nur einmal.
Ein kurzer, beinahe wilder Laut.
»Ein Mädchen«, sagte Johanna.
Draußen galoppierten Pferde davon.
Elisabeth sah zur Tür.
»Hans?«
»Geh«, sagte Johanna. »Ich bleibe bei ihr.«
Elisabeth machte zwei Schritte.
Der Wolf lag zwischen ihr und der Tür.
Sein Atem ging flach.
Blut glänzte an seiner Schnauze. Nun mischte sich sein eigenes darunter.
Der Bolzen ragte aus dem schwarzen Fell. Der Schaft war vom Blut dunkel. In der Wunde glänzte etwas Helles.
Metall.
»Nicht anfassen«, sagte Johanna.
Elisabeth ging in die Hocke.
»Er verblutet.«
»Lass ihn.«
Elisabeth sah über die Schulter.
So hatte ihre Mutter noch nie gesprochen.
Nicht über einen Verwundeten.
»Er hat mir das Leben gerettet.«
Der Wolf öffnete die Augen.
Wieder dieses Gefühl.
Etwas zog an ihr.
Nicht wie eine Hand. Nicht einmal wie Begehren.
Eher wie eine Richtung, die ihr Körper kannte, obwohl ihr Verstand sie nicht verstand.
Elisabeth streckte langsam die Hand aus.
»Nein.«
Johanna machte tatsächlich einen Schritt auf sie zu.
Marta stöhnte hinter ihr.
Die Nachgeburt.
Johanna blieb stehen.
Für einen Herzschlag sah Elisabeth etwas in ihrem Gesicht, das ihr mehr Angst machte als die Warnung selbst.
Panik.
»Fass ihn nicht an.«
Der Wolf knurrte nicht.
Elisabeth legte die Hand an seinen Hals.
Heiß.
Viel zu heiß.
Unter dem dichten Fell schlug der Puls schnell gegen ihre Finger.
Ein Schauder lief ihr über die Arme.
Sie kannte Fieber. Sie kannte Menschen, deren Hände kalt wurden, während das Leben mit jedem Herzschlag aus ihnen rann. Sie kannte den flachen Atem nach starkem Blutverlust.
Das hier war anders.
»Mutter, die Wunde sieht falsch aus.«
Johanna antwortete nicht.
Elisabeth sah zu ihr.
Ihre Mutter stand wieder beim Bett.
Und starrte den Wolf an.
»Was ist das für eine Spitze?«
Johanna schloss die Augen.
»Silber.«
Elisabeth sah wieder auf die Wunde.
»Eine silberne Armbrustspitze? Wer schießt mit Silber auf einen Wolf?«
»Niemand, der einen Wolf für einen Wolf hält.«
Elisabeth hob den Kopf.
»Was soll das heißen?«
Der Körper unter ihrer Hand verkrampfte sich.
Sie fuhr zurück.
Ein Laut brach aus der Kehle des Tieres.
Kein Knurren.
Fast ein Stöhnen.
Das schwarze Fell bewegte sich.
Elisabeth starrte darauf.
Die Vorderläufe zuckten. Die Pfoten krümmten sich auf dem blutigen Boden.
Knochen verschoben sich unter Haut und Fell.
Ein tiefes, feuchtes Knacken.
»Mutter.«
Johanna kam nicht.
»Mutter!«
Der Wolf wand sich.
Sein Rücken bog sich.
Elisabeth wollte zurückweichen.
Sie tat es nicht.
Das Fell zog sich zurück.
Die Schnauze verkürzte sich.
Die Pfoten wurden Hände.
Hände.
Elisabeth hörte sich selbst nach Luft schnappen.
Wo eben noch ein Tier gelegen hatte, lag jetzt ein Mann.
Nackt.
Blutüberströmt.
Breit gebaut, mit langem dunklem Haar, das nass an Stirn und Schläfen klebte. Fremdes Blut zog sich über seinen Mund und sein Kinn. Der Bolzen saß hoch in seiner linken Schulter. Seine Haut um die Wunde hatte einen grauen Ton angenommen.
Elisabeth konnte sich nicht bewegen.
Der Mann öffnete die Augen.
Dieselben Augen.
Er sah sie an.
Lange.
Als suche er nicht nach ihrem Gesicht.
Als erkenne er es wieder.
Seine Lippen bewegten sich.
»Elisabeth.«
Ihr Herz schlug einmal so hart, dass es wehtat.
Niemand hatte ihren Namen gesagt.
Nicht seit das Tier ins Zimmer gekommen war.
»Woher kennt Ihr meinen Namen?«
Sein Blick blieb einen Moment auf ihrem Gesicht.
Dann glitt er an ihr vorbei.
Zu Johanna.
Etwas in seinen Zügen erstarrte.
»Johanna Kern.«
Ihre Mutter sagte nichts.
Der Mann stemmte sich auf einen Ellenbogen. Schmerz verzog sein Gesicht, doch in seiner Stimme lag plötzlich etwas, das Elisabeth mehr erschreckte als der Wolf.
Gewissheit.
Johanna flüsterte:
»Gabriel.«
Er sah Elisabeth wieder an.
Dann ihre Mutter.
»Achtzehn verdammte Jahre hast du sie vor uns versteckt.«








