Goldene Augen
Alea hatte schon immer eine ziemlich schlechte Beziehung zu ihrem gesunden Menschenverstand gehabt.
Zumindest behauptete das ihre beste Freundin Mia.
Du triffst immer genau die Entscheidungen, bei denen ich mich frage, ob du heimlich lebensmüde bist.
Alea hatte darauf meistens nur gelacht.
Heute Abend allerdings begann sie selbst daran zu zweifeln.
Sie fuhr seit beinahe vierzig Minuten über eine schmale Landstraße irgendwo außerhalb von Asheville, North Carolina. Links und rechts ragten hohe Bäume in den Nachthimmel, ihre Äste bildeten über der Straße ein dichtes Dach. Der Mond war kaum zu sehen.
Und natürlich regnete es.
Nicht mehr stark. Nur noch dieser feine, hartnäckige Nieselregen, der die Windschutzscheibe beschlug und alles hinter dem Lichtkegel ihrer Scheinwerfer verschwimmen ließ.
Alea seufzte und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Warum bin ich eigentlich hier?“
Die Frage war nicht an jemanden gerichtet.
Das Radio antwortete trotzdem.
Mit Rauschen.
Alea verzog das Gesicht.
„Das ist jetzt nicht dein Ernst.“
Sie tippte gegen das Display.
Ein Sender.
Rauschen.
Der nächste.
Rauschen.
Noch einer.
Nichts.
„Perfekt.“
Sie drehte das Radio komplett aus.
Die Stille, die danach einsetzte, war schlimmer.
Alea warf einen Blick auf ihr Handy, das in der Mittelkonsole lag.
Kein Empfang.
Natürlich nicht.
Sie hätte Mia zuhören sollen.
Fahr morgen.
Nein, Alea. Nicht nachts.
Warum musst du diese Strecke überhaupt nehmen?
Alea hatte damals nur mit den Augen gerollt.
Jetzt hätte sie ihr gerne recht gegeben.
„Ich bin in zwanzig Minuten zu Hause“, murmelte sie.
Zumindest hoffte sie das.
Sie warf einen Blick auf die Tankanzeige.
Der Zeiger befand sich gefährlich nah am roten Bereich.
„Oh, komm schon.“
Sie hatte vorgehabt, in der Stadt zu tanken.
Dann hatte sie es vergessen.
Natürlich.
Alea griff nach der Wasserflasche neben ihr und nahm einen Schluck.
Dann fiel ihr Blick wieder auf die Straße.
Etwas stimmte nicht.
Sie konnte nicht sagen, was.
Es war nur dieses Gefühl.
Dieses unangenehme Ziehen irgendwo tief in ihrem Bauch.
Als würde ihr Körper etwas bemerken, bevor ihr Verstand es tat.
Sie verringerte die Geschwindigkeit.
„Okay.“
Die Straße war leer.
Kein Auto vor ihr.
Keines hinter ihr.
Nicht einmal ein Haus war zu sehen.
Nur Wald.
Alea schüttelte den Kopf.
„Ich werde paranoid.“
Sie wollte gerade wieder beschleunigen, als ihr plötzlich etwas ins Licht der Scheinwerfer geriet.
Ein Schatten.
Mitten auf der Straße.
Alea riss das Lenkrad herum und trat gleichzeitig auf die Bremse.
Die Reifen rutschten über den nassen Asphalt.
„Scheiße!“
Das Auto kam schlingernd zum Stehen.
Ihr Herz raste.
Für einen Moment sagte sie gar nichts.
Dann atmete sie langsam aus.
„Alles okay.“
Ihre Hände zitterten.
Alea sah durch die Windschutzscheibe.
Da lag jemand.
Ein Mensch.
Mitten auf der Straße.
„Oh mein Gott.“
Sie griff sofort nach ihrem Handy.
Kein Empfang.
„Natürlich.“
Sie nahm die Taschenlampe aus dem Handschuhfach und stieg aus.
Die kalte Luft traf sie im Gesicht.
„Hallo?“
Keine Antwort.
Alea ging näher.
Der Mann lag auf dem Rücken.
Oder zumindest halb.
Sein Körper war verdreht, als wäre er gestürzt.
Er trug eine dunkle Hose und ein schwarzes Shirt, das an mehreren Stellen zerrissen war.
Blut.
Überall.
Alea blieb abrupt stehen.
„Scheiße.“
Das war kein bisschen Blut.
Es war viel.
Viel zu viel.
„Hallo? Können Sie mich hören?“
Sie kniete sich neben ihn.
Ihre Finger schwebten einen Moment über seinem Hals.
Dann fühlte sie den Puls.
Langsam.
Sehr langsam.
Aber vorhanden.
„Okay.“
Er lebte.
Alea griff wieder nach ihrem Handy und versuchte den Notruf.
Nichts.
Sie ging ein paar Schritte zurück.
„Komm schon.“
Sie hielt das Handy hoch.
Ein Balken.
Dann keiner.
„Verarscht du mich gerade?“
Sie ging noch zwei Schritte.
Ein Balken.
„Ja!“
Sie wollte gerade wählen, als das Signal wieder verschwand.
„Nein! Nein, nein, nein.“
Sie sah zu dem Fremden.
„Okay. Dann müssen wir dich wohl irgendwie ins Auto bekommen.“
Alea legte das Handy beiseite und kniete sich wieder neben ihn.
„Hören Sie mich?“
Keine Reaktion.
„Sir?“
Sie berührte vorsichtig seine Schulter.
Nichts.
„Okay, das wird jetzt wahrscheinlich ziemlich unangenehm.“
Sie beugte sich vor.
„Ich bringe Sie zu meinem Auto.“
Plötzlich schoss eine Hand nach oben.
Alea keuchte.
Die Finger des Mannes schlossen sich um ihr Handgelenk.
Fest.
Viel zu fest.
„Lassen Sie mich los!“
Seine Augen öffneten sich.
Alea verstummte.
Sie hatte noch nie Augen wie diese gesehen.
Gold.
Nicht bernsteinfarben.
Nicht hellbraun.
Gold.
Das Licht ihrer Taschenlampe spiegelte sich darin.
Der Fremde sah sie an.
Und für einen kurzen Moment hatte Alea das Gefühl, dass die Welt um sie herum stillstand.
Sein Blick wanderte über ihr Gesicht.
Als würde er nach etwas suchen.
Dann veränderte sich sein Ausdruck.
Seine Finger lockerten sich.
„Du.“
Alea zog ihre Hand zurück.
„Was?“
Der Mann versuchte, sich aufzurichten.
Alea wich automatisch zurück.
„Bleiben Sie liegen.“
Er ignorierte sie.
Mit einer Bewegung, die viel zu schnell für jemanden war, der gerade noch bewusstlos auf der Straße gelegen hatte, setzte er sich auf.
Alea starrte ihn an.
„Wie…“
Sie brach ab.
Er sah sie wieder an.
„Wie heißt du?“
Seine Stimme war tief und rau.
Alea runzelte die Stirn.
„Warum?“
„Dein Name.“
„Das geht Sie nichts an.“
Seine Augen verengten sich.
„Sag ihn mir.“
Alea hätte gehen sollen.
Das wusste sie.
Jeder vernünftige Mensch wäre wieder ins Auto gestiegen.
Aber irgendetwas hielt sie fest.
Vielleicht waren es seine Augen.
Vielleicht die Tatsache, dass er verletzt war.
Oder vielleicht dieses seltsame Gefühl, das sie seit ihrer ersten Sekunde neben ihm nicht losließ.
„Alea.“
Der Fremde erstarrte.
Wirklich.
Als hätte sie ihm gerade etwas Unmögliches gesagt.
„Alea…“
Er sprach ihren Namen leise aus.
Fast ehrfürchtig.
„Woher kennen Sie mich?“
Er antwortete nicht.
Stattdessen sah er an ihr vorbei.
In den Wald.
Sein Gesicht veränderte sich.
Die Anspannung kehrte zurück.
„Du musst gehen.“
Alea blinzelte.
„Bitte?“
„Steig in dein Auto.“
„Sie bluten.“
„Das ist nicht dein Problem.“
„Doch, irgendwie schon.“
Er stand auf.
Alea machte automatisch einen Schritt zurück.
„Das ist unmöglich.“
Der Mann schwankte kurz.
Dann stand er vollkommen gerade.
Kein Zittern.
Kein Anzeichen dafür, dass er gerade beinahe bewusstlos gewesen war.
Alea starrte ihn an.
„Sie sollten wahrscheinlich dringend ins Krankenhaus.“
„Nein.“
„Doch.“
„Nein.“
„Sie haben offensichtlich Blut verloren.“
„Alea.“
Wieder sagte er ihren Namen.
Und diesmal lief ihr ein Schauer über den Rücken.
„Woher kennen Sie meinen Namen?“
„Ich kenne dich nicht.“
„Das ergibt keinen Sinn.“
Er sah sie an.
„Das weiß ich.“
Dann hörte Alea etwas.
Ein Knacken.
Im Wald.
Sie drehte den Kopf.
Nichts.
Nur Bäume.
„Haben Sie das gehört?“
Der Mann antwortete nicht.
„Hallo?“
Noch ein Knacken.
Diesmal näher.
Aiden – falls das überhaupt sein richtiger Name war – trat plötzlich vor sie.
„Was machen Sie?“
„Hinter mich.“
Alea lachte nervös.
„Entschuldigung?“
„Hinter mich, Alea.“
„Ich kenne Sie nicht.“
„Ich weiß.“
„Dann können Sie mir schlecht Befehle geben.“
Zum ersten Mal huschte etwas über sein Gesicht, das fast wie ein Lächeln aussah.
„Das hast du schon immer gesagt.“
Alea erstarrte.
„Was?“
Er schien selbst überrascht über seine Worte.
„Nichts.“
Ein Knurren drang aus dem Wald.
Alea sah Aiden an.
„Was war das?“
Keine Antwort.
„Was war das?“
„Du musst jetzt gehen.“
„Was ist da draußen?“
Seine Augen veränderten sich.
Nur für einen Sekundenbruchteil.
Gold.
Alea wich zurück.
„Deine Augen…“
Aiden sah sie an.
Dann blickte er wieder in den Wald.
„Alea.“
„Was?“
„Egal, was du gleich siehst – du darfst keine Angst bekommen.“
Sie starrte ihn an.
„Das ist ein ziemlich schlechter Zeitpunkt für solche Sätze.“
Etwas bewegte sich zwischen den Bäumen.
Schnell.
Zu schnell.
Alea konnte nur einen Schatten erkennen.
Dann zwei rote Punkte.
Augen.
Sie hielt den Atem an.
„Was zum Teufel…“
Das Wesen trat einen Schritt aus der Dunkelheit.
Alea konnte seine Umrisse erkennen.
Groß.
Breit.
Unnatürlich.
Aiden stellte sich vollständig vor sie.
Seine Schultern spannten sich.
Ein tiefes Knurren vibrierte aus seiner Brust.
Alea sah ihn an.
„Du hast gesagt, ich soll keine Angst haben.“
„Ich habe gelogen.“
„Großartig.“
Das Wesen sprang.
Aiden bewegte sich.
Alea konnte nicht einmal sehen, wie.
Einen Augenblick stand er noch vor ihr.
Im nächsten krachten beide Gestalten mehrere Meter entfernt gegen einen Baum.
Alea schrie.
„Aiden!“
Etwas knurrte.
Etwas kreischte.
Dann war wieder Stille.
Alea stand wie angewurzelt auf der Straße.
Ihr Körper sagte ihr, sie solle laufen.
Ihr Kopf sagte ihr, sie solle ebenfalls laufen.
Aber ihre Füße bewegten sich nicht.
Dann hörte sie Schritte.
Aiden kam aus dem Wald.
Sein Shirt war inzwischen völlig zerrissen.
Blut tropfte von seiner Schulter.
Aber es war nicht sein Blut.
Alea sah hinter ihn.
Das Wesen war verschwunden.
„Was war das?“
Aiden antwortete nicht.
„Was war das?!“
Er kam auf sie zu.
„Wir müssen hier weg.“
„Nein.“
Er blieb stehen.
„Was?“
„Nein.“
Alea wich zurück.
„Du sagst mir jetzt, was hier passiert.“
„Alea—“
„Du kennst meinen Namen. Du hast gesagt, ich hätte das schon immer gesagt. Deine Augen sind nicht normal. Irgendetwas hat dich gerade angegriffen und du hast es mit bloßen Händen bekämpft.“
Sie zeigte auf ihn.
„Und du willst mir ernsthaft sagen, wir müssen einfach fahren?“
Aiden sah sie lange an.
Dann sagte er:
„Du wirst mir nicht glauben.“
„Probier es.“
Er atmete langsam aus.
„Ich bin ein Werwolf.“
Stille.
Alea starrte ihn an.
Dann lachte sie.
Ein nervöses, ungläubiges Lachen.
„Okay.“
Aiden sagte nichts.
„Nein, ernsthaft.“
Nichts.
„Du bist ein Werwolf.“
„Ja.“
„So wie… Vollmond, Fell, Wolf?“
„Ja.“
Alea nickte langsam.
„Okay.“
Sie machte einen Schritt zurück.
„Ich glaube, ich fahre jetzt einfach nach Hause.“
Sie drehte sich um.
Aiden griff nach ihrem Arm.
„Warte.“
Alea riss sich los.
„Fass mich nicht an.“
Er ließ sie sofort los.
„Du verstehst nicht.“
„Nein. Das stimmt.“
Sie ging Richtung Auto.
Dann blieb sie stehen.
Ein stechender Schmerz schoss plötzlich durch ihren Kopf.
Alea griff sich an die Schläfe.
„Ah!“
Aiden war sofort bei ihr.
„Alea?“
Sie hörte ihn kaum.
Vor ihren Augen verschwamm die Straße.
Ein Bild.
Ein Wald.
Feuer.
Schnee.
Blut.
Und ein Mann.
Sie konnte sein Gesicht nicht erkennen.
Aber sie kannte seine Stimme.
Lauf, Alea.
Dann ein zweiter Satz.
Leiser.
Verzweifelter.
Sie dürfen dich niemals finden.
Alea riss die Augen auf.
Sie taumelte.
Aiden fing sie auf.
„Was hast du gesehen?“
Sie sah ihn an.
„Woher…“
Ihre Stimme versagte.
Aiden wurde blass.
„Was hast du gesehen?“
„Ich… ich weiß es nicht.“
Er sah sie an, als hätte er gerade etwas gehört, das ihn mehr erschreckte als alles, was im Wald gewesen war.
„Das ist nicht möglich.“
„Was?“
Aiden antwortete nicht.
Stattdessen hob er den Kopf.
Sein Blick ging über Aleas Schulter.
In die Dunkelheit.
Sein Gesicht verlor jede Farbe.
Alea drehte sich langsam um.
Am Rand der Straße stand ein Mann.
Schwarzer Mantel.
Perfekt gekleidet.
Kein Tropfen Regen auf seiner Kleidung.
Er stand einfach dort.
Als hätte er schon die ganze Zeit gewartet.
Sein Blick lag auf Alea.
Und obwohl er viel zu weit entfernt war, konnte sie seine Augen erkennen.
Dunkel.
Fast schwarz.
Der Mann lächelte.
Aiden trat sofort vor Alea.
„Nein.“
Seine Stimme klang anders.
Nicht wütend.
Nicht überrascht.
Ängstlich.
Der Fremde blieb stehen.
„Lange ist es her, Aiden.“
Alea sah zwischen den beiden hin und her.
„Wer ist das?“
Aiden antwortete nicht.
Der Fremde kam langsam näher.
„Du hättest sie nicht finden dürfen.“
Aiden ballte die Hände zu Fäusten.
„Lucien.“
Der Vampir lächelte.
„Endlich.“
Sein Blick wanderte an Aiden vorbei.
Direkt zu Alea.
„Du bist also wirklich noch am Leben.“
Alea bekam eine Gänsehaut.
„Was soll das heißen?“
Lucien sah sie an.
Und für einen winzigen Moment verschwand sein Lächeln.
Etwas wie Trauer trat in seine Augen.
„Du hast die Augen deiner Mutter.“
Alea erstarrte.
„Woher kennst du meine Mutter?“
Lucien antwortete nicht.
Aiden sah ihn an.
„Du gehst.“
„Nein.“
Lucien trat einen weiteren Schritt näher.
„Diesmal nicht.“
Dann sah er wieder Alea an.
„Denn diesmal haben sie dich gefunden.“
Ein kalter Windstoß zog durch die Bäume.
Alea sah Aiden an.
„Wer sind sie?“
Aiden schwieg.
Lucien hingegen lächelte wieder.
„Das“, sagte er ruhig, „ist eine Geschichte, die du leider sehr bald hören wirst.“
Dann verschwamm die Dunkelheit.
Und Alea wusste nicht, ob sie gerade wirklich gesehen hatte, wie Lucien verschwand –
oder ob ihr Verstand endgültig versagte.








