Prolog
Vor fünfzehn Jahren
Die Sonne kitzelt auf meiner Nase, während ich im warmen Sand sitze und versuche, meine Füße darunterzugraben. Das Meer ist heute ganz ruhig. Es glitzert in der Sonne, so hell, dass ich die Augen zusammenkneifen muss. Ich liebe das Meer. Es ist immer da. Jeden Tag. Genau wie unser Haus, die großen weißen Mauern und der Garten dahinter.
„Du bist schon wieder zu langsam!", ruft Leano.
Ich drehe mich um. Mein großer Bruder steht ein paar Meter entfernt und grinst mich an. In seinen Händen hält er meinen Strohhut, den er mir gerade weggenommen hat.
„Gib ihn zurück!"
„Hol ihn dir."
Ich springe auf und renne ihm hinterher. Meine nackten Füße sinken tief in den Sand, während Leano lacht und immer wieder schneller wird. Er ist vierzehn und natürlich viel schneller als ich. Trotzdem lässt er mich beinahe jedes Mal gewinnen. „Du schummelst!", rufe ich, während ich versuche, ihn einzuholen. „Ich? Niemals", antwortet er lachend. Ich strecke ihm die Zunge heraus und renne weiter.
Leano ist mein großer Bruder. Für mich ist er der mutigste Mensch auf der Welt. Wenn ich Angst vor Gewitter habe, setzt er sich zu mir. Wenn ich hinfalle, hebt er mich auf. Und wenn Mama schimpft, weil ich etwas angestellt habe, stellt er sich meistens vor mich. Ich glaube, dass er alles kann.
Wir laufen zurück zu unserem Haus, das nur wenige Meter vom Strand entfernt steht. Durch die offenen Fenster dringt Musik nach draußen. Irgendwo in der Küche lacht Mama. Der Geruch von Essen liegt in der warmen Luft, vermischt mit Salz und Meer. Es fühlt sich an wie jeder andere Sommertag. Wie ein Tag, der niemals enden könnte.
Leano klettert über die niedrige Mauer am Rand unseres Grundstücks und hilft mir hinauf. Von hier oben kann ich das Meer sehen. Blau bis zum Horizont. „Wenn ich groß bin, fahre ich mit einem Boot ganz weit raus", sage ich und lasse meine Beine baumeln. „Dann komme ich mit", antwortet Leano. „Du musst aber auf mich aufpassen." Er sieht mich an und grinst. „Das mache ich doch sowieso." Ich lächle und frage: „Immer?" Sein Grinsen verschwindet für einen Moment. Er sieht mich ernst an. „Immer."
Ich glaube ihm.
Natürlich glaube ich ihm.
Dann ertönt der erste Schuss.
Ich zucke zusammen.
Die Vögel im Garten fliegen plötzlich auf. Leano erstarrt neben mir. Ein zweiter Schuss zerreißt die Luft. Dann noch einer. Fensterglas klirrt. Aus dem Haus dringt ein Schrei.
„Leano?"
Er springt von der Mauer und packt meine Hand. „Komm."
„Was ist los?"
„Nicht fragen. Lauf."
Ich stolpere hinter ihm her. Mein Herz schlägt so schnell, dass es weh tut. Hinter uns gehen weitere Schüsse los. Schreie hallen durch das Haus. Dann sehe ich Rauch. Schwarzen Rauch. Er quillt aus einem der Fenster.
„Mama!", rufe ich und reiße an Leanos Hand. „Wir müssen Mama holen!"
Leano bleibt nicht stehen. „Leano! Mama ist da!"
„Ich weiß."
Seine Stimme klingt plötzlich ganz anders.
Ängstlich.
Das macht mir mehr Angst als die Schüsse.
Er zieht mich durch den Garten in Richtung hinteres Tor. Ich verstehe nicht, warum wir weggehen. Unser Zuhause ist dort. Mama ist dort. Alles, was ich kenne, ist dort.
Am Tor geht Leano plötzlich vor mir auf die Knie. Sein Gesicht ist voller Ruß. Seine Hände zittern. „Hör mir zu. Du läufst jetzt geradeaus. Du gehst nicht zurück."
„Aber du?"
„Ich komme nach."
„Wann?"
Er schluckt. „Bald."
Ich sehe ihn misstrauisch an. „Versprochen?"
Er legt seine Stirn kurz an meine. „Versprochen. Und egal, was du hörst, du drehst dich nicht um."
Ich will fragen, warum. Doch er schiebt mich durch das Tor.
„Lauf!"
Ich laufe!
Tränen laufen über mein Gesicht. Ich höre meinen Bruder hinter mir nicht mehr. Nur noch Schüsse. Schreie. Das Krachen von Holz. Dann eine Explosion, so laut, dass ich die Hände über meine Ohren presse. Ich will stehen bleiben. Ich will zurück. Doch seine Stimme ist noch in meinem Kopf.
Dreh dich nicht um.
Ich laufe weiter.
Bis ich es nicht mehr aushalte.
Ich drehe mich um.
Unser Haus steht in Flammen.
Das Feuer frisst sich durch die Fenster. Schwarzer Rauch verschluckt den blauen Himmel. Der Ort, an dem ich aufgewachsen bin, sieht plötzlich aus wie ein Albtraum.
„Leano!"
Keine Antwort.
Ich mache einen Schritt zurück. Dann noch einen.
„Leano!"
Fremde Hände greifen nach mir. Ich schreie, trete um mich und versuche mich loszureißen. „Lass mich los! Ich muss zu meiner Familie!"
Jemand hält mich fest.
Ich weine. Ich schreie. Ich rufe nach Mama. Nach Papa. Nach meinem Bruder. Doch niemand antwortet.
Das Letzte, was ich sehe, ist das brennende Haus am Meer.
Dann wird alles schwarz.
Als ich wieder aufwache, ist alles weiß. Weiße Wände. Weiße Decke. Ein leises Piepen neben meinem Bett. Eine fremde Frau sitzt neben mir und beobachtet mich vorsichtig.
„Du bist im Krankenhaus", sagt sie leise.
Ich sehe sie an. „Wo bin ich?"
„Du bist in Sicherheit."
Sicherheit.
Ich weiß nicht, was das bedeutet.
Sie fragt mich nach meinem Namen. Ich weiß es nicht. Sie fragt nach meiner Mutter. Ich weiß es nicht. Nach meinem Vater. Nichts. Nach meinen Geschwistern. Leere.
Ich kenne die Wörter. Ich weiß, was eine Mutter ist. Ich weiß, was ein Vater ist. Ich weiß sogar, was ein Bruder bedeutet. Aber ich kann kein Gesicht damit verbinden. Keine Stimme. Keinen Namen.
Nur Feuer.
Das Meer.
Und diese schreckliche Angst.
Ich schließe die Augen und versuche mich zu erinnern. Doch da ist nichts. Keine Erinnerungen. Keine Familie. Kein Zuhause. Nicht einmal mein eigener Name.
Die Frau nimmt vorsichtig meine Hand und sieht mich mit einem traurigen Lächeln an. „Kannst du mir sagen, wer du bist?"
Ich öffne die Augen.
Sehe sie an.
Und begreife, dass ich nicht einmal diese Frage beantworten kann.
Wer bin ich?








